Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Vor der Thür des Gasthofs im kleinen Städtchen stand der Gastwirth, wie es schien, erhitzt von der Anstrengung des Tages. Hermann trat zu ihm, und fragte: ob er bei ihm Unterkommen finden könne? Der verständige Mann, welcher einen sichern Blick für den wahren Werth seiner Gäste hatte, betrachtete unsern hutlosen Wandrer und sein schmächtiges Reisetäschchen prüfend, und schien auf eine abschlägige Antwort zu sinnen. Endlich aber sagte er zum Hausknecht, der mit eingeknickten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, gähnend unter dem Thorwege stand: Führe den Mann nach Nummer Zwölf.

Der Hausknecht schlenderte voran, ohne dem Gaste das Bündel abzunehmen. Sie gingen über den Hof, durch einen langen Garten, und betraten eine Remise, worin der Wirth seine Felle trocknete, denn er war zugleich ein Lohgerber. Eine schmale Treppe, die sich zuletzt in eine Leiter verlor, führte zum obern Theile dieses Fellmagazins. Als die Leiter erklommen war, machte der Hausknecht einen bretternen Verschlag auf, und sagte: Dieses ist seine Stube. – Das ist ein Taubenschlag! rief Hermann. Nein, der ist darüber, versetzte der Hausknecht kaltblütig, und kletterte die Stiegen hinunter.

Hermann sah sich in diesem Wohnorte um, und mußte laut lachen. Hierauf machte er die Runde durch denselben, was nicht viel Zeit erforderte, da er, genau gemessen, sechs Fuß im Gevierte hielt. Die Wände waren unschuldig weiß, und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt, welche die Bedienten- oder Soldatenkammern zu schmücken pflegen. Es fehlte nicht an Nasen verschiedener Größe; Zöpfe und Grenadiere wechselten mit Störchen und Blumen ab. Ein beständiges Piepen, Sand und Federn, die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle Decke fielen, diese Umstände überzeugten unsern Freund, daß der Hausknecht Recht gehabt habe. Der Taubenschlag war wirklich über seinem Sorgenfrei vorhanden.

Der Wirth hatte unterdessen überlegt, daß heut zu Tage manche Personen von Stande zu Fuß reisen, (in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei!) und daß ein solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben könne, die Welt baarhaupt zu durchstreifen. Um daher nicht etwa einen der Achtung werthen Ankömmling zum Nachtheile des Gasthofs zu beleidigen, entschloß er sich, durch Höflichkeit mit Worten gut zu machen, was er in der That verbrochen hatte; denn jenes so üble Quartier, welches dem Eingekehrten gegeben worden war, stand selbst bei den Wirthshausleuten in Verachtung und hieß gemeiniglich bei ihnen nur das Loch. Er nahm sich in der Stille vor, dem Fußwandrer ein bessres Stübchen abzulassen, sobald er nur erst die moralische Ueberzeugung von dessen Zahlungsfähigkeit geschöpft haben würde. Uebrigens war der Raum in dem Gasthause wirklich beschränkt. Ein Herzog, der zu den Mediatisirten gehörte, hatte mit Gemahlin und Gefolge fast Alles in Beschlag genommen.

Der Wirth trat unter Entschuldigen über das etwas enge Logis in das sogenannte Loch, welches er, da Niemand das Seinige beschelten soll, in seinen Reden zu einer Piece erhob. Wahrhaftig! rief er, es thut mir leid, einen solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu können. Das Hotel steckt aber heute so voll von Fürsten, Grafen und Freiherren daß, mit Respect zu sagen, kein Apfel zur Erde kommt.

Lassen Sie das gut sein, versetzte Hermann. Ein Reisender von Profession ist an dergleichen gewöhnt. In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle untergebracht.

In einem Stalle! rief der Wirth, mit einer Miene, die das Entsetzen ausdrücken sollte. Nein, da ginge ich selbst lieber in den Stall, und gäbe einem solchen Herrn meine Schlafkammer.

