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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 107
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.
Derselbe an Denselben.

Hier die Antwort der Herzogin und Johannens. Ihr Wunsch ist erfüllt, freilich mit Widerstreben, indessen haben Sie Ihren Willen, den die Schriftsteller überhaupt in der Regel durchzusetzen wissen. Schon bin ich selbst mitten in den Kreis dieser Memoiren gerückt, und werde Ihnen wohl nicht widerstehen können, wenn Sie fernere Berichte verlangen.

*

Bekenntnisse der Herzogin.

Sind wir Frauen denn nur auf der Welt, um zu leiden? Im stillen, frommen Kreise meiner Zöglinge, durch den Sarg des Gemahls von einer früheren unruhigen Zeit geschieden, ausgesöhnt mit der Schwägerin, wird mein Auge in Regionen zurückgenöthigt, worin Alles schwankte, gährte und schien. Mit Erschrecken sehe ich, daß ein Fremder, in welchem ich zuletzt diese Fähigkeit vermuthet hätte, meinen Schritten unbemerkt folgte, meine Gesinnungen errieth, und Schwächen auffand, wo ich nur Tugenden zu haben glaubte.

Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt, muß des Weges wandern, der mir allein gerecht ist. Möglich, daß ich zu manchen Zielen auf demselben nicht gelange, aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren, und mich abmühen, das, was mir doch versagt bleiben wird, mir scheinbar anzueignen?

Die Orientalen halten es für Sünde, das Bild einer Person zu malen. Es ist gewiß auch Unrecht, das geheime Leben Anderer so schwarz auf weiß zu tödten, denn was bleibt davon auf dem Wege vom Kopfe durch den Arm in die Feder übrig? Nur in einem liebevollen Geiste können die Buchstaben wieder Leben gewinnen, und das Beste wird immer sein, was er zwischen den Zeilen liest.

Eins tröstet mich: Meine Grundempfindung, daß wir nicht oft genug an uns erinnert werden können. Und eine solche Erinnerung war mir das Buch. Zugleich lehrte es mich, wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt, was kurz zuvor als eine Täuschung sich hingestellt hatte.

Ich verzeihe dem Verfasser. Er ist offenbar zu dieser Arbeit genöthigt worden, nicht leichtsinnig, nicht willkürlich hat er sie unternommen. Wenn er von seiner Leidenschaft für die Wahrheit gegen sie redet, so hat er gewiß Recht. Dieser Affect bemächtigte sich vieler Menschen, leider, daß er mit Schonung und Rücksichtnehmen selten zu vereinigen ist.

Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit. Ich muß den unerwarteten Fall erst überdenken. Als der Antor an mich schrieb, war sein Begehren so dunkel und unbestimmt gefaßt, daß ich nicht wußte, was er meinte, und am allerwenigsten auf eine Production vorbereitet war, wie die ist, welche ich nun kenne.

*

Daß Jemand ein Werk, woran er Jahre lang geschrieben, dem Feuer Preis geben werde, weil Andere sich dadurch unangenehm berührt fühlen, wäre grausam, nur zu denken. Die Epigonen werden also unvernichtet bleiben, sie werden ihren Gang über Straße und Markt nehmen. Sollen nun die Zeiten, welche freilich nur wir allein kennen, durch Erdichtungen entstellt werden? Soll unser Bild gerade in der wichtigsten Crisis unseres Lebens undeutlich und verworren der Menge entgegenschwanken, deren Bekanntschaft wir jetzt nothgedrungen machen müssen?

Ich sehe schon, ich werde dem Zwange unterliegen, der meine stockende Feder bedrängt.

*

Nun ja, auch ich habe gefehlt, auch mich bewahrte eine klösterliche Erziehung und das innigste Grausen vor dem Schlimmen, nicht ganz unverletzt. Eine Täuschung war es von Hermann, daß ich anders, als mit freundlichen Gedanken bei ihm geweilt, so lange er unter uns auf dem Schlosse war, aber in den Dünsten solcher Einbildungen schreitet schon das Böse heran.

Großer Gott, wie soll es eine arme Frau anfangen, ihr Inneres vor Andern zu enthüllen? Aber ich sehe diese gezwungene Confession als die letzte mir vom Himmel auferlegte Buße an, dafür, daß ein Hauch sich über den Spiegel meiner Seele breiten durfte, und deßhalb will ich mich ihr auch nicht entziehen.

Als Hermann uns verlassen hatte, glaubte ich, die frohsten Tage im Nachgenusse der letzten schönen Stunde erleben zu dürfen. Das Document, welches uns in unserm Eigenthume schirmen sollte, war gefunden und durch ihn, der mir so manchen Beistand geleistet hatte. Immer stand er vor mir, wie er freudeleuchtend das Pergament emporhielt, meine Gedanken ruhten an ihm, wie an einer festen Säule.

Aber es war kaum eine Woche vergangen, als mich dieser Trost nicht mehr befriedigte. Eine Unruhe ergriff mich, von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte, es fehlte mir, was ich nicht zu nennen wußte, mein Sinnen schweifte über Buch und Stickerei hinaus, wenn ich sie, um mich auf etwas zu heften, zur Hand nahm. Dem Gemahle, welchem ich doch vor Allem Zutraun über jedes Begegniß meiner Seele schuldig war, verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit, und zwang mich, in seiner Gegenwart so zu erscheinen, wie sonst. Wie tief wucherte schon das Unkraut in mir!

