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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Die beiden Ehepaare gewährten einen eignen Anblick. Der lange und hagere Rector saß neben der großen Educationsräthin, deren kleiner Ehegatte bei der kurzen Rectorin seinen Platz gefunden hatte. Wenn man die verschiedenen Längen dieser Personen sich mit Linien umzogen dachte, so kam fast die Figur eines lateinischen Z heraus. Das Gespräch war ziemlich einsilbig; der junge Conrector sah sich nach Wilhelminen um, die abwesend war und das Mahl bereiten half, Cornelie, welche Thee einschenkte, wartete ängstlich auf Hermann, der sich noch nicht hatte blicken lassen; dem Rector lag, wie man ihm deutlich ansah, etwas auf dem Herzen.

Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust. Ehe wir Eins in das Andere reden, sagte er zum Educationsrath, erfordert es die Pflicht, Ihnen, werther Freund, eine Entdeckung zu machen. Sie haben oft für gut befunden, meine Warnungen zu verachten, die heutige darf deshalb doch nicht unterbleiben. Ihre Söhne haben in der hiesigen Offizin die gefährlichsten Substanzen angekauft, Dinge, womit sie die Gesundheit, ja das Leben selbst in Schaden setzen können.

Ist mir schon bekannt, versetzte der Educationsrath sehr ruhig. Vitriolsäure, Eisenfeilspäne, Schwefel, Salpeter, nicht wahr? der Naturforscher und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen künstlichen feuerspeienden Berg verfertigen, wozu sie die Anleitung in Wieglebs natürlicher Magie gefunden haben. Man wirft einen Erdhügel auf, setzt den Topf mit dem Gemische hinein, verbindet diesen Heerd durch eine Craterröhre mit der äußeren Luft, verstopft die Mündung; nach einigen Stunden ist die Gährung der Stoffe, die Entwickelung der Gasarten vollendet, der Propfen wird vom Crater hinweggezogen, und es giebt eine feurige Entladung, welche im Kleinen die gewaltige Naturerscheinung recht artig darstellen soll. Ich freue mich selbst auf das Gelingen dieses interessanten Experiments.

Quid? rief der Rector. Ist es möglich? Freund, Sie stehen an einem Abgrunde, und werden, wenn Ihnen das Haus über dem Kopfe angezündet worden, oder Einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt, vergebens beklagen, nicht gehört zu haben.

Die Natur, sagte der Andere, verletzt nur den, der sich scheu vor ihr zurückzieht. Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kräften zähmt sie. Sitzen über den Büchern bildet Feiglinge, und es ist einer der gröbsten Irrthümer, die Alten, welche sich gerade durch ihr inniges Gefühl für die sie umgebende Welt auszeichneten, zu Werkzeugen einer solchen Verzärtelung zu machen.

Hierauf setzte der Rector die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke Prise. Die Abwechselung dieser Genüsse war für die Kundigen immer ein Vorzeichen des herannahenden Sturmes. Die Frauen legten die Strickzeuge weg, wie sie bei solcher Gelegenheit zu thun pflegten, um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe vorzusitzen, Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch verschoben werden.

Der Fremde, den wir von seiner Hauptbeschäftigung den Hindu nennen wollen, trat zur Gesellschaft. Dieser Mann hatte so oft die Schwerfälligkeit deutscher Gelehrten verspotten hören, daß er sich vorsetzte, in seiner Person eine Ausnahme darzustellen. Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der jüngste Modeherr, und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern einzurichten sich bestrebt.

Als der Hindu den mitten in anständiger Gesellschaft im Schlafrock und Pantoffeln dasitzenden Rector wahrnahm, gerieth er außer Fassung und starrte den Verstoß gegen die Sitte einige Secunden lang an, bevor er die herkömmlichen Begrüßungen finden konnte. Doch erholte er sich, streichelte mit leichter zärtlicher Handbewegung die Ordenszeichen, welche seine Knopflöcher zierten, und kam durch diese Berührung wieder zum Gefühle seiner selbst.

Es gelang ihm sofort, einige französische Epigramme vorzubringen, die Niemand in diesem Kreise verstand, und daraus in den leichten Weltton zu fallen, den er so sehr inne zu haben glaubte.

