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Die Enkelin der Liselotte

Benno Rüttenauer: Die Enkelin der Liselotte - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDie Enkelin der Liselotte
publisherGeorg Müller Verlag München
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131120
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Drittes Kapitel. Der Kardinal

Während die Herzogin das beschriebene Briefmanuskript zusammenraffte, war der Kardinal Dubois bereits in das Gemach getreten. Die Hunde der Fürstin knurrten feindlich bei seinem Anblick, indem sie sich enger an die Röcke ihrer Herrin drängten. Diese selber wollte jetzt die Flucht ergreifen, da nahm der Kardinal, sich tief vor ihr verbeugend, das Wort.

»Hohe Frau,« sagte er, »ich bitte sehr um Verzeihung, Eurer Königlichen Hoheit mit meiner unangenehmen Gegenwart lästig zu fallen; aber die Gefahr des Augenblicks überhebt mich heut aller schuldigen Rücksicht, ja gibt mir den Mut, Eure Königliche Hoheit um die große Gnade zu bitten, sich nicht zurückziehen zu wollen. Das Wohl unseres Regenten steht auf dem Spiel. Schlimmes liegt in der Luft, droht dem Regenten. Ich flehe Eure Königliche Hoheit um Beistand an.«

Der Mann in Purpur und Hermelin, der also sprach, war ein schmächtiges Männchen ungefähr in den Sechzigern, mit einem scharf durchgearbeiteten Gesicht, das nicht geradezu eine niedere Herkunft verriet, aber mit den beweglichen Schlänglein von feinen Runzeln in den Ecken des dünnlippigen Mundes und zu beiden Seiten der schlauen Augen dem Gesicht eines Schauspielers glich, dem gewisse Rollen nach und nach zur eigenen Natur geworden sind. Auch hatte der berüchtigte Herzog von Saint-Simon, der jedem Ding seinen Namen geben mußte, dieses Gesicht bereits nicht übel charakterisiert; er nannte es das Wieselgesicht des Kardinals.

Mit einem Ausdruck von Angst und Sorge ließ sich Liselotte leicht stöhnend in ihrem Sessel nieder. Aus der Ecke krächzte es:

Helf Gott,
Liselott,

worüber der Regent, der in Aussicht stehenden Hiobspost zum Trotz, wieder einmal herzlich herauslachte, während der Kardinal dem naseweisen Vogel nur flüchtig einen spöttischen Blick zuwarf.

»Silentium, Griffo,« rief der Orléans mit scherzhaft feierlichem Gebieterton. »Seine Eminenz hat das Wort. Und also, mein Kardinälchen, was ist los?«

»Mein Fürst,« sprach dieser mit Triumph in seinen blinzelnden Augen, »die herzoglichen Herrschaften von Maine sind entlarvt ...«

Der Regentin-Mutter gab es einen Ruck. Ihr voluminöser Oberkörper, bis dahin in sich zusammengesunken, steifte sich in die Höhe.

»Entlarvt?« wiederholte der Regent, indem er den Kardinal offenen Mundes fragend ansah.

»Diese und noch einige andere Herrschaften. Der Kardinal von Polignac obenan. Nicht zuletzt der Schwerenöter Richelieu.«

»Richelieu,« stieß die Herzogin hervor.

»Galkestrick, Galkestrick,« kreischte der Graue im goldenen Käfig, und der andere, der bunte ließ ein so unheimliches Gurgeln hören, daß das Männlein in Purpur und Hermelin sich fast ängstlich umblickte.

Das Gesicht der Herzogin strahlte freudige Erregung aus allen seinen Blatternarben, aus ihren geröteten Äuglein zuckte es wie von Flämmchen über glühenden Kohlen.

»Herr Abbé, pardon, Herr Kardinal wollte ich sagen, die Hand, die dem Richelieu den Strick dreht, will ich küssen – küssen,« fügte sie scharf hinzu, »wenn sie auch noch so schmutzig wäre. Nehmt einen Stuhl, Herr Kardinal.«

Der Kardinal Dubois verbeugte sich mit unsäglich ironischem Lächeln.

»Ich darf also berichten?«

»Zum Teufel noch einmal, ja,« rief der Regent; »aber fopp' mich nicht, Pfäfflein, mit einer Komödie. Mein böses Auge macht mich ungeduldig. Und er preßte mit der flachen Hand die verpflasterte Stelle. Ergo!«

» S'il vous plaît!«

Der Star hatte es gerufen. Aber der Kardinal fing an, sich über die vielbeschriene Menagerie der seltsamen Douairière zu belustigen.

