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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Draußen, auf grünem birkenbesetzten Rasen, machten sich die Frauenzimmer um das Feuer zu schaffen. Der Ort war wirklich allerliebst und verdiente zum Familien- und Nachmittagsplätzchen ausersehen zu werden. Links und rechts sah man in das lichte, weißstämmige Gehölz, zwischen den Bäumen lag das reinlichgehaltene Häuschen des Hirten, am Fuße der Anhöhe sprang die Stadt in einem scharfen, mit Wartthürmen gekrönten Winkel vor, der Fluß wand sich blinkend um diese Ecke. Nimmt man dazu, daß unter den Birken ein Sauerwasser aus der Erde quoll, über welchem von vorsorglicher Hand das Brunnendach gewölbt worden war, so hat man das Bild der friedlichen anmuthigen Stelle.

Der Conrector sprach mit einem Menschen, der seinen Gesichtszügen nach unkenntlich, auf einer Bank, abseits am Hause saß. Er trug einen ziemlich verbrauchten Rock von weißlicher Farbe, und einen Hut mit breiter Krempe, der das Antlitz verschattete. Was davon noch zu sehen gewesen wäre, bedeckte zum Theil wieder eine schwarze Binde, die über dem linken Auge und über der Wange lag.

Wer ist der Mensch? fragte die Rectorin, welche jetzt, geführt von Hermann, zum Platze gekommen war.

Ein armer Spät-Rückkehrender aus Spanien, wie er sagt, wo er die sonderbarsten Schicksale erlebt haben will, versetzte der junge Schulmann. Er wandert zu seinen Eltern, die noch weit von hier wohnen sollen. Da er nicht Geld genug hatte, um in der Stadt einzukehren, so hat er seine paar Groschen dem Hirten gegeben, der ihm dafür einige Tage Obdach gewähren will. Er hat sich nach Ihnen und Ihrem Gemahle eifrig erkundigt, wie mir der Hirt sagte.

Die Rectorin trat auf den Verhüllten zu, und fragte ihn: Kennen Sie uns? Wissen wir etwas von Ihnen?

Wohl schwerlich, versetzte der Fremde, mit einer tiefen und rauhen Stimme. Ich hatte nur von Ihnen, als von mildthätigen Leuten gehört, und da mein Weg noch weit ist, und mein Geld mir ausgegangen war, so ließ ich mir Ihr Haus beschreiben, Sie um eine Gabe anzusprechen.

Sie erwiederte ihm etwas Freundliches und reichte ihm vor der Hand, was sie bei sich trug, mit gutmüthiger Einladung auf Speise und Trank in ihrem Hause. Wenn ich auch den Bettlern sonst eben nicht hold bin, mit diesen Worten wandte sie sich an Hermann, so bekommt doch jeder Soldat etwas, der aus der Kriegsgefangenschaft in den fremden Ländern, wohin unser junges deutsches Blut geschleppt wurde, zurückkehrt. Mit diesen Almosen ehre ich das Andenken meines umgekommenen Sohnes.

Hermann, dem es lieb war, daß sich die Gelegenheit zu einer von ihm ablenkenden Unterredung darbot, erkundigte sich nach diesem Hausunfall und hörte ein Geschick, wie es durch die ungeheuren Kriegsereignisse leider so vielen deutschen Familien bereitet worden ist. Die Rectorin erzählte ihm, daß ihr ältester Sohn, ein wilder siebenzehnjähriger Bursche, mit dem der Vater nie zurecht kommen können, im Jahre Zwölf ihnen fortgelaufen und der Fahne des Eroberers nach Rußland gefolgt sei. Bis Smolensk, ja bis zur Moskwa habe er, da er bald seinen Schritt bereut, noch Nachricht gegeben, nachher sei er verschollen.

Wir hatten nach dem Frieden alle möglichen Erkundigungen angestellt, wir hatten, da diese nichts fruchteten, ihn betrauert und ihn darauf zu den Todten geschrieben, fuhr die Rectorin gleichmüthig fort. Da machte er uns vor Kurzem auf einmal wieder Unruhe. Ein hübsches Erbtheil, welches ihm angefallen ist, und auf welches wir nach seinem Tode Anspruch haben, kann von uns nicht erhoben werden, bevor er nicht bei den Gerichten förmlich für todt erklärt worden ist. Und dieses Geld käme uns gerade jetzt sehr zu Statten, da die Bibliothek eines Professors in H. aus freier Hand verkauft werden soll, die der ganze Herzenswunsch meines Mannes ist, weil sie die Lücken seiner eignen vollständig ergänzt. Auch den beiden halben Liebesleuten da soll die Todeserklärung helfen. Zu den thörichten Streichen meines Sohnes gehörte auch, daß er sich mit Wilhelminen, welche damals sechszehn Jahr alt war, alles Ernstes versprochen hatte. Die Sache ist natürlich veraltet, der Conrector und sie geben ein gutes Paar ab, sie ist auch mit ihm einig; dann aber kommen wieder Tage, wo ein überspannter Begriff von Treue in ihr aufwacht, wo sie Gewissensbisse empfindet, daß sie einem zweiten angehören wolle, ehe sie noch völlig überzeugt sei, daß der Erste nicht mehr unter den Lebendigen wandle – kurz auch da wird der Ausspruch nöthig sein, daß der Todte wirklich todt sei, um Alles zum Abschluß zu bringen. Wir haben viele Umstände von dieser Angelegenheit gehabt, mein Alter war deshalb nach S. gereist, ich hoffe, daß er seinen Zweck erreicht hat.

