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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Gestärkt durch einen freundlichen Gruß Corneliens, welche ihm frisch wie der Morgen begegnet war, ging er andern Tages, sobald es ihm schicklich dünkte, zum Educationsrath. Sie schien ihm freier zu sein, als gestern.

Bei dem Educationsrathe hatte er bald sein Geschäft in Richtigkeit gebracht. Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen. Er fand sie allerdings geeignet, dem Systeme, wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden sollten, Nachdruck zu verschaffen. Sie war von ungewöhnlicher Größe, starken Gesichtszügen; auf ihrer Oberlippe ließ sich ein leichtes Bärtchen nicht verkennen. Nach Ihrer Erzählung ist das Kind, dessen Sie sich annehmen, mittellos, folglich zum Dienen bestimmt, sagte sie zu Hermann. Ich werde sie daher mit besondrer Strenge zum Kochen, Backen und Spinnen anführen, und wenn sie soweit ist, sich selbst zu helfen, ihr eine Condition verschaffen.

Hermann mußte hierauf mit den beiden Ehegatten einen Gang durch das Gebäude machen, um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen. Das Haus war früher ein städtisches Mehlmagazin gewesen, und konnte noch nicht ganz seine vorige Bestimmung verläugnen. Denn abgesehen davon, daß darin, nach der Klage seiner Führer, eine unermeßliche Anzahl Grillen zurückgeblieben war, wozu sich, wie sie sagten nunmehr leider auch beträchtliche Wanzenschaaren zu gesellen schienen, so waren auch noch nicht sämmtliche Räume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut. Der Educationsrath hatte mit mäßigen Geldkräften anfangen müssen, zu wirthschaften, und so grenzten denn noch weite, wüste Speicher mit Lukenöffnungen an Wohnzellen und Lehrzimmer.

Ueber mehreren Thüren stand mit großen Buchstaben der Spruch:

Nach Freiheit strebe der Mann,
Das Weib nach Sitte!

Ist Ihnen diese Maxime so wichtig? fragte Hermann.

Ganz gewiß, versetzte der Educationsrath, denn in diesen zwei Zeilen ist die Bestimmung der Geschlechter vollständig ausgedrückt, und Alles, was noch sonst darüber gesagt werden mag, ist nur ein Commentar jener Verse. Leider bekomme ich nur meine Zöglinge nicht so unverbildet, wie ich meine eignen Knaben erhalten habe. In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft, was denn erst wieder heraus muß, damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich sehe, wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn führt. Habe ich das erkannt, so ist eigentlich das Hauptgeschäft gethan, und die junge Raupe frißt sich, wenn ich ihr nur die Blätter gebe, worauf ihr Instinct sie angewiesen hat, von selbst zum Schmetterling.

Hermann mußte über dieses seltsame Gleichniß lächeln und wandte ein, daß wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle, man so viele Erzieher haben müsse, als Kinder in die Welt gesetzt würden.

Ein System ist nur unter Beschränkungen auszuführen, das versteht sich von selbst, versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann. Annähernd aber kann man allerdings verfahren, und um ein Beispiel zu geben: Ich quäle diejenigen, welche einen entschiednen Sinn für Mathematik und Zeichnen verrathen, nicht mit der Technologie und so umgekehrt. Das Glücklichste wäre, wenn meine Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitäten führte, die in ihrer jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind. Wenigstens müßte die philosophische Facultät, in welcher man alles Wichtigste: Geschichte, Geographie, Naturkunde und was sonst noch, zusammengerührt hat, in Specialschulen aus einander gelegt werden. Geschichte kann man nur lernen in einer Gegend, wo die verschiednen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschläge in Denkmalen, Sprache und Sitten abgesetzt haben; eben so Erdkunde und Physik nur an wirklich bedeutenden Naturpunkten. Was Jurisprudenz und Theologie betrifft, so möchten diese immerhin bleiben, wo sie sind, und die Philosophie kann freilich auch überall und nirgends gelehrt werden.