»Ich habe eine große Hauptperson noch nicht genannt,« sprach der Priester in Purpur. »Niemand Ge–Ge–Geringeres (der Kardinal stotterte manchmal) als der Botschafter Seiner Ka–Ka–Katholischen Majestät hat seine Ha–Hand im Spiel.«

»Gefährliche Rede,« unterbrach der Regent.

»Aber gut begründet,« versetzte der Kardinal, der nun wieder geläufig sprach. »Ja, während wir zusammen konferieren, sitzt der Fürst von Cellamare bereits als dein Gefangener in seinem Botschaftspalast bei seinen versiegelten Schränken und Schreibpulten und denkt darüber nach, wie gefährlich es sein kann, gewisse Kuriere mit gewissen Briefen in die offene Welt hinauszuschicken.«

»Du bist kühn, mein Kardinälchen, und allzu schnell,« sprach der Regent heiter; »deine Kühnheit und Eilfertigkeit kann dir den Hals kosten.«

»Den andern, denke ich,« fiel der Kardinal ein. »Ich habe furchtbare Beweise in Händen.« Und er zog unter seinem Mantel ein wohlverschnürtes Paket Briefe hervor.

»Hier,« sagte er, während er zugleich irgendwo aus seinen faltigen Gewändern eine goldene Dose zum Vorschein brachte, der er vorsichtig ein paar Körnchen Tabak entnahm.

»Und darf man wissen, wie du dazu gekommen bist,« fragte der Regent noch immer ungläubig. »Hat etwa der spanische Botschafter sein Portefeuille bei der Herzogin von Boufremont vergessen und du bist nach ihm gekommen, um aufzulesen (man munkelt dergleichen), was er zurückgelassen hat.«

Die zynische Bosheit des Regenten verletzte den Kirchenfürsten keineswegs, er gab sie aber freimütig zurück.

»Womit ich nur«, entgegnete er mit einem leise boshaften Lächeln, »ein erhabenes Vorbild nachzuahmen die Ehre hätte. Aber nein, Eure Königliche Hoheit haben diesmal daneben geraten. Die Dame, der mein Fürst meine Entdeckung verdankt, heißt nicht Herzogin von Boufremont, sondern einfach – Fillou.«

»Noch besser,« rief der Regent und klatschte sich auf die Knie; »und sag ich's nicht immer: mein Kardinälchen ist unbezahlbar. Ein goldenes Kardinälchen ist er.«

»Verzeiht, hohe Frau,« wandte sich Dubois an die Herzogin, die wieder ihre starrste Maske vorgesetzt hatte. »Verzeiht, daß ich es wage, diesen Namen vor Eurer Königlichen Hoheit Ohren auszusprechen. Aber Eure Königliche Hoheit begreifen, wir Diplomaten haben es mit allerhand Sorten Menschen zu tun. Und, mein Fürst, ich kann mich kurz fassen. Bei der genannten Person war diese Nacht der Sekretär unseres spanischen Botschafters. Er hatte die Stunde verspätet, er fand die Dame wütend, er will sich entschuldigen, er spricht von wichtigen Depeschen, die er auszufertigen hatte, mit denen noch in der Nacht ein Kurier nach Madrid abzugehen bestimmt sei, er läßt sogar, in seinem Eifer die Schöne zu begütigen, über den Inhalt der Depeschen einige dunkle Andeutungen fallen. Und die geärgerte Schöne? Sie sieht die Möglichkeit winken, ein gutes Trinkgeld zu verdienen, sie schickt mir unverzüglich und in allem Geheimnis ein Briefchen. Und ich, ich handelte. Auf der Straße nach Blois holten meine Reiter den spanischen Kurier ein, und siehe, der Inhalt seiner Brieftasche stellt den Herrn Cellamare, diesen Günstling des spanischen Ministers, derart bloß, daß ich ohne Risiko, wie ich es unverzüglich tat, gegen ihn verfahren konnte. Was die Brieftasche seines Kuriers noch zu wünschen übrig ließ, lieferte ein Geheimfach im Schreibtisch des Botschafters, der, wie gesagt, nun in seinem Palast von Eurer Königlichen Hoheit Maréchaussée vor jeder etwaigen Unbill wohl behütet wird, während sein ungeschickter Kurier, der Herr Abbé von Porto-Carrero und Neffe meines spanischen Kollegen Alberoni, zu Blois noch ein wenig unsanfter hinter Schloß und Riegel sitzt.«

»Und Ihr habt wirklich genügende Beweise,« fragte die Herzogin, die sich in leidenschaftlicher Erregung gegen den bepurpurten Priester vorbeugte, den sie doch, um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, nicht riechen konnte.

