Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

X.
Der Arzt an den Herausgeber.

Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unserer lieben Kränklichen verschiedene Meinung über den saubern Heiligen und Priester, der die arme Frau beinahe in das Erbbegräbniß geliefert hätte. Zuvörderst muß ich über ihn anführen, daß der lose Vogel keinesweges so frisch, wie ein neugeborenes Kind nach Rom gelangte, was man aus seiner Erzählung von den hölzernen Herrgottswunder, erlebt im Kloster, man weiß selbst nicht recht, wo? heraushören soll. Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit, wie man zu sagen pflegt, nichts verbrennen lassen, und die Ehemänner wußten von ihm zu erzählen. Dazwischen war denn allerhand Aesthetik getrieben worden, so daß der ganze Kerl nicht viel über fünf und siebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug hielt. Dort über den sieben Hügeln vollendete der Katholicismus, was die Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe, vor welcher ihn ein wackerer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste Cur bewahrte. Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und so zu sagen kleberigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem groben hölzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat, um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, weiß ich nicht; ich würde mich aber jedenfalls schämen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit meine Wiedergeburt zu datiren.

Mir ist alle bewußte und sich vortragende Religiosität in der Gegenwart ein Gräuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher sie angehören will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhanges, durch welchen sie sich als ächt beglaubigen könnte. Es gab oder es giebt wenigstens jetzt durchaus keine anderen aufrichtig-fromme Menschen, als die es unwillkürlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die Tonsur hatte scheeren lassen, anwiderte, da ich das Schloß betrat! – Ich erwartete gleich wenig Gutes von ihm.

Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt, Alles in der Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Buße anzusehen, und sich so die große, gränzenlose Mannichfaltigkeit, welche durchaus verlangt, daß man Vieles mit leichtem Blicke als gleichgültig und läßlich betrachte, in einen grauen, ekelhaften Brei zusammengerührt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als Schuld, und zu der nächsten eine zweite als Buße einzunehmen sei. Die natürlichen Folgen, die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht.

Daß ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit, wenn es eben an Sünde gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige künstlich zu verfertigen, um wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert, obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.

Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren erträumten Gewissenslasten im Stillen plagte. Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden Bekenntnisse habe ich gefühlt, daß eine, um mich des Ausdrucks zu bedienen, robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unserer und anderer Freude durch das Leben geleitet. Auch die Tugend kann kränkeln, scheinbar in ihrer höchsten Blüthe vorhanden sein, gleichwohl aber das Geschöpf von einem Irrthume in den Andern jagen. Was ist es mehr, daß eine junge verheirathete Frau einige Augenblicke an einen jungen Mann mit größerem Interesse denkt, als an den Gemahl, und wie bald heilen Entfernung, Pflicht und Verhältnisse solche leichte Seelenwunden aus! Sie zu einem Gegenstande ängstlicher Betrachtung machen, heißt aber, nach und nach dahin arbeiten, unter lauter Pflichterfüllungen guten Werken und Andachtsübungen Gatten und Haus, aufzuheben.

Doch trägt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische Priester. Wäre er, wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es gethan hätte, tröstend und beruhigend zu der schönen Selbstquälerin getreten, so würde sie sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben. So aber stürzte er sich auf ihr wundes Gemüth, wie der Geier auf die Beute, und es ist nicht zu beschreiben, mit welcher casuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt, der fiebernden Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Möglichkeit vorgeführt, und sie so völlig mit sich uneins, verworren und elend gemacht hat.

Unsere Bestürzung können Sie sich denken. Ohne daß irgend etwas vorgefallen war, floh uns, verbarg sich vor uns die geliebte Herrin, welche als belebende Sonne unsern Kreis erwärmt hatte. Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich einer Auflösung entgegen, denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste Seele aller der gemüthlich-traulichen Beziehungen, welche verschiedene Menschen zwischen vier Mauern zusammenhalten. Der Jammer des Herzogs war groß. Die Liebe zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht-menschliche Punkt in ihm, da er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Repräsentation bestand. Nun behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kälte, die zuletzt in einen unverhüllten finstern Widerwillen ausging. Nach und nach konnte ich mir aus einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen, daß der junge Fremde an den Gewissensscrupeln der Herzogin Schuld sein möge, und in einer unvorsichtigen Stunde, in der guten Absicht, mit dem Gemahle einen vernünftigen Heilplan festzusetzen, entdeckte ich ihm meine Vermuthung, welcher ich jedoch die Betheuerung hinzufügte, daß ich fest, wie von meinem Leben, von der völligen Vorwurfslosigkeit der Büßenden überzeugt sei, und das Ganze nur für eine Folge überstrenger Begriffe halte. Ich hatte aber diese Mittheilung zu bereuen. Denn er, nach seiner Sinnesweise vermuthlich unfähig, eine Pein um Nichts zu begreifen, ließ mich durch seine schwermüthigen Blicke, seine verfallenden Züge, seine gebeugte Haltung schließen, daß er mehr, daß er wahre Fehltritte argwöhnte.

