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Die Enkelin der Liselotte

Benno Rüttenauer: Die Enkelin der Liselotte - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDie Enkelin der Liselotte
publisherGeorg Müller Verlag München
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131120
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Fünftes Kapitel. Die Andere

Ihre Schwester war an einen Buchbinder in der Sankt-Jakobsgasse jenseits des Flusses verheiratet. Also bog sie am Chorende von Sankt Merry rechter Hand in die Fuchsgasse ein und stand nach wenigen Schritten auf dem Greveplatz vor dem Stadthaus, wo zwischen einer zahlreichen gaffenden Menge ein ungeheures Schaffort aufragte, dessen Balken gerade von einem Dutzend in Blau und Rot, den Stadtfarben gekleideten Arbeitern mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen wurden. »Der arme schöne Graf Anton«, murmelte das Nönnchen; es kannte denjenigen wohl, dem diese schauerlichen Zurüstungen galten.

Von den unheimlichen Hammerschlägen in ihren Ohren gemartert, drückte Nanette sich durch die Menge, die ihr größtenteils ehrfurchtsvoll Platz machte und erreichte glücklich die Brücke von Nôtre-Dâme, die sie aber, obwohl es ihr nächster Weg gewesen wäre, aus einem damals vielverbreiteten Aberglauben nicht überschritt, sondern der abwärts gelegenen Brücke der Wechsler zustrebte, wo denn überdies auch einige Goldschmiede und Geschmeidehändler ihre Buden hatten, in deren Fenstern es schöne Neuigkeiten zu sehen gab.

Aber auch durch diesen neuen Umweg verkürzte sie nur ihre Reise, indem sie am Eingang der letzteren Brücke, dem Gerichtshof und Gefängnis des gefürchteten Châtelet gegenüber, plötzlich vor sich die Karosse des Herzogs von Richelieu erblickte. Sie erkannte dessen Wappen auf dem Wagenschlag. Das Gefährt hielt eben an, und Nanette trat unverweilt näher, während ihre Hand unter den Falten ihres blaugrauen Klostergewands nach dem Briefe ihrer Herrin tastete.

In diesem Augenblick öffnete sich der Schlag der herzoglichen Karosse. Ein junger Mann von kaum mittlerer Größe, von sehniger Magerkeit des Gesichts und der Glieder, im dunkelfarbig einfachen Kavalierkostüm, trat mit elastischer Bewegung heraus und war mit großer Zuvorkommenheit einer Dame behilflich, die ihm folgte.

Der Anblick dieser Gefährtin hinderte die Nonne, vollends nahe zu treten und ihre Mission zu erfüllen. Die Unbekannte aber, ebenfalls im dunkel-bescheidenen Kleid, hatte sich derart den Kopf mit schwarzen Schleiertüchern eingewickelt, daß ihr Gesicht davon vollständig vermummt wurde. Die Nanette begriff, daß jetzt nicht der Augenblick sei, sich bemerkbar zu machen.

»Wenn Euch Eure Laune vielleicht ein wenig teuer zu stehen kommt,« hörte sie den Herzog von Richelieu zu seiner Dame sagen, der er den Arm bot, »so gebt wenigstens mir keine Schuld daran. Aber noch einmal: eine unglaubliche Tollheit von Euch, in diesem belebten Stadtviertel Euch auf der Straße zeigen zu wollen.«

Die Vermummte flüsterte etwas dagegen, was aber Nanette nicht verstehen konnte.

»Mit Eurem Kopfweh,« antwortete in brüskem Ton der jugendliche Herzog. »Der Hafer sticht Euch. Ihr seid abenteuersüchtig ... Also, umkehren, nach Hause.«

Die letzten Worte waren an den Kutscher gerichtet. Dann nahmen jene beiden den Weg über die Brücke in der Richtung gegen die vielgiebeligen schwärzlichen Massen des gotischen Parlamentspalastes, aus dessen Mitte die Palastkapelle der alten französischen Könige (dieselben hatten vor dem Parlament hier ihre Residenz) mit dem steilen gezackten Dach und dem pfeilförmigen schlanken Türmchen wie ein heiliges Ausrufungszeichen des frommen Mittelalters aufragte.