»Mehr als genügende.«

Der Regent, die linke Hand an seinem verletzten Auge, sah den Kardinal wie sprachlos an.

»Wer hätte das«, brachte er fast stammelnd hervor, »von Seiner Katholischen Majestät gedacht.«

»Ihr nicht,« fiel die Herzogin heftig ein. »Andere hatten es längst gedacht. Übrigens, was heißt Katholische Majestät. Diese Majestät ist ein Spielball in den Händen ihres römischen Pfaffen, des verruchten Alberoni, der es sich in den Kopf gesetzt hat, sich in alles einzumischen und alle Wasser Europas zu trüben, um desto sicherer für sich zu fischen. In seiner Jugend hat er Krautsetzlinge mit Pfuhl begossen. Er hätte gescheiter getan, dabei zu bleiben. Verzeiht, Herr Kardinal, ich vergaß einen Augenblick, daß auch Ihr aus dieser Tiefe emporgestiegen seid und ein paar Jahre lang einem Schulmeister auf dem Mont Saint-Michel die Schuhe geputzt habt; es ist nur begreiflich, daß Ihr nicht gern daran erinnert werdet.«

»Sehr gnädig, hohe Frau,« sprach sich verbeugend und mit einem so höhnisch überlegenen Lächeln der Priester, daß die Fürstin nun doch rot wurde und sich schämte, ihrem Haß gegen den ehemaligen Erzieher ihres Sohnes einen so plumpen Ausdruck gegeben zu haben. Sie fühlte, der Mann sei nicht zu treffen. Und sie fühlte auch, daß eine Fürstin so nicht sprechen durfte.

Aber nach ihrer festen Überzeugung hatte ganz allein dieser schlechte Priester ihren Sohn in sein so wenig rühmliches Lasterleben verlockt. Das konnte sie niemals verwinden. Sie wußte aus besten Quellen, sie wußte es von ihrem Sohn selber, daß dieser, noch nicht dreizehn Jahr, von dem Abbé Dubois heimlich in schlechte Häuser gebracht und noch zu andern abscheulichen Dingen verführt worden war. Ihr Mutterherz schauderte, wenn sie es dachte.

Aber dieser nämliche Dubois saß ihr nun gegenüber als Fürst der Kirche, fast als gleicher mit ihr an Rang, ja als derjenige, der das politische Schicksal ihres Sohnes in seinen Händen hielt – eine verzwickte Lage für eine Frau von dem unbändigen Naturell dieser pfälzischen Prinzessin.

Die verblüffende Wahrnehmung, ein wie vollendeter Hofmann dieser ehemalige Schuhputzer geworden und seine stupende Fähigkeit, sich selber vollkommen in der Gewalt zu haben, flößte ihr keine Bewunderung, sondern nur Verachtung ein. Sie sah darin nur ein neues Zeichen kriecherischer Niedertracht. Und doch mußte sie sich jetzt mit ihren geheimsten und heißesten Wünschen auf diesen Kardinal stützen, der eben mit gelassener Ruhe seiner goldenen Dose eine neue Prise entnahm.

»Ihrer Königlichen Hoheit darfst du nichts übel nehmen, mein liebes Kardinälchen,« sagte der Regent betreten. »Ich tue es auch nicht; ich gebe dir ein Beispiel. Und dann bedenke, daß ich allein die Schuld trage. Ich glaube, ich habe dich aus reiner Gedankenlosigkeit ein wenig verleumdet bei ihr. Larifari.«

Er war wirklich ein Philippe le débonnaire. Gutmütiger konnte ein Machthaber nicht sprechen. Das schreckliche Todesurteil gegen den Grafen von Horn hatte man ihm ja mich nur mit Mühe abgenötigt. Hie und da freilich entschlüpften ihm unheimliche Worte. Einmal, im Bett der Marquise von Parabére, und bewundernd in Betrachtung versunken vor der außerordentlichen Schönheit der Geliebten: »Und zu denken,« sagte er vor sich hin, »daß ich diesen prachtvollen Kopf jeden Tag abschlagen lassen kann.« Die Herzogin hat sich für das neronische Wort gerächt mit ihren Mitteln, und der Regent hat dazu gelacht.

»Seine Eminenz, der Kardinal Alberoni, handelt in spanischem Interesse,« sprach jetzt der Kardinal-Minister, »oder glaubt es wenigstens: an uns, die unsern wahrzunehmen.«

»So ist es,« beeilte sich die Herzogin zu bekräftigen. »Und Spanien ist weit weg. Aber die Herzogin von Maine und ihren Schwachkopf von Gemahl kann man endlich packen, denn das Hemd berührt uns näher als der Rock.«

»Sie haben beide den Kopf verwirkt,« sprach Dubois feierlich.

