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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

In jedem Hause, besonders in bürgerlichen, wo ein enges Zusammensein manche Reibung erzeugt, sammelt sich von Zeit zu Zeit allerhand Gährstoff, der denn zu Ausbrüchen des Verdrusses zwischen den Ehegatten oder den Eltern und Kindern nothwendigerweise führen muß. Dann wird wieder Friede geschlossen, den alle Theile für einen ewigen halten, obgleich die Verhältnisse bleiben, wie sie sind.

Am besten ist es, wenn jener Gährstoff, durch eine Berührung von außen entzündet, sich nach außen entladen kann. Auch unter dem Dache des Rectors hatten verschiedne Meinungen über Häusliches, Kindererziehung und dergleichen ein gewisses Mißbehagen hervorgebracht, welches freilich dem Fremden nicht gleich sichtbar ward. Dazu kam die Angelegenheit mit der Todeserklärung des verschollnen Sohnes und das Verhältniß Wilhelminens zum Conrector, welches Mann und Frau nicht mit denselben Augen ansah. Letztre, wie alle Frauen, Anhängerin der Natur, wollte die Verbindung, Ersterer, sein System über jede menschliche Beziehung setzend, gönnte dem mittelalterlichen Jünglinge nichts, am wenigsten ein Frauenzimmer, woran er selbst einen fast väterlichen Antheil nahm.

Nun waren durch den feuerspeienden Berg und den Zwist der beiden Familienhäupter alle verborgnen Fermente entbunden und aufgezehrt worden. Es bedurfte der Unterhandlungen, welche die Rectorin in Hermanns Hand hatte legen wollen, nicht einmal, um die Versöhnung herbeizuführen. Am frühen Morgen war nach vorausgesandtem herzlichen Schreiben der Educationsrath zum Rector gekommen, und hatte aufrichtig um Verzeihung gebeten, die ihm denn auch mit einem lateinischen Verse gewährt worden war. Der Rector fühlte sich hierauf hergestellt, und hielt wohlgemuth seine griechische Stunde ab, so daß unser Freund vor den Schülern nicht zu Schanden zu werden brauchte. Eine große Heiterkeit verbreitete sich über das Haus, man erwies einander kleine Aufmerksamkeiten, verhielt sich über die streitigen Punkte schonender, und nur die Kinder wurden, wie zuweilen die Völker, die Opfer dieses Friedensschlusses; man nahm sie nämlich von beiden Seiten unter die geschärfteste Aufsicht, um die Gelegenheit zu neuem Hader zu vermeiden.

Hermann waren von der Rectorin, die gern in allen Stücken Fristen festsetzte, drei Tage des Verweilens zugestanden worden. Er war viel außer dem Hause, hatte Bekanntschaft mit dem Conrector gemacht, welcher wieder von seinem Verdachte zurückgekommen war, ließ sich alte Sagen erzählen, und suchte sich auf alle Weise zu zerstreuen. Die Eröffnungen seiner Wirthin hatten ihn in eine gespannte, peinlich-süße Lage versetzt. Der unvermuthete Anblick einer weiblichen Neigung hat, wir dürfen uns des Ausdrucks bedienen, etwas Erschreckendes. Die Natur, welche verlangt, daß des Mannes Gefühl, ausgesprochen, erst jene Blüthe hervorrufen soll, kehrt sich in einem solchen Falle um, aber, anstatt den Gräuel zu enthüllen, deckt sie das verborgne Schöne auf. Was Wunder, wenn dann die Sinne des Anschauenden in Wonne und Graus durch einander schwanken.

Hermann fragte sich hundertmal des Tages über sein Herz aus; es wollte ihm keine Antwort geben. Was vorher so nahe gelegen hatte, schien nun durch Entdeckungen, die es noch näher bringen sollten, weit, weithin entrückt zu sein. Er fühlte ein Bedürfniß, beständig um Cornelien zu sein, und wenn er sie sah, so wich er ihr doch lieber aus. Seine Unruhe ward durch die ihrige noch vermehrt, sie war, wenn sie mit ihm zusammen sein mußte, augenscheinlich verlegen, ja traurig. Die Rectorin schien sich um beide nicht zu bekümmern.

