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Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe

Victor Hugo: Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe
publisherJ. Gnadenfeld & Co.
yearo.J.
translatorG. A. Volchert
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Buch. Der kleine Gavroche

I. Ein böser Schelmenstreich des Kindes

Nach dem Jahre 1823 bekamen die Thénardiers, während ihre Wirtschaft in Montfermeil nicht in den Abgrund eines großen Bankerotts, sondern in eine Kloake von Läpperschulden versank, noch zwei Kinder, beides Knaben. Im Ganzen also fünf, zwei Töchter und drei Knaben. Ein bischen viel!

Der zwei jüngsten entledigte sich Frau Thénardier, als sie noch ganz klein waren; und mit merkwürdigem Glück.

Entledigt, sagten wir. Die Frau war von Natur ein unvollständiges Wesen, wie es deren öfter gegeben hat. Sie hatte nur ihren Töchtern gegenüber Muttergefühle. Bei ihren Söhnen fing schon ihr Menschenhaß an. Den Aeltesten konnte sie, wie wir schon erzählt haben, nicht leiden und die Andern haßte sie, Warum? Darum. Kein schrecklicherer Grund, kein stärkrer Beweis als solch ein »Darum«. – »Was soll ich mit der Hetze Kinder?« dachte diese Mutter.«

Erklären wir jetzt, wie die Thénardiers dazu gekommen waren, sich ihrer Kinder zu entlasten und sogar mit Profit.

Die Magnon, die Eponinen eine Botschaft übermittelte, war dieselbe Person, der es geglückt war, von dem guten Gillenormand Alimente für zwei Kinder zu bekommen. Sie wohnte an dem Quai des Célestins, in einem der Stadtviertel, wo um 1827 die Diphtheritis arge Verwüstungen anrichtete. Bei dieser Epidemie verlor die Magnon an einem Tage beide Kinder, das eine am Morgen, das andre am Abend. Es war ein schwerer Schlag für die Mutter, der sie achtzig Franken pro Monat einbrachten, achtzig Franken, die sie von Barge, Gillenormand's Banquier, mit größter Regelmäßigkeit ausgezahlt bekam. Sie wußte sich aber zu helfen. Das lichtscheue Gesindel, zu dem sie gehörte, steht in innigem Verkehr mit einander, erfährt alles, hält reinen Mund und springt einander in der Noth bei. Die Magnon brauchte zwei Kinder und Frau Thénardier hatte zwei desselben Geschlechts und desselben Alters, So wurden denn die beiden kleinen Thénardiers zwei kleine Magnons. Vorsichtshalber zog die Magnon nun von dem Quai des Célestins nach der Rue Clocheperce, um ihre alte Identität zu vernichten.

Da die Sache nicht zur Kenntniß der Behörden gelangte, reklamirte Niemand und die Unterschiebung lief so glatt wie nur möglich ab. Nur verlangte Frau Thénardier für die Verleihung ihrer Kinder zehn Franken pro Monat, die Fräulein Magnon versprach und sogar auch bezahlte. Selbstverständlich ließ sich auch Gillenormand weiter schröpfen. Er besuchte nach wie vor die Knaben alle sechs Monate einmal und merkte nie, daß es andre waren. – »Nein, wie die Kinder Ihnen ähneln!« sagte oft die Magnon.

Thénardier, dem eine Aendrung seiner Personalien keinen Kummer machte, nahm die Gelegenheit wahr, um Jondrette zu werden. Seine beiden Töchter und Gavroche waren kaum gewahr geworden, daß sie zwei Brüderchen hatten. In einem gewissen Stadium des Unglücks verfällt der Mensch in einen solchen Stumpfsinn und Gleichgültigkeit, daß ihm seine nächsten Anverwandten wie Schattengebilde erscheinen, die sich von dem nebligen Hintergrund des Lebens nur undeutlich abheben und leicht wieder unsichtbar werden.

