Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Nach der tiefsinnigen Bemerkung des seligen Asmus rühren die Mißverständnisse gewöhnlich daher, daß Einer den Andern nicht versteht. Dieser Satz erhielt durch das, was nunmehr zwischen Hermann und dem Comödianten vorfiel, eine neue Bestätigung.

Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt.

Aus den Händen armer Leute empfing der Comödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmüthiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen.

Indessen brachte ihm diese wohlthätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Comödiantenwirthschaft zu Theil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe.

Einmal hatte man sie unter Mühe und Noth, durch Hunger und Kummer dahin gebracht, die Rolle des Knaben Otto in der Schuld zu lernen. Der Abend kam, Flämmchen ließ sich gehorsam anziehen, schminken wolle sie sich schon selbst, sagte sie. Jerta stand auf den Brettern und declamirte die erhabensten Sachen, Elvire zitterte noch von dem Ereigniß mit der gesprungnen Saite, da kam Flämmchen, der Castilianische Knabe, aber wie? Roth, blau, gelb, grün, weiß, und was für Farben noch sonst! hatte sie sich in das Gesicht gestrichen, sie glich durchaus den Makis mit den Regenbogen-Wangen, welche die Zierde der umherwandernden Menagerieen zu sein pflegen. Jerta verstummte, Elvire kreischte, das Publikum wußte nicht, woran es war. Flämmchen trat an den Rand des Prosceniums, sang ein Lied ohne Sinn und Verstand, sprang ins Orchester, half sich am Baß empor, kletterte über die Brüstung, war im Parquet, wischte sich gelassen die Schminke aus dem Gesichte und erklärte den Leuten in den Sperrsitzen, es sei ihr unmöglich, vor der ganzen Stadt die verrückten Streiche zu machen, die man von ihr begehre. Nach der Bühne rief sie hinauf: Spielt nur weiter, Ihr könnt meine Sachen auslassen!

Man denke sich die Verzweiflung der Schauspieler und den Jubel des Publikums! Geschrei, Gelächter, Klatschen von oben bis unten, aus allen Ecken des Hauses! Man verlangte Flämmchen in den Logen, im Parterre, überall. Sie aber blieb ruhig in einem Sperrsitze und schien sich um den ganzen Lärmen nicht weiter zu kümmern. Bald wurde das Publikum seines Jubels auch wieder müde, man forderte von den armen Schauspielern heftig das Stück! Don Valeros, der Vater und Pflegevater, trat heraus, erklärte, der beklagenswürdige Vorfall mache die Fortsetzung der Schuld unmöglich, und kündigte den lustigen Schuster an. Nun gingen die Gebildeten aus dem Theater, ließen sich das Legegeld an der Kasse zurückgeben, und nur der Pöbel blieb.

Seit diesem verderblichen Abende, der dem Pflegevater vom Direktor auf Rechnung gestellt wurde, wünschte jener herzlich, der Bürde entledigt zu sein, die seine Gutmüthigkeit ihm aufgeladen hatte. Es kam dazu, daß alle Menschen, und insbesondere die jungen Männer, Parthei gegen ihn und für Flämmchen nahmen, deren Eulenspiegeleien Jedem, der nicht durch dieselben litt, gefielen. Man redete auf ihn ein, er müsse nur zu erziehen wissen, er müsse diese Natur nach Principien behandeln. Der arme Comödiant wußte aber von Pädagogik so viel, wie von den Bewohnern des Sirius. Er war daher mit seinem Verstande durchaus am Ende und verschwor, jemals wieder die Tugend der Wohlthätigkeit zu üben.

Nachdem er wegen schwindenden Gedächtnisses wieder verabschiedet worden war, zog er durch das Land und stoppelte noch hin und wieder ein Declamatorium in irgend einem Winkel zusammen. Auch nach dem kleinen Städtchen war er in dieser Hoffnung gekommen, hatte aber erst Nichts zu Stande bringen können und still liegen müssen.

Hier fand er eine frühere Bekanntschaft wieder, einen alten verwitterten Menschen, der mit dem Johanniterkreuze geziert war, und, da der Orden nichts mehr zu leben giebt, sich zu einem kleinen Posten, wenn wir nicht irren, im Zollfache hatte bequemen müssen. Sie hatten einander in besseren Verhältnissen gesehen. Damals war der Pflegevater ein beliebter Acteur, der Andre ein kräftiger, lebensfrischer Offizier gewesen. Letztrer gehörte zu den Figuren, wie deren so viele in Deutschland umherwanken. Er hatte während der Umwälzungen unsres Vaterlandes mehreren Herren nach einander gedient und war auch eine Zeit lang der Camerad von Flämmchens Vater gewesen. Er sah das geckenhafte Mädchen bei dem alten Genossen seiner schöneren Erinnerungen und faßte eine Zuneigung zu ihr. Nach seiner Meinung mußte der schöne Trotzkopf mit vernünftiger militairischer Strenge behandelt werden. All Dein Gebelfre hilft nichts, sagte er zum Comödianten. Sie muß durch Disciplin, Commando, Tempo, Prison und dergleichen in Ordnung kommen.

Er bat, Flämmchen ihm zu geben. Die Ordnung und die Sparsamkeit selbst, besaß er eine kleine Wirthschaft und mochte vielleicht bei seinem Vorschlage den Gedanken an eine junge Frau zum Troste seines Alters im Hintergrunde der Seele hegen.

Wer war froher, als der Pflegevater? Mit Freude schlug er ein, nur besorgte er im Stillen, daß der Johanniter sein Flämmchen nach wenigen Wochen als unverbesserlich ihm zurückgeben werde. Vor der Hand vereitelte aber ihre Flucht die Ueberlieferung.

Flämmchen entsprang nämlich, sobald sie hörte, daß ihrer eine strenge militairische Disciplin harre. Die Unordnung war noch das Einzige, was sie am Pflegevater liebte, sie hatte schon immer Reißaus genommen, wenn der hagre Johanniter gekommen war. Die Alten suchten und fanden sie nicht, sie war wie verschwunden.

So hing die Sache zusammen. Was dem Flüchtling in der Irre begegnete, werden wir späterhin erzählen.

Freilich fehlte viel, daß Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig erschienen wäre. Die zärtlichen Blicke des Mädchens, die Verleumdungen des Wirths, seine eignen übereilten Aeußerungen gegen die Herzogin hatten gewissermaßen den Verführungs-Roman zusammengebaut, in welchem er selbst mit den Goldstücken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glänzte. Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die Ueberzeugung von der Ruchlosigkeit des Pflegevaters.

*

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.