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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Freilich konnte er nicht zum Besten auf diesen Stand zu sprechen sein. Er hatte, wie viele junge Leute heut zu Tage, ein Stück geschrieben; wenn wir nicht irren, war es eine Tragödie. Nach dem Urtheile derer, die es gelesen haben, fehlte es demselben keineswegs an Geist. Wenn es als Dilettanten-Arbeit auch vielleicht ohne eigentliche Wirkung vorüber gegangen wäre, so hätte das Theater dem Verfasser dennoch wohl den Gefallen thun können, es unter die Fracht aufzunehmen, womit unser Bühnenschiff von Tag zu Tage segelt. Er erfuhr aber die Tücke jener Sphäre, sobald er sich mit ihr einließ. Enthusiastische Versichrungen, brennender Eifer für seine Dichtung, Lauwerden, kritische Zweifel, gänzliches Erkalten, treuloses Zurückziehen, Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen Vorwänden: alle diese Dinge mußte er in kurzer Frist erleben, wodurch er in die übelste Stimmung versetzt wurde. Seine jungen Leidensgefährten halten sich nun bekanntlich nach solchen Wechselfällen dadurch schadlos, daß sie das Dasein der deutschen Bühne überhaupt leugnen und neuen Erscheinungen, welche sich die Gunst der Meinung gewinnen, aus allen Kräften recensirend entgegentreten. Bei Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung. Er hatte eine so reine Begeisterung bei seinem Werke gefühlt, dieser war so schmählich vergolten worden! Sein Haß, seine Verachtung wandte sich nicht blos gegen das Institut, sondern er begann auch die Persönlichkeit der Schauspieler gering zu schätzen. Es gab nichts, dessen er sie nicht fähig gehalten hätte, und jede Anschuldigung war er geneigt zu glauben, sofern sie Einen aus dieser von ihm verworfnen Kaste betraf.

So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Comödianten. Daß ein schlechter Plan schwer zu beweisen sei, daß die Obrigkeit den Kuppler vertreten werde, wenn man nicht eine entschiedne Niederträchtigkeit darzuthun vermöge, diese Betrachtungen zogen ihm durch den Kopf; er sah ein, daß er in einem so verwickelten Falle mit seiner ganzen so früh erworbnen Klugheit werde handeln müssen. Da ihm nun ein andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte, so gerieth er auf den wunderbarsten Gedanken. Er beschloß nämlich, sich anzustellen, als habe er selbst die Absichten auf das Mädchen, welche er bei dem alten Spießgesellen des Pflegevaters voraussetzte, letzteren dadurch in eine Falle zu locken, und wenn er hineinging, wenn er durch unvorsichtige Aeußerungen sich bloßstellte, dann im Namen der Tugend mit ihm zu machen, was er wollte.

Der Comödiant hatte die Sorge um sein entlaufenes Unkraut grade etwas bei Seite gesetzt und an das Declamatorium gedacht, welches endlich doch zu Stande kommen sollte. In diesem wollte er unter Anderem Lear auf der Haide produciren, und zwar, die Wirkung zu verstärken, im Costüme. Er erwartete den Johanniter als Zuhörer zu einer Probe und ging, für sich recitirend, die Stube auf und ab. Sein Negligé war das tiefste; er befand sich nämlich noch im Hemde, hatte aber, um das Mantelspiel einzuüben, die Enveloppe seiner seligen Frau umgeworfen.

Gerade bei den Worten an die Elemente:

»Hier steh' ich, Euer Knecht,
Ein armer, schwacher, tiefgekränkter Greis!«

trat Hermann, dessen Klopfen nicht vernommen worden war, in das Zimmer. Der Anblick eines barfüßigen Menschen mit der Nachtmütze auf dem Kopfe, dem die alte kurze Weiber-Enveloppe kaum die Hälfte der dürren Schenkel bedeckte, brachte unsern Helden einigermaßen aus der Fassung; doch nahm er sich zusammen und stellte sich dem gemißhandelten Könige als einen Kunstfreund dar, der ihm seinen Besuch machen wollte. Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron, um für sein Cavalier-Mährchen Grund und Boden zu gewinnen.

