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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.
Der Herausgeber an den Arzt.

Ich bin an der Elbe geboren, und erinnere mich aus meinen Kinderjahren einer großen Ueberschwemmung dieses Stroms. Weit über die Ufer, ja über die niedrigeren Dämme hin, wogte die graugelbliche Wassermasse mit weißkräuselnden Wellenhäuptern, Landstraßen und Fluren waren verschwunden, nur in der Ferne deuteten Thurmspitzen und Waldsäume das Feste noch an. Man führte mich auf die Brücke, von welcher man in dieses wogende Getöse hinabsah, und meine Begleiter forderten mich auf, über das große Naturschauspiel zu erstaunen. Ich aber konnte an dem wüsten Einerlei, an dem Unabsehlichen, Nichtzuunterscheidenden keine Größe entdecken, und blieb in meiner Seele ganz ungerührt. Die Andern schalten mich verstockt, fanden aber gleichwohl auf meine Frage: Ob Millionen Tonnen Wassers, zusammengegossen, eben mehr wären, als Wasser? nichts zu erwiedern. Gleich darnach reiste ich in unser Oberland, in den Harz, welcher einen Theil der Fluten aus seinen von Schnee und Regengüssen geschwellten Wässern dem Strome zugesendet hatte. Wild und hastig stürzten die Flüsse, Flüßchen und Bäche dem ebenen Lande zu, aber jedes Bette hatte seine eigenthümliche Gestalt, die Wände faßten noch das Gerinne, welches hier rasch und tosend fortschoß, dort sich um Baumstücke oder Felsblöcke brausend wirbelte, und jegliche dieser schäumenden Adern gewissermaßen zu einer lebendigen Person machte. Hier ward nun mein Entzücken laut, ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen, und sagte, das sei das wahre, große Naturschauspiel, wenn die Kräfte so besonders und für sich auftreten, und doch so innig zusammenhingen. Denn Seitenspalten und Nebencanäle verknüpften diese Söhne des Gebirges, die Elementargeister reichten einander die silberweißen Arme.

Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage, warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte geschrieben habe, und warum ich sie vermuthlich niemals schreiben werde. Mir erscheint ihr Geist nur in großen Männern, nur die Anschauung eines solchen vermöchte mir den Sinn für irgend eine Periode aufzuschließen. Wir besitzen aber keinen, haben seit Friedrich keinen besessen. Napoleon schien sich eine Zeitlang dazu anzulassen, aber es fehlte ihm die letzte Weihe, das organisirende Genie. Er hat nicht einmal vermocht, einen originalen französischen Staat zu schaffen, seine Institutionen sind schon jetzt veraltet. Im Laufe der Jahrhunderte wird er nur wie ein Attila und Alarich, die Vorläufer Karl's des Großen, dastehen, und diesen zweiten Karl, diesen Erneuerer des mürbegewordenen Weltstoffs werden unsere Augen leider nicht mehr erblicken. Was ist also das politische Leben unserer Zeit? Eine große, weite, wüste Ueberschwemmung, worin eine Welle sich zwar über die andere erhebt, aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestürzt und zerschlagen wird. Ich kann daran nichts Schönes erblicken. Leider haben die Beherrschten mehr Geist als die Herrscher, deßhalb vermag nicht einer Dieser feste Gestalt zu gewinnen, und Jener sind Viele, so daß sie sich gegenseitig aufheben.

Ich fühle mich daher immer versucht, von der Ebene, in welcher diese Wogen als Revolutionen, Thronstreitigkeiten, Congresse und Interventionszüge sich brausend mischen, aufwärts nach dem Gebirge emporzusteigen, welches durch seine hinabgesendeten einzelnen Fluthen jene allgemeine Wasserwüste erschafft. Nie sind die Individuen bedeutender gewesen, als gerade in unsern Tagen, auch der Letzte fühlt das Flußbette seines Innern von großen Einflüssen gespeist. Dort also, aus entlegener Höhe, an grüner Waldsenkung, zwischen einsamen Felsen, im Rücken der politischen Ebene, wachsen und springen meine Geschichten. Jeder Mensch ist in Haus und Hof, bei Frau und Kindern, am Busen der Geliebten, hinter dem Geschäftstische und im Studirstübchen eine historische Natur geworden, deren Begebenheiten, wenn wir nur das Ahnungsvermögen dafür besitzen, uns anziehen und fesseln müssen.

In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit dem, welchem das besondere, gegliederte Leben mehr gilt, als der unentschiedene Strudel, in welchen die verschiedenen Strömungen der Lebensthätigkeiten endlich zusammenrinnen, wenn sie in den Conflicten des Oeffentlichen einander begegnen, des Stoffes die Fülle dar, und es ist nicht nöthig, in die Zeiten der Kreuzzüge, oder der Jesuitenherrschaft, oder des dreißigjährigen Krieges zurückzugehen, um bedeutsame Anschauungen zu gewinnen.

Man hat unsere Tage mit denen der Völkerwanderung verglichen. Das römische Reich zerfiel in jenen, und die Germanen traten an dessen Stelle. Auch wir hatten so ein römisches Reich an der Autokratie der Fürsten oder gewisser allgemeiner Begriffe. Beides neigt sich zu seinem Untergange, und die Individualitäten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehen als die Germanen der Gegenwart da. Noch haben sie nur zerstört, nicht das geringste Neue ist von ihnen bisher erfunden und gebildet worden. Mein Sinn, in welchem etwas Dichterisches sich nicht austilgen lassen will, neigt sich mit Wehmuth und Trauer dem Verfallenden zu, denn die Musen sind Töchter der Erinnerung; aber eine Thatsache läßt sich nicht abläugnen, nicht verschweigen.

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