In dieser Erzählung fuhr sie noch eine Zeitlang fort, und sprach über die Dinge, welche sie und ihr Haus betrafen, mit derselben Rückhaltlosigkeit, welche ihr in Reden über fremde Verhältnisse eigenthümlich war. Hermann, welcher diesen Geschichten etwas zerstreut zuhörte, und seine Augen umherschweifen ließ, bemerkte, daß der Fremde von seiner Bank gespannt lauschte, und das Haupt nicht von der Redenden abwandte.

Indessen war das Getränk am Feuer zubereitet worden, Cornelie und Wilhelmine vertheilten die Tassen und als hätte die Nachahmung der Louise vollkommen getreu werden sollen – die Löffel waren wirklich vergessen und mußten durch Birkenstäbchen ersetzt werden, die der Conrektor rasch zu dem Zwecke zu liefern wußte. Cornelie hatte, da dieser sich seinen Platz neben Wilhelminen nicht rauben ließ, neben Hermann sitzen müssen, machte ihn aber ihrer Nähe nicht froh, sondern benutzte jeden Vorwand, um aufzustehen und etwas zu besorgen.

Als es Abend werden wollte, kam der Rector den Hügel herauf. Zugleich erschien von der Wiesenseite der Hirte, welcher sein Vieh eintrieb. Sie begegneten einander auf halbem Wege und der Rector, welcher mit dem Hirten immer seinen archäologischen Verkehr hatte, begrüßte ihn, und sagte: Wie geht es Dir, männerbeherrschender Sauhirt?

Herr Rector, versetzte der Hirt, Sie wissen es ja, daß ich keine Schweine hüte, sondern nur Ziegen und Schafvieh. Und was die Männerbeherrschung angeht, so bin ich froh, wenn ich meine Heerde in Ordnung halte, mit weiterem Regiment gebe ich mich nicht ab. Aber Sie haben hier so oft die alte Geschichte von dem Manne erzählt, der, ich weiß nicht, wie? heißt, und so lange fortgewesen ist, und endlich zurückkommt und bei dem Hirten liegt . . .

Nun, und? Pergas! sagte der Rector.

Ich meine nur, daß noch alle Tage curiose Dinge vorfallen können, sagte der Hirte.

Nun erzähle mir, wie Deine Reise abgelaufen ist, sagte die Rectorin zu ihrem Manne.

Ganz nach Wunsch, versetzte dieser. Unsre Zeugnisse und Bescheinigungen sind endlich als gültig angenommen worden. Wir haben nur noch den üblichen Eid zu leisten, daß wir seit dem Verschwinden Eduards nichts von ihm vernommen haben und ihn wirklich für todt halten, und dazu ist schon der nächste Donnerstag angesetzt worden. Tandem aliquando, kann ich sagen; die Bibliothek ist unter Brüdern das Dreifache werth, was dafür gefordert wird.

Beide Gatten ergingen sich noch in behaglichen Gesprächen über gehabte Mühe, die nunmehr hinter ihnen lag, Hermann war in eigne Gedanken verloren, und Cornelie zerpflückte wie im Traume Blumen. Aus diesem Gespräche und Sinnen wurden alle durch einen dumpfen Schrei aufgeschreckt, den der Fremde ausstieß. Sie sahen sich um, und erblickten den jungen Schulmann, der neben Wilhelminen, verlegen, die Augen gesenkt, stand. Auch sie war erröthet. Der Fremde erhob sich, und ging in die Hütte. Man konnte bemerken, daß er wankte.

Hermann war ihm gefolgt. Der Fremde lag schluchzend, daß Haupt auf einen Tisch gelegt, und rief, da er den Eintretenden in seinem Schmerze nicht gewahr wurde, selbstvergessen: Ja, ich bin ein Todter, und unter den Lebendigen ausgethan! – In Hermann stieg blitzschnell eine Vermuthung auf, die ihn vermochte, leise wie er eingetreten war, die Stube zu verlassen, um nicht eine zu gewaltsame Scene herbeizuführen.

Er sagte der draußen wartenden Gesellschaft, daß der Wandrer von der großen Anstrengung, die er gehabt, ein Uebelbefinden gespürt habe, jedoch sich schon wieder erhole, und bewog sie, von weitrer Sorge um ihn abzustehen, und den Rückweg nach der Stadt anzutreten.

Nach so mannigfaltigen Vorfällen, die sich im engen Rahmen einer beschränkten bürgerlichen Haushaltung ereignet hatten, fühlte er das Bedürfniß der Einsamkeit, und war sehr froh, als er sich nach überstandnem Abendessen auf seinem Erkerzimmerchen befand. Er ließ den Zustand, in den er, ohne es zu wollen, eingetreten war, an seiner Seele vorübergehen, und wenn ihm die Weise dieser Leute freilich etwas eng und einförmig vorkommen wollte, so fühlte er doch, daß auf so schlichtem Denken und Empfinden eigentlich das Glück des Daseins ruhe. Aber auch dieser Idylle waren die düstern Farben der entsetzlichen Welterschütterung zugetheilt, auch in sie ragte eine fremde unheimliche Gestalt hinein. Ach! rief er aus, wer kann jetzt wissen, ob er nicht auch einmal, unkenntlich seinen Nächsten, fremd und abgeschieden umherschwanken wird?

Er sah durch das Fenster. Ein schöner Stern ging hell am Horizonte auf. In diesem Augenblicke trat das Bild Corneliens wieder vor seine Seele, und eine innige Wärme durchdrang ihn. Er hatte nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und doch war es ihm, als kenne er sie seit Jahren. Er hatte geglaubt, sein Herz sei in Liebeshändeln abgemüdet, und nun kam es ihm vor, als habe er noch nie empfunden. Er fühlte ein unaussprechliches Verlangen, sich anzuheften, anzuklammern, und dem zweck- und planlosen Leben ein Ende zu machen. Mit diesen frommen Regungen sank er auf sein Lager zum erquickendsten Schlummer nieder.

*

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