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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 120
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Eine solche Wendung war den Mächten, welchen das menschliche Dasein nur zu leicht verfällt, gelungen. Voraussicht, Klugheit, Berechnung waren zu Schanden gemacht worden, ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen, den fürsorglichsten Mann riß das Schicksal mitten aus ungeordneten Verhältnissen in Verzweiflung hinweg. In einem Hause, worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde, hatte der widersinnigste Aberglaube seine Flügel, bis zum Wahnwitz treibend, schwingen dürfen, und über Lippen, die nicht wußten, was sie sprachen, war das Geheimniß der Familiensünde elementarisch gesprungen.

Diesen Ausgängen war hier Niemand gewachsen. Die Arbeit stockte, muthlos schlichen die Geschäftsleute umher. Man mußte an die Bestattung der Leiche denken, und auch da zeigte es sich, daß der Zorn jener dunkeln Gesetze, welche in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten, noch nicht vorüber sei.

Theophilie, von welcher man den Schlüssel zum Erbbegräbnisse wiederverlangte, weigerte sich, ihn zu geben, und berief sich auf die Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehen, der denn auch alle Beweggründe der Milde und Versöhnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.

Sie ließ ihn ruhig ausreden und sagte dann: Ich ehre diese Grundsätze des Friedens, aber man kann verschiedene Wege gehen, die alle recht und gut sind. Auch die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Rächerin meiner Familie. Er hat uns im Leben aus unserem Eigenthume getrieben, dafür versage ich ihm die Ruhe bei meinen Todten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das Geheimniß, welches ich wußte, wäre mit mir zu Grabe gegangen, der Schlaf verrieth es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den Flammen übergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindisch gewordener Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stößt ihm damit das Herz ab. Ich finde etwas Großes und Göttliches in diesem Hergange; er erinnert an alte Mährchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das Tiefverborgene an den Tag bringen.

Da er sah, daß sie nicht zu überreden war, so stand er ab; man beschloß, kein Aufsehen zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfügt habe, und die Andern billigten seinen Rath, zu dessen Ausführung Alles in Bereitschaft gesetzt wurde.

Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit, und will nicht dulden, daß das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden die Bewohner des Dorfes von einem Getöse erweckt, in welchem sie bald das Rauschen stürzender Fluthen erkannten. Man machte sich mit Fackeln und Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schäumenden Wasserfalle verwandelt. Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab, der an manchen Stellen gürteltief war.

Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.

Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Brückenbogen, schoß der weißschäumende Strom bergab, und hatte Mauerstücke, Bäume, ja auch die Behältnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohnes bargen, mit sich fortgerissen. Diese lagen, kläglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust widerlich umsäumt, am Abhange des Berges. Ein Theil des Gruftgewölbes war eingestürzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer weiter wühlenden Fluthen nicht bald gebrochen wurde.

Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt.

Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung Niemand in der allgemeinen Bestürzung gedacht hatte, nicht mehr ausgeschöpft, und überdies durch Regengüsse in den Bergen über seinen gewöhnlichen Inhalt angeschwollen, hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgenen Rinnen auf die Auswölbung der Gruft gedrückt, und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des Gemäuers überwunden.

Es geschah, was geschehen konnte, um die Gefahr einer Ueberschwemmung von den Thalbewohnern abzuhalten. Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt, so daß der Zufluß zum Gewölbe bald vermindert wurde, und man auch von dort dem Elemente entgegenwirken konnte. Das einzige Mittel kräftiger Begegnung war, die Gruft auszuschütten, und den Berg in seiner dichten Ründung herzustellen. Dieß geschah mit rastloser Thätigkeit. Felsblöcke, Buhnengeflecht, Lehm- und Schuttlagen mußten die Höhlung füllen, und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schönen Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken, als der Marmor der Pforte, welcher unnütz und Wehmuth erregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen hervorblickte. Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natürlich der Wege und Anlagen nicht schonen können, so daß, als die Sache gethan war, zertretener Rasen, abgebrochene Stauden, verwüstete Blumenflecke, Sumpf und Nässe den Rahmen um jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten. Inzwischen wartete der Prediger seines Amtes, ließ im Dunkel des späten Abends Mutter und Sohn erheben, und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfes einsenken. Auch war nach diesen letzten trüben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden, dort das Gewölbe für die Leiche aufthun zu lassen, und sie so dem Hasse und den wüthenden Naturkräften zu entrücken, welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen zu haben schienen.

Traurig und langsam rückte der schwarzbehangene Wagen in kleinen Tagreisen gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor, welches nun die eingefallenen und geschlossenen Augen des bürgerlichen Erwerbers nicht schauten, wo Keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Gruße entgegenkam. Aber in der Nähe des Schlosses erhielt der Verblichene Gesellschaft; auch der Herzog befand sich auf dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen. Man hatte, die Bestattung möglich zu machen, die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewußt, und jene, sobald man erfuhr, daß auch der Oheim dort ruhen solle, beeilen wollen, um fertig zu sein, wenn diese zweite Leiche einträfe. Allerhand Zufälligkeiten verzögerten indessen die Ausführung der Anstalten, und so kam es, daß die beiden Züge in dem breiten Wege, welcher nach dem Erbbegräbnisse führte, zusammentrafen. Der Prediger trat mit dem herzoglichen Caplane in kurze Berathung, und beide Männer, von einer religiösen Empfindung erschüttert, ordneten an, daß der Tod keinen Vortritt gewähren, sondern seine stillen Unterthanen mit gleichen Rechten empfangen solle. Weg und Pforte waren geräumig genug, zwei Särge nebeneinander aufzunehmen, und so gingen die Gegner einträchtig zusammen in die dunkle Wohnung ein.

Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die Hinterbliebenen in das Leben zurück. In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine Commission zusammen, welche die Geschäfte in der bisherigen Weise und im Geiste des Verblichenen fortzusetzen sich bemühte. Auf dem Schlosse des Standesherrn wurde von ihren Bevollmächtigten inventarisirt, auf Feldern und Waldgründen vermessen. Die Maschinen begannen wieder zu klappern, die Arbeiter ihre Packen auf den gewohnten Wegen zu tragen, in den Comtoirs schrieb und rechnete man wie früher.

Wenn sie sich nun aber fragten, wer der Herr der unermeßlich angewachsenen Güter sei, und für wen alle diese Arbeit geschehe, so war die Antwort von der Art, daß sie, selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fügungen des Zufalls, noch staunen machen mußte. Wie man sich wenden mochte, die Lage der Sache ließ sich nicht bestreiten. Der Oheim war ohne Testament, kinder- und geschwisterlos gestorben, und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein nächster, gesetzlicher und rechtmäßiger Erbe.

An Verderben und Untergang mag Niemand, der seine Hände rüstig bewegt, denken; wie jedoch unter einem solchen Eigenthümer ein fast unübersehlicher Besitz, das weitverzweigteste Geschäft sich steigern, ja nur sich nothdürftig erhalten lassen sollte, mußte dem klügsten menschlichen Auge verborgen bleiben.

Wilhelmi war angekommen. Auch ihn bewegten die Ereignisse tief, als er ihren Gang und Zusammenhang vernahm. Er meinte einen Augenblick, Hermanns Abspannung durch die plötzliche Nachricht von dem märchenhaften Glücke, welches ihn betroffen, aufzurütteln, aber vergebens. Hermann empfing die Meldung, daß er nun ein Millionär sei, wie etwas Bekanntes, woran er, wie er sagte, gleich bei dem Absterben des Oheims gedacht habe.

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