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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Eine Bekehrungsgeschichte.

Ich war Protestant, d. h. ich wurde in dieser Confession eingesegnet. Der Religionsunterricht der Catechumenen hatte sich mehr über Naturgeschichte und Physiologie, als über den Catechismus verbreitet. Der Prediger, welcher diese Stunden abhielt, war der Meinung, daß dieselben auf solche Weise noch immer nützlich zu machen seien. Unser Lehrer galt in der Stadt überaus viel. Er besaß die schönsten geselligen Tugenden, erheiterte wöchentlich einen großen Kreis durch Knittelverse und Gelegenheitsgedichte, und wenn er unter ganz vertrauten Personen war, ging seine Vorurtheilslosigkeit so weit, hin und wieder auch ein Tänzchen oder ein Pfänderspiel nicht zu verschmähen.

Ich stand den übrigen Knaben an Kenntnissen vor, wurde wegen meiner raschen Antworten sehr gerühmt, und wußte mir viel mit dem erhaltenen Lobe. Auch an verliebten Blicken zu den Mädchen hinüber und von ihnen herüber fehlte es nicht. So war ich zur Ablegung meines Glaubensbekenntnisses vorbereitet worden, und meiner Meinung nach fest in demselben, kam ich nach Rom.

Erwarten Sie hier keinen Mortimer. Ich kann wohl sagen, daß der Glanz, das Geflitter und der rauschende Pomp, wovon das Leben der Kirche dort begleitet wird, nicht auf mich eingewirkt haben. Ich freute mich an diesen bunten Dingen, ohne daß sie mich religiös berührten.

Aber ein anderer Einfluß begann allmählich mich umzugestalten. Sie waren dort, und wissen, welche Stille über so manchen Plätzen und Winkeln, über Trümmern und Schädelstätten, bei den Gräbern der Märtyrer, in den Hallen der weniger besuchten Kirchen und Capellen weilt. Wer in Rom nicht fühlt, daß der Mensch ein Nichts ist, und wem nach dieser Empfindung, die zum Nichts führt, kein tröstender Geist, riesenhaft und doch vertraulich zuspricht, der muß ein verwahrlosetes Herz haben. Ueberall sah ich Geschichte, überall trat ich auf Boden, den vor mir Menschen beschritten hatten, durch welche die Welt verwandelt worden war; wie kümmerlich kam ich mir mit meinem neuen Sinne, mit meinem aus bunten Läppchen zusammengeflicktem Wesen unter dieser Herrlichkeit des Todes vor! Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich Anfangs an nichts weniger dachte, als an eine Religionsveränderung. Ich besah Gemälde, Antiken, Ruinen, Palläste, Kirchen, war ein Reisender, wie es deren tausende giebt. Aber nach und nach ward mir, als ob aus der Gewalt aller dieser verschiedenartigen Erscheinungen doch nur eine Stimme rede. Ich horchte zu, und siehe, es war die Stimme Gottes. Da wurde ich nachdenkend, und je mehr ich hörte, desto fühlbarer weitete sich mein Inneres. Ich wüßte von diesem Zustande keine Beschreibung zu machen. Meine Brust baute sich wie mit granitnen Pfeilern und Bogen himmelanstrebend aus, mein Herz hing und brannte in dem neuen Heiligthum, wie die ewige Leuchte, und ein Choral, ernst, wie das Gespräch der Dreieinigkeit mit sich selbst, durchtönte es. Ich that nichts zu diesen Sachen; es wurde etwas in mir, ohne mein Verdienst, ja ohne meinen Willen. Auch fehlten nicht die düsteren gramvollen Stunden. Ich sah nicht blos die Wunder Roms, ich sah auch den Violettstrumpf, den hinterhaltig lächelnden Monsignore, die Schnörkel an der Monstranz, die zerstreuten Blicke sogenannter Andacht; wie sie dem Volke aus jeder heiligen Handlung eine Comödie zubereiteten. Diesen Wust, diesen Trug, all die Alfanzerei, welche sich darum und daran gehängt hat, willst Du mit in den Kauf nehmen? fragte ich mich erbleichend. Meine Seele spaltete sich, ich hatte verlassen, was mir zugehörte, und konnte das Andere noch nicht ergreifen.

Die Charwoche kam heran. Ich hatte mich einem alten Priester anvertraut, und ich müßte die Unwahrheit sagen, wenn ich behauptete, jemals Künste der Ueberredung von ihm erfahren zu haben. Alles, was man in dieser Beziehung in Deutschland über mich verbreitet hat, ist eine Erfindung. Er rieth mir, mich in Ruhe und Sammlung zu erhalten, dann werde mir von selbst das Rechte gezeigt werden. Seine Kirche sei zwar die Spenderin der alleinigen Wahrheit, aber auch zur Wahrheit komme man nur vorbereitet. Ich erlangte durch seine Vermittlung während jener Periode Aufnahme im Kloster der Passionisten, wohin sich, wie Sie vielleicht erfahren haben, gegen die Osterzeit fromme Gesellschaften zurückziehen, um sich zum Feste in der tiefsten Stille geistlich zu rüsten. Man wußte, daß ich noch nicht übergetreten war, gewährte mir aber den Aufenthalt unter der Bedingung, daß auch ich mich der Regel des Hauses fügen wolle.

