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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Geräusch, fröhliches Rufen, Leuchten und Fackeln verkündigten das Nahen der zurückkehrenden Hausgenossen. Cornelie trat ihnen im Flur entgegen, und wurde von Allen auf das Herzlichste bewillkommt. Der Prediger schloß sie in seine Arme, Wilhelmi nahte sich ihr schüchtern und bat sie um Vergebung. Sie gelobten ihr, daß ihr künftiges Schicksal nur von ihr abhängen solle.

Alle waren naß, und der Erquickung bedürftig. Man versammelte sich, nachdem die feuchten Röcke, Westen und Fußbekleidungen mit trocknen vertauscht worden waren, im großen Zimmer, wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch die Besorgnisse des Tages und die Mühseligkeiten des Abends vergessen wurden.

Cornelie nahm, sobald es sich thun ließ, den Prediger bei Seite, und erzählte ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter. Dieser theilte die Sache Wilhelmi mit, und sie entschlossen sich, am folgenden Morgen nach der Wiese zu gehen, welche Cornelie ihnen beschrieben hatte.

Auch von dem Ringe, und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht, war ihnen etwas gesagt worden. Wilhelmi klopfte daher, als die Uebrigen sich zur Ruhe begeben hatten, an Hermanns Zimmer, worin noch Licht zu sehen war, und wollte öffnen, fand aber die Thüre von innen verriegelt, und bekam auf sein Rufen keine Antwort.

Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschäfte zurück; Wilhelmi machte sich daher, nur von einigen Arbeitsleuten begleitet, auf den Weg nach der Wiese. Dort hatten sie einen Anblick, welcher sie in Erstaunen setzte. Die Alte saß noch, wie Cornelie sie ihm geschildert hatte, ohne Regung, mit aufgezogenen Knien, das Haupt im Schooße und in den umfassenden Armen; ein Bild des versteinernden Schmerzes, und neben ihr lag der schöne, blasse Leichnam, vom Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewühlt, welche ihre bunten Glocken über dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten. Wilhelmi erkannte die Züge des Knaben, der ihm auf dem Schlosse lieb gewesen war, wieder, und fühlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe räthselhafter Begegnungen.

Er wollte die Alte erwecken lassen, diese fiel aber bei der ersten Berührung zusammen. Sie war nicht todt, denn ihr Athem ging, wenn auch kaum hörbar, aber in einem bewußtlosen, schlafartigen Zustande.

Ein rüstiger Arbeiter mußte sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster tragen; den Andern gab Wilhelmi die nöthige Anweisung, wie der Leichnam zu bestatten sei. Ueberwältigt von so vielen außerordentlichen Dingen, befahl er, daß ganz nach den Worten der Alten hierbei verfahren werden solle, die ihm Cornelie hinterbracht hatte. Schweigend machten die Männer eine tiefe Gruft auf der Wiese, schweigend senkten sie den zarten Leichnam, um den nur ein feines Musselintuch geschlagen ward, ein.

So wurde das wilde, ausgelassene, unglückliche Flämmchen unter Gräsern und Blumen zur Ruhe gebracht. Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwände eine Scheidung. Nicht unpassend erschien diese Art des Begräbnisses. Den Elementen hatte sie im Leben näher angehört, als der menschlich-geselligen Ordnung, den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft zurückgegeben.

Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt. Ihr Starrkrampf, Schlaf, oder was es sonst war, dauerte fort. Der herbeigerufene Hausarzt erklärte, man müsse die Natur walten lassen, welche die inneren Organe wohl wieder so weit beleben könne, um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewußtsein zu setzen.

Wilhelmi, Cornelie, der Prediger, ja selbst die kalten Geschäftsmänner wandelten umher, halbkrank, von schwärmenden Einbildungen erfüllt. Denn auch Hermann war für sie unsichtbar geworden. Seit jenem Abend hatte er den Verschluß seines Zimmers noch nicht aufgehoben, nur die nothwendigsten Speisen ließ er sich einmal des Tages hinreichen, und schob dann sogleich wieder den Riegel vor. Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenüberliegenden Hauses, und sah, daß er unaufhörlich den Ring anstarrte, dann emsig schrieb, und von dieser Beschäftigung nur wieder zu jener Gebärde überging.

Was wird aus allem diesen werden? sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger, mit dem er viel zusammen war. Wo liegen die Knoten, durch deren Lösung ein verworrenes Gewebe zu ordnen sein möchte?

Ich bin auf Alles gefaßt, versetzte der Prediger. Es sollte mich nicht wundern, wenn hier in unserer friedlichen Gegend plötzlich ein Vulcan den feurigen Schlund aufthäte, oder ein Erdbeben unsere Häuser in ihren Grundvesten erschütterte, so wilde Begebenheiten haben einander gedrängt und überstürzt.

Große Besitzungen ohne Herrn, ein guter, zu allen Freuden des Daseins berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestürzt! rief Wilhelmi. Verborgene Schuld abgelaufener Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen, und keine Sonne der Hoffnung aufgehend über den Gräbern des Herzogs, des Oheims, der Tante, Ferdinands, Flämmchens! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und abgekürzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart.

Wäre in unserer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge unvertilglich, so müßte uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen, welches die Schulknaben zu treiben pflegen, erwiederte der Prediger. Sie schreiben auf die erste Seite ihrer Grammatik: Wer meinen Namen wissen will, schlage Pagina da und da auf. Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen, und so weiter. Endlich, wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor und zurück hindurchgearbeitet hat, bleibt der Name mit einem albernen Scherze aus.

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