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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Während dessen hatte sich unten im Gasthofe ein großer Lärmen erhoben. Der Wirth hinkte, denn er war lahm, im Hausflur und in der anstoßenden Stube umher, die Wirthin rang die Hände, vier bis fünf Neugierige standen vor dem Ehebett des Paars; Alles schwatzte durcheinander.

Der Grund dieses Aufruhrs war die Kammerjungfer der Herzogin. Diese litt an der Epilepsie und war eben von ihrem Uebel befallen worden, als sie in der Küche das Brenneisen wärmen wollte, um die Gebieterin zu frisiren. Der Wirth sollte einen Friseur schaffen und konnte es nicht. Von solchem Gewerbe hatte das kleine elende Landstädtchen nie gehört; das Haarabschneiden wurde dort in den Familien besorgt.

Die Person zuckte auf dem Bett, die Umstehenden gaben Mittel an, ihr zu helfen, Jeder ein anderes. Die Wirthin rief der Kranken zu, wenn es ihr möglich sei, das frisch überzogene Bett mit ihren heftigen Bewegungen zu verschonen; worauf die Arme natürlich keine Rücksicht nahm. Der Wirth betheuerte unter allerhand Flüchen, daß der Stadt Niemand nöthiger thue, als ein Friseur, wie er stets gesagt habe.

In dieses Getöse trat Hermann. Das Flattern und Mausern der Tauben über ihm, der Dunst und Geruch der Felle unter ihm, seine Unruhe und Rathlosigkeit hatten ihn aus der abscheulichen Nummer zwölf ins Freie getrieben. Von einem gelassenen Karrentreiber, der mit seinem Hundegespann, um besser hören zu können, bis vor die Thür des Zimmers gefahren war, in welchem die Kranke stöhnte, vernahm er die Geschichte. Er ließ sich den Namen des eingekehrten Herzogs sagen und erschrak, diesmal aber freudig, als der Karrentreiber ihn aussprach. Er schloß aus der für ihn unerwarteten Neuigkeit auf die Nähe seines Dämons. Schnell kam ihm ein närrischer Einfall. Er wußte, daß, um zwei Verlegenheiten zu entgehen, es nichts Besseres gebe, als sich in eine dritte zu begeben. In die Küche eilend, nahm er dort Kohlen und Brenneisen, war blitzschnell die Treppe hinauf, ließ sich durch den Bedienten als den Mann melden, der die Herzogin frisiren solle, und stand bald darauf im Zimmer der Fürstin.

Die Dame saß im Lehnstuhl, das Gesicht von dem Haarkünstler aus dem Stegreife abgewendet, und las. Sie mochte an diesem Orte für ihr Haupt nichts Besonderes hoffen und sagte, vom Buche aufsehend, doch ohne sich umzukehren: Nur ganz schlicht! – Hermann blickte nach der Toilette, da war Alles, was er brauchte. Er stellte sich hinter den Stuhl, und da ihm wirklich einige Reminiscenzen des Handwerks beiwohnten, so ging die Sache ganz erträglich von Statten. Er prüfte mit Sorgfalt das Eisen, verfuhr behutsam, und so kam denn nach und nach etwas zu Stande, was wenigstens für die Skizze einer Frisur gelten durfte.

Freilich dauerte das Geschäft ziemlich lange. Die Herzogin, welche die Geduld selbst zu sein schien, brachte die Augen nicht von ihrem Buche. Als er dem Ende seines Werks nahte, meinte er, daß nun der Augenblick gekommen sei, den er erharrt hatte, und sagte: Gnädigste Herzogin, der Geringste hat Rechte, die auch der Vornehmste nicht kränken darf. So ist es ein altes Privilegium meiner Zunft, daß diejenigen, welche ihr Haupt uns anvertrauen, sich auch unserem armen und seichten Geschwätze hingeben müssen. Keiner ist davon befreit; selbst der König muß den Friseur plaudern lassen. Untersagt er ihm das, so bin ich überzeugt, daß der Mann das Elend der Verbannung einem stummen Herrendienste vorziehen würde. Ew. Durchlaucht haben gelesen; das hat mich tief verletzt. Ich überlasse ihrer Gerechtigkeit, zu entscheiden, ob sie mir nicht werden erlauben müssen, einige Worte zu Ihnen zu reden?

Die Herzogin legte, erstaunt über diese Apostrophe, das Buch zusammen. Da Hermann schwieg, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln: Nun?

