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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Sobald der Sarg niedergesetzt war, und die wogenden Menschenwellen, welche nun nicht allein den Platz oben, sondern auch alle Abhänge des Berges überflutheten, sich beruhigt hatten, erhoben die Jungfrauen ihre Stimme, und sangen den Psalm ab, dessen gehaltene, ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerührt haben würde, wenn nicht das vom Weiher herklingende Geräusch der heftig arbeitenden Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tönen hervorgebracht hätten. Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge, verrichtete das Gebet, und knüpfte an dasselbe folgende Worte:

Ihr seid es von mir schon längst gewohnt, meine Zuhörer, daß ich Euch in meinen Vorträgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren, nicht auf die kalten leeren Höhen spitzfindiger Grübelei zu führen pflege, weil ich der Meinung bin, daß das Christenthum, ist es ächter Art, dem Blute gleichen müsse, welches mit den Werkzeugen des Lebens ververbunden, sie in ungetrennter Gemeinschaft durchdringend, ihnen eben gerade das Leben schafft, während dasselbe, von jenen Werkzeugen getrennt, für sich allein nicht bestehen kann, vielmehr dann bald sich scheidet, gerinnt und verdirbt. Ich liebe es daher, Euch aus noch so geringfügig scheinenden Gelegenheiten, aus Eurer Arbeit und aus Eurem Gewerbe, aus den kleinsten Vorfällen Eurer Hauswesen, die Quellen der Erbauung zu öffnen, und bestrebe mich, den Gott, welcher Jedem erscheinen muß, wenn er das Saamenkorn in die Erde legt, oder sein Tagewerk am Webstuhle vollendet hat, vor Aller Augen zu enthüllen.

Laßt mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen, laßt uns nicht in allgemeinen Todesbetrachtungen, welche ohne Frucht und unnütz sein würden, sondern in dem besondern Hinblicke auf den Fall, welcher uns hier zusammengeführt hat, unsere Gedanken vereinigen!

Es ist ein Gerede unter den Menschen, daß Mäßigkeit, Nüchternheit, Vorsicht, die heilsame Kälte, welche die Schritte erwägt und den Fuß nicht eher zum Weitergehen aufheben mag, bis man habe, wo man ihn niedersetze, daß diese Dinge, sage ich, zwar gute und einträgliche Eigenschaften seien, daß sie aber zu höheren und seltneren Gewinnen nicht hinzuführen vermögen, und daß sie namentlich den Menschen, welcher mit ihnen begabt ist, unfähig zu den sanften und warmen Empfindungen machen, auf welchen die Liebe ihr schönes Gebäude gründet. Man nennt die Verbindungen, welche nicht im Rausche der Leidenschaft geschlossen werden, Scheinbündnisse, man glaubt, daß bei ihrer Eingehung nur der Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben könne.

Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens! Ueber die Jünglingsjahre längst hinaus, ohne stürmische Aufwallung, bedächtig das Wichtige überlegend, knüpfte der verehrte Mann, um den uns eine fromme Feier versammelt hat, das Band, dessen Unzerreißbarkeit eben diese Feier aussprechen soll. Wohl allen denen, welche einander im Augenblicke der ersten, oft so oberflächlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandenen Aufregung versichern, wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben, welche hier dem ruhig gegebenen und empfangenen Worte folgten! Sämmtlich sind wir Zeugen gewesen der Zucht und Einigkeit, des Vertrauens und des Glücks, aller der Gnaden und Segnungen, welche diese wahrhaft gottgefällige Ehe schmückten. Aber nicht genug, daß sie auf Erden die Bestimmung der göttlichen Einrichtung – das Bild der vollkommnen Menschheit durch Zwei darzustellen – im genügendsten Maaße erfüllte; auch über das Grab hinaus reichten ihre Einflüsse und Wirkungen. Die Gattin scheidet, und der Zurückbleibende richtet seine Blicke beharrlich der Entschwundenen nach. Fest die Zügel der ihm überwiesenen irdischen Angelegenheiten haltend, blüht ihm doch nur noch Genuß in der Sehnsucht nach ihr, welche seine Augen nicht mehr schauen; sein Gemüth entbrennt zu dem schönen Werke in Erz und Marmor, welches nun vollendet vor uns steht, die sterbliche Hülle der theuren Schlafengegangenen aufzunehmen, an deren Seite er selbst dereinst ruhen will. Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen, womit unser von Wolken überdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse anzunähern versucht. Wenn andere Menschen von dem Weine und Brode leben, dessen sie genießen, so läßt sich von unserm Freunde behaupten, daß ihn die Erinnerung speiste und die Hoffnung tränkte.

Nehmet denn, Ihr Ehelich-Verbundenen, oder die Ihr in diesen Stand treten wollt, von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung! Jenes stille Heiligthum, welches heute seine Weihe erhält, der Sarg und der lebende Freund – sie mögen in Eurem Herzen Gelübde erzeugen, würdig des Wortes, welches der Apostel sprach: Wer sein Weib liebet, der liebet sich selbst. In dieser Alles umfassenden Liebe zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredelung gesetzt, der Mensch löset sich von der Selbstsucht ab, und empfängt dadurch sein Inneres erhöht und gereinigt zurück. Ja, meine Freunde . . .

Ein dumpfes Geräusch, wie von dem verworrenen Durcheinanderreden vieler Menschen ließ sich in der Ferne vernehmen. Es kam aus der Gegend, wo der Weiher lag. Der Prediger hielt betroffen inne. Die Menschen wendeten sich nach dem Schalle.

Es muß etwas an der Maschine zerbrochen sein, man hört sie nicht mehr, sagte der Oheim. Gehe Einer hin und sehe zu. Welche widrige Unterbrechung!

Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf, der nach dem obern Theile des Berges und nach dem Weiher führte. Doch nur wenige Augenblicke vergingen, so kamen sie wieder herabgestürzt, todtenbleich, mit entsetzten Gesichtern. Der Maschinenmeister folgte ihnen, und fiel mit einem Jammergeschrei am Wägelchen seines Herrn nieder. Was ist geschehen? fragte der Oheim erschreckt. Hat das Werk Schaden genommen?

Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge! rief der Mann, seiner nicht mächtig.

Entsetzt drang die Menge herzu. Man bestürmte ihn mit Fragen, wie dieses furchtbare Ereigniß sich begeben habe; er war unfähig, zu antworten. Sprachlos starrte ihn der Oheim an, seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Höhlen, seine Lippen verloren die Farbe, sein Haupt ruhte an Corneliens Brust.

Den Sarg in die Gruft, unsern Vater nach Hause! rief das Mädchen welches inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte, deren die Andern beraubt waren. Indem man sich anschickte, ihrem Befehle zu gehorchen, rief von den Klippen über dem Mausoleum eine laute Stimme: Halt! und Hermann trat auf ein vorragendes Felsenstück. Die Bauerburschen, welche den Wagen des Oheims zogen, hatten mit demselben eine Wendung nach vorwärts gemacht, so daß Hermann dem Alten gerade gegenüber stand.

Tröste Dich, Onkel! rief der Unselige hinunter. Ferdinand ist Dein Sohn nicht, die Tante hatte ihn vom Grafen, darum verschrieb Dir der die Standesherrschaft, damit die Güter dereinst an sein Blut kämen; frage nur Theophilien, sie weiß Alles, aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt.

Cornelie fiel nun selbst ohnmächtig in die Arme ihrer Freundinnen. Auch bedurfte das Haupt des Oheims keiner Stütze mehr; nur die ersten Worte hatte er aus Hermanns Munde vernommen, dann sank er mit einem tiefen Athemzuge in sich zusammen, erdrückt von diesen Schlägen, und der Ruf der Umstehenden: Er stirbt! wurde Wahrheit.

Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem Hause. Schweigend unter der Last dessen, was sich begeben hatte, schaudernd, ging die Menge von dem Berge. Es war etwas Grauenvolles, diese vielen hundert Menschen zu sehen, deren Lippen das ungeheuere Schicksal versiegelt, deren Herzen es versteinert hatte.

Auf einen stummen Wink des Predigers, welche mit dem Unglücksboten auf dem Berge geblieben war, wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft. Er stieg mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf. Sie näherten sich dem Weiher. Die Maschine stand. Zu ihren Füßen lagen die blutenden Gebeine Eines, der ein Mensch gewesen war. Ein unseliger Anblick!

Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewältigt hatte, fragte er den Andern: Wie ist dies zugegangen? Reden Sie jetzt, daß wir alle Thatumstände feststellen, und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mögen.

Gott weiß es, ich nicht, erwiederte der bewegte Mann. Schon vor einigen Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden, und war spähend um die Maschine hergegangen. Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungenen bleiernen Ring dort aufmerksam, welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden Arme hängt, in seinem unverletzten Zustande bestimmt, die Widerstandsmittel gegen etwanige Explosionen der Dämpfe zu verstärken. Seine Frage, ob es wohl möglich sei, dieses Blei dem Balken, wenn er eben niedersteige, mit raschem Griffe zu entreißen, hielten wir für Scherz. Wir antworteten, daß es ja auch Menschen gegeben habe, die zwischen den sausenden Flügeln einer Windmühle hindurchgegangen, oder wohl gar geritten seien, und eben so möge es gelingen, das Blei zu erobern, aber freilich könne der Kopf mit in den Kauf kommen. Er verhielt sich nach diesen Gesprächen still, und wir vergaßen bald die ganze Sache. Nun erschien plötzlich der junge Mann, der bei Ihnen wohnt, und sobald er den sah, wurde er wie von einer rasenden Wuth befallen. Er blickte bald ihn, bald die Maschine mit grimmigfunkelnden Augen an, und schoß pfeilschnell auf den Arm zu, da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren. Das taube Eisen faßte ihn, seine Kleider mußten sich in das Gestänge verwickelt haben, denn dreimal wurde er im wilden fürchterlichen Umschwunge gegen die Balken, und von diesen wieder in die Lüfte geschleudert. Augenblicklich ließ ich hemmen, aber schon war es geschehen, und wir hatten, als die Maschine stillstand, nur die zerbrochenen Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen.

Eilen wir hinwegzuthun, was die Blicke der Menschen beleidigt! sagte der Prediger, ließ die jammervollen Ueberbleibsel erheben, und in eine Kiste legen. Auch diese wurde im Mausoleum, neben dem Sarge der Mutter beigesetzt.

Unten im Dorfe fand er Alles wie ausgestorben. Niemand ließ sich blicken, Jeder fühlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten. Im Herrenhause war Bestürzung, Weinen und Wehklagen. Cornelie lag darnieder und fieberte.

Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt. Als der Prediger ihm in das Gesicht blickte, fuhr er zurück, und gebot, es mit einem Tuche zuzudecken; die Miene des Todten sei von einer eignen, den Lebendigen nicht heilsamen Beschaffenheit.

Er trat in sein Haus. Dort saß Hermann, wie gewöhnlich, ruhig über den Büchern. Sie haben Ihren Oheim getödtet! rief er ihm mit strengem Tone zu. Gelassen versetzte Hermann: Warum schelten Sie mich? Ich meinte es gut; konnte er sich nicht zufrieden geben, da er hörte, daß der wilde Knabe ihn nichts angehe?

*

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