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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Leichten Herzens setzte sich Hermann unter der Laube, wo die Rectorin hatte decken lassen, zu Tische. So rasch war ihm seit lange nichts geglückt. Er war sehr heiter, und überbot sich mit der Alten, welche nichts lieber hatte, als Lachen und Lustigkeit, zu drolligen Einfällen. Ein junger Mann, welcher ihm als den Conrector vorgestellt worden war, und ein wohlgebildetes Frauenzimmer, jedoch schon in gewissen Jahren, auch dem Hause, wie es schien, angehörig, und Wilhelmine genannt, machten die Gesellschaft aus. An verschiednen kleinen Aufmerksamkeiten, die der Conrector, der sonst ziemlich zerstreut war, ihr erwies, und an flüchtig gewechselten Blicken konnte er bald abnehmen, daß zwischen ihnen ein Verhältniß entstanden oder im Entstehen sei.

Cornelie saß mit niedergeschlagnen Augen ihm gegenüber. Sie berührte die Speisen kaum, sprach nichts und antwortete, wenn er sie anredete, erröthend nur das Nothwendigste. Die Rectorin, welche schon bei der Scene im Garten ihre eignen Gedanken gehabt hatte, ließ zwischen Beiden prüfende Blicke hin und her wandern. Er brannte, zu erfahren, wie Cornelie hieher komme, und beschloß, die Rectorin darüber sobald als möglich auszufragen.

Sie waren beim Obste, als eine kräftige tiefe Baßstimme durch das Weinlaub erscholl, und der Virgilianische Vers:

Nunc frondent sylvae, nunc formisissimus annus!

den Speisenden zugerufen wurde. Alles sprang auf, die Rectorin rief: der Vater! und herzte eine lange hagre Mannsgestalt, welche mit heftigem Schritte in die Laube trat. Quis? fragte der Rector, auf Hermann deutend. Candidatus, nec non, nisi fallor, baccalaureus, versetzte seine Frau. Salve! sagte der Rector, und gab ihm derben Handschlag.

Ubi liberi? fragte die Rectorin. Sie schwärmen noch, sicuti hodie, wie die Böcklein, in pratis antwortete der Hausherr. Da die Ferien erst morgen zu Ende gehn, so wollte ich ihnen diese fernere Freiheit gönnen, denn auch Cicero scherzte nach den Staatsgeschäften in seinem Tusculo.

Er bat die Gesellschaft, sich nicht stören zu lassen; er sei ermüdet, und wolle schlummern, worauf er sich entfernte, ohne den Hut vom Haupte zu thun, den er auch bei dem Eintritte nicht abgenommen hatte.

Nach dem Essen sagte die Rectorin: Nun zu unsrem Eumaeos. Der Himmel ist wunderklar, wir werden einen prächtigen Nachmittag draußen haben. – Cornelie – fuhr sie nach kurzem Innehalten schalkhaft fort – mag mit dem Gastfreunde voran gehen, und ihm die Gegend zeigen, wir alten verständigen Leute, der Herr Conrector, Du Wilhelmine und ich, schlendern gemächlich hinterdrein.

Auf dieses Wort entfernte sich Cornelie, wie um etwas zu holen, und einige Augenblicke darauf sah Hermann sie zu seinem Verdrusse mit dem Conrector und Wilhelminen, denen sie einen verstohlnen Wink gegeben hatte, über die Straße nach dem Thore zu gehn.

Die Rectorin hatte sich den Strohhut aufgesetzt und kam zurück. Noch hier? fragte sie. Wo ist das Jungfräulein? – Es scheint, erwiederte Hermann etwas verlegen, daß man meine Begleitung nicht wünscht. Woher ist dieses junge Mädchen? Wem gehört sie an? Was führte sie zu Ihnen?

Ei, so eifrig! sagte die muntre Frau. Und wie unwissend der Herr Candidat sich anstellen! Gut denn, da Sie der Belehrung in dieser Hinsicht so bedürftig sind, so sei Ihnen gedient. Mein Cornelchen ist die Pflegetochter der Commerzienräthin Hermann, von dieser meiner alten Jugendfreundin mir auf einige Monate zum Besuche geschickt. Damit aber hat die Beichte ein Ende; das Uebrige bleibe vor der Hand noch unter sieben Siegeln. Jetzt auf Ihre drei Fragen eine zurück: Was halten Sie von dummen Streichen in der Liebe?

Wie soll ich das verstehen? fragte Hermann äußerst bestürzt.

Zum Beispiel so. Wenn ein junger Mann nur geradezu, ehrbar, im schwarzen Frack mit weißen Manschetten, hintreten und um ein frommes schönes Kind werben dürfte, statt dessen aber lieber unter fremdem Namen in ein stilles Bürgerhaus eindringt, und allerhand Angst und Schrecken verbreitet.

Um Gottes Willen! rief er, was hat Sie in diesen seltsamen Irrthum versetzt?

Irrthum? – Machen Sie mich nicht zu Ihrer Feindin. Ich meine es ja wohl mit Ihnen, mir gefallen die Schleifwege der Zärtlichkeit. Auch mein Alter mußte bei Nacht und Nebel mit mir zusammenkommen, weil die Base den jungen Menschen, der nur einen Rock besaß und weiter nichts, von ihrer Schwelle wies. Es ist mir nichts langweiliger, als die Vernünftigkeit, der jetzigen jungen Leute, welche ohne die Aussicht auf ein Amt, oder auf eine reiche Mitgift, dos, dotis, sich gar nicht mehr verlieben. Also nur frisch zu; die Rectorin steht Ihnen bei. Aber ein Candidat sind Sie nicht, denn Sie haben keine Pfeife, tragen feine Wäsche und machen Fehler gegen die lateinische Prosodie.

*

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