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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Des Abends waren die Zusammenkünfte gemeinschaftlich. Man hatte festgesetzt, daß Jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle. Im Anfang hielt man auch diese Anordnung aufrecht; der Arzt handelte allgemeinverständliche Capitel der Naturwissenschaft ab, Wilhelmi gab einen populairen Abriß der neueren philosophischen Systeme zum Besten, der Herzog erzählte von der englischen Landwirthschaft, mit welcher er sich gerade eifrig beschäftigte. Da aber nach dem Willen der Herzogin Jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte, so wurde der Cursus doch bald gar zu aphoristisch. Die übrigen Männer zogen sich daher mit guter Manier zurück, und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann, der die Poesie und Unterhaltungsliteratur erwählt hatte.

Unangenehm war es freilich, daß auch hieraus, nach der einmal gegründeten Sitte des Hauses fast nie etwas Vollständiges zum Vorschein kommen durfte. Der Eintritt des Bedienten, welcher zu melden hatte, daß servirt sei, zerschnitt mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Act, Scene, Perioden. Die Herzogin hatte eine eigenthümliche Gabe, sich an Einzelheiten zu erfreun, weßhalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte, ja ein solches nur in Einzelheiten aufnahm. Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister, welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen, mit besonderer Vorliebe an, und nichts glich ihrem Vergnügen, wenn sie einen schönen Gedanken in schöner Sprache außer dem Zusammenhange mit weniger glänzenden Dingen genießen durfte.

Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wöchentlich eine Abwechslung in den Kreislauf der Stunden. Gerade in dieser Gegend waren die Gutsbesitzer unverrückt auf ihren Schollen sitzen geblieben, und hatten von den Ansteckungen des Stadt- und Hoflebens, die dem Adel andrer Orten so gefährlich geworden sind, kaum etwas gelitten.

Hermann wunderte sich nicht wenig, als er in den Cirkeln, die er kennen lernte, auf manchen Mann stieß, dessen einfache Denkungsweise ihm Ehrerbietung einflößte, als er selbst hin und wieder Töchter edler Häuser fand, in deren Unterhaltung er sich schon gänzlich resigniren zu müssen gemeint hatte, und die ein sehr gutes Gespräch zu führen wußten. Denn der Adel dieser Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf, und galt nur für eine Sammlung völlig verbauerter Krautjunker.

Schlittenfahrten, die, so oft es sich thun ließ, veranstaltet wurden, gaben ihm Gelegenheit, sich als gewandten Vorreiter, oder als ersten Diener der Herzogin, wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte, zu zeigen.

Vor allem aber vergnügte ihn die Jagd, die auch wirklich in dem waldicht-hüglichten Gebiete des Herzogs von großer Ergiebigkeit war. Es freute ihn indessen weniger, ein Stück zu erlegen, als dieses fröhliche Ausziehen in der Mitte lustiger Gesellen mitzumachen, das sachte listige Streifen und Schleichen durch den Nebel über Haiden und Waldplätze zu versuchen, die Geschichten, die Ahnungen und Vorbedeutungen zu hören, das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit verzehren zu helfen. Er fühlte sich auf diesen frohen Zügen in solcher Gemeinschaft mit der Natur, dem kräftigen Urzustande der Menschheit so nahe gerückt! Auch wenn kein größeres Treiben statt fand, lag er mit dem alten Erich, der ein firmer Schütze war, und einem Menschen, der zuweilen herüberkam und der Amtmann von Falkenstein genannt wurde, viel im Forste, wobei manche Mondnacht im Kreise kahler reifglänzender Bäume auf dem Anstande versessen ward. Einmal hatte er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Glück, zwei Füchse, die um die Ecke geschlichen kamen, mit den Schüssen seiner Doppelflinte zu tödten. Ein Fall, der noch nicht vorgekommen war, und ihm bei allen Waidmännern ein fast mythisches Ansehen gab!

So gingen unsrem Freunde wohl- oder übelbeschäftigt die Tage hin. Die Bäume waren kahl geworden, der Schnee hatte die Erde bedeckt, war wieder geschmolzen, und nun kamen auf's Neue die Knospen hervor. Seine Gegenwart schien Allen willkommen zu sein, es sah aus, als müsse das immer so fortdauern. Nur einmal ward er zu einem flüchtigen Nachdenken aufgeregt. Sein Tagebuch fiel ihm in die Augen, welches er sonst sehr ordentlich zu führen gewohnt war. Um das Versäumte der letzten Woche, wie er meinte, nachzuholen, schlug er es auf, sah aber zu seinem Schrecken, daß er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte. Auch von früher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt, als: Jagd den und den, Gesellschaft aus *** Schlittenfahrt nach *** ohne alle weiteren Zusätze.

Er besann sich, er hatte geglaubt, daß ihm viel begegnet sei, konnte indessen nichts darüber zu Papiere bringen. Die weißen Blätter sahen ihn wie strafend an; in diesem Augenblicke hörte er die Herrschaften unten von einer Spazierfahrt zurückkehren, und eilte, indem er das Buch weglegte, hinab, sie zu empfangen.

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