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Die Enkelin der Liselotte

Benno Rüttenauer: Die Enkelin der Liselotte - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDie Enkelin der Liselotte
publisherGeorg Müller Verlag München
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131120
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Viertes Kapitel. Die Prinzessin

Auch das Fräulein von Valois saß in diesem Augenblick an ihrem Schreibtisch.

Diese Prinzessin, wie alle erwachsenen ehelichen Töchter des Regenten – es waren deren, außer der verheirateten Herzogin von Berry, die im Luxemburgpalast residierte, noch fünf unverheiratete – hatte ihre eigene kleine Hofhaltung. Ihre Wohnung lag nach der Comédie Française hinaus im obern Stock des Palastes. Von dem einzigen Fenster ihres Boudoirs blickte man bequem hinüber auf den langen schmalen Balkon des Theaters.

Und hier saß, wie gesagt, die Prinzessin schreibend vor ihrem Sekretär, und ein Nönnchen, in der Klostertracht der Bernhardinerinnen, stand in einigem Abstand stumm wartend hinter ihr. Diese scheinbare Klosterfrau war in Wahrheit die verkleidete Kammerzofe und Vertraute ihrer Herrin.

Das Prinzeßchen aber sprang jetzt von ihrem Geschreib in die Höhe, und indem sie das Blatt, das sie bereits mit einer Reihe von Zeilen bedeckt hatte, zu wiederholten Malen in Stücke riß:

»Nein,« rief sie, »es wäre doch unklug, dir meine Schrift anzuvertrauen. Der Brief muß von anderer Hand geschrieben sein. Du mußt ihn schreiben. Du kannst doch schreiben?«

»So ein wenig,« nickte das schelmische Köpfchen der Nonne.

»So setz dich hierher, nimm meine Feder, hier ist Papier, ich werde dir diktieren.«

Mit diesen Worten warf sich die Sprecherin auf ein nahestehendes gelbdamastenes Sofa hin, und zwar so mutwillig, daß ihre von blaß violettseidenen Strümpfen hoch hinauf bekleideten Beine einen kleinen Augenblick in höheren Regionen verweilten als ihr übriger Körper und einem Zuschauer nicht nur über der zarten Veilchenseide ein paar silbergewirkte Strumpfbänder gezeigt, sondern auch den immerhin bemerkenswerten Umstand verraten haben würden, den nämlich, daß ein gewisses, heut für jedes noch so einfache Mädchen unentbehrliche Kleidungsstück in jener Zeit nicht einmal für Prinzessinnen existierte, was alles aber das graziöse Geschöpfchen weiter nicht zu kümmern brauchte, da sie ja, nach ihrem und ihresgleichen Sprachgebrauch »allein« war.

Graziöses Geschöpfchen ... Man müßte vielleicht ein Fragezeichen setzen. Die Erscheinung war sicher graziös. Eine schlanke jungfräuliche Hüfte modellierte sich unter der Straffung des spinnwebdünnen zwischen Lila und Perlmutter schimmernden Rockes, und über dem schmalen und Dornen spitz nach unten zulaufenden Korsett, mit silbernem Laubwerk und Blumen aus Amethyst, hoben sich nicht nur blendendweiße Schultern hervor, sondern auch ebensolche Rundungen von zwei schönstens geformten Brüstchen, die zu verheimlichen weder der Prinzessin noch sonst jemanden in den Sinn kam. Aber ein etwas zu kurzer Hals und, in dem Gesichtchen darüber, eine zum Dicklichen neigende Nase, wie auch zwischen den roten schwellenden Lippen zwei sichtbare und allzu starke Oberzähne taten kund, daß das prinzeßliche Fräulein nicht nur die Enkelin der illustren Montespan war, sondern auch die der tugendhaften Briefschreiberin Liselotte.

Das üppige dunkle Haar der Prinzessin war in natürliche Locken geordnet und von einer Perlenschnur durchwunden, in deren seitlicher Agraffe eine kurze weiße Straußfeder steckte.

