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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Die Herzogin an Johanna.

»Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache. Alles, was man spricht, kann man durch Blick und Ton verdollmetschen, aber die schwarzen Buchstaben stellen sich zwischen unsre Meinung und den Dritten, und wer sagt uns, ob sie unsern Sinn getreu überliefern? Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche, Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen; muß ich aber nicht befürchten, daß Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden? Darf ich von demselben irgend eine günstige Wendung des Ereignisses, welches uns betrübt, erwarten? Ich lasse meines Herzens Meinung fliegen, wie die Taube aus der Arche; ob ich ein Oelblatt zurückbekomme, oder nicht? ist mir unbekannt, aber ich lasse die Taube fliegen.

Wir dachten immer über einen Punkt sehr verschieden. Sie hassen die Selbstbetrachtung, Sie glauben, man verliere dadurch alle Freuden des Daseins. Mich dagegen führten die äußern Dinge von jeher in mein Innres zurück; nur was ich dort eroberte, genoß ich als wohlversichertes Besitzthum. Solchen Beobachtungen, selbst denen, die Andern niederschlagend gewesen wären, verdanke ich die größten Freuden. Mit Entzücken erinnre ich mich noch des Tages, wo mir zum erstenmale recht tief im Busen die durchdringende Ueberzeugung von meiner schwachen hülflosen Weiblichkeit wurde. Es war am Morgen nach einem Ballabende, wo man mich mit den schönsten Artigkeiten überhäuft hatte. Da erhielt ich ein Billet, und sah mich in einer Verlegenheit, die ich mit allem Aufwande meines bischen Verstandes nicht zu besiegen vermochte, und von welcher ich mir doch gestehen mußte, daß ein kluger Mann sie spielend gelöst haben würde. An jenem Tage gelobte ich mir, nie mich als Opfer meiner Täuschungen bekränzen zu lassen, nicht sein und vorstellen zu wollen, als eine untergeordnete, hülfsbedürftige Frau. Welches Glück, welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet!

Ich erzähle Ihnen dieses nur, um Sie wo möglich zu überzeugen, daß die Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet, uns vielmehr mit freierem Blicke dem Leben zurückgiebt. Was haben wir denn eigentlich, wenn wir nichts haben, als unsre Irrthümer und den kühnen Willen, sie, koste es, was es wolle, festzuhalten? Ein Tröpfchen Wahrheit ist ja mehr werth, als der ganze Strom selbstgeschaffner Einbildungen, auf dem wir, vertrauen wir demselben unser Schiff an, wer weiß? zu welchen öden Küsten geführt werden. Könnte ich Sie überreden, einmal das, was Sie Unmöglichkeit nennen, zu besiegen! In jedem Menschen ist ein grauer Fleck, den wir doch ja nicht mit Blumen überdecken sollten! Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser beßres Selbst. Alles, was Sie, wie Sie sich auszudrücken pflegen, hemmt, empfängt Ihren Haß, aber wenn ich Ihnen die Frage vorlegte: Ob Sie wohl je erforscht haben, was in Ihnen gehemmt werde? würden Sie mir Antwort geben können, Johanna?

Die Gegenwart umfängt uns mit den Nebeln augenblicklicher Täuschungen. Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel, in dem wir unser Antlitz erblicken können. Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten, so gut ich es vermag. Vielleicht zeigt er Ihnen, daß an Ihrem Anzuge etwas zu ändern sei.

Als der Herzog mich nach dem Tode seines Vaters heimführte, fand ich Sie im Schlosse. Sie waren der Mittelpunkt des häuslichen Lebens gewesen. Die Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen, jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des Hauses. Was für alle Umgebungen seit lange offenbar sein mußte, das Geheimniß Ihrer Geburt, hatte erst kurz vor dem Tode des Vaters aufgehört, für Sie verborgen zu sein. Die Schwachheit entriß dem Greise das Wort, welches seine Liebe zu Ihnen, und den Platz, den er Ihnen eingeräumt, erklärte. Er wollte in Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht bloß die Tochter seiner Wahl, er wollte in Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen.