Am bedrücktesten fühlte ich mich des Abends – sonst meine liebste Tageszeit! Die Nacht, welche früher die Ruhe Gottes über mich gebracht hatte, schien mich nun in ein Unendliches, Wüstes zu führen, vor dessen hohlbrausenden Wogen meine Seele erzitterte. Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein, aber die Worte desselben regten mich zu wehmüthigen Thränen auf. Es gemahnte mich, als könne ich mir selbst während des Dunkels abhanden kommen, als könne der Mensch verwandelt, schlimm aufstehen, der sich gut und unschuldig niedergelegt habe.

Eines Tages sagte ich plötzlich unversehens laut für mich hin: Es ist ja natürlich, daß ich ihn vermisse, war er doch beständig um uns! Warum soll man sich nicht an einen Freund gewöhnen können. Ich erschrak heftig, da ich diese Worte gesprochen hatte.

Mein Zustand war sehr schlimm. Nach und nach hatte sich aus dem Gefühle des Zwangs, welches mir die Gegenwart des Herzogs einflößte, eine stille Furcht, aus der Furcht eine Abneigung entwickelt. Ich rechtete, ich haderte mit ihm, ich meinte, er vernachlässige mich, und wenn er mich aufsuchte, so bestrebte ich mich eher, ihn zu vermeiden. Der Herzog war unglücklich, ohne daß es mich schmerzte, seine stillen Blicke fragten mich, was er mir gethan habe? Ich schlug die meinigen nieder, um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der Hartnäckigkeit, in welcher ich nun schon eingewohnt war, gelockt zu werden.

Von Franklin hatte ich gelesen, daß er die ihm obliegenden Pflichten nicht auf das Gerathewohl hin erfüllt, sondern über seine Sittlichkeit förmlich Buch gehalten habe. Ich beschloß, etwas Aehnliches bei mir einzurichten. Vielfach war ich angesprochen, als Hausfrau, als Erzieherin, als Armenpflegerin. Ich legte mir ein Heft mit verschiedenen Rubriken an, in welchem ich Abends vor dem Schlafengehen die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete. Auf der Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Credit gegenüber eingeschrieben werden. Eine Columne war den allgemeinen menschlichen und christlichen Tugenden, der Sanftmuth, Bescheidenheit, Verträglichkeit u. s. w. gewidmet.

Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsführung. Da es mir Ernst war, der Oede meines Zustandes zu entrinnen, da ich nicht feierte, und lieber zu viel als zu wenig mir auferlegte, auch seit meiner Jugend die höchste Achtung vor allen ausdrücklichen Verpflichtungen hegte, so füllten sich die Spalten meines Buchs ziemlich an; immer geringer wurden die Rückstände, je weiter ich in der Uebung der guten Werke vorrückte, und nach Verlauf eines Monats war ein beträchtlicher Ueberschuß aus der Bilanz ersichtlich.

Diese Beschäftigungen und die damit nicht selten verknüpfte körperliche Bewegung machten mich ruhiger. Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt mich für hergestellt. Meine Gedanken an den Abwesenden waren, oder schienen in den Hintergrund gedrängt, das Behagen der Häuslichkeit war mir zwar noch nicht zurückgekehrt, die Stunden, welche ich mit dem Herzoge zubrachte, behielten etwas Formelles, indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen. Schon früh hatte ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht, daß der eigentliche Athem des Lebens doch nur die Pflicht sei, welche man mit Ueberwindung übe, und daß der Mensch gegen nichts vorsichtiger sein müsse, als gegen das Glück. Hatte ich nun früher mir oft im Stillen gesagt, daß mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einöde werden, daß ich seinen Verlust nicht überstehen, daß ein Ersatz für ihn mir undenkbar sein würde, so mußte die jetzige etwas kältere Empfindung mir als offenbarer Gewinn erscheinen. Nun fühlte ich, daß ein stilles Zurückziehen mich nicht zerstöre, daß er, eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens, zwar darin eine hohe, vorzügliche Stelle einnehme, aber doch nicht Grundfläche und Spitze der Pyramide ausmache. Ueber diese Entdeckung jauchzte ich, und glaubte, durch sie eine Bürgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu haben.

Wie täuschte ich mich, wie fern war ich vom Ziele, da ich es schon mit den Händen zu fassen meinte!

Ich litt, obgleich ich sonst gesund war, seit einiger Zeit an einer erhöhten Reizbarkeit der Nerven, welche sich besonders dadurch äußerte, daß mir unwillkührlich Phantasmen vor die Augen traten. Diese blieben zwar nur einen Moment sichtbar, während der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstände. So sah ich nicht selten ferne Gegenden, in welchen ich einst gewesen war, abwesende Personen, besonders Verstorbene, zeigten sich mir in schnell vorüberschwebenden Schattenbildern. Ein eigenthümlicher Zug dieser Wahngesichte war, daß keine Neigung sie hervorrief. Nur Gleichgültiges erschien, oft das, woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte. Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel, welche aber nichts halfen, im Gegentheil meine Constitution noch mehr aufregten. Ach, leider wird es nur zu sehr verkannt, daß die Krankheiten, wenigstens ein Theil derselben, weit mehr sittlicher als sinnlicher Natur sind, und daß daher in vielen Fällen Tränke und Pulver wenig nützen können!

Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zurück, wohin ich zu Fuß gegangen war, um Kranke zu besuchen. Ich wollte das Schloß noch bei guter Zeit erreichen, in welches andere Hülfsbedürftige bestellt worden waren. Nur ein Bedienter folgte mir. Ich ging etwas rasch, und wählte, um früher nach Hause zu kommen, den Weg über den dem Schlosse gegenüberliegenden Hügel, obgleich derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war. Vom frühen Morgen an war ich thätig gewesen, es hatten sich gerade recht viele Pflichten und Geschäfte an diesem Tage zusammengedrängt, und ich dachte nicht ohne Selbstzufriedenheit daran, wie mancherlei ich werde zu Buche tragen können.

Auf einmal war es mir oben auf dem Hügel, als wenn sich um meine Füße unsichtbare Schlingen legten, oder als ob ich an einen Stein stieße, der zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte. Ich kann diese Empfindung durchaus nicht genauer beschreiben; sie war zwischen Schmerz und Lähmung, und am nächsten komme ich ihr in Worten, wenn ich sage: Sie hatte Aehnlichkeit mit dem Gefühle des sogenannten Einschlafens der Gliedmaaßen. Ich war unfähig, weiter zu gehen, meinte zu fallen, und wußte doch, daß ich mich werde aufrecht halten können. In dem nämlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden, deutlich, daß mir die Knöpfe an seinem Kleide erkennbar wurden, neigte sich gegen mich, legte – mit welcher Schaam schreibe ich dieses nieder! – seinen Arm um meinen Leib, und zog mich an seine Brust. Mich verließen die Sinne, und als ich von einem ohnmachtähnlichen Zustande erwachte, fand ich mich auf einer Rasenbank sitzend wieder, von dem zitternden Bedienten gestützt, der mir stotternd und todtenbleich erzählte, daß ich plötzlich wie vor einem entsetzlichen Schrecknisse gestarrt, dann gewankt und einen angstvollen Schrei ausgestoßen habe.

Meine Verfassung war fürchterlich. Messer durchschnitten mir die Brust. Die Sünde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt.

Da war nun keine Zeit zu verlieren, um zu retten, was sich noch retten ließ. Ich blickte umher, und sah, daß mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt hatte, weder die Ehe noch die guten Werke. Die Kirche allein war der Felsen, an welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knüpfen konnte. Nach einer qualenvollen Nacht, nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in später Abendstunde unserm Geistlichen, und soll ich es gestehen? das verzweifelnde Herz trug sich mit der verstohlenen Erwartung, er werde mich nicht so strafbar finden, als ich mich selbst. Aber ich hatte mich getäuscht. Ein strenges Gericht ließ er über mich ergehen. In schrecklichen Zügen, in drohenden Beispielen machte er mir anschaulich, daß die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr groß, der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich klein sei. Er führte mir die Wahrheit, daß der Körper nie, sondern immer nur die Seele sündige, in ihrer ganzen Strenge vor das Gemüth, und nannte zur Bezeichnung meines Zustandes ein Wort, welches meine Ohren nie zu hören geglaubt hatten.

Düstere, aber heilsame Tage folgten. Ich ergab mich ganz seiner Führung. Der Arzt, so mancher Freund, der Herzog selbst wollten hemmend dazwischen treten; Gott schenkte mir die Standhaftigkeit, ihre Angriffe zurückzuweisen. Hier galt es das Ewige, da durfte keine Menschenfurcht zu Rathe gezogen werden.

Das Erste, was der Geistliche vornahm, war, daß er meine moralischen Rechenbücher zerriß. Er untersagte mir die guten Werke, mit denen ich mich gegen Gott auszulösen gewähnt hatte. Dergleichen, erklärte er mir, sei völlig unnütz, und führe immer nur zu verkapptem Hochmuthe. Dagegen legte er mir die strengsten Andachtsübungen und eine völlige Versenkung in Gott und die göttlichen Dinge auf. Oft meinte ich, daß ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen werde, aber wundersam stärken die Leiden der Heiligung; wenn unsere Wangen auch darüber bleich werden, so wächst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz. Nach und nach erwarb ich, sagen darf ich es, Fertigkeit im Büßen.

Man wollte mich zerstreuen, ich versetzte, daß mir die Sammlung nothwendiger zu sein scheine. Erheiterungen sollten mir bereitet werden, mir, die ich von meiner immer wachsenden Heiterkeit schon Andern hätte mittheilen können. Diese konnten keine Anfechtungen zerstören. Der Herzog begann, gewiß in guter Absicht, mir unmuthig zu begegnen, ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare meines Gottes.

Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschöpfe, der zuletzt in eine Krankheit sich auflöste. Von dieser erstanden, war ich geheilt in jedem Sinne des Worts. Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt, von welchem mich auch die schwersten Unglücksfälle nicht haben abbringen können.

Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist, daß ihm nur das verworrene Mancherlei des Lebens Beschäftigung gewährt, wer an einfachen Wahrheiten und Grundsätzen die Nahrung seines Innern findet, der soll erziehen. Denn dieses Geschäft besteht nur darin, daß man den jungen Seelen eine Ausstattung schlichter Begriffe mitgiebt, mit denen sie durch das Irrgewinde des Markts sich helfen sollen, so gut es gelingen mag. Diese in geduldiger Treue immer zu wiederholen und einzuprägen, habe ich meine jungen Mädchen um mich versammelt.

Ich unterrichte und bilde sie, nicht als ob ich damit etwas Verdienstliches zu vollbringen meinte, sondern weil ich eben dazu passe, und an den Ort gestellt worden bin, wo diese Pflicht geleistet werden sollte.

*

Johanna's Bekenntniß.

Von dem kriegerischen Schauspiele, welches die Menge der Fürsten und Prinzen unglaublich glänzend machte, mit dem Generale zurückgekehrt, fand ich Ihren Brief und die Bücher, welche die Herzogin inzwischen gelesen, und mir übersendet hatte. Also so haben wir ausgesehen? Sonderbar, daß man von seinem inneren Antlitze keinen Begriff hat, wie oft man sich dies auch einbilden mag. Oder vielmehr die Sache steht so: Wir wissen um unsere Verhältnisse, Stimmungen, Irrthümer und Schwächen recht wohl, aber sie im Spiegel zu erblicken, ist schauderhaft.

Anfangs war ich auf den Autor bitterböse, und keinesweges gemeint, mich, wie die Herzogin, der durch ihn von Gott mir verhängten Buße zu unterwerfen. Auch der General wollte nichts von Nachgiebigkeit gegen den im Stillen an uns herangeschlichenen Memoiristen wissen. Als wir aber die Sache näher bedachten, sahen wir ein, daß meine Geschichte Frauen und Mädchen, in deren Hände unsere Denkwürdigkeiten doch auch wohl gelangen mögen, zur Lehre dienen kann, und daß, wenn auch alle Beispiele die Wiederholung der Irrthümer nie verhüten, die Irrenden doch an meinem Falle zu ihrem Troste erkennen werden, wie das Gemüth uns in großes Leid bringt, die Arme unsres Schutzgeistes aber stark genug sind, uns aus demselben emporzuziehen.

Da käme ich nun in das Fach der Herzogin und wollte auch erziehen. Aber freilich beruht mein Unterricht auf andern Voraussetzungen. Die Stille, Liebe meint, so sehr die Demuth ihr auch gebietet, ihre ganze Wirksamkeit vor der Welt als zweifelhaft darzustellen, insgeheim denn doch, daß ihre moralisch-religiösen Vorschriften die jungen Seelen vor dem Strudel bewahren werden. Ich habe dagegen die Ueberzeugung, daß gerade die edelsten Naturen unseres Geschlechts unbedingt tiefen Verwickelungen dahingegeben sind, welche keine Regel der Klugheit, kein Präservativ der Sitte, und keine Andachtsübung aufhält. Viele gehen in denselben unter, wenige werden gerettet. Zu diesen gehöre ich, und wenn auch die Art meiner Herstellung sich nicht bei jeder Unglücklichen wiederholen wird, so lehrt sie wenigstens, daß das Leben selbst aus seiner Fülle den Stab wachsen macht, welchen die Dressur der Pensionsanstalt nicht darreicht.

Dies will ich erzählen, schlicht, einfach, kurz; zu ausgeführter, oder gar kunstreicher Behandlung habe ich weder die Lust, noch das Geschick, noch die Zeit.

Die Stellung der Frauen in der Gegenwart ist sonderbar. Was hat unsere Mütter beschäftigt, ihren Geist und ihr Gemüth ausgefüllt? Das Haus oder die Gesellschaft. Die Ruhigen wandten sich Jenem, die Lebhafteren Dieser zu. Nun giebt es aber keine Häuslichkeit mehr im alten Sinne, und aus der Gesellschaft ist der feine Zauber längst verschwunden, durch dessen Verwaltung wir die Priesterinnen und Fürstinnen des Salons wurden. Unser Platz in der Welt ist also leer oder anderweitig besetzt, wie man dieses Mißverhältniß ausdrücken will. Wenn wir uns auch vor der durch die Saint-Simonisten uns zugedachten Emancipation schönstens bedanken wollen, so läßt sich doch ahnen, daß unser Zustand bedeutenden Veränderungen entgegengeht.

Der Autor hat der Wahrheit gemäß erzählt, daß mich schon als Mädchen auf dem Schlosse meines Vaters das Gefühl eines Vaterlandes mächtig bewegte. Die Natur mußte vielleicht so bei mir verfahren, mir Ersatz durch eine allgemeine Empfindung geben, weil mir der Segen einer gesetzlichen Geburt, mir eine Mutter vorenthalten worden war.

Madame de Stael – wenn ich nicht irre – hat einmal gesagt, daß in Zeiten, wo man auch den Frauen die Köpfe abschlage, ihnen nothwendig erlaubt sein müsse, sich um die Politik zu bekümmern. So schlimm steht es nun bei uns nicht. Aber da wir durch die Staatsumwälzungen unser Vermögen einbüßen, uns mit den Männern versetzen lassen müssen und Söhne für den Krieg gebähren, so scheint uns weder das Recht, noch die Veranlassung zu fehlen, an allen den öffentlichen Dingen Theil zu nehmen, durch welche auch uns Freude und Entsagung, das Lachen und die Thräne bereitet wird.

Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen Mädchens, es sprach sich und Andern dieselben nicht aus. Die Frau, welche Schritte in die Dreißig gethan hat, wird wohl davon reden, und eingestehen dürfen, daß sie von jeher sie gehabt.

Nun aber ist es eine eigene Sache um dieses Vaterland. Wir sind und bleiben denn doch arme Gefühlswesen, bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch das Herz geht. Wenn die Trommel gerührt wird, wenn sie dahinziehen in langen Reihen, und die Fahnen den Tüchern, und die Tücher den Fahnen Abschied zuwinken, und nun der Busen um Reich und Thron, und zugleich um das Schicksal der Lieben bangt, dann die herrlichen, freudigen Kampfes- und Siegesnachrichten erschallen, Jeder in diesem Sturme sich zum Außerordentlichen gehoben fühlt, ach und endlich bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die theuersten Güter erobert dahergetragen bringen – dann weiß eine Frau, daß auch sie in ihrer schwachen, furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt, welche über die Spindel und das Nähzeug hinausreicht, dann dürfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der Gracchen, und den Weibern der Numantiner rühmen. Oder auch dann kann unser Geist bewegt und erregt sein, wenn kluge, weltgestaltende Männer im Schweigen des Cabinets mit der stillen Feder, oder der feinen gewinnenden Rede Bündnisse stiften, Provinzen erwerben, die Entschlüsse so leise vorbereiten, welche nachher den Erdkreis erschüttern und die Menschen in Staunen und Verwunderung setzen. Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annäherung zu versammeln, Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren.

Aber wie wird es im Frieden, im gleichgültigen Gange des Alltags? Statt der Heldenthaten Manoeuvres, statt des regsamen Spiels seltener Kräfte ein stockendes Schleichen im Geleise trockener herkömmlicher Thätigkeit. Was soll denn nun die Frau beginnen, welcher die Kleinigkeiten nicht genügen, auf die wir dann einzig und allein angewiesen sind? Da müßte sie etwa Dichterin, Schriftstellerin, Kunstkennerin werden. Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist, daß die Lieder ihrer Schwestern am Parnaß nüchtern und dünn erklingen, daß die Bücher der Weiber aus den abgetragenen Gedanken der Männer bestehen, daß sie vor den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschöpfen nachsprechen, wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch Belieben trägt, womit wird sie dann ihre verlangende, glühende Brust ausfüllen?

Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schlosse. Gute Menschen walteten dort, aber unsere Seelen waren zu verschieden. Der Herzog war früh gewissen Personen in die Hände gefallen, welche ihm die größten Vorstellungen von der Würde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der Pflicht, Alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen, eingeschärft hatten. Diese Begriffe regierten ihn mit unumschränkter Macht, er hatte für nichts Anderes Raum in sich. In den Militairdienst eines kleineren Staates eingetreten, war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen, hatte auch an einigen Vorfällen des großen Kampfs auf der deutschen Seite Theil genommen, aber ohne Liebe und Wärme für die Sache, welche ihn nur insofern interessirte, als er von ihrem Siege den Triumph der Aristocratie hoffte. Meine gute Schwägerin war in Paris erzogen worden, und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unseres großen Feindes kennen gelernt.

Ich, voll von den Eindrücken einer unbeschreiblichen Zeit, mochte meinen nächsten Umgebungen wohl wie eine Närrin vorkommen, welche sich abmühte, Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben. Der ganze Enthusiasmus eines zwanzigjährigen Mädchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks, diesen Gewinn festzuhalten, das herrliche Gedächtniß mir nicht zu einem Traume verdämmern zu lassen, war die Aufgabe meines Lebens. Ich baute mir ein kleines Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherren zusammen, sang meine lieben Schlacht- und Kampflieder am Fortepiano, steuerte von meinen schmalen Mitteln, so viel ich nur entbehren konnte, an die Vereine, welche sich überall zur Unterstützung der Invaliden gebildet hatten.

Man stutzte, verstand mich nicht, lächelte über mich. Ich ließ mich das nicht anfechten. Aber freilich fühlte ich nur zu bald, daß ich mit dem, was mir das Liebste war, mich in einer völligen Einsamkeit befinde, und dieses Bewußtsein fiel mit um so größerer Schwere auf mich, als es die Nächsten waren, die es mir bereiteten, und als ich voraussah, daß bald mein ganzer Zustand in dem Hause, welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte, unterhölt sein würde. Ich versank in eine Schwermuth, die mich auch wohl zuweilen ungerecht gegen das Gute machte, welches mich umgab. Wenigstens muß ich jetzt über Manches lächeln, was mich damals gegen die liebenswürdige Frau einnahm, mit der ich nun so verträglich leben kann. Sie hatte z. B. eine ängstliche Sorgfalt für ihre Gesundheit, scheute den Zug, den Thau, und was dergleichen mehr ist. Als ich mich einst hierüber im entgegengesetzten Sinne vernehmen ließ, stellte sie mir sehr beredt die Pflicht dar, welche Jeder habe, auf solche Weise über sich zu wachen. Ich fand diese bewußte Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und schwächlicher, und hatte doch Unrecht. Denn wie verderben wir uns und Andern durch üble Laune die Tage, und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen, wie viel öfter aus kleinen Indispositionen, welche meistens durch Regime zu meiden wären! Wie hindern oder zerstören Krankheiten das Glück ganzer Familien! Was begünstigt überhaupt mehr die Entwickelung eines harmonischen Lebensgangs, als das leichte, reine Gefühl, welches nur die Blüthe vollkommener körperlicher Wohlfahrt sein kann?