Bald hatte er sich des Gesprächs bemeistert, und da er gehört, daß vornehme Personen nie von wichtigen Dingen, welche sie zunächst berühren, zu reden pflegen, so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Discussionen mit einiger Gewalt fern. Er erzählte dafür lieber ausführlich das Abenteuer vom Verluste seiner goldnen Brille, welches, da diese Brille, wie er sagte, unersetzlich sei, und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesicht zu dulden vermöge, ihn zwinge, vor der Hand unbewaffneten Auges umherzuwandeln, wodurch seiner Kurzsichtigkeit manches Mißverständniß bereitet werde. Von dieser Kurzsichtigkeit, wenn es nicht Zerstreuung gewesen, legte er gleich einen auffallenden Beweis ab, der selbst dem Rector, welcher sich sonst ziemlich mürrisch verhielt, ein Lächeln entlockte. Der Fremde saß nämlich zwischen der Rectorin und Cornelien, und war der Pflichten seines Platzes, wie man merkte, vollkommen eingedenk. Nur begegnete es ihm dabei, daß er die Rectorin für die Tochter und Cornelien für die Mutter ansah, denn er verwandte an jene galante Scherze, und behandelte diese mit achtungsvoller Kälte.

Man wurde ganz fröhlich; die Männer suchten durch allerhand übertriebene Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern, die Frauen theilten einander ihre Bemerkungen über seine Perrücke und über die berühmte Spiegeldose mit, welche er von Zeit zu Zeit hervorzog, um sich verstohlen in Augenschein zu nehmen. Cornelie war gegangen. Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit, die er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte, kurz der Abend schien sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen.

Unglücklicher Weise erwähnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches Unwesen, die mit besondrem Eifer gerade damals wieder aufgenommen worden waren. Söhne angesehener Familien waren plötzlich verhaftet worden; der Argwohn hatte seine Schatten in schon gegründete bürgerliche Verhältnisse geworfen. Man beklagte den unglückseligen Schwindel der Jugend, welcher sie selbstmörderisch treibe, ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jämmerlich zu verderben. Der Rector nahm hievon die Veranlassung zu bemerken, daß das ganze Unheil davon herrühre, daß in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung vernachlässigt zu werden beginne.

Die Beschäftigung mit den Alten, sagte er, drückt in die junge Seele das Bild eines vollkommnen in sich zusammenhängenden Lebens. Ein einziger Vers des Horaz, eine Sentenz des Tacitus wirft über ganze Strecken ein mächtiges Licht. Nennen Sie mir etwas, was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete, als die bloßen Namen: Rom, Athen. Nicht unpassend hat ein großer Dichter und Weiser gesagt, man fühle sich wie in einer Montgolfiere schwebend, sobald man Homer zur Hand nehme.

Die Gleichnisse hinken, versetzte der Educationsrath, man könnte aber auch sagen: sie sind Fackeln, die den Pfad dessen, der auf unrechten Wegen geht, erhellen. Ja leider, leider, haben wir in der Luft geschwebt, seit Jahrhunderten in der Luft geschwebt, und es dürfte nicht schwer sein, nachzuweisen, daß auch die Fehltritte jener unglücklichen Jünglinge nur das Stolpern derer sind, die aus der Wolkenhöhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen. Dieses ganze politische Traumgebäude ist denn doch weiter nichts, als der Nachklang gewisser Schulbegriffe, die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt durch die unruhige Gegenwart an die Oberfläche des wirbelnden Tages geschleudert worden sind.

Die Schulbegriffe, wie Sie sie nennen, gaben dem Leben der ersten Staatsmänner seinen Halt, sagte der Rector. An solchen Schulbegriffen haben der große Chatam und sein großer Sohn sich auferbaut; Cannings Reden sind voll von classischen Citaten.

Weßhalb man auch sagt, daß sie nach dem Schimmel riechen, fiel der Educationsrath ein.

Ueberhaupt meine ich, daß ein ganz andrer Einfluß, als den Sie beide im Auge haben, bevorsteht, hob der Hindu mit einer gewissen graziösen Feierlichkeit an. Ich darf wohl sagen, daß ich das classische Alterthum kenne, ich war der erste, der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte; ich habe es vorausgesagt, daß die reinen Trochäen in diesem Metro auch ganz verworfen werden würden, und ich denke, daß der Vers:

»Wieder zur Ebene rollte der frech sich empörende Steinblock«

ein wenig besser klingt als das:

»Donnergepolter des tückischen Marmors«

über welches wir, sobald es durch Germanien zu poltern begann, gleich unsre herzliche Freude hatten. Nachmals, als ich das Glück hatte, jener Frau anzugehören, die, man kann wohl sagen, eines europäischen Rufes genoß, machte ich sie oft zu lachen, wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise für den Wohllaut unsrer Sprache vorsagte, sie versuchte ihn dann nachzusprechen, kam aber nie damit zu Stande, besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort, worin so zu sagen, der große Philologe, Dichter und Kämpe für Wahrheit und Recht sich völlig incarnirt zeigt, viele Schwierigkeit; sie sprach es immer à la française aus, etwa so: tonnère guepoltère und vergebens war meine ganze Didaskalie. Ich weiß nicht, ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm aus Napoleon kennen, welches ich machte, als Canova seine Statue verfertigte. Dieses Witzwort hatte einer meiner americanischen Freunde gehört, und ließ es in der Baltimorer Zeitung abdrucken, von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam; daher sein Haß auf mich, der mich etwas in den Bemühungen störte, die ich dazumal noch immer dem Tristan zugewendet hatte. Ich habe zuerst auf dieses Gedicht hingewiesen, worin süße Frische, Lüsternheit und Unschuld den Becher mit bezauberndem Getränk füllen, unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine Dritte, weder von Ulrich noch von Heinrich herrührende Fortsetzung, deren Verfasser ich noch nicht habe entziffern können; es ist sehr leicht, bei diesem Gedichte an Ariost zu denken, aber welch ein Abstand!

