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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.
Der Arzt an den Herausgeber.

Niemals bin ich in der Stärke Materialist gewesen, wie Sie angenommen haben. Darin muß ich zuvörderst Ihre Geschichten berichtigen.

Religion wird einem Jeden angeboren, und nach meiner Meinung ist der Vorwurf, daß man keine habe, womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein pflegen, der schwärzeste, welcher einem Menschen nur gemacht werden kann, denn er wirft ihn zu den Thieren hinab. So hatte ich früh beim Abdämpfen und Präcipitiren, bei dem Oeffnen und Zerschneiden der Leichen gefühlt, daß ein Etwas vorhanden sei, welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse, vor keinem Agens niederfalle, dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe. Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall, Blatt und Blume hervor, und figurirte »das kleine Königreich, Mensch genannt.« Wer durfte mir verwehren, es Gott zu nennen?

Aber dem Arzte wird es schwer, über dieses Eine und Einfache zur Wärme zu gelangen. Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der Mannichfaltigkeit verwiesen, er darf darin nicht nachlassen, wenn er nicht sehr bald zurückgehen will, und so pflegt es denn zu kommen, daß der Mehrzahl meiner Standesgenossen der den Erscheinungen unterbreitete Urgrund, das Heilige, das Imponderabelste, etwas Theoretisches wird, an dessen Vorhandensein zwar Keiner zweifelt, mit welchem aber gleichwohl Wenige eine Beziehung anzuknüpfen vermögen.

An dieser Beziehung mangelte es auch mir. Mein Gott war der des Amsterdamer Philosophen, der mit einer intellectualen Liebe von Anfang an sich selbst, aber sonst nichts Anderes Liebende. Er ließ mich gehen, ich ließ ihn meinerseits wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben. Zuweilen stieg wohl eine Ahnung in mir auf, daß wir einander noch einmal begegnen würden, aber sie hatte weder Form noch Farbe, und war mir gleichgültig. Gegen alle Vermittlung durch die Kirche verspürte ich aber den entschiedensten Widerwillen.

Was mich auf das Schloß des Herzogs brachte, mich dort einige Jahre festhielt, wird man aus Ihren Geschichten herauslesen können. Es giebt Dinge, über welche der Mann, auch wenn sie abgethan sind, gegen den Mann sich auszusprechen, immer Scheu empfindet. Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden Orte, durch welchen sie reiste, in einer leichten Unpäßlichkeit genaht, entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend, wobei ich mir vorsagte, daß Beweggründe des Interesses meinen Entschluß rechtfertigten.

Leidenschaften, besonders unerwidert-verzehrende, löschen immer auf eine Zeitlang Gott und Himmel in uns aus. Der Ferne schwebte nur noch wie ein leichtes blasses Wölkchen an meinem Horizonte, und verbarg sich wohl auch ganz hinter den schwarzen Dunstschichten, welche die Luft oft genug trübten. Byron ward mein Prophet, mein Evangelium. Ein glühend-geistiges Verlangen in mir blieb ungestillt, die Folge davon war, daß, wenn ich auch dem da droben nichts anhaben konnte, ich doch gegen seine irdischen Gefäße, die Seelen, eine Nichtachtung faßte.

Doch ich sehe, daß ich schon in das hineingerathen bin, wovor ich mich hüten wollte, nämlich in das Erzählen. Noch zwar betrifft Alles nur mich, nun aber verschlingen sich meine Begebenheiten in die anderer Personen, und die erste Bedingung wäre, deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten.

Ich will Ihnen nur gestehen, daß ich schon an die Herzogin und an Johannen geschrieben, den Damen Ihr Werk übersandt, und die Entschließung auf die Bitte des Autors anheimgestellt habe.

Warten wir denn ab, wie weibliches Gefühl sich in diesem Falle benehmen wird. Daraus müssen wir wohl Beide submittiren.

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