Alle Versuche, die Schmarotzerpflanze von dem schönen schlanken Stamme, an welchem sie sich festgesogen, abzureißen, wurden mit convulsivischer Heftigkeit zurückgewiesen. Meine Mittel nahm die Kranke, aber was konnten die helfen? Das Beste wäre gewesen, dem geschäftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut einzugeben, wozu ich nicht selten, Gott verzeihe mir die Sünde! bei mir die stille Anwandelung verspürte. Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste, an den menschlichen Leib, die frevelnde Hand legt, der greift als Feind in des Arztes Gebiet, den hasse ich bis in den Tod.

Da nun aber eine Vergiftung sich doch für mich nicht wohl schickte, so ersann ich ein anderes, nämlich ein Abführungsmittel. Es war mir bekannt, daß der Oberhirt der Diöcese, seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit überschauend, und wohl wissend, daß dem Katholicismus nur noch durch eine heitere Verständigkeit zu helfen ist, trübliche Fanatiker durchaus nicht liebte, und alle Versuche, eine gemachte Devotion und Rigorosität früherer Zeiten wieder hervorzubringen, bei jeder Gelegenheit streng zurückgewiesen hatte. Hierauf mich verlassend, und mit raschem Entschluß meinen Polacken besteigend, war ich nach einem tollen schweißtriefenden Ritte in der Metropole. Im Officialate angelangt, ließ ich mich zu einem der ehrwürdigen Herren führen, von dessen derbem naturfrischem Wesen ich viel gehört hatte.

Ich fand ihn, seltsam genug, in einer kahlen Arbeitszelle, die kurze Pfeife im Munde, hinter der Flasche und dem grünen Weinrömer, Acten lesend. Wundern Sie sich nicht, rief er mir mit heiserem Lachen entgegen, indem er eine dicke Rauchwolke von sich blies, und den Römer füllte, mich unter solchem Rüstzeuge zu finden! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zu Muthe, und sie bedürfen dann leiblicher Erstärkung.

Ich versetzte, daß gerade diese Umgebung mir Muth mache, mein Anliegen vorzutragen, weil ich ihn für Einen von denen halte, welche den Herrn in Freudigkeit suchten; eröffnete ihn darauf, ich sei Doctor und der Leibarzt der Herzogin von ***. Die Dame kranke, meine Kur könne aber nicht anschlagen, weil ein Anderer, ein Seelendoctor entgegen operire. Wie es nun ein Gesetz der Stereometrie sei, daß, wo ein Körper, sich kein zweiter befinden könne, so gelte ein ähnliches auch in der Medicin, und deßhalb wolle ich ihn, als Beisitzer der höchsten geistlichen Behörde, um abhülfliche Maaße angehen.

Das Socratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen, er schürzte seine Nasenflügel empor und fragte ungefähr mit den Worten des Patriarchen im Nathan (obgleich diesem im Gemüthe ganz unähnlich): Ist solches ein Problema, oder ein wirklicher Casus?

Ich erzählte ihm darauf, was ich wußte, und wie ich nun aus dem Memoire ersehe, die Sache bis auf Nebenumstände ziemlich richtig und vollständig.

Der alte rechtschaffene Mann, dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war, ließ mich kaum zu Ende reden, warf seine kurze Pfeife auf den Boden, daß der Kopf zerbrach, und rief in Selbstvergessenheit: Den soll ja der Teufel holen! Darauf sich kreuzigend und den verpönten Fluch mit üblichem Spruche bereuend, fügte er hinzu: Zu solcher Sünde hat mich der Zorneifer fortgerissen. Doch nur Geduld, es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen, wo er unter den Haferbauern seine Künste versuchen mag. Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauscaplane gemacht, da er aber zugleich die Pfarrei des Ortes versieht, so ist er unserer Gewalt unterworfen. Er soll in Bälde versetzt werden.

