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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 121
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Der Oheim war kaum einige Monate todt, als die Folgen einer Verwaltung durch Mehrere bereits sichtbar zu werden begannen. Obgleich der Verstorbene in den letzten Tagen seines Lebens nur wenig persönlich eingegriffen hatte, so war er doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen, in ihm bestand eine Autorität, durch welche das Zweifelhafte entschieden, jedes Wagniß gerechtfertigt wurde. An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr gänzlich, es zeigte sich hier, was in den Welt- und Staatsverhältnissen immer eintritt, wenn ein großer König oder ein Held von hinnen geht, und sein Werk von den Stellvertretern weitergeführt werden soll. Unendlich ist der Abstand tüchtiger Ausführung von dem Blitze der Erfindung. Man zagte oder hazardirte, und verlor durch Beides. Die Verluste erzeugten Mißmuth und Anklage, aus solchen üblen Stimmungen entsprangen Sonderungen und Partheien, Jeder glaubte am Besten zu thun, wenn er nur in seiner Sphäre isolirt-thätig sei, und darüber kam bald der Zusammenhang des Ganzen abhanden, welcher doch allein den Gedanken des Oheims erhalten konnte. Schon erklärte Einer und der Andere, daß er sein Schicksal weiter zu suchen gedenke, und Alle fühlten sich von einer Gemeinschaft bedrückt, die noch vor Kurzem ihr Stolz gewesen war.

Inmitten dieser Einbußen und Spaltungen lebte der Herr der Reichthümer sein dämmerndes Pflanzenleben fort. Man war übereingekommen, so lange als nur möglich ihn für geistig gesund gelten zu lassen, um die Einmischung des Staats, die Alle als das größte Uebel fürchteten, abzuhalten. Seine Unterschrift mußte daher jedes wichtigere Geschäft bekräftigen; er gab sie, ohne zu fragen, was er unterschreibe? Nur die große Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte, daß sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete. Aus der Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem Tode des Oheims in das Haus gezogen, welches ja nun das seinige war. Dort lebte er in stillen Hinterzimmern, den ganzen Tag über lesend, schreibend oder mit sich selbst redend. Vor dem Verkehr mit unbekannten Menschen hegte er eine große Scheu, und mied deshalb die Gemächer nach der Straße, während er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht und zutraulich zu benehmen wußte. Diese wichen ihm aber aus, wo sie konnten; seine Erscheinung war ihnen zuwider, und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn nicht. Nur Cornelie ging leise und mild neben ihm her, sorgte für seine Bedürfnisse, ohne gleichwohl irgend eine tiefere Bewegung blicken zu lassen.

Unvermuthet kam eines Tages der Arzt angefahren. Er hatte, auf der Heimkehr begriffen, den Brief des Predigers erhalten, und den Umweg mehrerer Meilen nicht gescheut, den wiedergefundenen Kranken zu besuchen, und zu ergründen, ob vielleicht jetzt zu helfen sei. Mehrere Tage verweilend, sprach er nach genauer Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Uebels aus, da sich keine Reizbarkeit zeige, und folglich kein Mittel eine Erregung oder Crisis hervorbringen werde. Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre Entlassung, und die noch zurückblieben, wurden mehr von einer Nothwendigkeit gefesselt, als durch einen Wunsch bestimmt.

Wilhelmi reiste ab und zu, wie seine Häuslichkeit es ihm nur gestatten mochte. Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des Unglücklichen.

Ueber Cornelien, zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war, sprach er mit diesem einen Plan ab, welcher wenigstens ihre nächsten Jahre sicherstellte. Seine Frau wünschte, bei erweiterter Familie, eine Gesellschafterin, der sie Kinder und Haus mit Zutrauen übergeben konnte, wenn Cirkel, Theater oder Reisen sie selbst abberiefen. Wer war zu einer solchen Stelle geeigneter, als das schöne, sanfte, feste Mädchen? Als beide Männer ihr diese Condition vorschlugen, willigte sie ohne Zaudern ein. Wilhelmi bestimmte den Tag der Abreise, Cornelie ordnete ihre kleine Habe, und schien ganz ruhig und gefaßt zu sein. Nur fiel es denen, die sie näher kannten, auf, daß sie jede Stunde, welche ihre häuslichen Geschäfte ihr frei ließen, zu einsamen, oft weit wegführenden Wanderungen durch die Gegend benutzte.

Ging sie, so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde stumpfer aussichtloser Tage. Der Zustand der Menschen hier und in der Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender. Man spricht von einem Schattenreiche; hier hatten die Todten eins auf Erden hinter sich zurückgelassen.

*

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