Ich habe etwas zu erzählen, fuhr Hermann fort, was freilich verdiente, ernsthafter eingeleitet zu werden. Ein Schauspieler will seine Tochter um ein Stück Geld der Erniedrigung, dem Elende Preis geben. Verzeihung, daß ich so unsaubere Dinge in Ew. Durchlaucht reiner Nähe ausspreche. Wer jenen Stand kennt, wer es weiß, wie seine Lügenkunst das Gemüth bis in die innersten Fasern verfälscht, der wird sich über dergleichen Schändlichkeiten kaum wundern. Ein solcher Mensch hat vielleicht Jahre lang den Marinelli gespielt, und wie er den Charakter auf den Brettern behandelte, gedankenlos, so gedankenlos überträgt er die Rolle auch wohl einmal in das Leben. – Ein sonderbarer Zug des Vertrauens führt das Mädchen zu mir, die Verzweiflung beschwört mich um Schutz vor der Entehrung. Ich bin sonst der Meinung, daß man sich vor allen raschen Verpflichtungen zu hüten habe. Oft wird ja durch ein fürwitziges Helfenwollen das Wirrsal nur noch größer. Hier aber überwältigte mich der Anblick der Noth, ich versprach mich und alle meine Kräfte dem Mädchen. Aber wie soll ich für mein Wort einstehen, ohne Einfluß, ohne Verbindung in der Gegend, ich, ein junger Mann, der an und für sich der Welt in solcher Sache als ein zweideutiger Vormund erscheint. Da höre ich, daß Ew. Durchlaucht hier angekommen seien. Augenblicklich war meine Sorge gehoben. Ich wußte, daß ich einer solchen Fürstin den bösen Vorsatz eines ehrvergessenen Vaters, die Trübsal der Tochter nur schmucklos zu melden brauchte, um Rath zu schaffen. Dieses habe ich denn hiermit gethan und nun meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen.

Mit so entschiedenen Farben hatte unser Abenteurer diese Angelegenheit darzustellen sich gedrungen gefühlt. Die Herzogin hörte mehr auf den Ton seiner Rede, als auf den Inhalt. Der reine Dialekt, die gebildeten Wendungen hatten sie ganz verwirrt gemacht. Sie wußte nicht, was sie von dem Menschen denken sollte.

Hermann nahm ihr mit einer anständigen Verbeugung den Staubmantel ab. Ihr erster Blick war in den Spiegel. Sie sah sich wenigstens nicht verunstaltet. Ihr zweiter fiel auf Hermann. Wie erschreckt senkte sie die Wimpern, und eine Marmorblässe überzog die zarten, ohnehin nur leicht gefärbten Wangen. Noch einmal schickt sie zweifelnd und forschend ihren Blick aus, als wolle sie die Widerlegung eines Irrthums erspähen. Aber unwillkürlich flüsterte sie: Mein Gott, welche Aehnlichkeit!

Die Thür öffnete sich, und ein großer, ernster Mann im schlichten Ueberrock trat ein. Es war der Herzog. Ist der Noth abgeholfen? fragte er lächelnd. Dann, näher tretend, musterte er Hermann auch nicht ohne ein gewisses Erstaunen, doch schien die Befremdung weniger durch das Antlitz, als durch den Anzug Hermanns veranlaßt zu sein, der im modischen Kleide, den Staubmantel der Herzogin auf dem Arme und die Friseurwerkzeuge in den Händen, dastand.

Ich bin von Jemand bedient worden, den man wohl schwerlich zu diesem Gewerbe erzogen hat, sagte die Herzogin.

Der Rock sieht freilich nicht nach Kamm und Scheere aus, sagte der Herzog. Wie heißen Sie?

Hermann nannte sich. Ist es möglich? rief der Herzog. Sie sind der Sohn des Senators in Bremen? des vertrautesten Freundes meines seligen Vaters?

Derselbe.

Der Herzog konnte sich über dieses Zusammentreffen nicht zufrieden geben. So unerwartet muß ich den Sohn des würdigen Mannes hier finden, von dem mein Vater nie ohne Rührung redete! Aber sagen Sie mir, wie kommen Sie darauf, sich bei uns in dieser wunderbaren Weise einzuführen?

Mau muß überall aushelfen, wo es fehlt, versetzte Hermann. Unserer Fürstin gebrach ein Mann der Pomade, ich konnte allenfalls so ein Subjekt nothdürftig vorstellen, wie hätte ich anstehen sollen, mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu dienen?

Der Herzog fragte ihn lachend, wo er denn diese Geschicklichkeit erworben habe? Hermann versetzte, das dürfe er nicht verrathen, das sei ein Handwerksgeheimniß.

Die Herzogin hatte an diesem Gespräche nicht Theil genommen, sondern nur von Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet. Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr, worauf sie nickte und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing. Als er die Treppe hinab ging, sagte er für sich: Das hätte ich nicht gedacht, als ich im Feldzuge bei dem alten Perückenmacher im Quartier lag, und seine Tochter Lotte mich zu ihrem Werther machen wollte, und ich ihr aus Langeweile die Locken und die Touren fertigen half, daß mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten Leuten helfen würden. In unsrer Zeit muß man sich auf Alles schicken, denn man kann Alles gebrauchen. Die Lotte und der alte Perückenmacher sollen leben!

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