Nach einigen Gesprächen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut. Diese neumodischen, aufgespreizten Ueberläufer geben uns viel zu thun, sagte er. Sie wollen uns Alten vorbeirennen, es immer besser machen, als gut, damit nur ja Niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle, und bringen solchergestalt manche Unruhe zu Wege. Sie laufen umher, stänkern, rühren den Dreck, mengen allerhand Subtilitäten in das Dogma, verfälschen dadurch selbiges, und verführen eine Quälerei und Deutelei, davon unsere Kirche gar nichts weiß, noch wissen will. Wir müssen jetzt dahin streben, Geistliche zu bekommen, die alert, aufgeweckt, sich helfen können, und nicht, wie leider Gottes bis jetzt der Fall war, als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehen.

Ich konnte mein Erstaunen über diese Freimüthigkeit nicht bergen und er fuhr fort: Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff, über Alles hinter dem Berge zu halten, was vor Jedermanns Augen offen daliegt. Ich für meine Person habe ihn in den Winkel geworfen, weil ich festiglich an den ewigen Beistand meiner Kirche glaube, ohne diese Gaukeleien.

Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Officialate, der zwar große Bestürzung erregte, dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht widerstrebt werden mochte.

Die Herzogin konnte dem Gewissensschärfer doch nicht auf sein Dörflein folgen, er mußte sich also damit begnügen, eine ausgearbeitete Heilsordnung zu hinterlassen, und wir sahen dem abziehenden Sycophanten mit stillem Jubel nach.

Bei diesem Siege hätte ich mich beruhigen, ich hätte der Kraft der Zeit vertrauen und erwarten sollen, daß, wenn auch unsere Freundin nach der Entfernung des Priesters fortfuhr, zu beten und sich zu casteien, diese Exaltation ohne einen immer gegenwärtigen Schürer und Anbläser allgemach erlöschen würde, zumal da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus mäßiger heiter denkender Mann war.

Allein auch mich riß die Ungeduld, die uns Allen jetzt so eigen ist, fort. Ich wollte das Uebel mit Stumpf und Stiel ausrotten, und muß mich nun leider selbst eines recht thörichten Streichs anklagen. Wie man Sturzbäder anwendet, um durch Erschütterung des ganzen Organismus eine Hauptcrisis zu bewirken, so wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen, durch welches ich zugleich das Luftbild, welches die Phantasie meiner Herrin quälte, auszulöschen, und der entnervenden Irrwirkung des Priesters entgegenzutreten hoffte.

Ich ließ also – um kurz zu sein, denn warum soll ich etwas Schlimmes weitläuftig hin und her wenden? – die Herzogin durch dritte glaubwürdige Hand wissen, daß der junge Mann, den wir auf dem Schlosse beherbergt, eigentlich ein ziemlich lockerer Gesell gewesen sei, der ein verkleidetes Mädchen, mit welchem er schon eine Zeitlang gelebt, hier unter uns bei sich gehabt habe.

So weit kann man, in Mißstimmungen und Willkürlichkeiten verloren, von der geraden Bahn abkommen.

Der Erfolg meiner Thorheit war keinesweges der beabsichtigte, sondern ein sehr trauriger. Ich wurde zur Herzogin berufen, welche, ausgestreckt auf dem Sopha, im furchtbarsten Krampfe lag. Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen gebrochen, entwickelten sich intermittirende Zufälle, welche Monate lang anhielten, und das zarte Gebilde zu vernichten drohten. Mein Zustand war schrecklich. Ich rannte wie rasend durch Felder und Wälder, verweinte meine Nächte, verfluchte mich und meinen Unsinn. Die Schlaflosigkeiten, woran ich noch jetzt periodenweise leide, sind Nachwehen jener trauervollen Zeit. In einem freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm die Brieftasche zurück.

*

Ueber das Phantasma auf dem Hügel habe ich selbst meine eigenen Gedanken gehabt. So viel ist gewiß, es war der Hügel und die Stelle auf demselben, wo der Pfaff sich bestrebt hatte, in Hermann den Gedanken an einen Uebertritt zur katholischen Kirche mit listigen Entzückungen zu erregen, und wo nachmals der Mordanfall auf den Oheim geschehen war.

Empfängt die Erde einen Eindruck vom Frevel, daß der Ort, wo ein solcher geschah, vergiftet wird, und in einem dazu disponirten Gemüthe Gedanken, die vom Rechten abirren,. hervorzurufen vermag? Seelisches und Körperliches stehen im engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange, Körper und Außenwelt wirken auf die Seele, trübe Luft, Steinkohlendämpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Mißmuth, Sonnenschein, Gebirgsatmosphäre, Heiterkeit und Energie des Geistes.

