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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.

Die Verlobung.

Die Ehen werden im Himmel geschlossen.        

Erstes Kapitel.

Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein Ziel erreicht. Als er die Stadt im dampfenden Thale vor sich liegen sah, überdachte er seinen Plan, beschloß im Hause des Pädagogen zuerst pseudonym aufzutreten, und wie im Auftrage eines Andern seinen Wunsch vorzubringen. Auf diese Weise hoffte er die Sache in der für ihn leichtesten Art zum Ende zu führen.

Das Gymnasium war aus den Ueberbleibseln einer Stiftung entstanden. Alte Linden umgaben den Schulhof; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter angestrichnen Wohnung des Rectors. Er erfuhr von der Magd, daß dieser verreist sei, und mußte sich daher bei der Frau anmelden lassen.

Die Rectorin empfing den Candidaten Schmidt aus Leipzig – diesen Namen und Stand hatte er sich gegeben – mit lebhafter Freundlichkeit. Als sie ihn zum Sitzen nöthigte, wollte er ihrem Sophaplatze gegenüber auf einem Stuhle sich niederlassen. Sie verhinderte es aber, zog ihn auf das Sopha und sagte: Wir leben hier nicht steif und vornehm. Seine Feinde faßt man ins Antlitz. seine Freunde hat man gern neben sich.

Er eröffnete ihr, daß er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde, deren vorzüglichster Zweck sei, die ersten Männer des Fachs kennen zu lernen. Schon lange habe er sich gesehnt, dem ausgezeichneten Erzieher, dessen Methode man weit und breit rühme, seine Verehrung zu bezeugen.

Das Mütterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlürfen. Er benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S., wo wir leider einen verdrießlichen Handel abzumachen haben, versetzte sie. Indessen erwarte ich ihn morgen oder übermorgen zurück, und wenn Sie einige Tage hier verweilen können, so soll es mir lieb sein.

Sie gehörte zu den Personen, mit denen man in fünf Minuten bekannt ist. Die gutmüthigsten Augen sahen unter dem weißen Spitzenhäubchen hervor; ihr Herz schwebte auf der Zunge. Sie schien nicht viel Ruhe zu haben, stand öfters auf, quirlte hin und her, setzte ihm ein Frühstück vor, und er mußte, ungeachtet aller Versichrungen, daß er schon im Gasthofe das Nöthige genossen habe, wenigstens davon kosten. Wer in unser Haus tritt, ißt von unsrem Brode und trinkt von unsrem Weine, sagte sie. Wir ahmen darin den Erzvätern nach, und dem edlen Alkinoos, wenn wir gleich keine Phäakische Schmauserei anstellen können. Diese und ähnliche Anspielungen, welche bald darauf zum Vorschein kamen, deuteten dem falschen Schulamtscandidaten den Ton an, in welchem er sich hier vernehmen lassen müsse. Das saubre Zimmerchen, dem aber jede Eleganz fehlte, war mit den Portraits berühmter Gelehrten verziert. Der besten Rähmchen erfreuten sich die Philologen. Heine, Wolf, Ernesti, Geßner, Bentley, Ruhnkenius zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter, Voß war dreimal vorhanden, gezeichnet, im Kupferstich und in Gyps. Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und Griechisch zusammen, sprach von der hehren Göttin Calypso, besann sich zum Glück auf ein paar horazische Verse, die er ohne wesentliche Verstümmlungen heraus brachte, und bemerkte, daß die Rectorin nun erst das volle Zutraun zu ihm gewann. Mit Erstaunen hörte er im Verlaufe des Gesprächs völlig regelrechte Hexameter aus ihrem Munde tönen, die nur durch gehäufte Spondäen etwas Unbeholfnes erhielten. Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde mit einander.