In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen, welcher auf das Schloß kam, mir die erste Nachricht von dem Auffinden der theuren Reste des erschlagenen Freundes zu überbringen. Es wird nicht von mir erwartet werden, daß ich die Geschichte unserer Herzen, oder vielmehr des meinigen, denn das seine hatte leider keinen Antheil daran, novellistisch erzähle. Nur das muß ich sagen, daß die Herzogin Unrecht hatte, wenn sie in ihrem Briefe behauptete, die Sympathie des Mißvergnügens habe uns zusammengeführt.

Nein, es war etwas Anderes, etwas Höheres von meiner Seite. Medon gehörte zu den geistigen Ruinen, aber zu den mit aller Pracht üppiger Vegetation bewachs'nen. Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden, wenn sie der Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht, wenn sie in ihrer Gutmüthigkeit nicht zu ahnen vermag, daß unter diesen Reichthümern und Schönheiten der Abgrund laure? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden, das mußte ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen, er brachte mir eine Nachricht, worin für mich ein trüber Trost über einen ungeheuren Verlust lag, wie konnte mein Herz noch einen Rückhalt gegen ihn haben? Endlich, ich fand nach langem Darben Jemand wieder, mit dem ich meine Sprache reden durfte.

Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen dieses Mannes getragen, und wer wird mir daher glauben, daß ich über seine frühere Geschichte, über seinen Character und seine Grundsätze nur Vermuthungen zu geben weiß? Das allein ist mir bekannt, daß ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin.

Er war aus Franken gebürtig und von einem ehemaligen Jesuiten erzogen worden. Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagene Festigkeit seines Ordens zu eigen gemacht, und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft, daß der Zweck die Mittel heilige. Als Jüngling muß ihm etwas Schreckliches begegnet sein; ich ahne, daß er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getödtet hat. Ein solches Mißgeschick mag auf den Menschen die zerstörendste Wirkung äußern. Denn ein Verbrechen läßt sich durch Reue und Buße sühnen, aber wo findet der Beruhigung, welcher als blindes Werkzeug geheimer, gräßlicher Mächte sein Theuerstes vernichtete? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter, und Frostnacht breitet über sie erstarrende Schatten aus.

Er hat mehrere Monate in Wäldern und Felsklüften, dem Wilde gleich, verlebt, wie er mir selbst gestand. Welche Gedanken da sich seiner bemächtigt, weiß nur der finstere Geist des Felsens und des Waldes. Als der große Ruf der Freiheit durch Deutschland erscholl, klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen Vaterlandes an, und diese ward nun der Gott seines Busens. Seine tollkühne Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche, zu sterben. Der Tod ward ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus. Ein tiefer Haß gegen alles Bestehende, worin er nur das Hemmniß einer besseren Ordnung der Dinge erblickte, bemächtigte sich seiner, um so gefährlicher und hartnäckiger, als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging. Viele sind in jenen Tagen gegen Fürsten und Machthaber stürmisch und drangvoll zu Felde gezogen, sie trugen das Panier ihrer Vorsätze im Antlitz; Medon schien dagegen mit allen Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein. Er gehörte zu den kalten Fanatikern. Diese vermögen, wenn die Umstände sie begünstigen, etwas auszurichten. Denn die Dinge, welche auf solchen Gefilden erstrebt werden, entstehen nicht durch die Begeisterung, sondern durch den Calcül.

Eine kurze Zeit hat er sich in den damals aufkommenden geheimen Bundeswesen versucht. Wie diese unzulänglichen Intriguen nach Jahren entdeckt wurden und zum Schreck Vieler, dem im öffentlichen Ansehen festwurzelnden Manne das Gebäude seines künstlich-errungenen Zustandes zertrümmerten, ist in den Büchern unserer Geschichten erzählt. Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der großen Stadt nach; Niemand hielt sich im Verkehr mit Andern mehr sicher.

Ein Geist, wie Medon, mußte aber sehr bald einsehen, daß sich mit Studenten nichts durchsetzen läßt, und daß überhaupt Verschwörungen nie die Beschaffenheit der Dinge, sondern immer nur ihre Oberfläche, und auch diese meistens nur vorübergehend ändern. Er gab daher alles derartige Thun und Treiben auf, sagte sich von den Häuptern und Gliedern los, und folgte dem Strome, mit welchem zu schiffen jeder gute ruhige Bürger verpflichtet ist. Sein Name, seine Kenntnisse, seine Persönlichkeit führten ihn in vortheilhafter Art bei den Machthabern ein; es dauerte nicht lange, so war der Grund zu der glänzenden Existenz gelegt, welche unser Autor beschrieben hat.

