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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Der Oheim fuhr erschreckt zurück, als ihm Hermann seine Verlobung ankündigte und Zustimmung begehrte. Das geht nun und nimmer an! rief er. Jetzt also verstehe ich den Brief des armen Kindes, worin sie ängstlich bittet, sie um jeden Preis zurück zu nehmen. Hermann bat vergebens um eine Erklärung dieses Versagens. Bin ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert, lieber Oheim? fragte er. Auch Ihre Briefe waren immer so kalt, und die Tante empfing mich, wie einen Fremden. Weßhalb stoßen mich meine Verwandten zurück, da ich so herzlich wünsche, mich ihrem Kreise anzuschließen? Du gehst Deinen Weg, und wir gehen den unsrigen, versetzte der Oheim.

Ich bitte Sie, entziehen Sie mir die Hoffnung auf Cornelien nicht ganz! rief Hermann. Lassen Sie mich um sie dienen, prüfen Sie mich, lernen Sie mich kennen! Diese Bitte dürften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen.

Wir wollen vermeiden, uns zu erhitzen, sagte der Oheim. Cornelie ist mir von einem alten Freunde, dessen Fleiße ich einen großen Theil meines Vermögens zu danken habe, hinterlassen, sie ist meine Mündel, meine Pflegetochter, ich habe die Pflicht, für ihr Bestes zu sorgen. Ist sie volljährig, so mag sie nach Gefallen über sich entscheiden.

Volljährig! sagte Hermann mit einigem Eifer. Sie ist jetzt gerade Sechszehn geworden.

Oder seid Ihr einig, fuhr der Oheim kaltblütig fort, so thut, was Euch die Gesetze erlauben. Es ist vernünftig, daß man das Glück junger Leute nicht einzig von dem Ja oder Nein der Väter und Vormünder abhängig gemacht hat, denn auch die Alten können sich irren. Klagt also gegen mich, gebt der Behörde Eure Gründe an, ich werde die meinigen beibringen, wir wollen es auf den Spruch des Richters ankommen lassen, und Du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken, daß meine Einwilligung ergänzt worden ist.

Hermann verwarf mit Entrüstung diesen Vorschlag. Niemals, rief er, werde ich ein Mädchen, welches ich liebe, in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit versetzen! Cornelie weiß, was sie Ihnen schuldig ist, und ich bin der Sohn Ihres Bruders. Können wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflösen, so wollen wir lieber unglücklich sein.

Das ist die Jugend, sagte der Oheim. Ein wahres Trübsal, das viele Menschen meinen, das Leben lasse sich auf Empfindungen, Zartsinn und Gefälligkeiten erbauen, denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel gerade die gemeinsten Folgen. Man muß mit Verstand zu rechnen wissen, und von sich und Andern nie eine andere Maxime erwarten, als die, daß erlaubt sei, was nicht verboten wurde. Dann legt man sich zu seinem Geschicke einen tüchtigen Grundstein, und das Schöne und Gute findet sich wohl obendrein hinzu. In entgegengesetzter Richtung handeln, heißt an Blüthenzweige Centnergewichte hängen. Du siehst, ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden, wenigstens war dieses, wie mich dünkt, ein passendes Gleichniß.

Hermann war an das Fenster getreten, um seine Aufregung zu verbergen. Der Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische, dann ging er zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmüthigen Tone, der diesem Manne trotz seiner Kälte eigen sein konnte: Du dauerst mich, armer Narr. Aber sieh; über gewisse Dinge, Verhältnisse und Conjuncturen habe ich nun einmal meine ganz bestimmte Meinung, von der ich nicht ablassen kann, da meine sechszig Jahre sie mir immer bestätigten. So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse, so wenig ich Cornelien an einen Seefahrer verheirathen würde, so wenig bekommst Du sie mit meinem Willen. Die Sünden der Väter sind eine Last für die unschuldigen Kinder; es ist schlimm, aber wer kann es ändern?

Entdecken Sie mir denn, was Sie von mir, von meinen Eltern wissen! rief Hermann. Was für Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her? Was bedeuten die Thränen meiner Mutter? die Seufzer meines Vaters? Was sollen die Bilder, Inschriften und Erinnerungsdenkmale, die mich in den Zimmern des Herzogs wie gefährliche Zauberzeichen anstarrten? Reden Sie, ich will Alles erfahren.

