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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advocaten in seinen Zimmern ein Standrecht abgehalten. Im Schlosse wankte eine alte Gestalt umher, wie man dergleichen wohl als Erbstück in den Häusern großer Familien antrifft. Ein sechzigjähriger Bedienter, der bei dem Großvater und Vater gedient hatte, und nun noch so mitschlenderte; derselbe, von welchem der Fremde Wilhelmi'n so zornig angemeldet worden war. Eigensinnig und unverträglich, war er eine Plage der übrigen Dienerschaft, er glaubte mehr Recht zu haben, als sie, weil er seine Cameraden alle hatte eintreten sehen. Oft hatte man, seiner Unbehülflichkeit wegen, ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen, er setzte sich aber hartnäckig zur Wehre, wenn man sein verjährtes Amt ihm zu nehmen gedachte, und einmal, da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb, fand man ihn kurz nachher auf dem Söller in unheimlichen Zurüstungen mit Strick und Nagel begriffen. Damals hatte der Herzog befohlen, man solle ihn dulden, und in seinem Wesen gewähren lassen.

Diesem Menschen ertheilte er jetzt einen ernsthaften Verweis. Er hatte bemerkt, daß Jener, statt den Fremden zu bedienen, immer mit der Schüssel an ihm vorübergegangen war, so daß der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen hatte. Streng fragte er ihn, was für ein Benehmen das sei? und verbat sich für die Zukunft dergleichen grobe Nachlässigkeiten.

Der alte Erich zitterte vor Aerger. Es war keine Nachlässigkeit, Ew. Durchlaucht, rief er. Ich bin noch so accurat, wie einer von den Jüngsten. Aber dem sollte ich etwas zu essen geben? dem? der uns von Haus und Hof treiben will? Nimmermehr! So Einer muß hier verhungern und verdursten.

Was meinst Du damit? fragte der Herzog betroffen. Hast Du gehorcht?

Ich mußte ja das Licht immer zu den Conferenzen bringen. Höre ich nicht, wenn gesprochen wird? Sehe ich nicht, was zu sehen ist?

Wirklich hatte der Herzog, gleich vielen seiner Standesgenossen, sich gewöhnt, die Diener nicht für Personen, wenigstens nicht für Augen- und Ohrenbegabte, zu halten. Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der Aufwartenden verhandelt worden, was diese dann zum Nachtheil der Herrschaft umhertrugen. Er sagte dem Alten, daß er vernünftig sein, und die Sache bei sich behalten solle.

Die Narren haben ihr Herz im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen; Jesus Sirach am Ein und zwanzigsten, versetzte Erich, der gern in biblischen Sprüchen redete. Sie denken, ihren Stuhl herzusetzen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Er klopfte auf seine linke Brust. Der Herzog wußte nicht, was der Alte damit sagen wollte, und bedeutete ihn mit finstrer Miene, sich zusammen zu nehmen, denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt.

Draußen zog der zornige Greis ein langes Messer, welches er immer unter dem Rocke bei sich trug, aus dem Futteral, und murmelte, mit der scharfen Waffe durch die Luft fechtend: Wer den Stein in die Höhe wirft, dem fällt er auf den Kopf. Wer einem Andern Schlingen stellt, der fängt sich selber. Wer seinem Bruder Schaden thun will, dem kommt es über den eignen Hals, daß er nicht weiß, woher? Sirach am Acht und zwanzigsten.

*

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