Wer jene Lebensweise erwählt, scheidet sich während der Dauer seines Verweilens völlig von der Außenwelt ab. Kein Brief, keine Nachricht darf von jenseit der Klostermauern zu den Genossen der Uebungen dringen. Letztere sind fest bestimmt, und nehmen fast den ganzen Tag, auch einen Theil des frühen Morgens ein. Jeder hat seine Zelle, auf welcher er von Niemand Besuche empfangen darf. Selbst bei dem Mahle, welches gemeinschaftlich ist, sind weltliche Gespräche untersagt.

Das war nun ein Leben, wie man es nirgends wiederfindet, ein eigentliches Leben im Geiste. Ich gestehe, daß gerade dort, zwischen den Wänden meiner Zelle, in mir die schwersten Zweifel aufstiegen. Ist diese Absonderung menschlich? Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen? Werden sich Deine Mitgenossen, wirst Du selbst Dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter Lust und Zerstreuung erholen? – Vielleicht stirbt dieser Einem ein theurer Mensch ab, vielleicht streckt nach einem Andern die Noth ihre Arme flehend aus, sie aber hören nichts davon, sie haben zwischen sich und der Natur eine Scheidewand gesetzt; liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge? – So lauteten ungefähr meine stillen Selbstgespräche.

Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hügel. Ich saß in den Freistunden meistentheils unter der herrlichen Palme, die in der Mitte des Hofes ihre Schatten verbreitet. Ueber die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die Kaiserpalläste. Aber der Berg und die Trümmer sprachen nicht mehr zu mir, und der Gesang aus der Kirche tönte an meinen Ohren vorüber. Es war völlig finster in mir geworden, und mich verlangte nach dem Ende dieser grabähnlichen Tage.

Eines Abends ging ich in meiner großen Bekümmerniß zur Kirche. Noch hatte der Gottesdienst nicht begonnen; ich war allein. Redlich hatte ich gekämpft, es durchdrang mich, wie ein Schwert, daß Gott solchem Suchen sich zeigen müsse. Ein unendliches Zutrauen erfüllte mich; ich wollte am Hochaltare zum Gebete niedersinken, als meine Blicke auf das Crucifix über demselben fielen. Schon oft hatte ich dieses Bild gleichgültig betrachtet, in meiner damaligen Erregung machte es aber einen äußerst widerwärtigen Eindruck auf mich. In der That konnte man sich auch nichts Häßlicheres denken. Groß, plump, von Holz geschnitzt, war es ein getreuer Abdruck der crassesten Vorstellung. In den Zügen des Hauptes die abscheulichste Fratze des thierischen Schmerzes, Alles dick mit Farben bestrichen, das Blut in ekelhaften rothen Streifen herabrinnend, und mit diesem Jammer in Widerspruch geschmacklose Zierathen auf dem Kreuze in verblichenem Gold und Schmelzwerk eingeschlagen. Meine Gedanken schrumpften vor dieser Mißgestalt ein, ich richtete mich empor. und stand straff auf meinen Füßen, mißmuthig, ernüchtert, verworren. Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite, da sah ich, daß es von Würmern zerfressen war, und es kam mir zugleich so vor, als ob sich in der Seitenfläche eine ganz feine Spalte befinde. Ich trat wieder hinzu, ich erhob mich über die Brüstung des Altars, und konnte nun deutlich sehen, daß es nicht aus einem Stücke bestand, sondern aus zwei aufeinander gelegten Hälften gemacht zu sein schien.

Ich weiß nicht, war es Neugier oder etwas Ernsteres, Besseres, was meine Hand führte, genug, ich faßte das Heiligthum an, wie um ein verborgenes Geheimniß zu erobern. Zu meinem Schreck blieb mir die obere Hälfte, wie eine Schaale, in der Hand; ich traute meinen Augen nicht, als mir der wahre Gehalt dieses Bildes erschien. Das Holz war nur Kapsel, nur Futteral für ein Werk der edelsten Kunst. Aus der zweiten stehen gebliebenen Hälfte blickte der Gekreuzigte, im reinsten Elfenbein auf tief glänzendem Schwarz sich abhebend, zu mir nieder. Eine göttliche Arbeit! sie mußte der besten Florentiner Periode angehören. Nie habe ich einen Christuskopf gesehen, in dem die Pein so geistig und rührend dargestellt war. Und welche Pein! Nicht um die blutigen Fuß- und Handwunden, nein, um die gefallenen Menschen, die sie schlugen.