Ich kam nun an, die junge Frau; in strenger Regel erzogen. Meine Lage war nicht angenehm. Hätte der Vater doch lieber sein Geständniß mit in die Gruft genommen! Mich dünkt, es ist nie gut, zu erfahren, daß unser Dasein mit den Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht. Sie fühlten sich; was war verzeihlicher, als daß Sie sich in Ihrem natürlichen Rechte zu behaupten suchten? Sie sind großmüthigen Sinns; vielleicht wirkt es auf Sie, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich in den ersten Zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe. Ich machte keine Ansprüche, aber ich war denn doch die Gattin des Herrn. Und nichts um mich her war so, wie ich es mochte. Jener Kreis, den Sie herbeigezogen hatten, er war der nicht, in dem mir das Herz aufging, er konnte nie der meinige sein. Große Gaben hat mir der Himmel nicht bescheert, aber ich vermag das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und in Ihrer Gesellschaft, bei dem Anblick der allgemeinen Kälte wehte mich oft ein Schauder des Todes an. Ich beschloß, diese Menschen zu dulden, aber ihnen entgegenzukommen, mit dem Wunsche, sie zu fesseln – dazu war ich außer Stande. Sie verstanden mein Benehmen unrecht; ich fühlte, daß ich bei Ihnen für eine stumpfe neidische Seele zu gelten begann.

Am besten kommen wir mit denen, die uns nahe gestellt sind, aus, wenn wir uns geradezu entschließen, sie zu lieben. Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen Verlangen nach Ihrer Freundschaft. Ob Sie hierunter irgend eine künstliche Absicht suchten, weiß ich nicht. Genug, ich wurde wieder mißverstanden. Sie wichen mir mit der ganzen Gewandtheit Ihres Geistes aus. Nun konnte ich freilich nichts weiter thun, als mich auf meinen Gatten und mich selbst beschränken. Es kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens, die uns beiden wohl immer eine trübe Erinnrung sein wird.

Inzwischen setzte der Herzog, welcher, mit wichtigeren Dingen beschäftigt, auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte, die Reformen fort, welche er nach des Vaters Tode begonnen hatte. Unter den Klagen entlaßner Müßiggänger, die auf meiner Schwelle lagen, umgeben von verdrießlichen Gesichtern derer, die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren, sollte ich ihm mit Meinung und Rath beistehen, ich, die ich mir selbst nicht zu rathen wußte, ich, unter deren Füßen der Boden schwankte!«

(Einige Tage später.)

»Am tröpfelnden Tage wünschen wir uns klaren Himmel, und wenn dann der schwüle Druck des glühenden Sonnenbrandes auf uns lastet, so hätten wir gern die kleine Unbequemlichkeit wieder. – Jene, mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich weggewöhnt, dafür kam der Verderber ins Haus, und bemächtigte sich Ihrer. Wie oft wünschte ich, von seiner unheimlichen Nähe bedrückt, mir den Schwarm zurück!

Ich rede von Medon. Ich fürchte ihn nicht, und nichts in der Welt soll mich abhalten, über ihn zu sprechen, wie ich denke. Er ist böse, grundböse; er ist böser, als Worte sagen können. Dieser Mann hat gewiß noch Niemand ermordet, aber er wäre im Stande, das Menschengeschlecht zu vergiften, um den Raum für seine eingebildete Schöpfung zu gewinnen. Ich schelte Sie nicht, daß Sie in seine Schlingen gefallen sind – mußte ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen, um nicht von ihm bezaubert zu werden. Aber als ich an hundert kleinen untrüglichen Zeichen sah, daß er nur ein Schauspieler, wiewohl ein überaus großer war, daß er mit Wissen, Geschichte, Religion, mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung immer auf Effect abzielte, da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn, wie ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefühlt hatte.