Hermann fand an diesen unnützen Reden kein Behagen. Ihm lag das Abenteuer im Walde am Herzen. Ehe der Wirth daher zu seinem Zwecke gelangte, unterbrach ihn jener mit der Frage: Ob nicht vor einigen Tagen hier ein junges Mädchen seinen Angehörigen verloren gegangen sei?

Hierauf bediente ihn der Wirth sofort ausführlich und überflüssig. Er war die wandelnde Chronik des Städtchens, und wußte, was von dem einen Thore bis zum andern sich ereignete, oder doch hätte ereignen können. Das ist eine wilde Geschichte! rief er. Haben der Herr auch schon davon gehört? Kommt hier ein nichtsnutziger Commödiant an, miethet sich ein, lebt, man weiß nicht wovon? treibt, man weiß nicht was? Er hat ein Kind bei sich, schön wie die Sonne und wild wie der Teufel, mit dem giebt es alle Tage Lärmen, daß die Nachbarn zum Burgemeister gehn, und bitten, dem Unfuge zu steuern. Was ist der Grund gewesen? Denken Sie nur; der Abschaum von Vater hat das unschuldige Kind einem alten Sündengesellen zur Unehre verkaufen wollen. Seine leibliche Tochter! Da ist das Mädchen weggelaufen. Die beiden Alten haben gestern und heute die Gegend abgesucht und der Burgemeister hat gesagt, er werde suchen. Die arme Person ist weg, und wer weiß, in welchem Weiher schon ihr Leichnam schwimmt!

Hermann erwiederte, daß man das Beste hoffen müsse, und daß das Schicksal der Wittwen und Waisen in höherer Hand ruhe. Damit war der Wirth zwar einverstanden, aber es beruhigte ihn nicht. Er sagte daher, weil ihm keine feinere Wendung einfiel: Es ist hier weder Schrank noch Comode. Wenn der Herr vielleicht Ihre Sachen, und besonders die Baarschaften mir zum Aufbewahren geben wollten . . .

Hermann fand dieses Anerbieten vernünftig und griff nach seiner Brieftasche, in welcher er bedeutende Wechsel führte, um sie dem Wirthe einzuhändigen. Wie erschrak er, als er nicht die seinige, sondern die des Philhellenen hervorzog! Beide sahen einander ähnlich, und waren im Nachtquartiere vertauscht worden. Hermann erblaßte; die Sache konnte von den übelsten Folgen sein. Indessen faßte er sich, und sagte dem Wirthe, daß er denn doch lieber Alles, was er habe, selbst behalten wolle. Dieser aber hatte ihn erblassen sehn, und verließ ihn mit bedenklichem Gesichte.

Hermann kannte die Umstände, in welchen sich ein Philhellene zu befinden pflegt. Er wußte, daß versteckte Schätze hier wohl kaum zu erwarten seien, und öffnete mit einer bösen Ahnung die Brieftasche. Ach, da waren Freiheitslieder in großer Anzahl, Logencertificate, und Marschrouten nach allen vier Himmelsgegenden, aber keine Dinge, welche einem irdischen Bedürfnisse abzuhelfen vermochten!

Er verwünschte diesen Zufall. Drei bis vier Thaler in der Tasche, ohne Creditbriefe, ohne Hut auf dem Kopfe, ein einziges Kleid am Leibe, irrte er hier umher, mehreren Tagereisen von seinen Quellen entfernt. Was sollte er beginnen? Fremd in der Gegend, wie leicht konnte er den Strich verfehlen, den der Philhellene gegangen war, der ohnehin von der Landstraße abzuweichen liebte, um in weniger besuchten Gegenden seine Grundsätze auszubreiten! Dazu schwebte ihm die Gestalt jenes Kindes vor, dem schleunige Rettung vom Verderben Noth that. Flämmchen und der Philhellene zogen ihn nach verschiedenen Seiten; er wußte nicht, was er thun sollte, und blätterte zerstreut in den Freiheitsliedern seines Freundes, der dagegen das Geld und die Wechsel hatte. Wie das ferne Licht in der Grube, dämmerte ihm aber doch die Hoffnung, sein Geist werde ihm auch diesesmal helfen, wie er ihn so oft in Bedrängnissen geholfen hatte.

*

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.