Ein geringfügiger Umstand entschied endlich seine Empfindung. Auf einer Commode sah er Schreibbücher liegen, auf denen Corneliens Name stand. Er öffnete eins; in scharfen und doch unsichern Zügen waren allerhand Sprüche und Vorschriften copirt, am häufigsten der Satz: Wer zu rasch nach dem Ziele läuft, bricht unterwegs den Fuß. Draußen hörte er ein Geräusch, und sah, durch's Fenster blickend, die Knaben des Rectors mit Cornelien im Garten Haschen spielen. Eine Kälte, die ihm wohlthat, breitete sich durch seine Brust. Sie ist noch ein Kind, sagte er für sich. Mein Verhältniß zu ihr wäre gemacht, unnatürlich, erzwungen. Das Beste wird sein, zu schweigen und zu reisen.

Er war ein paar Straßen auf- und abgegangen, um seinen Vorsatz recht reif zu denken, als ihm zunächst dem Thore der Hirt begegnete. Bester Herr, rief dieser, wie gut, daß ich Sie treffe! Wenn es Ihnen nichts verschlägt, so kommen Sie auf ein Stündchen hinaus. Ich glaube, Sie könnten da durch Zureden etwas Gutes stiften.

Was ist, Alter? fragte Hermann.

Lieber Gott, der Fremde mit dem großen Hute, den Sie bei mir gesehen haben, und der seinen Namen durchaus nicht nennen will, macht mir viel Noth. Seine wenigen Groschen sind aufgezehrt, nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen, aber er will fort, und wenn ich ihn frage, wohin? so zuckt er die Achseln und macht so sonderbare Gebärden, daß mir angst und bange wird.

Habt Ihr keine Vermuthung, wer er ist?

Ach, sagte der Hirte, Vermuthung genug, im Grunde weiß ich es wohl schon. Ich habe ein Historienbuch, das lese ich des Winters richtig durch, darin steht ein großer Vogel abgemalt, der steckt seinen Kopf weg, und meint, dann sehe ihn Niemand. So ist's mit dem Unglücke, es meint, wenn es nur den Kopf verberge, werde es für Jedermann unsichtbar. Aber im Gegentheil, dann merkt man erst, wie Hase läuft.

Ihr hättet ihn sollen vermögen, zum Rector zu gehen; sagte Hermann.

Habe ich es denn nicht vom Morgen bis zum Abend versucht? rief der Hirt. Aber dann fährt er mich an und brummt: was er bei dem Rector solle? und hinterher stürzen ihm die Thränen aus den Augen. Ich sage es ja immer, das Vieh ist vernünftiger als die Menschen, da schreit doch jedes Zicklein, wenn es sich verloren hat, nach seiner Alten, und läuft zu ihr, wenn es sie wieder erblickt.

Was wolltet ihr denn jetzt hier in der Stadt? fragte Hermann.

Den alten Leuten die Sache ansagen, erwiederte der Hirte. Aber unterwegs fiel mir ein, ich könne mich doch irren und nur unnütze Freude verursachen, oder wenn es auch richtig sei, so brächte ich es doch vielleicht nicht auf die rechte Art an, und kurz, es ist mir lieb, daß ich Sie gefunden habe; Sie werden wohl eher hierin Bescheid wissen.

Hermann war gern bereit, mit dem Hirten nach seiner Hütte zu gehen. Vor dem Thore kam der Conrector auf seinem gewöhnlichen Abendspaziergange daher geschritten; leider durfte Hermann seine Begleitung nicht ablehnen, um kein Aufsehn zu erregen. Er dachte noch darüber nach, wie er sich von ihm wieder losmachen solle, als sie schon vor dem Hirtenhause anlangten.

Der Fremde saß auf der Bank unter den Birken, wieder, wie früher, den breitkrempigen Hut tief in das Gesicht gedrückt. Als er Menschen kommen sah, wollte er aufstehen, und sich in die Hütte begeben. Bleiben Sie, sagte der Conrector, wir müssen sonst auch vorübergehen, und wir wollten uns gern hier ein wenig ausruhen.

Meine Nähe kann Niemand erfreulich sein, erwiederte der Fremde.

Sie sollten uns etwas von Ihren Abenteuern erzählen, sagte der Schulmann. Was hat Sie so lange in Spanien zurückgehalten? Warum kehrten Sie nicht gleich nach den Friedensschlüssen heim? Es muß eine wunderbare Empfindung für Sie sein, das Land, welches Sie unter dem Faustdrucke des Despotismus betäubt verließen, nun verjüngt, im fröhlichen Regen aller Kräfte wiederzusehen.

Mein Herr, versetzte der Fremde, ich weiß von dieser wunderbaren Empfindung, wie Sie sich ausdrücken, wenig zu sagen. Ich hörte überall nur, wo ich einkehrte, wie ehedem, über die schlechten Zeiten klagen.