Indem ich nun daran gehen soll, die Fäden, welche das Gewebe seiner Handlungsweise zusammensetzen halfen, aufzudrehen, fehlen mir fast die Worte, um das Verhältniß von Kette und Einschlag richtig darzustellen. Ein Wahn, ein Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der eigentlichen Gestalt, des dichten Zusammenhangs, welchen ihm die schildernde Feder giebt. Nur in Träumen und abgerissen-flatternden Momenten mag der so arg Fehlende sich seines Systems bewußt werden. Ich bitte daher den Schatten des Dahingegangenen zum Voraus um Verzeihung, wenn die Armuth der Sprache mich zu bestimmteren Ausdrücken zwingt, als wie sie der Sache eigentlich gemäß sind.

In den Geschichten der Revolutionen, namentlich in denen der französischen, wird zuweilen das Wort: Pessimismus gebraucht. Es bedeutet das Streben der Factionen, durch künstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes die Menschen in eine Wuth zu stürzen, welche sie blindlings den Planen der Bösen zutreibt. Die Mittel, deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient, sind mannichfaltig, jedoch laufen die meisten darauf hinaus, daß man entweder die Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiß, oder selbst den Schein feindlicher Operationen erzeugt, oder durch gemachten Mangel der ersten Lebensbedürfnisse Kummer und Noth unter die Menschen wirft.

Ich weiß nicht anders mich auszudrücken, als: Medon hatte sich vorgesetzt, ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein. Voll von dem ätzenden Gefühle, daß die öffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schönen, freien, großen Entwickelung seien, hielt er dafür, daß der Weg zu einer Erneuung unseres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommenen Anarchie gehe, und daß dahin nur eine Zersetzung aller moralischen Bande, welche uns zusammenhalten, die er aber für morsch ansah, führen könne. Ob er allein, von jeder Verbindung mit Anderen gesondert, in dieser entsetzlichen Täuschung einen abenteuerlichen Plan ausgesonnen hat, ob Mehrere Theilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind, ich weiß es nicht. So viel ist mir aber klar geworden, daß seine Rathschläge, seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden, um unheilvolle Maßregeln hervorzubringen, welche unsere allerdings zweideutigen Verhältnisse in eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten, Maßregeln, welche er mit großem Geschicke und vielem Scheine als nützliche, kluge, billige darzustellen wußte. Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute auf, sich zu überheben, die ihnen gezogenen Schranken zu verkennen, natürliche, ihnen gemäße Lebensloose mißzuschätzen, so sich innerlich zu Grunde zu richten, und sich zu einem gährenden Stoffe der Zeit zuzubereiten. Das war endlich der Grund, warum er Hermann in so thörichte Pfade verlockte. Auch er sollte ein Opfer dieser Künste werden, die Heerde der Mißvergnügten, Zerstörten mehren.

Ach! mir entsinkt die Feder! Ich habe das dunkle Bild entworfen, erlaßt mir, es auszumalen! Nur so viel noch. Seine eigenen Andeutungen und einige Blätter, welche er mir in ausforschender Absicht, wie ein Spiel des Witzes, übergab, liehen mir die Züge dar. Die Schrift war nach Art und in der Form des Fürsten abgefaßt, und hieß: Das Volk. Er hatte, wie Machiavell, darin eine finstere Theorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt. Genug! Genug! –

*

O, und doch ist das Schlimmste noch zurück! – Wirst Du es denn glauben, junge arglose Seele, die Du diese Bekenntnisse liesest, daß wir unsere Brust, heißer Liebe voll, an die Brust eines Mannes legen, und daß er, kalt berechnend, während der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwürfe, zu einem Werkzeuge ausersehen kann? Es ist fürchterlich, sich an dem Gefühle einer Frau zu versündigen, denn der Frevler tödtet darin ihren Gott! – Tausendmal ist es gesagt worden: Wir haben nichts als die Liebe, aber es geht damit, wie mit allen uralten Wahrheiten; Niemand achtet ihrer.

Zwar merkte ich an Medon, als es ihm gelungen war, mein Herz zu überwältigen, oft eine gewisse Unruhe, ein Zerstreutsein, was wie Kälte aussah, aber ich schob diese Dinge auf Verwickelungen, aus früherer Zeit herrührend, auf das Unbehagen, welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte, auf momentane Stimmungen, auf das Gefühl des Nichtbefriedigtseins endlich, wovon ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden. Wie hätte ich in meiner Hingebung und bräutlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen können? Aber als wir die Ringe gewechselt hatten, als ich sein Haus theilte, und nun Einrichtungen getroffen wurden, welche auf die Absicht einer Sonderung aller Lebensverhältnisse schließen machten, als er sein Zutrauen still und höflich zurückzog, die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und erzwungener wurden, überhaupt unsere Ehe nach und nach die Gestalt eines gewöhnlichen Convenienzbündnisses unter abgeflachten Personen der höchsten Stände annahm, ohne daß von meiner Seite diese Wandlung durch etwas Anderes verschuldet war, als durch wachsende Innigkeit, und steigende Sehnsucht, im Hause mein Alles zu finden, da befiel mich ein Grauen, ich fing an zu argwöhnen, daß ich schwer hintergangen sei, und fühlte die Nothwendigkeit, einem schlimmen Geheimnisse auf die Spur zu kommen.