Was der junge Herzog und seine noch jugendhaftere vermummte Dame indessen sprachen, blieb dem ihnen auf dem Fuße folgenden Nönnchen einstweilen unverständlich.

Plötzlich aber entstand ein unerwarteter Auftritt. Ein Bürger, in der entgegengesetzten Richtung über die Brücke schlendernd und an der vorgebundenen weißen Schürze als Barbier oder Bader erkenntlich, hielt mit einem Ruck vor der vermummten Dame an, indem er ihr, gleich einem, der nicht recht bei Trost ist, ins Gesicht stiert, von dem indes wenig mehr als ein zierlich gebildetes feinrückiges Näschen von leiser Krümmung nebst ein paar über das seltsame Gebaren des Bürgers höchst erschrockene Augen zu sehen waren.

»Platz da, Lümmel,« herrschte ihr Kavalier den Bader an.

Das weckte diesen aus seiner Erstarrung.

»Verzeihen Eure Gnaden,« rief er mit einer halb zornigen, halb weinerlichen Stimme; »ich bin kein Lümmel; ich bin der Ehemann der zierlichen und ehrsamen Person, die Ihr an Eurem Arm führt.«

Mit diesen Worten wollte er der Vermummten die schützende Hülle vom Gesichte ziehen. Aber ein Faustschlag des Kavaliers traf ihn ins Gesicht, daß ihm ein roter Strahl Blutes aus der Nase schoß und die Dame ängstlich ihr Kleid raffte, das sich aber mit Blut bereits über und über besudelt zeigte.

Der blutende Barbier aber gebärdete sich jetzt wie ein Rasender.

»Meine Frau,« schrie er, »es ist meine Frau. Ich habe sie erkannt. (Und dann an die zusammenlaufende Menge sich wendend.) Greift ihn, Bürger, den Frauenräuber, den Mörder, den Totschläger.«

Die Leute, der Mehrzahl nach geringes Volk, dessen immer mehr sich zusammendrängte, verhielten sich verschiedenartig. Die einen feuerten ernstlich den Barbier zum Handeln an und waren auch bereit, ihn zu unterstützen. Andere fanden ihren Spaß an dem Auftritt. Sie lachten und höhnten. Die jungen Burschen besonders und halbwüchsigen Gassenbuben taten sich hervor mit Ausgelassenheit und Mutwillen.

»Hetz, hetz, Meister Bartseifer, pack sie, nimm dir die H... Schlag ihn nieder, den Räuber.«

So und ähnlich rief es von allen Seiten.

»Kennt Ihr den Mann,« fragte Nanette einen Schlosser im Schurzfell.

»Gewiß,« antwortete dieser, »es ist unser Meister Mathieu aus der Gasse der Frau ohne Kopf, der schon acht Tage wie närrisch herumläuft und sein entlaufenes Weibchen sucht.«

»Sie ist es, sie ist es,« hörte man aus dem Gedränge rufen. »Sie ist es mit Haut und Haar, die schöne Meisterin, die lüsterne Susanne. Man kennt sie am Wiegen ihrer Hüfte, schaut nur hin. Armer Meister Mathieu. Die kriegst du nicht mehr zu schmecken.«

Abermals war es dem Barbier gelungen, sich dem Pärlein zu nähern und nach den Schleierhüllen auszulangen, die sich das Dämchen indessen noch dichter über das Gesicht gezogen hatte. Aber von einem Stoß von der ausgestreckten Faust ihres Begleiters taumelte er fast besinnungslos zurück.

»Hetz, hetz, Meister Mathieu,« rief das Gesindel, »pack sie, reiß ihr die Schleier vom Gesicht, reiß ihr die Röcke vom Leib, dem sauberen Mensch.«

Aber wie auch der Pöbel schrie und lachte und hetzte oder auch ernstlich sich entrüstete über den Kavalier und seine Begleiterin, zum ernstlichen Beistand fand Meister Mathieu niemand bereit.

Nur immer größer wurde der Zulauf, immer dichter das Gedränge. Die Wechsler der Brücke und andere Krämer traten aus ihren Buden. Auch mehrere vornehme Karossen hielten an – es war keine Möglichkeit für sie, weiterzukommen – und aus den Wagenschlägen schauten Frauengesichter und Kavalierköpfe mit gepuderten Perücken. Doch auch unter diesen schien niemand den Herzog von Richelieu zu erkennen, wenigstens wurde er von keiner Seite angerufen.