König Lear, sehr erfreut über den Besuch eines Mannes, welcher nach rasch angestellter Schätzung zu schließen, ihm mehr als ein Billet abnehmen würde, nöthigte den Fremden mit äußerster Höflichkeit, ohne Bestürzung über seine Blöße, zum Sitzen und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgespräch, welches freilich nicht geeignet war, nach dem Punkte hinzuführen, den Hermann im Auge hatte.

Konnte dessen Ueberzeugung, dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch gesteigert werden, so geschah es nun. Hermann gehörte zu denen, welche durch eine Physiognomie, durch den Klang einer Stimme bis in ihr Innerstes zu verwunden sind. Der Comödiant hatte jenen weichen bürgerlichen Biedermannston, mit welchem sie auf den süddeutschen Bühnen Helden und Väter spielen, in das tägliche Leben hinübergenommen, sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein, Schminke und theatralischen Rührungen. Hermann ekelte der widerwärtige Ton an, ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters welches wie der deutsche Hausvater sprach, immer heftiger; er unterbrach den salbadernden Comödianten plötzlich und sagte: Nun etwas Anderes weshalb ich eigentlich gekommen bin. – Er wiederholte mit einem gewissen Accent, daß er Baron sei, einige Güter in Böhmen und eine Herrschaft in Schwaben besitze. Seine Wangen glühten vor Schaam und Verdruß. Der gute und anständige Mensch mag sich nicht einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben.

Es entstand also eine tiefe Pause. König Lear sah den jungen reichen Baron mit großer Ehrfurcht an und zerbrach sich den Kopf, was bei diesem Gespräche herauskommen werde. Seinerseits fühlte Hermann, daß er nunmehr durchaus ohne Weg und Steg sei. Unfähig, den angelegten Wüstlings-Charakter rein und frech zu halten, verlegte er sich auf Andeutungen. Er stammelte und stotterte Allerlei daher; daß er den Andern mit Flämmchen da und dort gesehen habe, daß es Eindrücke gebe, rasch und augenblicklich und doch tief und entscheidend, daß die Liebe ein Wunder sei und als Wunder behandelt werden müsse, über kleinliche Formen erhaben, daß die Sehnsucht eines fühlenden Herzens nach Vereinigung lechze, und was dergleichen mehr war.

Der Pflegevater begleitete diese verworrnen Reden, so lange sie blos von Flämmchen handelten, mit Ausrufungen, deren Muster in den Stücken zu finden war, worin eine Tochter dem Vater wegläuft. Als er aber von dem Eindrucke hörte, von der Liebe und von der Sehnsucht, als er das erhitzte Gesicht, die feurig umherirrenden Augen des Jünglings erwog, da kam ihm eine andere Gedankenreihe, und zwar eine sehr freudige. Was konnte der junge Mann Schlechteres sein, als ein verliebter Edelmann, der einen dummen Streich machen und ein schönes Findelkind heirathen wollte? Es war ein Fall, der ganz in seine Praxis gehörte. Zu Hunderten hatte er Abends zwischen Neun und Zehn Uhr hinter den Lampen die Mißbündnisse eingesegnet. Seine Seele frohlockte; endlich erschien der Tag, an welchen er Flämmchen gründlich loswerden sollte, und was ging ihm nicht Alles noch daneben auf! Er überlegte in der Geschwindigkeit, ob er seine alten Tage auf den böhmischen Gütern oder in der schwäbischen Herrschaft zubringen solle, und entschied sich für Böhmen, wegen des Carlsbades. Die Augen trocknend, welche immer weinten, sobald er wollte, schnupfte er stark, und wiegte vergnügt das Haupt hin und her, während Hermann seine Bruchstücke vortrug. Als dieser ausgestottert hatte, stand Jener auf, streckte die Hand in Hemdärmeln aus der Enveloppe, nahm unsern Freund bei der Rechten und sagte: Kriegsrath Dallner in Stellung, Blick und Gebärde: Lieber Baron, die Papiere über Ihre Angaben! Sind die Papiere in Ordnung, hegen Sie wirklich die Absichten, welche Sie hegen, so sage ich: es sei! Nimm sie hin!

Und wie machen wir es mit Ihrem alten Freunde?

Nun, mein Gott, von dem kann ja gar nicht mehr die Rede sein. Wenn ein Mann, wie Sie, mit solchen Anträgen auftritt . . .

