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Die Enkelin der Liselotte

Benno Rüttenauer: Die Enkelin der Liselotte - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDie Enkelin der Liselotte
publisherGeorg Müller Verlag München
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131120
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wgs9110
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Erstes Kapitel. Die Regentin-Mutter

Die Fürstin hatte ein zierliches Schreibtischchen von violettem, in Silber ausgelegtem Palisanderholz vor das Kamin geschoben, unter dem sie die Füße den knisternden Holzscheiten so nahe als möglich brachte. Das winzige, in höchstem Grad elegante Möbelchen und die unförmlich dicke Schreiberin mit dem nachlässig übergehängten schwarzen Kaschmirschal bildeten einen fast grotesken Gegensatz.

Was die schriftstellernde Herzogin an Raum vor dem Kamin frei ließ, war von verschiedenartigen blumigen Seidenkissen belegt mit darauf ausgestreckten kleinen pinscherartigen Hunden verschiedener Spielart, in weiß- und gelbgefleckten oder braunen Zottelfellen, die die hübschen Tiere sich von den Wärmestrahlen des Kaminfeuers wohlig durchglühen ließen, indessen sie höchstens hie und da ein wenig mit den Schwanzfähnchen wedelten, als wie im Traum, oder die zierlichen schwarzen Schnäuzchen zwischen den hängenden Ohren bequemer zurechtrückten auf ihren bunten Lagern.

Ein siebentes oder achtes ähnliches Wachtelhündchen, mit blütenweißem feinen Gezottel, lag, unter dem herabfallenden Schal halb versteckt, behaglich in den umfangreichen Schoß der Fürstin geduckt und wurde von dieser in kleinen Schreibepausen zärtlich gestreichelt, wenn die Schreiberin nicht etwa, einem Gedanken nachhängend, zu dem kurbettierenden Louis Quatorze über dem Kaminsims aufblickte – der einzigen großen Malerei in dem Gemach.

Zu beiden Seiten sah man an der Wand nur eine unzählige Menge ovaler Pastellbildchen in zierlichen Goldrähmchen nebst einer Anzahl von Kupferstichen – die allbekannten des Matthias Merian – mit Ansichten des Schlosses zu Heidelberg vor seiner teilweisen Zerstörung durch die Heerhaufen des obgenannten königlichen Reiters, der jetzt mit seinem hoch sich bäumenden Rappenhengst über das goldene Gesims hinweg auf Schreibtischchen und Schreiberin herabzusprengen drohte und dabei mit dem ausgestreckten liliengeschmückten Feldherrnstab eine Geste vollführte, als ob er vor der schreibenden Herzogin salutierte, die er einst freundschaftlich geliebt und der er doch die teure Heimat mit Feuer und Rauch und Strömen von Blut verwüstet hat.

Die Herzogin gehörte aber, wie die meisten ihres Geschlechts, zu jener Gattung von Schreibersleuten, die, ohne sich viel zu besinnen, nur immer so fortschreiben können. Und so wandte sich ihr Blick immer wieder schnell von dem ehemaligen großen König hernieder auf ihr Papier, über das ihre dicke mißfarbige und von Tinte reichlich befleckte Hand die weiße Schwanenfeder wie im Flug und unaufhaltsam hingleiten ließ.

Schon mehrere Blätter hatte sie beschrieben und am oberen Rand des Tischchens über einer großgedruckten offenen Bibel aufgehäuft. Und sie hatte eben ihren weitschweifigen Namenszug mit großen Lettern unter ein Blatt gesetzt, griff aber bereits zu einem neuen noch leeren und begann ohne Besinnen und Verzug einen weitern Brief.

Sie schrieb:

Herzliebe Schwester Annelise.

»Ihr habt es gewiß schon gehört, daß der Babst den argen Spitzbuben Dubois zum Kardinal gemacht hat; aber nicht sind zu Eurem Ohre gedrungen, denk ich, die saubere Liedleins, die unsere Pariser deswegen gereimt haben. Eins davon gefällt mir so gut, daß ich es Euch herschreiben muß, es laut:

» Que chacun se réjouisse;
Admirons sa sainteté,
Qui transforme! –
«

Die Schreiberin mußte die Verse gut im Kopf haben, sie schrieb sie ohne Anhalten. Auf Deutsch lauteten sie ungefähr so:

Nun freue Dich, Du liebe Plebs
Der Papst, Juhee
Der Papst hat es zuweg gebracht,
Er hat verwandelt über Nacht
Ein Schwein in einen roten Krebs,
Der Papst, Juhee.

