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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eilftes Kapitel.

Als daher der verschollene Sohn auserzählt hatte, der Wein getrunken und Mitternacht herangekommen war, fragte er, um einzulenken: Warum haben Sie Ihren Eltern nicht früher Nachricht von sich gegeben?

Ich schrieb ihnen aus Polen; der Brief muß nicht angekommen sein, versetzte der Fremde mit einer wilden Gleichgültigkeit. Stoßen Sie mit mir in diesem Reste an! Es lebe der Krieg, es lebe das Vagabundiren!

Das ist ein schlechter Toast, versetzte Hermann. Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort reden. Wie lange wollen Sie in der Irre umherschweifen? Eltern, Geschwister, Freunde, Familie werden Ihnen wiedergegeben, darf ich Sie den Ihrigen ankündigen?

Das wäre Schade um die schöne Bibliothek, die der gute Vater sich dann nicht anschaffen könnte, und um das zarte Liebesbündniß zwischen dem Schulfuchse und der alten Jungfer. Nein, mein Herr, hüten wir uns vor thörichten Streichen. Zehn Jahre Abwesenheit sind in der That wie der Tod; warum soll ein Gespenst die Lebenden erschrecken?

Ich fühle, daß Sie von Manchem, was Sie sahen und hörten, verletzt sein müssen, sagte Hermann. Aber erwägen Sie die Gewalt der Umstände, vertrauen Sie auf die Kraft der Natur. Ihre Angehörigen haben Sie als todt beweint. Wie sollten wir armen Menschen überhaupt fortbestehen können, wenn uns nicht die traurige Fähigkeit gegeben wäre, zu vergessen? Ist aber mit diesem öden Vermögen der Kreis unsres Wesens umschrieben, das Innerste unsrer Seele ausgedrückt? Lassen Sie uns also auch in diesem Falle fröhlich auf die heilige Empfindung bauen, der das Grab seinen Raub wieder giebt, für welche ein Wunder geschieht, nicht ein erzähltes, nein, ein wirkliches.

Das sind Alles nur Redensarten, sagte der Fremde, bedächtig sein Glas ausschlürfend. Die Wunder darf man nicht zu nahe besehen, so ein tausend Jahr weit weg nehmen sie sich trefflich aus. Es giebt Nöthe, mein Herr, welche nicht beten lehren. Vater und Mutter muß man ehren, so lange sie Einem etwas zu essen geben, aber in Nertschinsk helfen sie uns blutwenig.

Kein Schaf spräche so unvernünftig, wenn es das Maul aufthäte, sagte der Hirte leise zu Hermann. Lassen Sie ihn in Gottes Namen laufen, er ist nichts Beßres werth. Dann streckte er sich auf sein Lager, murmelte ein Vaterunser und schlief ein, denn er war müde vom ungewohnten Weine.

Hermann ergriff der Bekehrungseifer, er machte den Fremden auf das Frevelhafte solcher Reden aufmerksam und beschwor ihn, sich seinen letzten Trost nicht zu zerstören. Aber Jener unterbrach ihn ungestüm und rief: Junger Sittenprediger, was haben Sie erfahren, daß Sie mitreden dürfen? O mein Herr, mein Herr, Sie wissen nicht, was einem Menschen auszukosten gegeben werden kann. Ich dachte, als ich befreit war, nun sei das Elend vorbei, ich könne auch wieder glücklich sein, und leben, wie andere Menschen. Aber das Schlimmste sollte ich nicht in Sibirien gelitten haben, hier in der lieben deutschen Heimath mußte ich es erfahren. Sie haben ganz Recht, daß Eltern endlich sich über ein todtgeglaubtes Kind beruhigen, daß eine Geliebte neue Bande sucht, es ist nichts Besonderes und steht zu verzeihen. Aber daß uns Qualen auferlegt werden können, welche uns zu lebenden Schemen machen, und die Kraft zur Empfindung in uns aufzehren, das möchte ich nicht zu verantworten haben, wenn ich das Weltregiment führte.