Ist es nun so ungereimt, anzunehmen, daß jene Wirkung, wie jede vollkommene, eine Wechselwirkung sei, daß auch die Seele ihrerseits, als höchst durchdringendes Fluidum, auf die Außenwelt Einfluß übe, und in ihren stärksten Aeußerungen den Boden, diesen analog, zu imprägniren vermöge? Ja, wenn man consequent denken, nicht bei Halbheiten stehen bleiben will, so kann man eigentlich nichts Anderes annehmen. Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen, daß der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache, der Böse und die böse That dagegen die Stelle verpeste, so daß den Tugendhaften dort ein Schauder, den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barock und aberwitzig, nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordenen Sätzen.

Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwähnt, welcher diese Dinge für wahr hält. Er spricht überall etwas Aehnliches aus. Wo ein Mord geschah, hat Niemand sich gern angesiedelt, ist leicht wieder etwas Uebles vorgefallen. Hebel singt von dem Platze, wo der Michel, der vom bösen Jäger den Karfunkel empfing, sich den Hals abschnitt:

»'s isch Plätzli näumen, es goht nit Ege no Pflug druf,
Hurst an Hurst scho hundert Johr undn giftigi Chrüter,
's singt kei Trostle drinn, kei Summervögeli bsuecht sie,
breiti Dosche hüete dört e zeichnete Chörper.«

Der Volksglaube ist aber für die Erkenntniß der natürlichen Dinge eine sehr wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren für sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es thut mir Leid, daß ich bei einem Manne, der außer den fünf Sinnen noch einen sechsten hatte, den alten Heim meine ich, unterlassen habe, nachzufragen, ob er in den Zimmern der verschiedenen Menschen, welche er behandelte, nicht schon durch den Geruch ihre Individualitäten und Charaktere gewittert hat?

*

In den Tagen, da die Herzogin noch immer heftig, wenn gleich mit der Aussicht der Herstellung, an ihren Krämpfen litt, kam Johanna auf das Schloß. Sie hatte, da sie von dem Siechthum der Schwägerin vernommen, sich als eine besondere Gunst erbeten, ihr zur Pflege dienen zu dürfen, und deshalb das einsame, ihr vorläufig zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen. Die Herzogin nahm das Anerbieten an, vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt, daß es eine gottgefällige Schickung sei, so wider Willen und Gemüth eine ihr eigentlich unangenehme Frau täglich um sich zu sehen. Indessen wurde aus dieser künstlichen Empfindung bald eine wahre. Johanna, durch das Unglück um Vieles sanfter geworden, schien wirklich zu fühlen, daß es nicht heilsam gewesen sei, sich so eigene Wege gesucht zu haben; auch sie büßte, aber auf ihre Weise, stolz und herrlich auch in der Demuth. Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war musterhaft, nichts Feineres, Edleres, Leiseres konnte man sehen. Diese dagegen wurde hier zum erstenmale wieder von etwas schönem Menschlichen berührt, und unbewußt mag sie empfunden haben, daß die Segnungen des Gemüths doch tiefer und gründlicher heilen, als die Recepte eines Priesters. Aus der Pflicht, Johannen bei sich zu haben, wurde nach und nach eine Freude, und da sie erfuhr, Jene sei wirklich verheirathet gewesen, so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder. Ich aber sah, daß innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie für immer entfernen, sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen.

Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke. Kräftige Naturen täuschen sich über sich selbst; die ersten Zeiten nach einem großen Schlage können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen, aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht aus. Sobald das Uebel der Herzogin gelinder wurde und die Thätigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm, sank diese zusammen, ihre Gestalt verfiel, nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer, was mich aber freilich um so ängstlicher machte. Ein tiefer Harm zehrte an ihr, daß sie um ihre Jugendblüthe, um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können.

Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Commentar übersenden.

*

XI.
Geschichte des Herzogs.

Der deutsche Adel war, seitdem die mittleren Stände einen Drang verspürten, sich durch Geist und Tüchtigkeit hervorzuthun, in eine gefährliche Stellung gerathen. Der Entwickelung männlicher Energie sind Hindernisse förderlich; das Verdienst kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen. In dieser Hinsicht steht nun der Bürger, wenn er nur einigermaßen erträgliche Verhältnisse für sich hat, bevorzugt da, während es in den höchsten Ständen schon einer außerordentlichen Kraft bedarf, um nicht in dem schwächenden Elemente gar zu leichter und geebneter Tage unterzugehen.

Der deutsche Adel empfand weit mehr, als daß er sich dessen bewußt geworden wäre, die Schwierigkeit seiner Lage, geraume Zeit vor der Revolution, welche zuletzt die tiefe Verderbniß aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag legte. Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder, welche nicht fähig waren, durch Talent und hervorstechende Begabung die verhängnißvolle Last einer privilegirten Geburt gründlich auszugleichen, ein Streben, durch allerhand Scheinmittel die gefährdete Existenz für sich und die Nachkommen zu retten.