»Bist du bereit, Kindchen?« fragte die Valois. »Also schreibe:

Mein Herzog!

»Wie glücklich war ich, als mir gestern Euer treuer Lafosse Euren Brief zusteckte, es war ja auch eine Ewigkeit her, daß ich nichts von Euch gehört habe. Wahrlich, es scheint, daß Furcht und Bangen unzertrennlich sind von der Liebe. Nach den Beweisen, die ich Euch von der meinigen gegeben, mögt Ihr die Qualen und Ängste beurteilen, die ich in Folge Eures Schweigens ausstehen mußte. Mein Zustand war grausam, und wenn Ihr mich nur ein klein wenig liebtet, würdet Ihr mir diese Marter erspart haben.«

»Erspart haben, hast du's? Du schreibst so unglaublich langsam!«

»Erspart haben,« rezitierte eintönig das Nönnchen, und die Prinzessin diktierte:

»Oft befällt mich eine geradezu tätliche Unruhe in dem Gedanken, daß Ihr mich nicht so liebt, nicht so stark, nicht so heftig, wie ich Euch lieben muß, oder daß Ihr mich gar vergessen haben könntet, da Ihr nichts von Euch hören lasset. Es giebt so viele Damen an unserm Hof und in der Stadt, die schöner und liebenswürdiger sind als ich. Auch scheint mir Euer gestriger Brief weniger zärtlich als die früheren. Ihr beruhigt mich nicht über die Wunde, die Ihr, wie man erzählt, vorgestern in einem Duell mit dem Baron Pentenrieder erhalten habt. Wenn Ihr wüßtet, wie ich in Angst schwebte um Euch wegen dieser Sache. Ihr konntet doch denken, daß ich die Affaire und Eure Verwundung erfahren werde. Aber ich will nicht an Euch zweifeln, umsoweniger, je schlimmere Dinge man Euch nachredet. Da ist bald keine Dame mehr am Hof, die man nicht zu Euch in Beziehung bringt. Nein, kein Wort will ich davon glauben. Ganz abscheuliche Dinge erzählt man von der schönen Charolais, meinem herrschsüchtigen Bäschen und immer in Verbindung mit Eurem teuern Namen. Ich halte aber alles für leeres Gewäsch und Verleumdung. Und wenn es auch wahr sein mag, was man erzählt, daß die Damen von Nesle und von Polignac sich um Euch duelliert haben im Wald von Boulogne, so will ich doch annehmen, daß deswegen keine der beiden tapfern Heldinnen ein Recht auf Euch hatte.«

»Was ist denn, du schreibst ja nicht?« unterbrach sich die Diktierende.

»Die Feder, Hoheit.«

»Was die Feder?« rief die Prinzessin zornvoll, »du bist ein Tollpatsch, ein ungeschickter, und nun muß die Feder schuld sein. Nimm eine andere. Eil dich doch. Links in der Schublabe liegt ein ganzes Bündel frisch geschnittener. Du wirst sie mir alle verderben, wenn es so weiter geht ...«

»Gewäsch und Verläumdung, hast du's?«

»Und Verläumdung,« las die klösterlich verkleidete Nanette.