Und doch brach diese Empfindung sehr lebhaft hervor, als Sie das alte Band, welches Wilhelminen an sie knüpfte, zerrissen sahen; sagte Hermann.

Sie irren, versetzte der Fremde. Wilhelmine ist mir ganz gleichgültig geworden, ich wüßte nicht, wie ich mich noch überwinden könnte, ihr einen Kuß zu geben. Sie hat gealtert, und sieht, wie mich dünkt, etwas einfältig aus. So geht mir's auch mit den Eltern. Der pedantische Vater, die schwatzende Mutter – ich empfand wirklich eine Art von Widerwillen, als ich ihre Gestalten erblickte. Sie könnten alle jetzt todt vor mir liegen, ohne daß mir eine Thräne in das Auge träte. Darum ist es nicht gut, nach Rußland zu ziehen und in die Bergwerke zu gerathen. Daß ich aufschrie, als der Schulmensch Wilhelminen umarmte, war keine Eifersucht, nein, es war Schmerz um mich selbst. Ich saß dem Vater, der Mutter, der Braut gegenüber, und fühlte doch keine Neigung, aufzuspringen, ihnen zu Füßen zu fallen. Das hatte lange schon in Kopf und Herz gewühlt, endlich ward mir's zu stark, die Natur machte sich in einem Laute der Pein Luft. Die Erinnerung bleibt dem Menschen; mein Gedächtniß sagte mir, daß ich nicht aus der Erde gewachsen sei, sondern von Wesen meines Gleichen abstamme, diese Vorstellungen lenkten meine Schritte der Heimath zu. Aber als ich die Wirklichkeit vor mir sah, erkannte ich, daß ich nur noch, so zu sagen, in der Theorie Sohn, Bruder, Liebhaber sei. In meines Vaters Haus gehe ich nimmer. In Neapel, Piemont, am Aegaeischen Meere giebt es, wie ich höre, tapfre Arbeit, dort will ich mir Brod suchen, gleichviel auf welcher Seite. Und so sei denn diese Neige dem Gräuel der Verwüstung als Libation dargebracht; ein würdiges Opfer für eine solche Gottheit, die einzige, welche ich anerkenne.

Er stand auf, schnellte den Rest des Weins aus seinem Glase auf die Erde, und warf das Glas zum Fenster hinaus. Hermann trennte sich ohne Abschied von dem verwilderten Menschen, hinter dessen wüsten Worten er dennoch etwas Besseres wahrzunehmen glaubte. Seine Meinung, daß wir uns immer nur innerhalb der uns gezogenen Kreise, im Guten, wie im Bösen bewegen, und daß Alles, was darüber hinauszugehen scheint, eben nur Schein ist, stand zu fest. Nach dieser Meinung wollte er verfahren.

Er tastete sich durch Gebüsche auf engen Wegen in die Stadt zurück, worin eben der Wächter Eins abrief. Das Haus seiner Gastfreunde war verschlossen, und schon meinte er die Nacht auf dem Steinpflaster zubringen zu müssen, als er sich des niedrigen Mäuerchens an den Scheunen erinnerte, über welches die Söhne des Educationsraths so behend entsprungen waren. Ueberzeugt, daß ihm nicht mißglücken werde, was den Knaben gelungen war, suchte er, durch ein Nebengäßchen schreitend, den freien Platz auf, von dem das Mäuerchen den Raum zwischen jenen Wirthschaftsgebäuden abschied. Er sah ein Licht im Hofe, erklimmte die Mauer, und war froh, noch Jemand wach zu finden, der ihm das Haus öffnen könnte.