Er war hierauf im Begriff, das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen, als man ihn erinnerte, daß er von einem Einflusse habe reden wollen, der die Alten verdrängen werde. Er besann sich, und führte nicht ohne Beredsamkeit aus, daß in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die gemeinte Wirkung anzudeuten scheine.

Die Modernen sind einmal Aneigner und Vorarbeiter, sagte er. Seitdem Petrarca sein Gedicht: Africa schrieb und es über die süßen Reime stellte, die ihn unsterblich gemacht haben, ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen. Mich dünkt, es wird Zeit, sich nach einem andern Compendium umzusehen, und welches Füllhorn neuer Begriffe, wunderbarer Anschauungen öffnet uns der Orient! Ich arbeite an einem Werke über die Elephanten und über die Bedeutung dieses Thieres in den Epen vom Ganges. Der Mahabharata, der Ramayana, der Brahma-Purana . . .

Quousque tandem . . . murrte der Rector. Ich kann über diese Dinge nicht gelehrt mitsprechen, weil ich sie nur aus Excerpten und Recensionen kenne. Aber was darin steht, macht mich nach dem Uebrigen nicht lüstern. Monstrum imforme, ingens, cui lumen ademtum! Ich glaube, daß der Inhalt jener Gedichte, alle die Tiger, Affen, Gänse, Gazellen, die ungeheuerlichen Büssungen, welche eintreten, wenn einer ausspuckt, oder sonst etwas Natürliches verrichtet, wo er es nicht soll, weil irgend ein Oelgötz mit Schweinsrüssel im Tulpenkelch sitzend, dies nicht leiden kann, daß, sage ich, alle diese riesenhaften Puerilien der Welt nicht so viel Licht geben, als der letzte der Klassiker in einer schlechten Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat. Uebrigens wird das Alles auch nur dicis causa tractirt, ich weiß es wohl, und im Grunde ist's verkappter Katholicismus, der mit uraltem Bonzen- und Pfaffthume eingeschwärzt werden soll. Aber:

Dumm machen lassen wir uns nicht,
Wir wissen, daß wir's werden sollen!

Diese sonderbare Grille des Rectors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren Debatten, in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhänger der evangelischen Lehre spielte, obgleich er, wenn wir die Wahrheit gestehen sollen, gleich Fallstaff vergessen hatte, wie das Inwendige einer Kirche aussieht. Die ausschweifendsten Dinge wurden in Folge dieses Streites behauptet, der sich denn doch bald wieder auf die Jugend und ihre Führung zurückwandte. Der Conrector war inzwischen eingetreten, und brachte die vierte Stimme zu diesem Haus- und Gesellschaftsconcerte. Die beiden Alten, der Rector und der Educationsrath, wiederholten fast mit denselben Worten ihr Thema; dazwischen wogten Persien und Indien, Nibelungen und Parcival. Es blieb sonach unentschieden, ob das heranwachsende Geschlecht gen Latium oder Delhi geführt werden, ob es an Minne und Ritterkampf sich auferbauen, oder in früher bürgerlicher Handthierung erstarken solle, denn jede Meinung hatte einen kräftigen Verfechter, dem es nicht an triftigen Gründen fehlte.

Plötzlich rief die Educationsräthin mit ihrer Stentorstimme: Was ist das? Es riecht nach Schwefel! Alles schwieg. Der Gestank war nicht zu verkennen, zugleich hörte man ein sonderbares, aus Zischen, Wimmern und Heulen zusammengesetztes Geräusch ganz in der Nähe des Gartenhäuschens. Indem man noch verwundert und erschreckt über dieses Abenteuer sprach, stürzte eine Magd mit dem Rufe herein: Kommen Sie um Gottes Willen! Die Jungen sind alle verbrannt!

Bestürzt folgten ihr die Streitenden, Hermann, die beiden Frauen. Nur der Hindu blieb zurück. Er nahm sich vor, diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu benutzen: denn es mißfiel ihm höchlich hier. Er tappte also durch die Dunkelheit nach seinem Wirthshause. Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rusticität der deutschen Gelehrten ein, die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind.

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