»Verzeiht mir, König meines Herzens, diktierte das Fräulein von Valois, wenn sich in dem Gesagten eine Spur von Argwohn verstecken sollte. Aber der Kummer frißt mir an der Seele und erfüllt mich manchmal, wenn auch nur für Augenblicke, mit feigem Kleinmut. Sollen wir uns wirklich nicht mehr sehen? Ich wage ja kaum mehr auszufahren. Wenn ich an die Angst denke, das letztemal in Eurem kleinen verborgenen Hause auf der stillen Ludwigsinsel, an den Augenblick, wo uns beim Verlassen des Hauses der Fürst von Rohan-Guemené plötzlich entgegen kam und ich fürchten mußte, daß er mich erkennen möchte, trotz meinen Schleiern. Ich meinte, in den Boden sinken zu müssen vor Schreck. Ach, wie es doch grausam ist, von den Gesetzen der Wohlanständigkeit und der Wachsamkeit seiner Verwandten so tyrannisiert zu werden. Zwar meine lethargische Mutter kümmert sich kaum um mich, und auch mein guter Vater – sagt nichts dagegen, Geliebter, er ist wirklich gut – ließe mir gern meine Freiheit. Aber er hat Angst vor der Alten. Ihr wißt, wen ich meine. Und die hat Argusaugen, zwar nicht leibliche, denn die sind ziemlich blöd, aber der Seele nach.«

Wieder unterbrach sich die Prinzessin, sie ergriff ein geblümtes Foulard, das ihr zu Häupten lag und zog es sich über die nackten Schultern.

»Schür das Feuer nach,« befahl sie, »mich fröstelt.«

Nanette erhob sich und machte sich an den Kamin, über dem das lebensgroße Bild des Regenten hing, aber ohne Pferd. Denn Philipp von Orléans liebte es nicht, sich zu Pferde darstellen zu lassen, seit er einmal auf der Jagd so ungeschickt gefallen und sich den Arm gebrochen hatte. Er fürchtete den Spott herauszufordern. Vielmehr war er abgebildet, wie er am Schreibtisch saß mit einem großen beschriebenen Bogen Papier in der Hand. Der Tisch zeigte sich hoch mit Aktenbündeln und dicken Schweinslederbänden von rotem Schnitt bedeckt.

So war es seine Marotte. Er wollte bei jedermann als der von Arbeit erdrückte Regent von Frankreich gelten, unbekümmert darum, daß er damit erst recht den Witz herausforderte.

Denn der Hof und die Stadt kannten ihn vor allem als den lustigen Regenten. Seine tatsächliche Arbeitsamkeit paßte gar nicht zu den Anekdoten, die man von ihm erzählte. Sie verdarb das Bild, das sich das Volk von ihm zu machen beliebt hatte, und so glaubte man lieber nicht daran. Die Sage wie die Anekdote können keinen Charakter brauchen, der aus Gegensätzen zusammengesetzt ist, die sich zu widersprechen scheinen.

Nanette stührte mit dem Feuerhaken in den brennenden Klötzen, daß die Funken stoben. Sorgfältig raffte sie dabei ihre schweren blaugrauen Klosterröcke auf, um nicht Feuer zu fangen; dann warf sie drei oder vier mächtige Eichenscheite, die sie einem mit gelben Seidenzeug überkleideten Korb entnahm, in die aufflammende Glut.

Dies getan, setzte sie sich an den Schreibtisch zurück.

»Seele nach,« wiederholte sie als verspätetes Echo.

»Aber«, diktierte die Prinzessin, »nun will ich sie Alle doch ganz gehörig hinter's Licht führen – d. h. wenn es Gottes und Euer Wille ist. In der Abtei von Longchamp ist vorgestern die Schwester Theresa gestorben, die einst im Kloster Chelles meine Lehrerin war. Sie wird morgen begraben, und mein Vater hat mir erlaubt, zu ihrer Beerdigung hinauszufahren. Er war sogar tief gerührt von meiner kindlichen Pietät und Anhänglichkeit. Es wird mich auf dieser frommen Fahrt niemand begleiten als die gute alte Châteauneuf und ein Lakai. Ahnt Ihr, wo ich hinaus will? In Longchamp werde ich eine eigene kleine Wohnung angewiesen bekommen, wo ich mich zurückziehen kann. Die greisenhafte Äbtissin dort ist ein Kind und ein wenig schwachgeistig. Sie wird mit der Châteauneuf zusammen Kaffee trinken und Kuchen essen und mich nicht mehr molestieren als sie merkt, daß es mir angenehm ist. Versteht Ihr, Geliebter. Geht Euch ein Licht auf? Gewiß findet Ihr Mittel und Wege, daß wir uns bei dieser Gelegenheit ungestört sehen können. Ihr müßtet nicht Richelieu heißen, wenn Euch nicht ein spitzbübischer Einfall kommen sollte. Ja, ich würde es als ein Zeichen Eurer erkalteten Liebe betrachten, wenn Euch Witz und Findigkeit gerade bei dieser Gelegenheit im Stich ließe. Also, mein Herr Ritter, gebt Eurem Pferd, ich meine Eurem Geist die Sporen. Ich werde Euch dann auch erzählen, wie es mir gestern in den Tuilerien während der Audienz beim König ergangen ist. Oder ich will es Euch lieber gleich erzählen:

Die achtjährige Majestät erzeigte sich wieder sehr gnädig. Besonders gegen mich war der kleine König sehr zutulich, daß ich mich selber darüber verwunderte, da ich bisher nicht bemerkt, daß meine Person die geringste Anziehung für ihn hätte. Aber gestern, wie gesagt, wich Seine Majestät nicht von meiner Seite. Ich war glücklich, aber welch ein Schrecken, als ich plötzlich bemerkte, daß die Brüsseler Spitzen meiner Mantille – die teuersten und kostbarsten meines Besitzes – in Fetzen herunterhingen. Der König hatte sie, ohne daß ich es merkte, spielend zerrissen. Diese Beschäftigung soll ihm, sagt man, ein besonderes Vergnügen bereiten, das er sich öfter leistet. Denkt Euch in meine Lage, ich war außer mir vor Schmerz und Zorn und durfte mir doch nichts merken lassen.«

»Merken lassen,« echote das Pseudonönnchen, da die Prinzessin eine kleine Pause hatte eintreten lassen.

»Mir scheint, ich bin zu Ende,« sagte diese. »Nein, noch etwas soll er wissen. Schreibe:

»Auf dieses ärgerliche Abenteuer erlebte ich heut in der Nacht eines, das nicht viel angenehmer war. Ich träumte, ach ein schrecklicher Traum ... Aber nein, die Sache ist nicht zum Schreiben. Und als ich darüber erwachte, schien das Furchtbare Wahrheit werden zu wollen. Ich fühlte in meinem Leib solche Schmerzen und dazu eine solche Übelkeit, daß ich nicht anders glauben konnte, als daß mein Angsttraum – Ihr erratet ihn jetzt – sich bewahrheite. Es war aber nur eine heftige Kolik, die ich mir durch einen Trunk allzu kalten Wassers – um meine Nerven zu beruhigen wegen des Unglücks mit den »Spitzen – zugezogen hatte, und die auf eine Dosis Baldrian hin sich bald legte ...

Und Ihr, mein hoher Herr, während ich mich in Schmerzen und Ängsten krümmte, Ihr wäret zu gleicher Zeit mit meinem Vater zusammen in Sodom und Gomorrha, wie Eure Hugenotten von Charenton den Luxemburg nennen, und die Herzogin von Berry, mein liebes Schwesterlein, soll Euch recht eindringlich den Hof gemacht haben. Doch seid Ihr bald verschwunden. Von wem ich die Wissenschaft habe? Von der Marquise von Mouchy. Oh, sie hat mir noch andere Dinge erzählt. Daß sich mein Vater gegen Ende wieder einmal wie ein Kutscher betrunken hat, war noch das Geringste. Eine Szene sei dabei vorgekommen mit ... aber die scheußliche Geschichte ist gewiß schon zu Euren Ohren gedrungen. Wenigstens ein bißchen mehr Respekt vor ihrem Vater sollte die Berry haben. Wie sie sich aufführt, diese tugendsame Schwester, ist es kein Wunder, wenn die bösen Mäuler sie mit dem eigenen Vater in einen unsagbaren Zusammenhang bringen. Leider machen diese abscheulichen Gerüchte in Form von schmutzigen Liedern und andern Kolportagen auch vor Eurer demütigen Dienerin nicht halt, so daß ich, mit meinem eigenen Ruf verglichen, mich wahrhaft eine Heilige nennen darf. Es ist übrigens etwas im Gang. Man will mich ernstlich verheiraten – an den Erbherzog von Modena. Die außerordentliche Gesandschaft des dortigen regierenden Herrn wird täglich hier erwartet. Aber habt keine Angst, ich werde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren. Das fehlte nun noch, mich nach Italien verbannen zu lassen.

