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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XII.
Auch eine Bekehrungsgeschichte.

Mich machten alle diese Vorfälle, Mißgeschicke, Krankheiten sehr unglücklich. Das Feuer einer verbotenen Leidenschaft hatte mich unter Menschen getrieben, die sich nun allgemach von mir und von einander ablöseten. Alles Behagen um mich her war dahin. Meine Zeit schien in dieser Einöde ohne Frucht vergangen zu sein und die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Fäden vor, die man mit Mühe von einem verworrenen Knäuel abwickelt. Meinen Kranken widmete ich zwar eine pflichtmäßige Sorgfalt, aber ohne Freude am Berufe zu haben. Das eigentliche Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein, daß seine ganze Beschäftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam. Wie sich das Leben vor meinen Augen zersetzte, so bröckelte mir auch die Wissenschaft aus einander und wurde ein lockeres Aggregat problematischer Einzelheiten, welchen der eigentliche Mittelpunkt fehlte.

Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemüthsbewegungen, verbunden mit einer starken Erkältung, die ich mir bei einem nächtlichen Ritte zuzog, auf das Lager. Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen glühenden Fantasien gefangen, und möchte leicht einen gefährlichen, nervösen Charakter angenommen haben, wären meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen. Als ich erstand, war ich wie neugeboren, ich hatte das Gefühl eines Kindes, dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt, in den unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Glück, der Gruß eines Bekannten, seine Frage, wie es mir gehe? konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen.

So lebte ich einige Wochen für mich hin, mit Eifer meine Berufsgeschäfte treibend, und mich um die Wirrsale der Welt wenig kümmernd. Da wurde mir eines Tages, es war gerade um zwölf Uhr Mittags, die wunderbarste innere Erfahrung. Sie kam ungesucht, unvorbereitet, wohl recht, wie das Höchste erscheinen muß.

Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, will gestehen, daß auch nachmals mein Inneres voll Schlacken geblieben ist, aber ich kann, wie Cromwell, von mir behaupten, daß ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin, und deshalb nicht verloren gehen werde.

Ich wanderte für mich eine gerade, keinesweges zur Erhebung stimmende Landstraße hin, ruhig, ohne Bewegung des Gemüths, nur an eine ganz gewöhnliche Tagesobliegenheit denkend. Da, auf einmal fühlte ich in mir die Existenz Gottes, und seine unmittelbarste Gegenwart in mir, so daß ich nun ganz bestimmt wußte: Er ist. Und zwar nicht als Begriff, Idee, sondern sein Dasein ist ein reelles. Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar, jedoch hauptsächlich und vorzugsweise das Herz, in welchem sich dieselbe wie ein sanftes Wirbeln gestaltete, welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des Weltalls rückte, und es auf einen Zug begreifen lehrte, in welchen Gesetzen der Unschuld, Schönheit und Güte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei. Damals wußte ich auch sofort, daß wir nie Gott anschauen werden, daß vielmehr die Seeligkeit darin bestehen soll, einen solchen Moment für immer zu haben und daß dann Gott, wie ein ewiges Pulsiren der Heiligkeit, in uns die Stelle des fleischlichen Herzens einnehmen wird. Alles dieses war keine Phantasie, keine Speculation, sondern eine fast sinnliche Gewißheit. Es dauerte nur wenige Secunden, auch kann ich den Moment nicht näher beschreiben, denn es würde doch nur auf schmückende Armseligkeiten hinauslaufen. Dantes Worte kommen ihm noch am nächsten, wenn er singt:

All' alta fantasia qui mancò possa;
    Ma già volgeva il mio disiro, e'l velle,
    Siccome ruota, che igualmente è mossa,
L'amor, che muove 'l Sole e l'altre stelle.

Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik. Das Ganze aber war ein Gemüthswunder, welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen, mir jedoch auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung über einen höheren Zusammenhang der Dinge vollkommen genügt. Bin ich Ihnen in meinem Wesen umgestimmt erschienen, so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen.