»Gottlob,« rief Liselotte aufgeregt.

»Aber die allerliebste Herzogin,« scherzte der Regent mit bedauernder Miene, »sie ist ja ohnedies schon um einen Kopf zu klein.«

»Ihr Verbrechen heißt Hochverrat,« sprach Dubois trocken.

»Hochverrat, hörst du's Philipp,« rief die Regentin-Mutter, die sich kaum mehr zu fassen vermochte. »Hochverrat: Das bedeutet ein Todesurteil für diese Tänzerin von Herzogin.«

»Für Sie, für Ihren Gemahl, für den Kardinal Polignac,« sprach überzeugten Tones der Minister, »und, mir scheint, auch für den Richelieu.«

»Herr,« betete Liselotte, »nun laß deine Dienerin in Frieden dahin ziehen, denn meine Augen haben ...« Sie hielt inne, ihr Bibelwort schien ihr nun doch nicht ganz passend.

»Aber«, bemerkte der Regent, »was soll das heißen mit dem Herzog von Richelieu. Was hat der dabei zu tun.«

»Eure Königliche Hoheit wissen,« antwortete der Kardinal, »daß das Regiment des Herzogs – es trägt dazu seinen eigenen Namen – in Bayonne steht, ebenso wie das seines intimsten und von ihm abhängigen Freundes des Herrn von Saillant.«

»Und?« machte der Regent erwartungsvoll.

»Und in der spanischen Botschaft fand sich ein Brief Alberonis an Richelieu – er ist hier in diesem Paket eingeschlossen – des Inhalts: daß man darauf rechne, der Herzog werde sein Regiment zu Bayonne, wie das seines Freundes, im Sinn der Verschworenen instruieren, so falle Bayonne, das Tor von Frankreich, ohne Schwertstreich den Spaniern in die Hände usw. Und nun bitte ich Euch, mein Fürst, ob man einen solchen Brief an jemand schreibt, dessen man nicht schon ganz sicher ist.«

»Hier wird der Staatsrat Aufhellung schaffen,« bemerkte der Regent kurz, der seinen Kardinal und ehemaligen Erzieher – Verführer sagte seine Mutter – stark im Verdacht hatte, daß er gern jeden anfeindete und verdarb, der sich außer ihm der Gunst und Freundschaft des Regenten erfreute, um als einziger, unentbehrlicher Freund und Berater übrig zu bleiben.

Der Kardinal zeigte sich hartnäckig.

»Unser Herzog von Richelieu«, sagte er, leicht die Stirne runzelnd, »kommt in meinen eroberten Briefschaften noch in einem andern Zusammenhang vor.«

»Hörst du, Sohn,« fiel die Mutter lebhaft ein, »noch in einem andern Zusammenhang.«

»Ihr habt, mein Fürst,« nahm der Kardinal seine Rede auf, »keine Ahnung von der Gefahr, die über Euch schwebte. Schon zweimal war Eure Festnahme geplant. Das letztemal bei Eurer grandiosen Herbstfeier zu Saint-Cloud. Darum mußte damals der Herzog von Richelieu Euch vor den Augen aller Welt die italienische Sängerin, wie hieß sie nur gleich ...«

»Die Gioconda,« half der Regent.

»... mußte er Euch die Gioconda entführen und mußte es so auffallend tun, auf dem von Millionen Lichtern und farbigen Feuerwerken erhellten See, und mußte es tun in Eurer eigenen Gondel, zum allgemeinen Gaudium Eurer vielköpfigen ausgelassenen Gastgesellschaft, und mußte recht plump vor der ganzen ihm nachjohlenden bunten Schar maskierter und nicht maskierter Herren und Damen sich mit seiner geraubten Helena in das Dunkel des Waldes schlagen ...«

»Der Scherz ging ein wenig weit,« gab der Regent zu.

»Auf zweierlei rechneten damals die Verschwörer. Entweder glaubten sie, Ihr würdet, den Skandal nicht fürchtend, Lärm schlagen, um dem Herzog den Spaß zu verderben, und in der Verwirrung und Bestürzung, die daraus erfolgt wären, hofften sie im Trüben zu fischen. Ihr erratet leicht, wie der Fisch heißt, auf den sie fahndeten. Oder aber, kalkulierten sie, Ihr würdet in aller Stille dem Entführer nachschleichen, wenn auch nur in spaßhafter Absicht und ihren bezahlten Agenten so Gelegenheit geben, sich Eurer Person im stillen zu bemächtigen.«

»Ein Märchen für kleine Mädchen, die das Gruseln lernen wollen,« bemerkte achselzuckend der Regent.