Mit Deinem Systeme hat es noch weite Wege, sagte die Educationsräthin, welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte, auch zum Wort zu gelangen. Desto kürzer ist das meinige auszuführen. Ja, mein Herr, das Weib strebe nach Sitte! das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst. Und was heißt Sitte? Gehorsam, Fleiß. Daher: Um fünf Uhr Morgens aufstehen, gehorchen, bis neun Uhr Abends die Hände nicht in den Schooß legen, und dann wieder zu Bett! Alles Andre ist ganz unnütz, wir lernen nichts aus Büchern, sondern nur durch Umgang und Menschen. Wenn sie heirathen und Kinder bekommen, wird Clavierspielen und Französisch an den Nagel gehängt. Stille, Liebe, Verträglichkeit, bescheidnes Fügen, daß sind die Eigenschaften, welche uns ziemen und zieren.

Sie bekam gleich Gelegenheit, diese Tugenden einzuschärfen, und zugleich den Besuchenden von ihrem Ansehen zu überzeugen. Denn in einer an den Gang, über den sie wanderten, stoßenden Stube, worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger Mädchen bei häuslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte, erhob sich ein ungemeiner Lärmen und heftiger Streit. Sofort rief die Educationsräthin mit donnernder Stimme: Still! und stampfte mit dem Stocke, den sie beständig in der Hand führte, heftig auf den Fußboden; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe eintrat.

Beim Abschiede legte der Educationsrath Hermann die Hand auf die Schulter, und sagte mit Feierlichkeit: Ich freue mich einen Mann gefunden zu haben, der mit Aufmerksamkeit Grundsätze anhört, von welchen, wenn sie durchdringen, die Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muß. Mehr könnte ich wirken, wenn mir der Rector mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse säße. Dieser Mann, sonst ein achtungswerther Gelehrter und gewissermaßen mein Freund, schadet mir durch sein falsches Beispiel über alle Begriffe. So muß ich nothgedrungen Ferien halten, weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehen. Denn obgleich sie das ganze Jahr hindurch nur spielend lernen, und also einer besondern Erholungszeit nicht bedürfen, so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe, wenn sie die Gymnasiasten abziehen sehen, und ich muß sie dann wider Willen entlassen. Deßhalb habe ich auch vor, wenn es sich irgend thun läßt, fortzuziehen, und meine Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs, wo sie vor schädlichen Einflüssen gesichert ist, zu verpflanzen.

Obgleich Hermann in dem, was er von beiden Personen gehört hatte, den guten Willen und auch zum Theil das Richtige nicht verkennen mochte, so war die Localität doch wenig geeignet, in ihm die Behaglichheit hervorzubringen, welche das Haus des Rectors gleich entschieden in ihm erweckt hatte. Denn außer dem Wüsten und Wenigerfreulichen der nicht ausgebauten Räume hatte sein Auge der Anblick mancher Unordnung verletzt, welche in Zimmern und Vorplätzen trotz den Worten der Educationsräthin sich dort bemerken ließ. Um die Stunden hinzubringen, ging er in die Bibliothek des Rectors, wozu ihm dieser gleich nach den ersten Begrüßungen die Erlaubniß gegeben hatte. Sie war wegen ihrer Größe nicht im Studirzimmer aufgestellt, sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach zusammen. Ausgestattet mit Allem, was zur klassisch-philologischen Rüstkammer gehört, war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius. Der Rector hatte auf eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers große Mühe und viele Zeit verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt rühmlichst genannt wurde.

Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen- und Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen, und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wußte nicht, warum? »In flachen Gegenden oder auf dem Meere« sagte jener Autor, »giebt es ein Phänomen, welches man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich früh Morgens in den Dünsten ab, welche den Luftkreis durchziehen, das Tagesgestirn scheint schon aufgegangen zu sein, während es in der That noch unter dem Horizonte verweilt. Etwas Aehnliches begegnet oft im Leben. Das Schöne, Reizende, Wünschenswerthe zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann schon zu besitzen, und doch ist es vor der Hand nur ein Schein, der erst einige Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unserer Tage werden kann, wenn das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will.«

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