Ueberrascht, ergriffen, entzückt, warf ich die rohe hölzerne Decke aus meinen Händen, und stürzte vor dem gefundenen Erlöser nieder. Auf einmal war mir Alles klar; meine Lage, meine Pflicht! in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich, körperlich, greifbar, der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche. Meine Seele gerieth in eine Verzückung. Das war nicht todtes Elfenbein und Ebenholz mehr, was ich vor mir sah; der schwarze Stamm des Kreuzes fing an, sich von innen zu erleuchten, bis er, ganz durchsichtig, in rosenrothem Lichte strahlte, der Leib des Erlösers begann zu pulsiren, Blutstropfen perlten aus den Armen und Füßen, die Wangen färbten sich leicht an, und aus den milden Lippen tönte es mit Geisterlauten: Willst Du den Kern verachten, der Hülle wegen? Hier bin ich unter allem Tand und Aberwitz; hier, und nirgend anders! Die Thoren haben ihr Werk gethan, und die Würmer thun ihr Werk an dem Werke der Thoren, du aber suche mich nicht draußen, sondern drinnen.

Wie lange ich mich in diesem erhöhten Zustande befunden habe, ist mir nicht klar geworden. Als ich erwachte, stand der Prior hinter mir, nebst seinen Mönchen und den Andachtsgenossen. Alle sahen verwundert auf mich, auf das entdeckte Heiligthum, auf die Holzdecke, die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfraß zerfallen, am Boden lag. Ich beichtete meinen Vorwitz, man vergab mir um seiner Folgen willen.

Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereigniß gestört worden, und sie meinten Gott zu dienen, wenn sie ihren Betrachtungen darüber freien Lauf ließen. Die Aeltesten der Congregation erinnerten sich, daß im Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schönen Crucifix, welches man vor Zeiten besessen, gegangen sei, und daß man auch oft, wiewohl vergebens, Nachforschungen angestellt habe, solches wieder aufzufinden. Nun suchten sie in den Registern und Urkunden zu entdecken, wann, von wem und zu welchem Zwecke dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei? Die Jüngeren, welchen das Amt obgelegen, den Leib des Erlösers am Charfreitage in das ausgeschmückte Grab zu tragen, und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zurück zu bringen, meinten, sie hätten sich immer über die unverhältnißmäßige Schwere des Crucifixes verwundert. Einige fragten, wie es doch möglich gewesen sei, daß man nicht früher den Falz in dem Holze gesehen habe? Darauf erwiderten Andere, daß, so lange der Stoff noch einigermaßen haltbar gewesen, beide Hälften fest auf einander geschlossen hätten, erst durch Alter und Zerstörung sei das Volumen verringert, und dadurch eine Zurückweichung der Theile hervorgebracht worden.

Was mich betrifft, so hatte ich während alles dieses Fragens, Verwunderns und Erklärens nur einen Gedanken. Mir war die Decke von der Gestalt hinweggethan, der Katholicismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung göttlich, hüllen- und makellos gezeigt. Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten geistlichen Vater, sagte ihm, wie es mit mir geworden sei, und empfing bald darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen! Himmel und Erde lagen jungfräulich, wiedergeboren vor meinen Blicken! Nein! es kann keine Täuschung gewesen sein! Diese Momente überströmender Seligkeit, diese Gefühle leiblicher Gemeinschaft mit dem Allmächtigen, sie waren nicht Lüge, sie trugen auf ihren Flügeln den Lichtglanz der Urwahrheit!

Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage, womit seine Geschichte begann, sich bis zu dem Ausdrucke der höchsten Begeisterung erhoben. Er schaute mit glänzenden Blicken in die Sonne, die hinter den Hügeln hinabsank. Sie standen auf einer kleinen Anhöhe. Hermann hatte die Erzählung des Proselyten voll Theilnahme gehört. Erinnerungen schöner Art waren in ihm aufgewacht. Von diesen bewegt, drückte er dem Geistlichen die Hand, und sagte leise: Rom!

Rom! Rom! rief Jener außer sich, und warf sich dem Erstaunten leidenschaftlich an die Brust. Ja, Rom! Und ist Rom nur über den sieben Hügeln? Du Unglücklicher, Armer, Darbender! Komm herüber zu uns, wir haben der Speise die Fülle auch für Dich! Sei der Unsere; Du bist dessen werth!

Hermann erschrak über diese unerwartete Wendung. Gegenüber in einem Fenster des Schlosses erschien die Herzogin. Ihr Blick ruhte lange und durchdringend auf der Gruppe. – Wir sind nicht unbemerkt, sagte er ängstlich, und machte sich los. Die Herzogin sieht uns!

So sieht Dich der Engel Deiner Tage! rief der Geistliche. Auch ihre Wünsche steigen für Deine Rettung empor. Auch sie fleht mit den unschuldigen Lippen: Erlöse ihn aus seiner Unseligkeit, o Heiland, das wir ihn haben und behalten, diesseits und jenseits!

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