Dieser mochte indessen die für ihn zum wenigsten lächerliche und für seine Dame mehr als heikle Situation von Minute zu Minute peinlicher empfinden.

Seine Stirn runzelte sich bedrohlich, aus seinen Jünglingsaugen blitzte Zorn und Ingrimm, und die Art, wie er die Dame fester an sich zog, verriet nicht nur Besorgtheit, sondern auch strafenden Unwillen über ihren launenhaften Leichtsinn.

»Heda, Ihr, Mann dort,« rief er einem Wechsler unter seiner Türe zu. »Ein Kommissär, wo finde ich einen königlichen Kommissär.«

»Gleich links drüben, edler Herr,« antwortete dieser, »an der Ecke des Flusses, dem Palast gegenüber wird der Friedensrichter Danton zu Eurer Verfügung sein.«

»Hörst du, du Karikatur von einem Hahnrei,« rief der Herzog dem Bader zu, »wir gehen zum Friedensrichter. Und wirst du jetzt dein schmutziges Maul halten.«

Mit dem jungen Kavalier und seiner vermummten Dame wälzte sich die ganze zusammengelaufene Rotte nach dem bezeichneten Eckhause. Der Barbier schritt mit etwas possenhafter Gravität voran.

Die Gerichtsstube des Friedensrichters Danton lag zu ebener Erde. Die schweren Ladenflügel des Eingangs waren zurückgeschlagen, nur eine schlecht verschlossene Fenstertüre trennte das Lokal von der Straße. Der vorausschreitende Bader öffnete die wackelige Türe, trat aber dann, dem Gesetz der Gewohnheit unterliegend, zurück und ließ seinem vornehmen Rivalen und dessen Dame den Vortritt. Die Gaffer und Neugierigen, unter ihnen das blaugraue Nönnchen, drängten nach bis unter die Türe.

Der Richter, in dunkelviolettem Talar mit brauner Pelzverbrämung und einem ebensolchen Barett von hoher kubischer Form über der gepuderten Allongeperücke, saß behaglich in seinem Stuhl, mit einem Schreiber zur Rechten und einem zur Linken. Er hatte eben einen Vagabunden abgefertigt, den zwei Häscher der städtischen Prevostei wegführten, und sah in neugieriger Erwartung den Eintretenden entgegen. Denn Leute wie diesen jungen Edelmann und seine Begleiterin sah er nicht gerade häufig in seiner Stube.

Der Kavalier wollte das Wort ergreifen und sich beschweren über die unverschämte Belästigung durch den Bader. Aber dieser kam ihm mit behender Zungenfertigkeit zuvor und überschrie ihn in seiner zornigen Gekränktheit, indem er dem Richter all das wiederholte, was er schon auf der Brücke den Leuten zum besten gegeben.

Der junge Herzog zuckte nur verächtlich die Achsel. Die Miene des Richters forderte ihn auf, zu sprechen. Und so erklärte er: der Mann sei im Irrtum, die Dame sei nicht dessen Frau, darauf gebe er sein Ehrenwort; aber nicht werde er zulassen, daß jemand, wer es sei, die Verschleierte berühre.

»Euch, Herr Richter,« fügte er verbindlich hinzu, »kann ich so viel verraten, daß die Dame von der Oper ist und hier nicht erkannt sein will.«

»Das kann jeder sagen,« schrie der Barbier, »entschleiert sie oder man wird es mit Gewalt tun.«

»Du Schuft wagst es, mich Lügen zu strafen,« knirschte der beleidigte Edelmann; »ich werde dich nach Bicêtre zu den Tollhäuslern bringen lassen, wo du Gips stampfen magst, bis dir die Augen übergehen.«

Aber diese entsetzliche Drohung schüchterte den Bürger nicht ein; sie reizte ihn vielmehr aufs äußerste.