»Lebt wohl, Geliebter. Auf morgen, hoff ich. Und nicht wahr, das Gerede über meine Base von Charolais und Euch ist ohne allen Grund, und ich brauche nicht mehr daran zu denken? Sie würde ja auch niemals sich selber so laut Eurer Liebe rühmen, wie sie es tut, die eitle und abenteuerliche Närrin, wenn etwas ernsthaftes daran wäre.«

Die Prinzessin war aufgesprungen, sie warf jetzt einen Blick auf die Schrift der Nanette, die sich ebenfalls erhoben hatte.

»Ein schönes Krikelkrakel,« sagte sie, »nun, er wird's schon lesen können. Aber wie kopflos ich bin. Da habe ich nun deine Hand benützt, aber der Inhalt des Briefes ist derart, daß jede Zeile mich verrät. Gleichgültig. Du wirst es nicht aus der Hand geben, außer in die seinige. Und er (dafür kenne ich ihn) wird keinen Mißbrauch damit treiben. Schon im eigenen Interesse nicht.«

Sie setzte sich an den Tisch und während sie die Blätter faltete, entzündete das Nönnchen eine Kerze und erweichte daran eine Stange roten Wachses. Mit diesem drückte die Valois eigenhändig das Siegel auf. Sie hatte zuerst nach ihrer persönlichen Petschaft gelangt, hielt aber dann inne und griff nach dem Rosenkranz am Gürtel des Nönnchens. Daran hing eine kleine Medaille mit dem Bild der unbefleckten Empfängnis, das drückte sie lächelnd auf das Wachs. Und dann auf ihrem Stuhl sich gegen die Dienerin umwendend:

»Also sei vorsichtig, Kindchen. Zunächst verstecke das Briefchen gut, am besten im Mieder unter dem Hemd, da spürst du's dann immer. Knüpf einmal auf. So – sie steckte selber das Papier an die sichere Stelle – und spute dich. Wenn du den Herzog nicht triffst, wartest du, bis er nach Hause kommt. Sollte er etwa nach seinem Schloß zu Charenton hinausgefahren sein, nimmst du einen Fiaker und suchst ihn in Charenton. Noch einmal, obwohl es sich von selber versteht, nur in die Hand des Herzogs darfst du den Brief abgeben.«

»Hoheit,« lispelte die Nanette fast in einem Ton des Vorwurfs.

»Nun ja, ich weiß, du bist verläßlich. Aber einem leichtsinnigen Ding wie du kann man eine Sache nicht oft genug einschärfen. Geh also in Gottes Namen.«

Das Nönnchen stand bereits an der Türe, da fiel der Prinzessin noch etwas ein.