Am Abend des Tages, wo sie die beiden Knaben abgeliefert hatte, bekam Frau Thénardier – oder sie that wenigstens so – Gewissensregungen. – »Wir verstoßen ja aber unsre Kinder!« bemerkte sie zu ihrem Mann. Dieser belehrte sie mit überlegner Ruhe, der große Moralist Jean Jacques Rousseau sei noch weiter gegangen; der habe seine Kinder ins Findelhaus gebracht und sich gar nicht mehr um sie bekümmert. – Nachdem so ihre Gewissensbisse beschwichtigt waren, erhob Frau Thénardier einen neuen Einwand: »Wenn aber die Polizei die Sache schief nimmt! Sag mal, Thénardier ist das erlaubt, was wir da thun?« Er antwortete: »Alles ist erlaubt. Es wird auch kein Mensch was merken. Was aus armen Kindern wird, ist der Obrigkeit schnuppe.«

Die Magnon gehörte zu der Aristokratie der Verbrecherzunft. Sie kleidete sich nobel. Bei ihr wohnte eine gleichfalls feine Spitzbübin, eine französirte Engländerin, die Beziehungen mit sehr reichen Leuten hatte und später zu einer großen Berühmtheit gelangte. Man nannte sie »Mamsell Miß.«

Die beiden der Magnon anvertrauten Knaben hatten sich nicht zu beklagen. Dank der achtzig Franken monatlich, wurden sie gut behandelt, wie alles, was Geld einbringt; gar nicht schlecht gekleidet, nicht schlecht genährt, beinahe wie vornehme Kinder gehalten; kurz, sie hatten es bei der falschen Mutter besser, als bei der richtigen. Die Magnon spielte sich auf die feine Dame aus und vermied es, sich in ihrer Gegenwart der Gaunersprache zu bedienen.

So lebten sie mehrere Jahre und Frau Thénardier fing an, sich von ihnen größere Vortheile zu versprechen. »Der Vater sollte jetzt daran denken etwas für ihre Erziehung auszugeben,« meinte sie eines Tages, als ihr die Magnon wieder die zehn Franken einhändigte.

Auf ein Mal wurden die armen Dinger, denen es bis dahin so gut gegangen, denen sogar das Unglück, eine herzlose Mutter zu haben, zum Segen ausgeschlagen war, in das Leben hinausgestoßen und gezwungen, seine Schrecken kennen zu lernen.

Eine massenhafte Arretirung von Uebelthätern, wie diejenige, die bei den Jondrette vorgenommen wurde, samt den Haussuchungen und Verhaftungen, die sie nach sich zieht, ist eine wahre Katastrophe für jene geheime Gesellschaft, die mit der staatlich anerkannten im Kriegszustande lebt. Der Schlag, der Thénardier fällte, traf auch die Magnon.

Eines Tages, kurze Zeit nachdem die Magnon Eponinen den Kassiber übergeben, fand in der Rue Clocheperce plötzlich eine Haussuchung statt. Die Magnon wurde festgenommen, desgleichen Mamsell Miß und alle andern Hausbewohner. Während der Zeit spielten gerade die beiden Knaben auf dein Hinterhofe und merkten nichts von der Razzia. Als sie zurückkamen, fanden sie die Thür verschlossen und das Haus leer. Ein Schuhflicker, der gegenüber wohnte, rief sie und übergab ihnen einen Zettel, den ihre »Mutter« für sie hinterlassen hatte. Auf dem Zettel stand: Herr Barge, Rue du Roi-de-Sicile Nr.8. – »Ihr wohnt nicht mehr hier« sagte der Schuhflicker. Geht zu dem Herrn da hin. Es ist nicht weit. Die erste Straße links. Fragt Euch mit dem Zettel zurecht.«

Die Kinder machten sich auf den Weg. Der Aelteste führte an der einen Hand den Jüngsten, in der andern hielt er das Stück Papier. Ihn fror und da seine steifen Fingerchen keine Kraft hatten, geschah es, daß ein Windstoß es ihm entführte und da es schon spät am Abend war, konnte er es nicht wiederfinden.

In Folge dessen irrten die armen Dinger in den Straßen herum.

II. Der kleine Gavroche zieht Vortheil aus einer Idee des Großen Napoleon

Im Frühjahr wehen in Paris oft rauhe Winde, die das schönste Wetter verderben können. Man erfriert gerade nicht dabei, aber sie sind nicht minder unangenehm als ein Zugwind, der sich durch ein schlecht schließendes Fenster oder die Ritzen einer Thür in ein gut geheiztes Zimmer stürzt. Man hat die Empfindung, als sei die Thür des Winters nicht sorgfältig genug geschlossen worden. Im Frühjahr 1832, wo die erste große Seuche dieses Jahrhunderts in Europa ausbrach, hatten diese Nordwinde einen besonders bösartigen Charakter. Jetzt stand nicht blos die Thür des Winters, sondern auch die des Todes weit offen. Der Hauch der Cholera verstärkte die Macht des Windes.

In meteorologischer Hinsicht hatten diese Winde die Besonderheit, daß sie eine starke elektrische Spannung nicht ausschlossen. Es gingen in jener Jahreszeit heftige Gewitter nieder.