»Gerechtigkeit,« schrie er, »ich verlange Gerechtigkeit, Herr Richter. Ich appelliere an den König. Der König wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und ihr, Bürger von Paris, Volk von Frankreich, hört ihr's, ein Edelmann droht mir mit Bicêtre, weil ich mein Eigentum zurückverlange, das er mir gestohlen hat.«

Die ehrliche Entrüstung und Überzeugtheit des Baders steckte den Richter an. Man konnte es in seinem Gesichte lesen, wie sehr er geneigt war, dem armen Bürger aufs Wort zu glauben. Mannigfaltige Fälle seiner Praxis mochten auch eher zugunsten des Barbiers als des Edelmanns sprechen. Sein Richterblick musterte die Verschleierte wenig wohlwollend.

Da fühlte ihr Kavalier, daß es an der Zeit sei, andere Saiten aufzuziehen. Er zog aus der Klapptasche seines Schoßrockes ein kleines Portefeuille von blauem Leder hervor und hielt es aufgeschlagen dem Richter unter die Nase.

»Hütet Euch, mich zu nennen,« flüsterte er. Der Richter hatte sich entfärbt. Er erhob sich unter einer tiefen Verbeugung.

»Verzeihen Eure Gnaden,« sprach er, »daß ich es an der schuldigen Ehrfurcht gegen Euch fehlen ließ. Heda, Büttel, Soldaten!«

Bewaffnete traten aus einem offenen Nebenraume hervor.

»Dieser Mann da,« sprach der Friedensrichter Danton, indem er auf den Barbier zeigte, »hat seinen Verstand verloren; er wird nach Bicêtre gebracht, bis er ihn wiedergefunden hat.«

Und unter dem Hallo und Hohngelächter des Volkes draußen wurde der schreiende und gestikulierende Barbier abgeführt.

»Es lebe die Hahnreischaft! Es lebe die Gerechtigkeit! Meister Mathieu hoch! Hoch der Friedensrichter Danton! Dreimal hoch die keusche Susanne!«

Solchergestalt klangen die Rufe durcheinander und hatten teils einen harmlos mutwilligen, teils einen böswilligen Klang, je nach dem Charakter der Rufer. Vorherrschend im Ton war jedoch die gedankenlose Schadenfreude.

Unterdessen hatte sich der jugendliche Herzog dankend von dem Richter verabschiedet. Als er mit der verschleierten Dame am Arm aus der Türe trat, stand hier das blaugraue Nönnchen, in seiner Gestalt von dem zurückgeschlagenen Ladenflügel halb verdeckt, aber seine Augen lauernd unter der weißen Kopfhülle hervor auf die verschleierte Dame gerichtet, die unter diesen Blicken plötzlich schreckhaft zusammenzuckte.

Auch Nanette war bei diesem blitzartigen Begegnen der Blicke betroffen zurückgefahren. Die beiden Frauen hatten sich erkannt.

Behend drückte Nanette sich zwischen den Umstehenden hindurch, um sich dem wütenden Blick einer harten und boshaft launischen Prinzessin zu entziehen, deren Zorn sie schon einmal zu fühlen bekommen, und die nun gar den Verdacht schöpfen mußte, von ihrer freundlichen Base Valois heimlich mit Spionen umgeben zu werden.

Schon hatte Nanette im Begriff gestanden, ihren Brief hier endlich zu übergeben und ihres Auftrags damit ledig zu werden. Nur in dieser Absicht (selbstverständlich) hatte sie sich so nahe an die Türe der Gerichtsstube gedrängt. Ein unsicheres Zögern aber hatte sie vor dieser Dummheit bewahrt.

Denn sie wagte jetzt gar nicht, es auszudenken, was daraus entstehen konnte, wenn sie das Schreiben ihrer Herrin im Beisein dieser eifersüchtigen fürstlichen Nebenbuhlerin übergeben hätte, dieser bourbonischen Prinzessin, dieses Fräuleins von Charolais, als welche Nanette die Verschleierte erkannt hatte. Und dazu in was für einer unzweideutigen, beschämenden, ja lächerlichen Situation.

Ich will wenigstens hoffen, sagte sich das Zöfchen, daß die gewalttätige Prinzessin mich trotz allem nicht ganz sicher erkannt hat unter meiner Kutte und nachträglich wieder irre geworden ist. Jedenfalls aber heißt es jetzt auf der Hut sein.