Unfehlbar ist der Papst zu Rom
Der Papst, Juhee!
Er macht sich aus dem Hurenknecht
Den schönsten Kardinal zurecht,
Der Papst zu Rom im Petersdom,
Der Papst, Juhee!

Der Schürzenheld hat sein Verdienst
Nanu, Verdienst?
Er dient – ein Hundsfott, wer da lacht! –
Dem Orléans bei Tag und Nacht
Und schafft der Fillou gut Gewinnst,
So, so, Gewinnst!

Nun geht es erst den Metzen gut,
Fillou, Juhee!
Fillou, Fillou, dein Freund, gib acht,
Wenn du ihn bittest über Nacht,
Verschafft auch dir den roten Hut –
Fillou, Juhee!

»Die Fillou, fuhr die Schreiberin fort, ist die größte Hure und Kupplerin von Paris, die mit dem Dubois schon mehr als ein Geschäft hat gemacht. Die bösen Reime aber werden dem jungen Sohn des Fianzkontroleurs Arouet zugeschrieben, der sich Herr von Voltaire zu nennen beliebt und jetzt wegen eines andern Pamphlets, das gegen meinen Sohn gerichtet war, in der Bastille sitzt. Das soll ein verwachsenes, affenmäßiges und sehr spaßiges kleines Männichen sein und von unserm Herzog Richelieu sehr verhätschelt werden.

Auch auf diesen Herzog hat man ein freches Lied gemacht. Er verdient's gut. Denn das ist ein Erzdebauchierter, nichtsnutziger Mensch, ein Poltron, der doch weder an Gott noch sein Wort glaubt. Er hat sein Leben lang nichts getaugt und wird nichts taugen, er ist falsch, verlogen, dabey ambitiös wie der Teuffel. Er ist aber leyder hier in Frankreich nicht der einzige seiner Art. Man könnte eher Löwen und Bären bändigen als Frantzoßen und ich finde meinen Sohn sehr unglücklich, mit denen Leuten zu tun zu haben. Der Duc de Richelieu ist nicht 24 Jahr alt, ich find ihn nicht so schön als alle Damen ihn hir finden. Er hatt gar eine artliche rare Taille und hübsche Haar, ein oval Gesicht, aber schon gar helle Augen und man sieht ihm den Schelmen im Gesicht an. Er ist polis und hatt Verstand aber sieht doch dabey sehr insolent aus. Alle Damen seindt in ihn verliebt, ich kanns nicht begreiffen; denn er ist ein klein Krötchen, so ich gar nicht artig finde, ist impertinent und redt übel von allen seinen Metressen. Dennoch ist eine Prinzeß von königlichen Geblüt so verliebt von ihm, daß wie seine Frau starb sie ihn heiraten wollte mit aller Gewalt.

Es ist doch etwas abscheuliches, daß eine princesse du sang vor der ganzen Welt erkläret, daß sie verliebt ist wie eine Katz und dazu in einen Kerl, der Ihresgleichen nicht ist, den sie nicht heurathen kann und der ihr gar nicht treu ist, sondern ein halb Dutzend anderer Metressen hatt. Wenn ich an Hexerei glauben könnte, solte ich glauben, daß dieser Mensch was mehrers könnte, alß in der Natur liegt, denn er hatt nicht ein einzig Frauensmensch gefunden, das ihm den geringsten Widerstand tut, laufen ihm alle nach, daß es eine Schandt und Spott ist. Er ist nicht schöner als ein ander Mensch.

Die Leut, die übel von Monsieur Law und seiner banque sprechen, tun es nur aus bloßem Neydt, denn man kann nichts Besseres sehen. Er bezahlt des Königs abscheuliche Schulden und macht, daß die Steuern sich vermindern und also der Pöbel erleichtert wird. Er ist der gescheidst Kopf in Frankreich. Auch fengt man an sich um ihn zu reißen in der allerbesten Gesellschafft. Eine Herzögin, die ich nicht nennen wil, soll ihm die Tag die Hand geküßt haben; was werden da erst Bürgersfrauen ihm küssen?

Den Grafen von Horn (aus Flandern) hat das Parlament wegen seines Verbrechens zu schimpflichem Tod am Galgen verurteilt. Er soll morgen in der Früh exekutiert werden.