Das ist der Widerhall von dem Liede der Demagogen, antwortete der Conrector kaltblütig, indem er sich mit Behaglichkeit zurecht setzte und seine Pfeife anzündete, denn er rauchte, wie der Rector, außer den Schulstunden fast beständig. – Wir sind Deutsche worden, treu, fromm, guter Art, in aller löblichen Kunst und Wissenschaft fleißig. Welch ein Abstand zwischen Sonst und Jetzt! Es giebt wirklich Erscheinungen in der Menschenwelt, die Einem das, was die Sagas von Zauber und Verblendung melden, ganz glaublich und natürlich darstellen. Wie wäre es ohne einen solchen Zauber gedenkbar, daß ein kleiner unansehnlicher Mensch, dem die Tücke aus dem Auge blickte, von einer altberüchtigten Insel her, die Menschen, Völker, Fürsten auf seine Seite bringen konnte, obgleich ein Jeder wußte, daß er von ihm hintergangen werde.

Hermann erinnerte halblaut den Andern, daß dieses Gespräch dem Fremden schwerlich angenehm sein werde, Jener aber war im Eifer, ließ sich nicht stören und rief: Wer deutsche Luft athmet, muß deutsch Wort vernehmen können. Wer an seinem Vaterlande, dem Eroberer zu Liebe, ein Verräther werden konnte, muß sich jetzt selbst seines Irrthums schämen, blieb noch ein Funken richtigen Gefühls in ihm.

Der Fremde rückte unruhig hin und her und rief: Mein Herr, es ist leicht, hinterher zu richten! Vaterland! Wir sind beide nicht alt genug, um viel von der Zeit zu wissen, die jener Periode vorherging, welche Sie die verblendete zu nennen belieben. Doch scheinen Sie noch jünger zu sein, als ich. Vaterland! Ich erinnre mich, daß man an das Vaterland nur dachte, wenn die Soldaten Gassen laufen mußten, wenn die Accisebeamten am Thore visitirten, oder wenn der Edelmann dem Bürgerlichen vorgezogen wurde. Sicherlich hat man in der Verbannung, im Elende Zeit genug, Jugendträume, die in bittre Wirklichkeit ausgingen, zu beweinen, aber glauben Sie mir, der Zauber, den die Größe ausübt, ist noch nicht der schlimmste! Wir sind die Geschlagnen, die Besiegten! Nun gut, so lasse man uns. Aber man denke nur nicht, daß man selbst so ganz und gar in neuen Häuten lebe. Ich komme aus der Fremde, bin unbekannt mit den jetzigen Verhältnissen, aber ich meine immer, nach einer großen Tyrannei kann nichts Andres, als die Tyrannei der Kleinen oder ein wildes Getreibe befreiter Knechte folgen.

Das spricht ein . . . versetzte der Conrector. Aber freilich sind für manche Menschen die Zeiten schlecht, denn die Landläufer haben keine Hoffnung mehr, Glück zu machen.

Landläufer! rief der Fremde außer sich, sprang auf den Conrector zu, gab ihm einen Faustschlag, daß er zu Boden stürzte, schlug sich dann, als ob er diesen Ausbruch bereue, heftig an die Stirn, und stürzte in die Hütte. Hermann, obgleich erschreckt von dem Vorgefallnen, konnte den Conrector kaum bedauern, überließ ihn dem Hirten, und folgte dem Zornigen. Diesen fand er eifrig beschäftigt, sein Bündelchen zu schnüren, wobei er einmal über das andre ausrief: Ich muß fort, weit, weit, bis ans Ende der Welt!

Das sollen Sie nicht, sagte Hermann. Aber wie konnten Sie sich so vergessen?

Einen Landläufer nannte der harte Vater mich, wenn ich mich über den lateinischen Schriftstellern nicht zu Tode quälen wollte; mit diesem Worte hat er mich endlich hinter die Adler, in die Schlacht, in die Bergwerke gejagt; ich kann es nicht hören, ohne daß es dem, der es ausstößt, übel bekommt.

Es ist mir lieb, daß es jetzt dahin geführt hat, Sie mir zu entdecken, versetzte Hermann. Stehen Sie von Ihrem unglückseligen Entschlusse ab, und kommen Sie mit mir zu den Eltern, denen ein gütiges Geschick Sie erhalten hat.