Was mich am Meisten erschreckte, war die Art, wie Medon sich gegen mich vor Anderen benahm. Unsere Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten Personen der Hauptstadt gefüllt, ein glänzender Kreis umgab uns, der mir wohlwollend und achtungsvoll begegnete. Medon erschöpfte sich vor diesen Zeugen in Aufmerksamkeiten gegen mich. Aber sobald die Menschen uns verließen, sobald die Kerzen ausgelöscht wurden, verschwand auch er, und barg sich in seinen Gemächern.

Ich hatte mir Anfangs vorgenommen, ihn zu beobachten, insgeheim zu forschen und den Falten seiner Seele nachzuspüren. Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwürdig und erkannte, auf welche Weise es sich einzig und allein für mich zieme, in dieser Sache zu verfahren. Eines Tages, da ich mich ruhig genug glaubte, erklärte ich Medon zwar mit zitternder Stimme, aber durchaus fest und gesammelt in mir, daß mich sein Wesen befremde, daß es nicht das eines Gatten sei und daß er mir die Wahrheit zu sagen habe, welche ich sofort, ganz, im unumwundensten Geständnisse von ihm verlange.

Die Kraft der Unschuld und des Rechts muß wohl sehr groß sein, da sie selbst das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht. Medon, der sonst Jeglichem Stand halten konnte, ward durch meine Anrede überwunden. Zwar versuchte er, mir in ausweichenden Antworten zu entgehen, als ich ihm aber erklärte, daß ich diese verwerfe, vielmehr fordere, er solle seine Pflicht erfüllen, und als meine Augen, welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche Thränen fern hielten, nicht abließen, ihm, der unruhig hin- und herging, zu folgen, so brach seine Fassung zusammen. Er stürzte mir zu Füßen, barg die erröthenden Wangen in meinen Händen, und stammelte, so demüthig niedergebeugt, seine Bekenntnisse. Er gestand mir, daß er mich nie geliebt habe, daß er überhaupt keine Frau werde lieben können, weil sein Haupt gänzlich von dem öffentlichen Interesse eingenommen sei, daß er allerhand Pläne mit den Menschen verfolge, daß er aber eingesehen habe, wie Niemand selbstständig auf Viele wirken könne, der nicht ein Haus mache, weil jeder ledige Mann über kurz oder lang aus dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerathe, zum Anhange fremder Verhältnisse werde.

Unglücklicher! rief ich vorahnend aus, und deshalb bedurftest Du einer Frau, um deren Sopha sich die Gäste versammeln sollten, die ihnen den Thee einzuschenken bestimmt war, Du mußtest eine Wirthin für Dein Intriguenstück haben. Und so hast Du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt, betrügerischen Glimmer für mein reines Gold gezahlt, welches ich Dir aus überströmender Fülle verschwenderisch hinschüttete! Hast mich mir selbst entfremdet, nicht aus Leidenschaft, nein, wie der Vogelsteller mit süßgiftigem Tone die Nachtigall aus ihrer grünen Laubzelle in seine Netze lockt!

Er konnte nichts erwiedern und nickte nur seine schweigende Bejahung, dann ging er still und gebückt, ohne die Augen vor mir aufzuschlagen. Bald erhielt ich einige Zeilen von ihm, worin er mir sagte, daß, nach dem, was ich nun wisse, er keine Macht mehr über mich haben wolle, und daß es von mir abhänge, unser Verhältniß aufzulösen.

Ich antwortete ihm darauf, daß man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu Tage nehme und entlasse, daß ich überlegen und zu seiner Zeit das Nöthige beschließen werde, daß aber vor der Hand unsere Scheinehe fortdauern müsse.

Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermann's Ankunft geschehen. Es hatte sich eine dunkle Nacht über mich und mein Leben ausgebreitet. Seine Erscheinung war der erste Lichtstrahl in dieser Finsterniß, sie gab mir wieder die Möglichkeit einer Hoffnung, einer Zukunft. Ich glaube, daß ich nur durch ihn die Stärke zu dem Entschlusse gewonnen habe, den ich nachmals ausführte, als Medon bei der herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreißen wollte; mein Geschick nämlich von dem seinigen durch rasche Flucht für immer abzusondern.

Hier schließe ich. So kann eine Frau für die edelsten Regungen büßen. Und von solchem Falle kann sie wieder erstehen.

In der freudigen Rührung, die mich immer ergreift, wenn ich meines gewendeten Schicksals denke, werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort nachgerufen. Er schläft fern in dem fremden Lande, jenseit des Weltmeeres. Klima und Kummer zehrten ihn dort aus, nachdem seine phantastischen Verbrechen hier gescheitert waren. Er hat schwer gefehlt, es ist wahr. So übel stehen unsere Angelegenheiten nicht, wie er sich einbildete, und seine Denkungsweise war übler, als das Uebelste. Aber man erwäge, daß Vieles bei uns zusammentrifft, gerade die lebendigen, strebsamen Geister in unheilbaren Trübsinn zu versenken, aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen können.

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