Ha, Schändlicher! rief Hermann, sich vergessend, packte den Comödianten bei der Brust und schüttelte ihn aus allen Kräften. Schändlicher Kuppler, habe ich Dich endlich? – Donner und Doria, zu Hülfe! ächzte der entsetzte Alte.

Der Johanniterritter trat ein. Was giebt es hier? fragte er erstaunt, Hermann ließ den vermeintlichen Lastervater los. Mord! Mord, und Mortimer! rief der Comödiant. Dieser Mortimer drang zum Heiligthume meines Heerdes, begehrte Flämmchen zum Weibe, ich willige ein, da spinnt er meinen Tod, der Entsetzliche.

Grauer Lügner! rief Hermann. Ich hätte Flämmchen zum Weibe begehrt? – Nun, was wolltest Du sonst, Ungeheuer der Nacht? fragte der Pflegevater. – Hier muß ich Licht anstecken, rief der Johanniter, und trat dicht vor Hermann. Wenn dem so ist, wie mein Freund hier sagt, so haben Sie sich, auf Ehre sehr sonderbar betragen, mein Herr, und ich bitte mir von Ihnen eine Erklärung aus und zwar eine bestimmte.

Sie wollen von mir eine Erklärung und in dem Tone? rief Hermann mit funkelnden Augen. Wohlan, hier ist sie. Sie sollen Ihr Vorhaben mit dem unschuldigen Kinde nicht ausführen, so lange ich einen Arm rühren kann! Pfui, mein Herr! Sie betragen sich Ihrer Jahre wenig würdig. Das Kreuz auf Ihrem Rocke ist übel daran.

Der alte ehrenzarte Johanniter, der sich ohne irgend einen Grund so empfindlich beleidigen hörte, gerieth in einen schrecklichen Zorn, der sich durch ein dumpfes Lachen ankündigte. Er knöpfte seinen Rock zu, grub mit den Fingern in der schwarzen Halsbinde, zerrte am Schnurrbart, sein gelbes Gesicht wurde dunkelbraun. In der Ecke hatte der Comödiant das Schwert des Otto von Wittelsbach stehen, auf dieses warf der Gekränkte einen Blick, welcher das Schlimmste fürchten ließ. Der Comödiant, der seinen Freund kannte und nichts inniger haßte, als wirkliches Blutvergießen, war mit einem Satze in der Ecke, packte die Waffe und sprang damit in die Kammer, welche er hinter sich verriegelte. Der Johanniter sagte, mühsam unter der Wucht seines Grimmes athmend: Es sind nur zwei Fälle möglich. Entweder Sie sind ein hergelaufener Landstreicher ohne Namen und Stand, dann werde ich Ihnen angedeihen lassen, was Ihnen gebührt, oder Sie sind im Stande, mir Genugthuung zu geben, dann wissen Sie, was ich für Ihre Worte von Ihnen zu fordern habe.

Ich weiß, versetzte Hermann. Man darf sich das Aeußerste erlauben und dann doch sehr entrüstet sein, wenn der Andere die Sache bei ihrem Namen nennt. Die Sitten und Gebräuche der Welt sind über mir. Ich war Offizier; verlangen Sie mein Patent zu sehen?

Der Johanniter verneinte kalt und höflich, und das war gut, denn jenes Dokument wanderte ja auch in der eingebüßten Brieftasche mit dem Philhellenen gen Hellas.

Man bestimmte Ort und Stunde, der Johanniter versprach auch, da im Städtchen keine Waffen zu bekommen waren, aus seinem Vorrathe für diese zu sorgen.

Sie schieden von einander in den Formen hergebrachter Artigkeit. Der Comödiant kam aus seinem Verstecke hervor, noch immer im Hemde, und sagte zum Freunde: Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her, aber diese Art der Tollheit ist mir fremd, daß der Liebhaber den Vater bei der Gurgel packt, wenn man eben die Einwilligung ertheilt.

Das geht mich Alles nichts an und ist mir ganz einerlei, versetzte der alte Ritter. Ich habe mit Ehren gelebt und gedient, und auf meine Ehre, er soll einen Aderlaß bekommen, daß es ihm nie wieder einfallen wird, einen Mann, wie ich bin, zu beleidigen.

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