Hier boten sich nun zunächst die von den Ahnen ererbten Besitzthümer nach einer Seite, und die Illusionen eines vornehmgleißenden Lebens nach der andern dar. So fest, wie in diesem Stande, hatte sich nirgendwo der Begriff unveräußerlichen Eigenthums ausgebildet, gleich eisernen Klammern hielten es fideicommissarische Bestimmungen, Familienstatute, Lehensnexus umwunden; die Scholle um jeden Preis zu erhalten, wo möglich zu mehren, war also das Dichten und Trachten vieler Edelleute, was nun freilich in seinem Gefolge Geiz, Habsucht, selbst Unredlichkeit haben konnte.

Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg. Sie wußten oder fühlten, daß der Bürger ihnen noch lange nicht zu den Spieltischen der Fürsten, in das Boudoir hochgeborner Schönheiten, in alle Convenienzen eines dem Vergnügen und dem persönlichen Selbstgenusse gewidmeten Lebens werde folgen können, daß auch solche flitternde, schimmernde Bestandtheile ihnen ein eigenthümliches, und wie es ihnen schien, den Plebejern unantastbares Dasein zu erschaffen vermöchten. Sie schritten daher von ihren Gütern zu den Hoflagern, Bädern, Sammelpunkten der eleganten Welt, schwebten wie beflügelte Götter oder Halbgötter durch die Reihen der niedern Menschen, traten wohl auf deren Köpfe.

Beide irrten, denn weder kann der Schein ein Leben erbauen, noch soll derjenige sparen und geizen, der ohne sein Zuthun schon mehr überkommen hat, als Andere.

Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab; nach dem harten, ängstlichen Vater kam wohl der weiche, Alles durchkostende Sohn.

Gegenwärtig hat der Adel eigentlich gar kein Princip. Die Standesvorrechte in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen, ist eine Hoffnung, die kaum dem Kühnsten schmeicheln möchte, das Eigenthum geht von Hand zu Hand; die Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt. In manchen Edelleuten, deren Sinne diese Prosa nicht genügen will, hat sich daher ein mythisch-poetisches Gefühl abgelagert, welches, über die nächste Vergangenheit zurückgreifend, entlegene Zeiten mit ihrer Treue, Frömmigkeit, mit ihrem Rittermuthe wiedergebären möchte, der Seele eine gewisse Erhebung giebt, freilich aber ohne allen Gegenstand ist.

In der Familie des Herzogs hatten sich während eines Zeitraums von fünfzig Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt. Der Großvater war ein Mann gewesen, welcher im Nothfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte, wenn es eben fehlte; er trug das gröbste Tuch, und saß am liebsten mit Verwaltern und Bauern in Wirthschaftsgesprächen zusammen. Die Grundstücke zu verbessern, durch Ankäufe abzurunden, und außer dem Liegenden noch ein beträchtliches Geldcapital zu hinterlassen, dies waren seine einzigen Lebenszwecke. Um sie zu erreichen, speiste er von Zinn, und versagte sich jeden Genuß. Noch zeigte man im Schlosse den Hut, den er dreißig Jahre lang getragen hatte. Er war zwar nicht, wie der in der Fabel, siebenmal verändert worden, aber durch Stutzen und Beschneiden von der ansehnlichen Größe eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer sogenannten Lampe zusammengeschrumpft.

Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegentheil aller dieser Eigenschaften in sich. Prachtliebend, empfindsam, phantasievoll, gereichte er seinem Vater, sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen, auch nicht einen Augenblick zur Freude. Gern hätte er ihn enterbt, wenn er nur gedurft, allein er mußte ihn sogar seines eigenen Weges gehen lassen, da Graf Heinrich mit der erlangten Mündigkeit Herr eines ansehnlichen mütterlichen Erbtheils wurde. Er vermählte sich früh mit einem reizenden Fräulein, welcher aber der Gatte wenig zu Statten kam, denn dieser reiste auch nach seiner Heirath viel allein, und hielt sich durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt. Zärtliche, an Schwärmerei gränzende Freundschaften schmückten sein Leben, bei den Weibern hatte er ein fabelhaftes Glück, eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht so mannigfacher Begegnungen. Um diese kümmerte er sich nicht. Was ihn bewogen, Johannen nach dem Tode seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schloß bringen zu lassen, und sie halb und halb anzuerkennen, hat man nie erfahren.

In dem Ernste des Enkels glaubte der Großvater eine Spur seines Charakters zu entdecken, und tröstete sich daran über den Leichtsinn des Sohns. Er hatte ihn beständig um sich, und man vermuthete, daß er ihn besonders bedacht haben würde, wäre er nicht vom Tode überrascht worden.