An einem Abend, wo der Wind besonders rauh blies, so daß man sich wieder in den Monat Januar zurückversetzt, glaubte und die Leute wieder ihre Wintermäntel hervorgeholt hatten, stand der kleine Gavroche, vergnügt, trotzdem ihn in seinen Lumpen erbärmlich fror, vor einem Friseurladen in der Gegend der Orme-Saint-Gervais. Er prangte in einem wollnen Frauenumschlagetuch, das er irgend wo aufgegabelt hatte, und das ihm als Shawl diente. Er that, als bewundre er grenzenlos eine mit einem bräutlichen Orangenblütenkranz geschmückte Wachspuppe, die sich im Schaufenster im Kreise drehte und von zwei pompösen Lampen bestrahlt die Vorübergehenden anlächelte. In Wirklichkeit spähte er, ob sich nicht eine Gelegenheit bieten würde, ein Stück Seife zu stibitzen, das er dann an einen Friseur außerhalb Paris verkaufen wollte. Auf diese Weise hatte er sich schon verschiedene Male Geld zu seinem Abendbrod verschafft und manchen Barbier über den Löffel barbirt.

Während er die Wachspuppe betrachtete und nach einem Stück Seife schielte, murmelte er: »Dienstag. Nein, nicht Dienstag. Ja gewiß, es war Dienstag.«

Worauf sich dieses Selbstgespräch bezog, hat man nie herausbringen können.

Meinte er etwa das letzte Mal, wo er etwas zu essen gehabt hatte, so war das drei Tage her, denn jener Tag war ein Freitag.

Der Barbier, in dessen Salon ein glühender Ofen stand, rasirte einen Kunden und sah von Zeit zu Zeit seitwärts nach dem Feinde, der draußen lauerte, dem frechen Bengel, der vor Frost zitternd die Hände in die Taschen gesteckt hatte, nicht aber seinen Mutterwitz.

Während Gavroche die Wachspuppe, das Schaufenster und die Windsor Soap sehr genau ansah, kamen zwei anständig gekleidete Knaben von verschiedener Statur, im Alter von sieben und fünf Jahren, klinkten furchtsam die Thür auf und traten in den Laden. Was sie zu dem Barbier sagten, war nicht zu verstehen; Beide sprachen zugleich, der Jüngste schluchzte und der Aelteste klapperte vor Frost mit den Zähnen. Vielleicht baten sie um ein Almosen. Der Barbier drehte sich wüthend um, stieß, ohne sein Rasirmesser hinzulegen, den Einen mit der linken Hand, den Andern mit dem Knie hinaus und sagte, indem er die Thür wieder zumachte: »Nein, so was! Machen Einem die Stube um nichts und wieder nichts kalt!«

Die Knaben weinten und gingen weiter. Währenddem hatte sich aber der Himmel bewölkt und es fing an zu regnen. Der kleine Gavroche rannte ihnen nach und fragte sie:

»Was fehlt Euch, Jungens?«

»Wir möchten gern schlafen, mein Herr, und wissen nicht, wo wir hingehen sollen.«

»Weiter nichts? Und darum weint Ihr! Was solche Bälge doch dumm sind!«

Dann aber schlug er, nachdem er sich über sie lustig gemacht und sie seine Ueberlegenheit hatte fühlen lassen, einen sanften Gönnerton an und sagte:

»Kinder, kommt mit mir.«

»Ja, recht gern, mein Herr«, sagte der Aelteste.

Und die beiden Kleinen folgten ihm ehrerbietig, als wär er ein Erzbischof gewesen und hörten auf zu weinen.

Gavroche ging mit ihnen die Rue-Saint-Antoine hinauf, nach der Bastille zu, sah sich aber zuvor noch zornig nach dem Friseurladen um.

»Der Jammerlappen von Bartkratzer hat auch nicht mehr Gefühl, wie ein Stein!« brummte er.

Eine Dirne, der sie unterwegs begegneten, lachte, als sie die drei Käsehochs im Gänsemarsch daher kommen sah. Dieses respektwidrige Benehmen verdroß unsern Gavroche und er rächte sich sofort:

»Guten Tag, Fräulein Omnibus!«

Diese Begegnung und die Erinnerung an den hartherzigen Friseur hatten ihn gereizt und kriegslustig gemacht. Er fand auch bald ein Opfer, eine bärtige alte Portierfrau, die Einen an Faust und den Brocken erinnern konnte.