Der Kardinal ließ diese Einwendung vollständig unbeachtet.

»Zu Eurem Glück«, fuhr er unbeirrt fort, »tatet Ihr weder das eine noch das andere, und tatet wohl daran. Ihr verschmähtet, den allezeit lächerlichen Menelaus zu spielen und habt Euch für die Sängerin an einer Tänzerin, der hübschen La Souris, dem weißesten aller weißen Mäuschen, entschädigt.«

»Es war kein schlechter Tausch,« versetzte der Regent lachend. »Aber, wie gesagt, in all dem Licht zu schaffen, ist die Aufgabe des Staatsrats ...«

»In den ich mich zu verfügen im Begriff stehe,« sprach der Kardinal, während er sich erhob. »Und wo ich Euch erwarte,« fügte er hinzu. »Noch einen Augenblick mögt Ihr mit Eurer Königlichen Hoheit Mutter allein konferieren, Ihr werdet gut beraten sein, wenn Ihr auf sie hört. Ich verlasse mich auf Eure erprobte Weisheit, hohe Frau.«

Und mit einer tiefen und tiefsten Verbeugung vor der Herzogin und einer weit nachlässigern vor dem Fürsten, dem jede Art Förmlichkeit innerlich zuwider war, wandte sich der Kardinal zum Gehen. Die Herzogin vergaß zu klingeln, der Kardinal mußte sich die Türe selber öffnen.

»Mein Sohn, mein Sohn,« rief die Regentin-Mutter, »als die Türe sich hinter dem Purpurträger geschlossen, so drängen also die Ereignisse zur Entscheidung. Werdet Ihr nun endlich, endlich Festigkeit zeigen?«

»Ich wäre mehr für Festlichkeiten,« antwortete der Unverbesserliche heiter.

Die Mutter rang verzweifelt die Hände.

»O Gott, was soll noch werden?«

»Beruhigt Euch, liebe Mutter,« sprach Philipp der Gute. »Die ganze Angelegenheit gelangt in den Staatsrat. Sie ist da in guten Händen. Ich selber darf mich nicht rachsüchtig zeigen in dieser Sache.«

»Ja, ja, ich fürchte. Eure Schwäche für die allerliebste Puppe wird Euch teuer zu stehen kommen. Und den Richelieu, wer weiß das nicht, würdet Ihr auch gern schonen. Er hat Euch die Gioconda vor der Nase weggenommen, Ihr habt dazu gelacht. Nun, für das Mensch war es nicht schad. Aber er wird Euch noch Frankreich vor der Nase wegnehmen, der Feigling.«

»Übertreibungen, liebe Mutter, Übertreibungen. Wie gesagt, der Staatsrat ... Aber da fällt mir ein, meine Tochter, das Fräulein von Valois, hat von mir die Erlaubnis erhalten, morgen nach Longchamp zu fahren, wo eine Nonne gestorben ist, mit der unsere Valois in der Abtei zu Chelles befreundet war; habt Ihr vielleicht etwas zu bestellen für Eure Freundin, die ehrwürdige Äbtissin von Longchamp.«

»Ach,« rief schmerzvoll die Mutter, »Ihr seid wirklich der zärtlichste Vater. Der Staat droht Euch über dem Kopfe zusammenzubrechen, und Ihr habt Zeit, Euch mit den Launen einer ungehorsamen und widerspenstigen Tochter zu beschäftigen. Nein, ich habe nichts nach Longchamp zu bestellen. Und an Eurer Stelle hätte ich der Valois gesagt, sie solle für die Tote in ihrem Kämmerlein ein Vaterunser beten, oder meinetwegen ein Dutzend. Diese Reise nach Longchamp war recht unnötig. Wer weiß, auf was für einen Streich das wieder hinausläuft.«

»Seid Ihr eine Großmutter!« entgegnete der Regent lächelnd. »Aber, lebt wohl.«

Er verabschiedete sich mit Handkuß, die Herzogin klingelte, und die Flügeltüre tat sich weit auf vor dem unsicher, fast schwankend hinausschreitenden Regenten.

Ach, machte die Herzogin, als sie sich allein sah, er wird abermals schwach sein. Ihr Blick fiel auf ihre Briefschaften.

»Nun gibt's Neuigkeiten,« murmelte sie fast befriedigt, »nun wird meine gute Luise einen langen Brief erhalten.«

Und damit setzte sie sich, während zugleich zwei Hündchen es sich auf ihrem Schoß bequem machten, an ihrem Palisandertischchen zurecht zu neuem Schreiben.

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