Mit Entsetzen bemerkte ich, daß Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu widerstehen vermochte. Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen, ich sah – verzeihen Sie mir, daß ich es ausspreche – wie er mit Ihnen spielte. Leider sind wir ja immer am schwächsten, wenn wir nicht schwach sein wollen. Der Herzog theilte meine Besorgnisse, die Sie freilich von uns nicht hören mochten. Wir waren nun einmal in Ihren Augen prosaische Naturen. Ich sah Sie dem Abgrunde zuhüpfen, und Sie stießen mich zurück, als ich Sie aufhalten wollte.

Was ich lange geahnet, erfolgte endlich; ein auffallender Bruch aller Verhältnisse. Medon nahm Abschied und reiste; Sie entfernten sich gleichzeitig ohne Abschied, und ein zurückgelaßnes kurzes höfliches Billet sagte uns, daß Sie es Ihrer Neigung angemessen fänden, einen andern Aufenthaltsort zu wählen. Seit dieser Zeit waren Sie für uns verschwunden. In der alten Burg, wo wir uns auf unsrer Rückreise aus Oesterreich nach Ihnen erkundigten, haben Sie mit ihm unter fremdem Namen einige Monate lang gelebt.

Betrachtungen über diese Geschichte anzustellen, halte ich für überflüssig. Redet sie selbst nicht zu Ihnen, so würde mein Wort auch kraftlos sein. Nur noch Eins: Nicht die Liebe hat Sie hingerissen. Die Liebe macht still und weich; so sah ich Sie nie, Sie waren aufgeregt, nicht bewegt. Ihre Unzufriedenheit mit dem, was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte, Ihre Sehnsucht nach der Ungebundenheit, die nun einmal dem Weibe nicht beschieden ist, fand an Medons größerer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart, an seinem Fanatismus für einen erträumten besseren Zustand der Dinge, gleichsam die Beglaubigung, den Anhalt. Aus dieser Sympathie des Mißvergnügens ist Ihr Verderben gewoben worden. Die Hand auf das Herz, Johanna, habe ich Unrecht?

Man nennt Sie vermählt. Das glaube ich nicht. Ein Medon verheirathet sich nicht. Sie haben Ihr Loos Jemandem vertraut, der bei seinen Handlungen sehr wenig an Sie denken wird.

Kehren Sie zurück, Johanna! Sie wandeln einen schmalen gefährlichen Weg; lenken Sie ein in die gebahnte Straße! Kein Blick des Vorwurfs wird Ihnen hier begegnen. Der Herzog ist Ihnen brüderlich gesinnt; die Bitte des sterbenden Vaters bleibt ihm ein Befehl für das Leben. Gern wird er Ihnen das Landhaus, welches Sie liebten, so lange Sie wollen, einräumen. Da können Sie in der Stille, fern von unangenehmen Erinnrungen, sich zurecht finden, können mit uns wieder anknüpfen, wann und wie Sie mögen. Ihr Ruf ist bewahrt; die Freunde wissen nicht anders, als daß Sie eine Reise gemacht haben. Mich sehen Sie erst, wenn Sie selbst es wünschen. Kehren Sie zurück, Johanna!«

*

Diesen Brief, so freundlich er klang und so innig er gemeint war, hatte die Herzogin dennoch mit großem Widerstreben geschrieben. Beinahe hätte ein Zufall das mühevolle Werk vernichtet. Sie besaß einen zahmen Papagei, der frei im Zimmer umherspazierte, und von der Gebieterin verzogen, nach der Weise dieser affenähnlichen Vögel, tausend Possenstreiche ausgehen ließ. Er pflegte in der Regel ernsthaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen, wenn sie arbeitete oder schrieb. Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war, schoß er von seinem Platze auf die Klappe des Secretairs, hatte den Brief im Schnabel, und war damit im Umsehn weg. Schon saß er in einer Ecke, bereit, das Papier mit Schnabel und Krallen zu zerarbeiten. Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab; ob sie aber sehr gezürnt haben würde, wenn der Vogel die Vernichtung vollendet hätte, steht dahin.

*

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