Das Licht brannte in Corneliens nach hinten hinaus zu ebener Erde belegenen Stübchen. Er blickte hinein, und sah sie mit gerungenen Händen weinend umhergehen. Sie setzte sich zuweilen, und stützte ihr Haupt schmerzlich auf, doch schien es sie nicht an einem Orte zu leiden, immer erhob sie sich wieder und begann von Neuem ihre unruhvolle Wanderung, Hermann pochte an's Fenster und rief leise ihren Namen. Sie erschrak, fragte ängstlich: Wer ist da? und schauderte wie entsetzt zusammen, da er etwas lauter Antwort gab. Vergebens rief er ihr zu, sich doch zu besinnen, er sei es ja, aus Zufall so verspätet, sie möge ihm öffnen. Sie stand bleich, zitternd da, und er mußte jeden Augenblick besorgen, daß sie umsinken werde. Was sollte er thun? die Thür nach dem Hofe war verriegelt, er drückte am Fenster, nur angelehnt, gab es nach, leicht schwang er sich in das Zimmer. Er hatte eben noch Zeit, Cornelien aufzufangen, die ohnmächtig in seine Arme sank.

Er war in der größten Verlegenheit und Sorge. Er hielt den lieblichen jungfräulichen Körper umfaßt. Die Mittel waren ihm nicht unbekannt, welche in solchen Fällen die stockende Natur wieder in Bewegung bringen helfen, aber er trug eine innige Scheu, ihren Leib durch Blick oder Hand zu entweihen. Er begnügte sich, ihre Schläfen mit kaltem Wasser zu netzen, es gelang ihm, sie damit in das Bewußtsein zurückzubringen. Sie schlug die verweinten Augen auf, erröthete, da sie in die seinigen sah, entwand sich ihm, und setzte sich erschöpft zu Füßen ihres Bettes nieder.

Unter dem Vorwande, daß er sie in diesem Zustande unmöglich verlassen könne, blieb er noch eine Zeitlang bei ihr, obgleich sie ihn, sobald sie wieder zur Besinnung gekommen war, dringend gebeten hatte, zu gehen. Er war mit sich uneins, ob er nach der Ursache ihrer Betrübniß fragen solle, unterdrückte endlich seinen Wunsch, und schied von ihr in sonderbarer Bewegung.

Den Rest der Nacht verbrachte er schreibend. Es schien ihm unpassend zu sein, den Familienscenen, welche bevorstanden, als Dritter beizuwohnen, sein Geschäft war vollbracht, wenn er den Eltern den verlornen Sohn angezeigt hatte. In diesem Sinne setzte er einen Brief an den Rector auf, worin er ihm sagte, was wir bereits wissen. Während des Schreibens verschwanden einige Bedenklichkeiten, die er anfangs gehegt hatte, gänzlich. Mit Entzücken malte er sich die Freude der Eltern, die Umwandlung des Sohnes aus, wenn die rauhe Rinde von dessen Herzen schmelzen werde.

In der Frühe bestellte er Postpferde, und hieß vor dem Thore den Wagen seiner warten. Bei dem Frühstück, welches er gemeinschaftlich mit der Familie einnahm, erkundigte man sich nach seinem nächtlichen Abenteuer. Er gab eine in's Allgemeine ausweichende Antwort. Der Rector sagte zu ihm: Da Sie durch H. kommen, so thun sie mir doch den Gefallen, zum Justizrathe zu gehen, und ihn zu bitten, daß er einen andern Termin zur Ableistung des Eides wegen meines Sohnes ansetze; ich habe am Donnerstage dringende Abhaltung.

Hermann stand auf, und nahm Abschied von seinen Wirthen. Die Knaben, welche ihn liebgewonnen hatten, hingen sich an ihn, herzten und küßten ihn. Der Mensch denkt, Gott lenkt, sagte er feierlich. Wie? fragte der Rector erstaunt. Oben auf meinem Zimmer liegt ein Schreiben an Sie, erwiederte Hermann. Wichtige Eröffnungen sind darin, es ist ein Schicksal gewesen, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Lesen Sie es, wenn ich Ihr Haus verlassen habe, und gedenken Sie meiner im Besten. Gottlob! rief die Rectorin. So ist Alles gekommen, wie ich gewünscht und gewollt habe. Ich werde Ihre Fürsprecherin bei den Eltern sein, setzte sie mit freundlichem Händedrucke hinzu. Welche seltsamen Mißverständnisse! sagte Hermann und war zur Thür hinaus.