Und vorsichtig und immer in gemessenem Abstand folgte sie dem abenteuerlichen Liebespaar durch eine Reihe stiller Gassen, wo die beiden nun nicht weiter behelligt wurden. Was das Paar zusammen sprach, entging natürlich dem Nönnchen. Aber aus der Haltung, Gangart und gewissen ruckartigen heftigen Bewegungen des jungen Herzogs war unschwer zu erkennen, daß derselbe mehr von Ärger und Unwillen über seine Genossin als von Zärtlichkeit und liebevoller Rücksicht erfüllt war.

Eine kleine Viertelstunde lang ungefähr dauerte dieses Wandern durch das Gewinkel des alten schwärzlichen Stadtviertels von Sankt Andreas, und dann nahm das Paar bei dem graziösen Stadthof des Abts von Clugny die Richtung nach einem bekannten Franziskanerkloster, wo damals vornehme Damen, die sich mit den Jesuiten der Vorstadt von Sankt Anton nicht verstanden, ihre Beichtväter zu wählen pflegten; Im Volksmund hieß das Kloster kurzweg » Les Cordeliers« und es war dasselbe, das sechzig Jahre später dem gleichnamigen Klub seinen Namen gab, der hier unter dem Vorsitz eines andern Danton, jenes kundenlosen und verschuldeten Advokaten, seine Sitzungen hielt und mehr noch als sogar die Jakobiner die bekannten Maßregeln ins Werk setzte, durch welche so viel Schimmer und Glanz und helle Schönheit aus dem Leben weggelöscht und so vieler Pracht und Selbstherrlichkeit, so viel stolzem Mut und Übermut und noch einigem anderen, das damit zusammenhing, ein jähes Ende bereitet und dem glanzvollsten Jahrhundert zu Grabe geläutet wurde unter dem pöbelhaften Gesang von Sanskulotten und der gespreizt tugendhaften Rhetorik des Grabredners Robespierre ...

In die Kirche dieses Franziskanerklosters (auf dessen Platz sich heute die Klinik und die medizinische Hochschule erheben) und zwar durch eine Seitentüre dieser Kirche, sah Nanette den Herzog und die Prinzessin eintreten.

Nanette begriff sofort den Zusammenhang. Sie beschleunigte ihre Schritte, umging die Langseite der gotischen Kirche und erreichte in wenigen Minuten deren Hauptportal, das auf einen kleinen Platz hinausging. Und hier hielt richtig die Staatskarosse der Prinzessin. Hoch aufgerichtet, steif und kerzengerade saß der galonierte fürstliche Kutscher, ein Mann in den sechzig, auf seinem Bock, die steil gehaltene Geißel neben sich. Nichts in seiner Haltung verriet Ermüdung oder Erschlaffung, verriet die lange Zeitdauer, die er so in der rauhen Spätherbstluft auf seinem Posten ausgedauert.

Nanette war im richtigen Augenblick angelangt. Denn eben tat sich die Türe des Hauptportals weit auf, und die bourbonische Prinzessin, genannt Fräulein von Charolais, von zwei Kammerfrauen gefolgt, gewann eiligen und nervösen Schrittes ihren Wagen.

Nanette brauchte sich jetzt nicht zu zeigen. Aber da überkam sie ein plötzlicher Trotz. Mag sie's schlucken, sagte sie still für sich.

Und recht auffallend schritt sie der verhaßten Charolais, der eifersüchtigen Rivalin ihrer Herrin entgegen, die beim Anblick des Nönnchens mit sichtbarem Zorn eine heftige Bewegung machte, dann aber rasch im Wagenschlag verschwand, den einer der bunten Lakaien aufgerissen, die auf dem Hinterteil des Wagens sich ebenso steif gehalten wie der Kutscher auf seinem Bock. Die Kammerfrauen (oder Edelfräulein, die sie vielleicht waren) stiegen der Prinzessin nach, ein leises Zungenschnalzen des Kutschers, und die vier Rosse im fürstlichen Prachtgeschirr zogen an, die vergoldete Karosse setzte sich in Bewegung. Und niemand von all den guten Bürgern und Bürgersfrauen von Paris, die sich vor dem fürstlichen Gefährt scheu und ehrfurchtsvoll auf die Seite drückten, hätte geahnt, von was für einem frechen Abenteuer diejenige kam, die als stolze Fürstin hier zu dem bourbonischen Stadtpalast zurückfuhr, in jener Straße, die schon damals die Ehre hatte, sich nach dem großen Condé zu nennen.

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