Alle seine Verwandten, eine ganze Wallfahrt ist gestern zu mir gekommen in Audienz, alle die vom Haus d'Aremberg, alle die vom Haus Noailles und von Enguien und Montmorency, darunter der Fürst Claudius von Ligne, der Herzog von Montmorency, der Marquis von Créquy, der Graf von Egmont, Herzog von Geldern und Cleve, der Erzbischof und Fürst von Embrun, der Erzbischof Herzog von Reims, Prinz Karl von Lothringen, der Kardinal von Gesvres-Luxemburg, der Fürst Ludwig von Rohan-Soubise und viel noch von so hohem Rang und Geburt. Und haben alle einen Fußfall vor mir getan.

Die haben mich gar sehr gejammert; denn sie begehren nicht ihres schlimmen Verwandten Leben, sondern daß man ihn nicht öffendtlich hinrichten und nur heimblich im Gefängnuß köpfen lasse; ich hab ihnen gesagt, daß ich sie alle sehr beklage, allein daß sie wohl wüßten, daß ich mich in nichts in die Sache der Regierung mische; könnte also nichts in dießer Angelegenheit tun. Es schaudert mir aber, wenn ich drangedenke. Graff Horn ist ein Enkel des Fürsten von Ligne und selber ein Fürst des Römisch Reich Teutscher Nation. Er war bitter übel erzogen und hatte sich mit alle filloux von Paris assoziert, alßo kein Wunder, daß er so zu nichts nutz geworden war, ein leichtfertiger Gesell in allen Stücken, ein abscheulicher Sodomist. Außer, daß er eine artige Figur hatte, war gar nichts Lobliches an ihm, denn Gebuhrt ist für nichts zu rechnen, wo keine Tugend dabey ist.

Gestern bracht man mir ein Brief von meiner Tochter von Lothringen, die schreibt mir, daß Alberoni den Kaißer hat wollen assassinieren oder vergifften lassen. Hat da einen Graffen Nymtsch, einen Schlesinger, so des Graften Eltheim seine Schwester geheurath hatt, gewonnen, sambt zwei italienischen Äbt (denn bey allen schlimmen Sachen müssen allezeyt Pfaffen sich finden); ich weiß nicht, wie die Sach auskommen, allein all die Schelmen seindt ertappt, so dieße abscheuliche That verrichten sollten. Wenn Ihr vielleicht bei den Kaißerlichen zu Frankfurt erfahren werdet, wie die Sach offenbaret worden und heraußgekommen, bitte ich Euch, mir solches zu berichten. Mir ist nicht wohl bey dieser Sach, denn Alberoni haßt meinen Sohn noch mehr als den Kaiser ...

Bei dieser Stelle kam die Schreiberin ein Niesen an. Sofort machte eine seltsam gurgelnde Stimme sich hörbar, sie krächzte:

Helfgott,
Liselott.

Es klang wie aus dem Grab, wie gespenstischer Geisterton. Und gleich fiel eine andere, tiefere, noch unheimlichere Schnarrstimme ein mit:

Fröhlick Palz,
Gott erhalt's.

Laut herauslachend erhob sich die Herzogin von ihrem Stuhl, indem sie das schneeige Wachtelhündchen von ihren Knien sanft zu Boden gleiten ließ. Sie erschien jetzt, da sie stand, ihrer kurzen Gestalt halber, noch unförmlicher in ihrer Dicke. Nein, eine königliche Erscheinung war das nicht, auch nicht ihr Gesicht mit der blatternarbigen Kartoffelnase, den etwas blöden Schlitzaugen hinter dem rundglasigen Nasenklemmer und den dicken gelbfahlen, von ungesundem Rot gesprenkelten Hängebacken.

Sie kramte jetzt mit beiden Händen tief in den Taschen ihres schwarztaftenen Rockes, aus denen sie nach einigem Bemühen zwei unregelmäßige Stückchen Zucker herausfischte, womit sie sich, immer wieder laut lachend, der rückwärtigen Ecke des Gemachs näherte.

Hier standen auf schwarzen Säulen zwei turmförmige Käfige von vergoldeten Stäben, hinter denen, in dem einen ein grauer, in dem andern ein grellfarbiger Papagei ihr mit komischen Halsverdrehungen verlangend entgegenglucksten.

Sie beschäftigte sich zuerst mit dem grauen, und indem sie dem drolligen Gesellen, der sie aus seinen Räderaugen seitlich anblinzelte, eines von den Zuckerstücken hinhielt, nieste sie künstlich:

Helfgott,
Liselott.

ertönte es kreischend aus dem Käfig.

Aufs neue lachend reichte sie ihm den Zucker, den der exotische Vogel mit seiner Krallenhand behutsam, ja bedächtig zögernd entgegennahm.

Fröhlick Palz,
Gott erhalt's

gurgelte es fast ärgerlich aus dem benachbarten goldstäbigen Gehäuse.