Der Fremde ergoß sich hierauf in wilden, höhnischen Reden. Hermann ließ aber nicht ab, ihm freundlich zuzusprechen, und brachte es wirklich dahin, daß Jener sich etwas beruhigte. Er machte ihm begreiflich, daß es wenigstens unnütze Plage sei, im Dunkel fortzustürmen, und daß er morgen am hellen Tageslichte ja noch Alles thun könne, was er wolle. Der Hirte kam, nachdem er den Conrector draußen abgefertigt hatte, auch in die Hütte, zündete seine Lampe an und nun gewahrte Hermann erst das Antlitz des Fremden. Es schien völlig blutlos zu sein, der Schädel, nur von Haut bedeckt, sah todtenkopfähnlich aus; dünne, erbleichte, ja ins grünliche spielende Haare umsäumten den Scheitel. Hermann fuhr unwillkührlich zurück, indessen faßte er sich und folgte der Einladung des Hirten, der beide freundlich bat, mit ihm vorlieb zu nehmen. Sie setzten sich um den Tisch, der Hirte trug eine große Schüssel dampfender Kartoffeln auf, holte etwas geräuchertes Fleisch aus dem Schornstein, und da zufällig einige Flaschen Wein von einem neulichen Schmause der beiden Familien bei ihm stehen geblieben waren, so fehlte diesem einfachen Mahle auch das Getränk nicht. Jeder zog sein Messer aus der Tasche, Gabeln waren unnöthig, zwei Gläser ließen sich auftreiben; der Hirt trank aus einem Topfe.

Der Fremde war, nachdem sein Incognito aufgehört hatte, zutraulich geworden, und erzählte den beiden Andern eine wunderbare Gefangenschafts- und Rettungsgeschichte. Im Anfange hatte sie noch Aehnlichkeit mit dem, was viele aus jenem furchtbaren Zuge erdulden mußten, dann aber berichtete er etwas, was, nach unserm Verhältnissen angesehen, fast unglaublich klang. Als der Friede geschlossen worden war, befand er sich schon mit einer großen Menge von Unglücksgenossen auf dem Heimwege. Da traf in einem wüsten Landstädtchen, in entgegengesetzter Richtung ziehend, ein Transport schwerer Verbrecher mit ihnen zusammen. Beide Colonnen machten an dem Orte Rast. In der Nacht entsprang einer der gefährlichsten Verbrecher; der Führer des Transports, besorgt vor der harten Strafe, welche seiner Nachlässigkeit drohte, ergriff ein schändliches Mittel, sich zu retten. Er wußte den unglücklichen Kriegsgefangnen mit List an sich zu locken, an einem abgelegnen Ort sprangen ein Paar Helfershelfer herzu, er wurde geknebelt, in Eisen geschmiedet, und als der Tag graute, befand er sich unter Räubern und Mördern auf dem Wege nach Sibirien. Vergebens war sein Toben, sein Widerstand; Mißhandlungen besiegten diesen. Keine Behörde konnte oder wollte ihn verstehen, die Menschen, welche in den Dörfern und Städten, durch die der Zug ging, am Wege standen, sahen in seinen Gebärden nur den Trotz eines unfügsamen Missethäters; so ging es Werst für Werst weiter, bis das unselige Ziel erreicht war.

Welche Gräuel nun da unten in der Nacht der Bergwerke sich begaben, wollen wir, um die Gemüther unsrer Leser nicht zu ängstigen, verschweigen. Wie es ihm dennoch gelungen, sich zum Lichte wieder emporzuschwingen, darüber glitt der Fremde selbst einigermaßen hinweg. Er sprach von einem Aufseher, den er überwältigt habe. Aber ein Zittern der Stimme, ein unheimliches Zucken der Augenwimpern deutete an, daß eine blutige That dabei vorgefallen sein mochte. Die nun folgende Flucht durch die ungeheuren Wald- und Grassteppen erinnerte an Mazeppas Abenteuer. Mit einer tartarischen Horde, welcher er Dienste leisten konnte, drang er bis an die Grenzen Europas. In Kasan fand er einen alten, durch Liebesgeschick auf dem fremden Boden zurückgehaltnen Kriegsgefährten, der ihn mit Geld, Wäsche und Paß ausstattete.

Der Hirte vergaß bei dieser Erzählung Essen und Trinken, starrte den Fremden mit offnem Munde an und schlug die harten Hände vor Verwundrung einmal über das andre zusammen. Hermann hatte eigentlich einen Widerwillen gegen solche grelle Geschichten, in welchen das Menschliche kaum noch wahrzunehmen ist. Er hörte nur zu, um den Fremden im Fluß zu erhalten, schenkte ihm fleißig ein, und dachte darüber nach, wie er Jenen mit seiner Familie wieder vereinigen solle. Denn dazu glaubte er vom Schicksal offenbar berufen zu sein.

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