Als ich nach Hause kam, fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft über die großen Anstalten in der Hauptstadt, mir höchst unerwartet und überraschend, da ich nicht geglaubt hatte, daß meinem Wirken anderwärts Aufmerksamkeit zu Theil geworden wäre. Mein Entschluß konnte nicht zweifelhaft sein. Hier traf eine äußere Gunst genau mit einem inneren Glücke zusammen. Meine Verhältnisse hatten sich ausgelebt, und ich erkannte, daß es für mich an der Zeit sei, in neue, bedeutendere Kreise überzugehen.

Man hatte mir den Auftrag ertheilt, nach England und Frankreich zu reisen, dort verschiedene Beobachtungen zu Gunsten des Instituts anzustellen. So kam es, daß ich erst nach geraumer Zeit in *** anlangte, wo ich denn die Frauen geheilt antraf, Johannen durch den alten, würdigen Kriegshelden, die Herzogin durch ihre jungen Mädchen.

Daß auch bei dieser das Herz, freilich in sehr zarter Weise, die Herstellung vermittelt hat, ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden. Der junge Lehrer, welcher nach dem Tode der Vorsteherin für die hut- und mutterlose Pension, welche er nicht gern untergehen lassen wollte, ihren Schutz anflehte, wirkte durch seine Persönlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschluß, sich der Mädchen anzunehmen, die den Stamm aller nachherigen Zöglinge bildeten. Er gehört zu den jungfräulichen Männern, ist schamhaft, verschwiegen, bescheiden wie Keiner. Nun wohnt er schon seit längerer Zeit im Hause der Herzogin, und man kann diese Neigung, obschon sie ganz unschuldig ist, und nur die Farbe des Dienstverhältnisses trägt, worin er zu ihr steht, kaum noch Freundschaft nennen. Ich hatte meine thörichte Leidenschaft längst besiegt, und mochte daher dieses Wirken der Natur unbefangenen Sinnes anschaun. Freilich wurde mir dabei ihre Ironie klar, welche nirgends ausbleibt, und hier durch eine eheähnliches Verhältniß für Uebertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht herzustellen gesucht hat. Denn jenes Verhältniß war nach so vielen Gewissenszweifeln, Büßungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs eingeschritten.

Der Arzt hat eine große Aufgabe in der Gegenwart zu lösen. Krankheiten, besonders die Nervenübel, wozu seit einer Reihe von Jahren das Menschengeschlecht vorzugsweise disponirt ist, sind das moderne Fatum. Was in frischeren, kürzer angebundenen Zeiten sich mit einem Dolchstoße, mit andern raschen Thaten der Leidenschaft Luft machte, oder hinter die Mauern des Klosters flüchtete, das nagt jetzt inmitten scheinbar erträglicher Zustände langsam an sich, untergräbt sich von innen aus, zehrt unbemerkt an seinen edelsten Lebenskräften, bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehen.

Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt. Er muß, will er seinen Beruf mit Weisheit erfüllen, ein Eingeweihter sein, Gott und die Welt im Busen tragen, er muß gewissermaßen das Amt eines Priesters und Hierophanten üben. Mittel und Wege hat er auszufinden, wozu ihm die materia medica keine Anleitung giebt.

Unsrer Wissenschaft steht überhaupt eine Umbildung bevor, und wenn es erlaubt ist, der Entwicklung der Dinge vorzugreifen, so möchte ich sagen: Wir werden uns der antiken Richtung wieder näher anschließen. Lange genug haben wir mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewähnt, oder den lebendigen Leib an das Kreuz des Systems geschlagen, in Zukunft werden wir mehr beobachten. Selbst der Auswuchs der jetzigen Heilkunde, die Homöopathie, deutet schon diesen richtigeren Weg an, wenn sie verschmäht, die sogenannten inneren Ursachen analysirend sich zur Anschauung zu bringen, in welcher isolirten Analysis auch eigentlich nichts mehr vorhanden ist, was dem Arzte einen Fingerzeig geben könnte.

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