»Ja, ja, es kommt schon,« meinte, immer lustig lachend, die dicke Fürstin. »Doch leider Gottes hat Gott seine fröhliche Palz schlecht erhalten. Aber du kannst nichts dafür, alter Grollo, da.«

Und sie gab auch dem grellfarbigen mit den aufgesträubten Kopffedern seinen Zucker.

Dann trat sie zum Schreibtisch zurück. Aber da machte sich ein dritter Rufer bemerkbar. Seine dünne Stimme klang:

Däh, däh,
S'il vous plait!

Ein deutscher Star, der natürlich französisch sprach, rief das aus einem unscheinbaren Holzkäfig von der andern Zimmerecke her.

»Natürlich,« rief die Herzogin, »den Bescheidenen vergißt der Herr; aber nein, mein Matz, du sollst nicht leer ausgehen.«

Und auch das Stärlein bekam einen süßen Brocken. Dann fütterte die Fürstin der Reihe nach ihre sieben Hunde mit allerlei Vorrat aus ihren Taschen, setzte sich darauf wieder ans Tischchen, schloß den vorliegenden Brief, versah ihn mit ihrer Unterschrift und griff nach einem neuen Blatt. Sie schrieb jetzt:

Herzallerliebste Louise.

Mein Sohn kam vergangenen Freytag her undt machte mich reich. Er fand, daß ich zu wenig Einkommen hatte, hatt es mir also um 150000 Franks vermehrt, und weilen ich Gottlob keine Schulden habe, kombt es mir apropo, umb mich die überige Zeit, so ich noch zu leben habe, à l'aise zu setzen wie man hier sagt.

Da Ihr mich fragt, waß mich grittlig gemacht hatt, im Detail kann ich's nicht sagen, aber en gros ist es eine abscheuliche Koketterie, so Mademoiselle von Valois gehabt, mit dem verteuffelten duc de Richelieu. Der hat ihre Briefe herumfahren lassen, denn er hatt sie nur aus Vanität lieb. Alle jungen Leute haben die Briefe gesehen, worinnen gestanden, daß sie ihm hier Rendevous geben hatt. Ihre Frau Mutter hätte gern gehabt, daß ich sie wieder zu mir nehmen sollt', waß ihr aber platt abgeschlagen und deklariert hab, daß ich sie mein Tag des Lebens nicht mehr bey mir haben will, und daß man mich nur einmal betrügt. Ich habe ein recht Abscheu vor das Mensch, die Valois. Es tut mir wehe, wenn ich sie sehen muß, welches doch sein muß, um ein größeren Eklat zu verhüten, aber das Herz drehet sich mir umb, wenn ich das leichtfertig Weibstück sehen muß.

Das fragt nichts nach ihrer Mutter, wenig nach ihrem Vatter, undt will ihn regieren; mich haßt sie ärger als den Teuffel. In summa, das Mensch wird unß Allen noch Hertzenleydt geben, das ist gewiß. Ich wollte, daß sie schon geheurath hätt und weit weg wäre. Mein Sohn sieht ihr zu viel nach. Gott verzeye es der Mutter, aber sie hat ihre Döchter wohl bitter übel erzogen.

Was mein Sohn anbelangt, so ist es zwar gut, daß er die Inklination hat, nicht gern zu strafen, aber wenn man Obrigkeit ist, so führt man das Schwerdt so wohl als die Waag undt muß sowohl strafen können umb gerecht zu sein, als das Gute zu rekompensieren. Der impertinente duc de Richelieu ist unverschämt und fragt nach nichts; er kennt meines Sohns Güte; wenn man dießem Richelieu sein Recht thät, müßte er unter den Prügelsuppen sterben. Er hat es doppelt und dreifach verdient. Ich bin von Natur nicht gar cruel, aber dieß Bürschgen könnte ich ohne eine Thräne henken sehen.

Mein Sohn ist inkapapel, mehr als zwey oder drey Tag diät zu halten. Viel zu trinken ist freylich schlimm für die Augen, wenn sie krank seindt wie seine, und zu allem Unglück saufen die Damen hier mehr alß die Mannsleut, und mein Sohn, (unter uns gered) hatt eine verfluchte Mätreß, die seufft wie ein Bürstenbinder, ist ihm auch gar nicht treu. Aber da fragt er kein Haar nach.

Ich bitte Euch, betet fleißig für seine Bekehrung! Er hatt keine andere Fehler als dieße, aber sie seindt groß ...

Hier wurde die Schreiberin unterbrochen.

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