»Und lauf mir ja nicht der alten Papageienhexe in den Weg, Ihrer Königlichen Hoheit, meiner Großmutter, meine ich. Sie ist zwar lächerlich kurzsichtig, aber wie alle Leute mit schwachem Gesicht hält sie sich bei den Menschen an ihre Bewegung und erkennt jedermann sofort an seinem Gang. Wenn du ihr in die Hände fielest, sie würde dir die beiden Schelmenaugen aus dem Kopfe bohren und sie ihren entsetzlichen Vögeln zum Frühstück vorlegen. Jetzt, geh.«

* * *

Der Weg, den das Nönnchen zu machen hatte, war für die Verhältnisse der französischen Hauptstadt nicht allzu weit. Denn was man später das Faubourg Saint-Germain nannte, in dem Sinn, daß man damit den Stadtteil bezeichnete, wo die vornehme Welt, insbesondere der höhere Adel fast ausschließlich wohnte, existierte damals, wenigstens in dem gedachten Sinn, noch nicht. Vielmehr lagen damals die Stadtpaläste des Hochadels in einer Gegend, die später ganz der Industrie und dem Handel überlassen werden, und die, wie auch heute noch, sich des nicht gerade verlockenden Namens »Marais« erfreute. Zum Teil sind die alten Aristokraten-Wohnungen sogar noch erhalten.

Noch vollständig steht z. B., wo die Gassen Franc-Bourgeois und Sévigné sich schneiden, der zierliche Palast, den die ebenso zierliche andere Briefschreiberin, die Marquise von Sévigné, als ihr Eigentum bewohnt hat. Sogar die genialen Jahrzeit-Statuen des Jean Goujon stehen noch unversehrt in der Gartenfront. Diese altehrwürdige und schöne Architektur dient heute dem sogenannten Museum Carnevalet als Behausung. Ganz nahe dabei, in einer andern Straße sieht man zwischen den gewaltigen Mauern und der modern-brutalen Architektur des heutigen Staatsarchivs ein von zwei graziösen Türmchen flankiertes Portal, überragt von einem reichskulpierten Wappen, mit Gold und andern heraldischen Farben bekleidet und mit der hochmütigen Inschrift »Weil es mir gefällt« ( Pour ce qu'il me plait). Das ist ein Überrest des Palastes der Herzöge von Lothringen-Guise. Dagegen ist das Gebäude der Staatsdruckerei in der alten Tempelgasse seinem Grundstock nach nichts anderes als der alte vielbeschriene Straßburger Palast, so genannt, weil seine Bewohner und Eigentümer, die Fürsten von Rohan-Soubise viermal Bischöfe von Straßburg waren. In eine Möbelfabrik verwandelt oder etwas Ähnliches ist das säulengeschmückte Palais der Herzöge von Albret.

Ebenfalls in nächster Nähe, am Ende der alten Tempelgasse, lag die Residenz des Großpriors von Frankreich (für den Johanniterorden) der sogenannte »Temple«, in dessen Turm das alte Königtum von Frankreich sozusagen sein jüngstes Gericht erfuhr.

Dieser Gegend nun strebte das fälschliche Nönnchen zu mit dem Brief des Fräuleins von Valois auf der bloßen Brust. Der Palast des Herzogs von Richelieu lag in der Blauen Mantelgasse unfern des heute noch bestehenden Klosters Unserer lieben Frau von den Blauen Mänteln.

Die klösterlich vermummte Nanette hatte bereits die großen Markthallen hinter sich, sie stand jetzt vor dem schönen Brunnen der »Unschuldigen Kinder«, einem Werk des schon genannten Jean Goujon, und nachdem sie sich, von der Anstrengung des ungewohnten langen Federführens in ihrem ganzen Wesen ermattet, mit der Hand ein wenig Wasser geschöpft, wandelte sie durch die Metzgergasse und die Gasse Quincampois weiter. Vor der altgotischen schwärzlichen Kirche von Sankt Merry hielt sie von neuem an.

Kaum würde sie den Herzog um diese Zeit zu Hause treffen. Wie wär's, dachte sie bei sich, wenn ich die Gelegenheit benutzte und einen Augenblick meine Schwester besuchte. Ich habe von hier nicht weit.

Sie hatte kaum den Gedanken erfaßt, als sie auch schon entschlossen war, ihn auszuführen, nicht ahnend, daß der sträfliche Umweg vielmehr zu einer Abkürzung ihres Weges werden sollte.

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