Wie dieser Enkel sich ausgebildet, erzählen Ihre Bücher. Das aber konnten sie nicht erzählen, und würden sie auch nie erzählen können, wie er ein Opfer der Schuld seiner Altvordern wurde. Nur ich weiß es. Ich habe keine Verpflichtung, ein Geheimniß daraus zu machen, und die Frauen, um deren Willen ich vielleicht schweigen müßte, werden, wenn ich mich irgend ein wenig auf die weibliche Natur verstehe, keinen Blick in die gedruckten Memoiren werfen, nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben. Was aber über Alles: Ich glaube, daß ich von Ihrer Leidenschaft für die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt worden bin.

In den Tagen, wo ich zwischen zwei Krankenbetten, dem der Herzogin und Johanna's meine Sorgen zu theilen hatte, nahm der Proceß über die Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung. Es sollte zur Vorlegung des Adelsbriefes geschritten werden, und ich saß im Archiv, davon eine Copie für den Herzog zu fertigen, welche er zurückbehalten wollte.

Nach Wilhelmi's Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tüchtigen Stellvertreters verrichtete ich manche Geschäfte, die ein Nichtjurist allenfalls besorgen konnte. Da hörte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem Seitencabinette, und sah nach einigen Secunden den Herzog mit dem Amtmann von Falkenstein heraustreten. Letzterer sah sehr erhitzt aus, und rief: So wollen mich der gnädige Herr wirklich fortjagen?

Bedienen Sie sich anständiger Ausdrücke, so lange Sie noch in meinen Diensten sind, versetzte der Herzog, welcher seine Fassung ziemlich beibehielt. Uebrigens sehen Sie selbst wohl ein, daß in einer wohlgeordneten Wirthschaft der Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat, und daß, wo sich die Sache umdrehen will, man schleunig Einhalt thun muß.

Der Amtmann warf einen höhnischen Blick auf meine Arbeit, murmelte: Ich werde dazu gezwungen – und verließ das Gewölbe. Ich fragte den Herzog, was vorgefallen sei, und erfuhr, daß er den Trotz und die Willkür dieses bösen Alten nicht länger dulden könne. Er scheine es darauf anzulegen, die Autorität der Herrschaft zu untergraben, und habe neuerdings in der Administration des Falkensteins Anordnungen getroffen, die im geraden Widerspruche mit den Verfügungen des Herzogs ständen. Darüber zur Rede gestellt, sei nicht einmal eine Entschuldigung erfolgt, vielmehr das freche Erwiedern, daß es so besser sei, worauf der Herzog ihm den Dienst gekündigt habe.

Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen, welches sich in der letzteren Zeit und besonders, seitdem der Rechtsstreit über die Herrschaft anhängig war, immer mehr gesteigert hatte, sehr auffallend gewesen. Er tadelte laut seine Gebieter, hielt sich über sie auf, klatschte und verklatschte, benahm sich überhaupt so, als könne er hier schalten und walten, wie er wolle.

Das ist die Frucht davon, wenn die Leute zu sehr sich einnisten, sagte der Herzog. – Dieser Reinhard war schon bei meinem Großvater, und dessen rechte Hand. Nun muß ich zu einem Schritte gegen ihn übergehen, der mir leid thut, aber nicht abzuwenden ist. Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum Mörder und irrt vielleicht unter Räubern umher, und was soll der Amtmann beginnen, wenn ich ihn, wie ich muß, forttreibe? Man wechsle auch mit den Menschen, wie mit den Kleidern, es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart.

Er sah das Diplom an und fuhr mit einem trüben Lächeln fort: Auf welchem schwachen Grunde die Pfeiler unseres Daseins stehen! Dieses schlechte und dünne Pergament wäre denn nun die letzte Bürgschaft eines erträglichen Lebens, nachdem so Manches sich in meiner Häuslichkeit verändert hat, und dieses Schloß zum Siechenhofe geworden ist!

Einige Wochen vergingen, und des Vorfalls, der uns unbedeutend schien, wurde nicht weiter gedacht.

Mein Schreck war groß, als eines Abends spät der Herzog auf mein Zimmer geeilt kam, blaß, mit verwandeltem Antlitz, bebenden Gliedern. Sprachlos reichte er mir einen geöffneten Brief hin, und sank, sich in seinen Mantel hüllend, auf einen Sessel.