Indessen entstanden doch, wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen pflegt, Pausen. Hermann erhob sich daher und wollte gehen. Sie faßte ihn bei der Hand und sagte, ihm treuherzig ins Gesicht sehend: Ihr Herren habt es im Kopfe, aber selten viel im Beutel, und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen, als die Candidaten, welche uns sonst besuchen, so dächte ich doch, daß frei Quartier bei guten Leuten besser wäre, als theure Gasthofszeche. Ich will Ihnen Ihr Zimmerchen zeigen, und Sie können nur gleich Ihre Sachen vom Wirthshause herüber bringen lassen. Ohne seine Antwort zu erwarten, nahm sie ihn mit in das obere Stockwerk, wies ihm unterwegs verschiedene wirthschaftliche Einrichtungen, namentlich den Ofen, der zwei Stuben zugleich heizte, und den neuen Wandschrank, und führte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen, von welchem man das ganze Flußthal übersah. Er fragte nach dem Namen eines Dorfs, dessen Thurmspitze am Horizonte hervorragte, und erfuhr nicht nur diesen, sondern lernte auch auf der Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten, Freunden und Gevattern, die da und dort wohnten, kennen.

Sind Sie versprochen, Herr Schmidt? fragte sie plötzlich. Nein. – Rauchen Sie Taback? – Auch nicht. – Dann sind Sie auch kein ordentlicher Candidat! rief sie lachend. Ich habe wenigstens noch keinen kennen gelernt, der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte. Sie müssen sich Beides bald anschaffen. Er erwiederte ihren Scherz, der halb wie Ernst klang, und wurde von ihr mit einem armvoll Tischzeug beladen, welches er unten in das Eßzimmer tragen sollte. Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, daß ein Candidat der Frau eines Schulvorstehers nöthigenfalls dienstbar sein müsse.

Unten sagte er, um seinem Zwecke etwas näher zu kommen: Es ist so still in Ihrem Hause, und ich sehe keinen Ihrer Pensionaire oder Pensionairinnen? Pensionaire? Pensionairinnen? fragte sie erstaunt. Wir haben bloß unsre Knaben in Pension. Man hat mit den eignen Kindern Last genug, wer wollte sich noch die Mühe mit fremdem lieben Gute machen? Da sie nun merkte, daß diese Worte ihn befremdeten, fuhr sie nach einigem Besinnen fort: Ach, gewiß ist da wieder eine Verwechselung vorgefallen, und Sie meinen, bei dem Educationsrathe zu sein. Wir werden noch an das Stadtthor schreiben lassen müssen: Da wohnt der Philologe und da der Realschulmann.

Bei näherer Erkundigung hörte er nun, daß sich noch ein Namensvetter des Rectors am Orte befinde, welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei, sondern eine Privaterziehungsanstalt habe. Er sei in Allem der Gegner Ihres Alten, sagte die Rectorin, halte nichts auf Römer und Griechen, wolle vielmehr die ganze Bildung der Jugend auf das Praktische richten. Dieß hindert aber nicht, fügte sie hinzu, daß wir gute Freunde bleiben. Wir kommen zusammen, die beiden Alten zanken sich tüchtig ab, wenn der Conrector dabei ist, so spricht auch das Mittelalter noch ein Wort darein, am Ende sind sie müde, der Educationsrath ruft: die Gegenwart gehört der Gegenwart! das ist mein Stichwort; ich sage dann: es ist angerichtet, wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz verträglich und lustig ein Gericht Gerngesehen mit einander.

Hermann überzeugte sich im Stillen, daß der Arzt ihm jenen Educationsrath habe empfehlen wollen und daß er verkehrter Weise in ein andres Haus gerathen sei. Indessen würde es unartig gewesen sein, das Mißverständniß zu bekennen, und er erwiederte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rectorin, sich nunmehr zwischen dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden, daß seine Nachfrage nur eine zufällige gewesen sei, und daß er Niemand hier habe kennen lernen wollen, als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop.

Nun wohl, sagte die Rectorin, ich glaube Ihnen, aber nehmen Sie sich in Acht; Sie werden auf den Zahn gefühlt werden. Und jetzo lassen Sie uns von einander scheiden. Sie können den näheren Weg durch den Garten nach Ihrem Wirthshause nehmen; schicken Sie mir mein Cornelchen daher, wir wollen einen Topf mehr zum Feuer rücken, damit es heut Mittag heißen kann:

Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle;

worauf es dann ferner lauten soll:

Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Gingen sie alle gesammt zu dem göttlichen Hirten Eumaeos,
Dort des Kaffees Gebräu zu schlürfen aus blumiger Tasse.

*

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