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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.
Derselbe an Denselben.

Doch von den Minutien zum Ernste zurück.

Lassen wir das Publicum! – Es giebt kein Publicum mehr. Dieses Wort setzt eine Anzahl empfänglicher Hörer voraus. Wer hört nun noch, und wer will empfangen? Leicht ist es, hierüber verdrießlich zu werden und zu schelten, schwerer, das Phänomen in seinem Ursprunge zu begreifen, in seinen Folgen mit Gleichmuth zu erdulden.

Und doch entspringt die scheinbare Gefühllosigkeit der jetzigen Menschen für Schönes, Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwähnten Ueberfülle der Geister. Jeder ist von einem unbekannten Etwas überschattet, welches die Seelen erhebt und gänzlich beschäftigt, Alle haben eine große Aufgabe in sich zu verarbeiten, Keiner ist müßig. So sehe ich Zeit und Zeitgenossen, entgegenstehend manchen in den Büchern der Epigonen verlautbarten Stimmen, an. Wie sollen sie fähig sein, zu nehmen, da sie schon mehr haben, als sie bewältigen können?

Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden. Der sinnende und bildende Geist wird von einer ewigen Nothwendigkeit getrieben, sich zu offenbaren, und zur Vollständigkeit dieser Offenbarung gehört die äußere Erscheinung. Man schreibt daher und läßt drucken, nach wie vor, ohne die Aussicht der Vorgänger zu haben, gelesen zu werden. Anfangs und in der Jugend bereitet dieses Verhältniß bittere Schmerzen; es ist so traurig, sich mit einer Welt von Anschauungen, Gedanken und Empfindungen in der Wüste zu sehen, allmälig beruhigt sich das Gemüth, und endlich kann in der durchgeprüften Seele das Bewußtsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen, welches so unzerstörbar schön ist, daß man es mit nichts vertauschen möchte. Oder es ist nicht besser, unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden, denn unter Bettlern mit seinem Etwas sich hervorzuthun?

Ich schrieb den Merlin und wußte sein Schicksal vorher, nämlich, daß man seiner nicht achten werde. Glauben Sie, daß mich dieses Wissen niedergeschlagen hat? Keine der Entzückungen, aus welchen jenes Gedicht entsprang, hat es auch nur im Mindesten getrübt. So habe ich an den Büchern der Epigonen gearbeitet, ohne irgend etwas davon zu erwarten, was man Wirkung nennen könnte. Und dennoch sind mir die Stunden, Tage und Wochen, welche ich ihnen widmete, unverfinsterte, liebe Erinnerungen.

Die Pfade zum Heldenthume sind immer steil, die Pfade zu dem, welches ich meine, vielleicht die steilsten. Zart und weich soll der sein, der sie wandelt, und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben, um die himmelansteigenden Felsen zu bewältigen. Dennoch gelingt es wohl, emporzuklimmen, wenn wir nur verstehen, uns mit dem Blute unserer Sohlen auf den Absätzen der Klippen neben den furchtbaren Tiefen festzuleimen.

Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur, wie ich gebeten, mein Werk vollenden.

*

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