Frage Deine Brieftasche, versetzte der Oheim. Den Willen meines Bruders habe ich vollstreckt, etwas Weiteres fordere nicht von mir. Den Inhalt fremder Geheimbücher verräth kein rechtlicher Kaufmann.

Er brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand, und fragte Hermann, wann das Fest vorbei sein werde, da er gleich nachher den Herzog zu sprechen wünsche, indem seine Zeit gemessen sei. Jener sagte ihm darauf das Nöthige, und eröffnete ihm, daß er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe, ihn ebenfalls einzuladen. Er beschwor ihn, dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu begegnen. Wüßten Sie, rief er, was für Menschen diese, die Sie angreifen wollen, trotz aller ihrer Schwächen und Vorurtheile sind. Sie würden in Ihrem grausamen Beginnen wankend werden.

Grausam! versetzte der Oheim einigermaßen empfindlich. Du gehst mit den Worten nicht eben genau um. Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen, und einen billigen. Wir wollen mit einander theilen; sie bleiben dann noch immer reich genug. Ich erzeige ihnen die Ehre, selbst zu kommen, da sie meinen Sachwalter verführt haben. Wie kann man nachgebender, gefälliger sein?

So viel ich von diesem Handel weiß, sagte Hermann, ist er der ungereimteste, der sich denken läßt. Sie, der Bürgerliche, werfen dem Edelmann den Flecken seiner Abstammung vor, und wollen aus diesem Grunde Sie, ihn von Haus und Hof treiben. Ein solcher Erwerb, den nur der Widersinn mir zuwerfen könnte, würde mir Grauen verursachen.

Gieb mir die schönen Güter, das Andere will ich tragen, erwiederte der Oheim. Habe ich die Rechte gemacht? Bin ich Schuld an den Verwicklungen der Zeit? Glaubst Du, daß ich mich wie ein Geier auf die Beute stürze? Kommt es zum Prozeß, und verliere ich ihn, so werde ich an dem Tage, wo ich es erfahre, nicht um ein Haarbreit unzufriedner sein, denn ich weiß recht wohl, daß mit den Reichthümern auch die Sorgen wachsen, und daß man nur bis auf einen gewissen Punkt besitzt. Darüber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen. Aber eine günstige Gelegenheit von der Hand schlagen, zu einem Glücke, welches uns gleichsam zugeworfen wird, sagen: Geh, ich mag Dich nicht, das würde ich weder vor mir, noch vor meiner Familie, noch vor den vielen Menschen, die von mir leben, verantworten können. Auch ist es endlich einmal Zeit, daß eine bessere Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet Einem, wenn man sieht, wie sie mit dem Ihrigen wirthschaften. So erfuhr ich im Vorüberfahren, daß der Herzog einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde, aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen läßt. Weil sie nie etwas zu erringen brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.

Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein Ende. Du weißt es nicht, denn Du bist noch zu jung, wie uns Andere dieses bevorzugte Geschlecht drückte, peinigte, verdrängte, wie es sein Gift in das Innerste unsrer Häuser spritzte! Ja, mir kann groß zu Muthe werden, wenn ich an Manches, was vorgefallen ist, mich erinnre, und nun bedenke, daß ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um . . .

Seine Augen blitzten, die hagere Gestalt wurde länger, seine Gebärde hatte etwas Erhabenes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht, und fuhr in gleichgültigem Tone fort: Es ist noch nicht so gar lange her, daß wir nur mit dem Beisatze: Bürgercanaille, genannt wurden, wenn gleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtniß für unsere Kränkungen, und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen, wie die Sündfluth, oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, daß man an tausend Ecken und Orten mittelbarer oder auch unmittelbarer Weise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnädigen Oehme und Basen, zurückzuführen. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben, die alten Feudalthürme und Burgverließe zu sprengen.

Vergessen Sie nur nicht, sagte Hermann, daß man, wenn man die Hand an dergleichen altes Gemäuer legt, leicht Vipern und Nattern mit aufstört, oder giftige Schwaden entbinden hilft, die Einem gefährlich, ja tödtlich werden können.

Das ist mir zu hoch, und ich verstehe es nicht, erwiederte der Oheim. Wir haben aber die Nacht zum Tage gemacht, laß uns wenigstens noch etwas schlafen. Ich möchte sonst morgen bei Eurer Lustbarkeit, die mir ohnehin Langeweile genug machen wird, die Augen nicht offenhalten können.

*

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