Der Brief war von Hermann's Oheim und enthielt eine Nachricht, die allerdings den Festesten erschüttern konnte. Der Gegner schrieb, der Amtmann sei bei ihm gewesen, und habe ihm in Betreff der Adelsurkunde, von welcher das Schicksal der zwischen ihnen schwebenden Sache abhänge, eine unerwartete Nachricht gegeben. Jene Urkunde sei nämlich verfälscht und vom Amtmann selbst auf unablässiges Bitten, Dringen und Befehlen des Großvaters, welcher sich den Prätendenten der jüngeren Linie gegenüber in großer Verlegenheit gefühlt, unter genauer Beobachtung der Curialien und mit treuer Nachmalung der Cancelleischrift angefertigt worden. Künstlich vergilbte Dinte sei von einem Chemiker leicht zu beschaffen gewesen, auch habe es nicht schwer gehalten, dem Pergamente selbst die Farbe des Alters zu leihen. Man habe einen geschickten Stempelschneider für eine große Summe gewonnen, das kaiserliche Insiegel vorhandenen Mustern in Metall nachzustechen.

Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen, als ihm vom Großvater ein eigenhändiges untersiegeltes Bekenntniß über den ganzen Einhergang ausgestellt und überliefert worden sei. Mit diesem Reverse sei ihm das Schicksal des Hauses in die Hände gegeben worden, und er habe in der Stunde, da er dem Herrn zu Liebe so schwer sein Gewissen belastet, geschworen, dies nicht umsonst thun, vielmehr, wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnöde begegne, alsobald das Amt der Rache ausüben zu wollen.

Der Oheim schrieb, daß der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem äußerst gereizten Zustande gethan habe, und daß von ihm keine Rücksicht auf diese Aussage eines entlaufenen Dieners genommen worden wäre, wenn nicht der ihm gleichfalls überreichte Revers des Großvaters den schlagenden Beweis der Wahrheit geliefert hätte.

Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei, und enthielt leider die Bestätigung des schmachvollen Ereignisses.

Wer hätte dies ahnen können? Ich starrte den Herzog an, er mich, wir fanden beide keinen Rath in uns. Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung hinzugefügt, daß er aus Schonung diese Mittheilung zuvor privatim gemacht habe, und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde, wenn der Herzog auch jetzt einen gütlichen Ausweg in der Sache verschmähe.

Der Herzog lag stumm und wie ein Todter im Sessel. Da mich sein Schweigen ängstigte, fragte ich ihn, was er auf die letzte Andeutung beschließen wolle? Er erwiederte mit tonloser Stimme: Nichts! Wir sind verloren und haben keine Beschlüsse mehr zu fassen. Nur für die Herzogin muß gesorgt werden, daß ist das Einzige, was noch geschehen kann.

Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah, (von der Aechtheit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des Originals nothgedrungen überzeugen müssen), suchte ich ihn mit allerhand Trostgründen aufzurichten, und stellte ihm vor, daß, wenn auch aus den zu Tage gekommenen Umständen der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe bis zur Gewißheit erhelle, doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe, ob der Richter die Rechtsbeständigkeit des Uebertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden, Bürgerlichen aussprechen werde.

Er versetzte, daß mein Zuspruch den Punkt nicht treffe. Scheinbar habe das Schicksal die Lösung des Knotens vorbereitet, um unter der Hülle dieser Anstalten einen viel festeren und härteren zu schürzen.

Ich merkte, daß die Gefahr, seine Besitzungen einzubüßen, ihn weniger drückte, als ein anderes, nagendes Gefühl. Er war im innersten Mittelpunkte seiner Empfindungen geknickt, zerbrochen. Das Falsum der Vorfahren hatte den Begriff, den er von sich hatte, vernichtet. Die reine Abstammung, auf welche er, wie das Hermelin auf die unbefleckte Weiße seines Pelzes, gehalten, war besudelt durch den Fehltritt, wozu die Angst zu verlieren, einen geizigen Alten fortgerissen hatte. Seine Tage schienen ihm an ihrer Quelle vergiftet zu sein, und seine Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbniß an, zu welcher es in der körperlichen Sphäre ein Gegenbild in dem scheußlichen Uebel giebt, welches ich nicht nennen mag.

Ich versuchte, den irregehenden Gedanken die natürlichen Wege zu eröffnen, und sagte, daß ja ein Jeder der Sohn seiner Thaten sei, nur sein Bündel zu tragen, nur seine Schuld zu verantworten habe. Allein diese geistige Krankheitsform, welche man Aristocratismus nennt, nimmt solche Mittel nicht an, man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen, welche mir nicht zur Hand waren.

Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor. Er verlangte von mir die Entfernung der Frauen, wenn deren Umstände diese thunlich machten, da er allein zu sein wünsche, und die geschäftlichen Anordnungen, welche nun bevorständen, auch nur in der Einsamkeit treffen könne. Sein Wunsch stimmte mit meinen Ansichten überein. Welche üble Wirkung mußte die Verwickelung der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen, wenn sie davon, wie doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war, Kunde bekam! Ich brauchte daher den Vorwand, daß zu ihrer völligen Herstellung nichts kräftiger wirken werde, als eine magnetische Behandlung, und sandte beide Damen, diese scheinbar einzuleiten, nach der Hauptstadt. Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen, insbesondere bei Johanna, welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte, daß sie einsehen mußte, wie die Schwägerin ohne sie in der großen Stadt ganz verlassen sein werde. Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus, gegen welchen ich vielmehr von jeher gewesen bin, da er den Organismus nur noch tiefer zerrüttet. Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen Freundes, auf welchen ich mich, wie auf mein zweites ärztliches Ich verlassen konnte. Diesem band ich ein, daß er meine Heilmethode, als Vorbereitung zu jener mystischen, verfolgen, und so ohne Streichen und Manipuliren den Zweck zu erreichen sich bestreben solle.

Nun waren wir Männer allein, verkümmert, auf dem Schlosse, welches sonst von freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte. Der Herzog schien ruhig zu sein, er erklärte verschiedentlich, daß ich Recht gehabt, daß Jeder nur für sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei, daß die Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernünftigen unsrer Ehre nicht schaden könnten, und was dergleichen mehr war. Allein mir wurde nicht wohl bei diesem Gleichmuthe, der offenbar sich als erkünstelt zeigte.

Der Kaufmann hatte seine Anträge gemacht, welche dahin gingen, daß der Herzog die Güter auf den Todesfall abtreten, bei seinen Lebzeiten aber den Nießbrauch behalten solle. Letzteres und ein bedeutendes Witthum für die Herzogin sollten den Kaufpreis bilden. Unter diesen Bedingungen war die Zurücknahme der Klage, die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache andererseits versprochen worden.

Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht, den entscheidenden Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde, welche die gedachten Punkte enthielt, zu setzen. Als ich ihm über diesen eiligen Schritt Vorstellungen machte, sagte er: Wollten Sie, daß der Krämer den Namen derer von *** an den Pranger schlage? Wäre ich nicht gebrandmarkt? Besteht die Welt aus Vernünftigen? Zudem, ich habe keine Leibeserben, und so möge denn unser altes Geschlecht in diesen gepriesenen jüngsten Tagen erlöschen.

Ich sah ihn ernst und nachdenklich, oft in später Nachtstunde, durch die Gänge des Schlosses wandern. Er stand vor den Thüren, den Geräthen, den Wappenschildern still, und musterte sie mit zerstörten Blicken. Am längsten pflegte er im Ahnensaale zu verweilen, wo er Manches an den Familienbildern ausbessern, die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen ließ. Das Bild des Großvaters wurde herabgenommen und bei Seite geschafft, das seinige an die leergewordene Stelle befördert.

Wo es nur irgend geschehen konnte, brachte er das Gespräch auf den Selbstmord, gegen den er sich mit der größten Lebhaftigkeit erklärte.

Alles, was über diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist, trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor, und hob bei diesen Gelegenheiten besonders das Unanständige eines solchen Lebensabschlusses heraus, welcher in den meisten Fällen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das widerwärtigste Getümmel errege.

Er sprach leider zu oft davon, als daß ich nicht die Absicht hätte durchschimmern sehen, und nicht um so besorgter werden sollen. Das Leben mußte ihm, wie er nun einmal war, unter den jetzigen Umständen eine Last sein, das erkannte ich wohl. Dennoch sträubt sich unser modernes Gefühl hartnäckig gegen den Entschluß, sie freiwillig abzulegen.

In meinen trüben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt, als ich eines Tages bei einem Gange durch die Bibliothek ein toxicologisches Werk aufgeschlagen fand. Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten, welche von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte, von der Blausäure, handelte.

Da der Herzog nun fast gleichzeitig über plötzliche Anwandlungen von Schwindel zu klagen begann, und seine Ahnung aussprach, daß er vielleicht einmal plötzlich am Schlagfluß sterben werde, zu dem seine Constitution sich durchaus nicht hinneigte; so wußte ich, daß er zu enden entschlossen sei, wie er gelebt hatte, nämlich ohne Verstoß gegen die äußere Sitte, in der Weise, die ihm für einen vornehmen Mann die schicklichste bedünkte. Mich erschreckte, mich bekümmerte diese finstere Absicht, und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung vorhanden, sie zu wenden.


 << Kapitel 108  Kapitel 110 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.