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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein. Unser Leben wird zur größeren Hälfte von Gewohnheiten, und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluß genährt. Gewohnheiten aber sind meistens die Polster, welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen. Eine Krankheit unterbricht nun den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten, und macht es dem Genesenden möglich, sich nicht bloß im körperlichen, sondern auch in einem höheren Sinne, wie neugeboren zu fühlen.

Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens ernstlich vor, künftig vorsichtiger zu sein. Die Aeußerungen des Arztes hatten schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen, und Flämmchens eigne Reden dienten nur dazu, den Tag heraufzuführen, bei dessen Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen mußte. Das wilde Mädchen hatte gar kein Hehl, daß sie sich bloß vor der Strenge des alten Johanniters gefürchtet habe. Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen, das sah ihr Beschützer nunmehr zu seinem Leidwesen ein. Es war ihm unbegreiflich, wie sich ein solches Hirngespinnst in ihm hatte festsetzen können, und er beschloß, hinfort noch kälter und klüger zu sein, als er nach seiner Ueberzeugung bereits war.

Die Lage, in der er sich trotz aller Unschuld befand, war sehr zweideutig. Ein junges Mädchen, verkleidet, Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen; welches Mißgefühl für ihn, welch ein Anlaß zu den übelsten Verwicklungen! Aber wohin sollte er mit dem Kinde? Vom Pflegevater, an den er gleich geschrieben, hatte er eine in schwülstigen Ausdrücken verfaßte ablehnende Antwort erhalten. So grausam durfte er nicht sein, ein verlaßnes Wesen von sich zu stoßen; und konnte er hoffen, daß Jemand sich mit dem verwahrloseten Geschöpfe befassen werde?

Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel gespannt. Niemand konnte er sich vertraun. Dabei war ihm der Mangel an aller ordentlichen Bedienung äußerst lästig. Sein Caled war ohne Ohr für die Stunde, ohne Sinn für Ordnung, warf Alles unter und über einander, und wenn er ihr Anweisungen gab, oder Strafpredigten hielt, so fiel sie ihm um den Hals, statt zu gehorchen. Er war daher fast allein auf sich und seine Hände beschränkt, und dazu kam noch, daß schon ihr Geschlecht ihm verbot, Manches von ihr zu fordern, dessen ein Genesender bedarf. Der Arzt, der allein hier hätte einschreiten können, schien, voll Schadenfreude, kein Auge für diese Verlegenheiten zu haben.

Konnte ihm etwas seine verdrießliche Situation erträglich machen, so war es der Umstand, daß das Mädchen über Alles, was Lüsternheit oder nur Sinnlichkeit heißen mochte, in völliger Unbekanntschaft lebte. Er sammelte hierüber merkwürdige Erfahrungen ein, und mußte die ewige Consequenz der Natur bewundern, welche immer nur in einer Richtung bildet und mißbildet. Während ihre Phantasie ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwängert worden war, blieb sie rein von allen den Dingen, womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles und gefährliches Nachsinnen zu beschäftigen pflegt. Mit dem Gedanken, daß er sie heirathen werde, woran sie starr und steif festhielt, verknüpfte sie keine andre Vorstellung, als daß sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen, oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde.

Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen, und fand sie, als er zurückkehrte, nicht in ihrem Vorzimmer. Am Pfosten des Bettes hing ein Täschchen, wie es schien, vollgestopft. Ein Buch, das hervorsah, machte ihn neugierig; er nahm das Täschchen und leerte es aus. Da zeigte sich ein sonderbarer Inhalt. Allerhand Dornen, Stäbchen, beschmutzte Bilder, halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein. Ein sogenannter Krötenstein wurde sichtbar, nebst Stückchen von einem Kindesschädel. Er sah ein Band von ungewöhnlicher Farbe, auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren, vermuthlich das Ordensband einer Loge, irgendwo verloren gegangen. Er öffnete ein zugenähtes Säckchen; dieses fand er mit Salz und Kümmel angefüllt. Ein solches Säckchen schützt nach dem Glauben des Volks als Amulet gegen die sogenannte böse Stelle. Orte nämlich, wo ein Frevel verübt worden ist, wo ein Mord geschah, wo ein ruchloser Mensch einen Meineid schwor, oder den Namen Gottes schändete, sind ungesund. Dort gedeihen nur Würmer unter Nesseln und Quecken, und wer, nichts ahnend, selbst viele Jahre später über die vom Unheil verpestete Stelle hinweggeht, der empfängt davon den Schaden an seinem Leibe. Er schlug die Büchlein auf, welche das Täschchen enthielt, und sah die Vermuthung des Arztes bestätigt. Es waren einige von den Sachen, die vor Jahren die Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten; die Teufelselixire, der goldne Topf, Rasmus Spither u. A. m. theils vollständig, theils in zerlesenen Bogen und Blättern.

Er hielt also den Kram in Händen, welcher das Gehirn des armen Kindes verdreht hatte. Mit der Vertilgung dieser äußerlichen Dinge meinte er den Aberglauben an der Wurzel zu zerstören, und warf daher Alles rasch in das herbstliche Kaminfeuer.

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