Cornelie hatte an dem Frühstücke nicht Theil genommen. Er konnte unmöglich gehen, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Er suchte sie auf ihrem Zimmer, in den Gängen des Hauses, endlich glaubte er ihre Stimme vom Gartenhäuschen her zu vernehmen. Dorthin eilte er. Wieder war sie, wie damals, als er bei seiner Ankunft sie hier fand, beschäftigt. Sie kniete vor Blumentöpfen. Aber dießmal säete und pflanzte sie nicht; sie nahm einen verwelkten Stock aus dem Topfe.

Er trat bescheiden vor sie hin, und sagte: Ich gehe, Cornelie. Sie verfärbte sich und antwortete nichts. Ich weiß, fuhr er fort, daß ich Ihnen zuwider gewesen bin, lassen Sie es nun gut sein, da ich mich entferne; geben Sie mir ein freundliches Wort mit. Und wollen Sie mich in dieser letzten Stunde recht glücklich machen, so vertrauen Sie mir, warum Sie in der vorigen Nacht geweint haben. Ich wüßte Niemand, dem ich lieber helfen möchte als Sie.

Sie stand, die Augen niedergeschlagen, und versetzte: Es ist nicht Recht von Ihnen, daß Sie thun, als hätte ich etwas gegen Sie. Sie haben wohl gesehen, wie herzlich ich mich freute, als Sie so unerwartet hier ankamen. Aber als Sie sich den falschen Namen gaben, und auch mich zwangen, zu lügen, da bin ich so traurig geworden, wie ich noch nie war. Ich hatte nirgends Ruhe, konnte Niemand ansehen. Und darum war ich auch in dieser Nacht so betrübt. Ich hatte mich schon schlafen gelegt, als ich vor Angst wieder aufstehen und mich ausweinen mußte. Nun wissen Sie es, sein Sie mir deßhalb nicht böse.

Sie erhob ihr Gesicht gegen ihn, und reichte ihm die Hand. Er sah in das gute unschuldige Auge; das heilige Leidwesen einer reinen Natur, die zum erstenmale von dem Gedanken, daß es ein Böses gebe, berührt worden ist, blickte aus diesen bewölkten Spiegeln. Ein zärtlicher Schmerz durchdrang ihn, mit einer Art von Ehrfurcht neigte er sich zu ihr, und sagte: Ich will mich nie wieder verstellen, Cornelie.

Nun hätte er wohl scheiden sollen, aber er blieb. Ein unbezwingliches Gefühl trieb ihn gegen seinen Willen. Er hatte sich vorgesetzt, schweigend zu gehen, und schon war die scheue Frage über seine Lippen: Liebst Du mich, Cornelie?

Sie antwortete nicht; sie fiel an sein Herz. In diesem Augenblicke rief einer der Knaben im Garten: Cornelie, wo bist Du? Bruder Eduard ist wieder da!

Sie fuhr empor und flüsterte ängstlich: Was haben wir gethan? Er durfte nicht eine Secunde länger verweilen.

Leidenschaftlich ihren Mund küssend, der nun eher den seinigen vermied, rief er: Du hast mein Wort! Ich verlobe mich Dir und werde bei Deinen Pflege-Eltern um Dich anhalten. Er schwang sich über das Mäuerchen. Sie schickte ihm den schmerzlichsten Blick nach, dann wankte sie dem Knaben entgegen, der ihr Wunderdinge erzählte. Sie aber hörte von Allem nichts, was er ihr sagte.

*

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