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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 102
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.
Derselbe an Denselben.

Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zurückgelassen. Soll ich mich eines Gleichnisses bedienen, so möchte ich sagen: Die Bienen arbeiten in ihrem Stocke, tragen Honig ein, halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab, und meinen, das Alles für sich in völligster Abgeschiedenheit zu thun. Aber der Korb hat an der Rückseite ein Glasfenster und einen Schieber. Diesen öffnet dann und wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe. So haben Sie uns verstohlen betrachtet, freilich mit Vorsicht; sonst würden wir die Scheibe zu verkleben gewußt haben.

Die Thatsachen sind ziemlich richtig, so weit dieß bei einer Erzählung, welche Rücksichten zu nehmen hatte, überhaupt möglich war. Die Psychologie ist so, so. Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu, als Sie geahnet haben, wenigstens in mir.

Am wahrsten sind die Figuren, welche die Menge vermuthlich für Erfindungen halten wird: Die Alte, der Domherr, Flämmchen. Es ist zu loben, daß Sie diesen Blasen der von grundaus umgerüttelten Zeit nichts hinzugefügt, noch ihnen etwas abgenommen haben.

Sie klagen sich der Leidenschaft für die Wahrheit an. Lassen Sie sich denn die Wahrheit gefallen, daß ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich Ihrer und unserer Unterredung nicht erinnerte. In meinem Zimmer drängen sich der Menschen Viele. Auf mein Fach, und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme, auf die Engländer mich beschränkend, kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht. Es ist besser, daß ich als Fremder Ihnen gegenübertrete, und daß unsere Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird, als daß ich mich gegen Sie mit faden Complimenten abfinde, die in der Regel nachmals sich auf die eine oder andere Art bestrafen.

Der Zeitabschnitt, in welchen unsere Entwickelungskrankheiten fielen, denn so möchte ich die Geschicke, welche uns betrafen, nennen, war vor vielen geeignet, ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen. Es war Friede im Lande geworden, die alten Verhältnisse schienen hergestellt, das Neue war auch in seinen Rechten anerkannt, alle Bestrebungen hatten eine feste, naive Färbung, während die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre gemacht und in das Unsichere getrieben haben.

Die Gefühle und Stimmungen jener Periode – der letzten acht oder neun Jahre vor der Julirevolution – liegen fast schon als mythische Vergangenheit hinter uns. Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restauriren, das Geld glaubte treuherzig, wenn es nur den privilegirten Ständen den Garaus machte, so werde die Welt den harten Thalern gehören, des Demagogismus wollte studentenhaft die Festung stürmen, die Staatsmänner meinten nach Ideen regieren zu können, es gab Schriftsteller, welche mit großer Macht die Einbildungskraft beherrschten; ein Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und catastrirte den Geist. Was ist von allem dem übrig geblieben? Die französische Thronveränderung hat abermals das Antlitz der Welt verändert, und so wenig ich in weichliche Klagen über dieses Ereigniß und seine Folgen auszubrechen geneigt bin, so muß ich doch sagen, daß die Jahre, welche ihr vorangingen, an geistigem Gehalt und an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart übertrafen.

Man könnte Ihnen also Dank wissen, daß Sie es unternommen, ein Zeugniß jener verschwundenen Zeit auszustellen. Aber zwei Fragen möchte ich an Sie richten.

Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen Schicksale treibt, warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst? Da hätten Sie die volle Traube am Stocke vor sich, und könnten uns einen gesunden reinen Wein zubereiten, während Sie in der Sphäre, welche Sie wählten, nothwendig mischen müssen, und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen.

Die zweite Frage ist: Was soll das Publikum mit diesen Büchern anfangen? Die Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessiren, da sie keine »Tendenzen« hat. Und was ist daran wichtig, daß ein Bürger mit einem Fürsten über dessen Güter processirte, daß wir ein Caroussel veranstalteten, daß es in den Häusern des Mittelstandes noch hin und wieder häuslich herging, daß an unserem Sitze der Intelligenz allerhand Liebhabereien und Theoriewirthschaften getrieben wurden?

Meine Meinung über den Werth dieser Zustände habe ich oben angedeutet, aber sie ist nicht die Meinung der Menge. Sie wird auf solche Geringfügigkeiten mißschätzend herabsehen.

*

N. S. Auf einige Fehler:

      ... quas aut incuria fudit,
Aut humana parum cavit natura ...

muß ich Sie doch aufmerksam machen.

Hermann will als Neunjähriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in das französische Kaiserreich erlebt, und als Siebenzehnjähriger in den Donnern von Lützen gestanden haben. Da aber jenes Ereigniß im Jahre 1810 statt fand, und die Schlacht von Lützen nur drei Jahre später vorfiel, so widerspricht seine Rede aller Chronologie.

Der Jude aus Hameln, der falsche Demagoge, behauptet, von neun und dreißig Tyrannen verfolgt zu werden, was nach der deutschen Verfassung völlig unmöglich ist.

Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Theile als Jagdgenosse Hermann's auf, und doch wird im zweiten so gethan, als ob der Held erst bei dem Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe.

Die Interpunction und Orthographie steht nicht recht fest.

Es sind mir sogar Grammaticalia ausgestoßen, die freilich wohl mehr dem Abschreiber zur Last fallen; denn von Ihnen setze ich voraus, daß Sie Ihren Schulcursus durchgemacht haben. Ob aber alle Leser, und besonders diejenigen, welche sich Kritiker nennen, diesen guten Glauben theilen werden, steht dahin.

*

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