»Das ist hübsch von Ihnen, daß Sie Ihr Reitpferd spazieren führen!« hohnepiepelte er und zeigte auf den Besen, den die Alte in der Hand trug.

Während er davon rannte, bespritzte er noch rasch die Lackstiefelchen eines feinen Herrn, der ihm den Gefallen that, weidlich hinter ihm herzuschimpfen.

Während er weiter ging, bemerkte er unter einem Thorweg eine vierzehn oder fünfzehnjährige Bettlerin, deren Kleid so kurz war, daß man ihre bloßen Kniee sehen konnte.

Sie war so thöricht gewesen, zu schnell zu wachsen und gerade zu einer Zeit, wo kurze Kleider unanständig werden.

»Armes Mädel!« sagte Gavroche. »Das hat nicht mal Hosen. Da, nimm das. Dann hast Du wenigstens etwas.«

Mit diesen Worten wand er das warme wollne Kleidungsstück von seinem Halse los und warf es der Bettlerin über die mageren, braun und blau gefrorenen Schultern.

Das Mädchen sah ihn erstaunt an und sagte kein Wort. Hat er einen gewissen Grad des Elends erreicht, so seufzt der Arme in seinem Stumpfsinn über das Böse und dankt nicht mehr für das Gute, das man ihm erweist.

Gleich darauf machte Gavroche »Brrr!« und zitterte noch stärker als der heilige Martin, der wenigstens eine Hälfte seines Mantels für sich behalten hatte. In demselben Augenblick rauschte der Regen noch ärger herab und bestrafte Gavroche für seine gute Handlung.

»Nanu, was soll denn das heißen? Das wird ja immer toller. Wenn das so fortgeht, spiele ich nicht mehr mit.«

Dann eilte er schneller weiter, sah sich aber noch einmal nach dem Bettelmädchen um, das sich sorgsam in das Tuch eingehüllt hatte. »Die kann sagen, daß sie ein molliges Stück Kledasche hat!«

Auch die Wolke, die ihn durchnäßte, bekam ihr Theil:

»Aetsch! Reingefallen!« rief er ihr zu. »Der kannst Du nichts mehr thun!«

Als sie an einen Bäckerladen kamen, wandte sich Gavroche zu seinen kleinen Begleitern um:

»Sagt mal, Jungens, habt Ihr gespiesen?«

»Nein, seit heute Morgen nicht«, sagte der Aelteste.

»Ihr habt also weder Vater noch Mutter?« bemerkte Gavroche würdevoll.

»Entschuldigen Sie, mein Herr, wir haben einen Papa und eine Mama, aber wir wissen nicht, wo sie sind.«

»Hm! Das hat manchmal sein Gutes!« meinte Gavroche, der philosophisch veranlagt war.

»Zwei Stunden laufen wir nun schon so herum und haben in den Rinnsteinen was zu essen gesucht, aber nichts gefunden.«

»Kann ich mir denken. Die Hunde fressen Einem alles weg. – Also wir haben unsre Alten verlegt und können sie nicht wiederfinden. Das habt Ihr nicht gescheidt gemacht. Solche nützlichen Leute muß man besser in Acht nehmen. Kinder, nun müssen wir uns aber bald was zu präpeln anschaffen.«

Die Kleinen weiter auszufragen fiel ihm nicht ein. Daß Kinder kein Obdach haben, kam ihm sehr natürlich vor.

Der älteste Knabe hatte sich um diese Zeit auch schon, was ja Kindern so leicht wird, fast alle Sorgen aus dem Sinn geschlagen und wurde gesprächig.

»Nein, ist das komisch! Mama hat gesagt, sie will mit uns am Palmsonntag nach der Kirche gehen und Palmenzweige holen. Sie wissen doch, schöne Zweige, wo der Herr Pfarrer Weihwasser drauf spritzt.

»Na ja, manchmal ist es aber auch Essig.«

»Mama ist eine Dame, die mit Mamsell Miß zusammenwohnt.«

»Sie haben sich beide wohl sehr lieb?«

Währenddem war er stehen geblieben und suchte seit einigen Minuten in den Lumpen herum, die bei ihm die Stelle der Kleidung vertraten.

Endlich richtete er den Kopf empor mit einer Miene, die nur Zufriedenheit ausdrücken sollte, in Wirklichkeit aber einen Ueberschwang von Glückseligkeit wiederspiegelte.

»Jetzt Kinder, laßt alle Sorgen fahren. Seht mal her. Hierfür können wir uns alle Drei den Wanst vollschlagen.«

Mit diesen Worten zeigte er ihnen einen Sou, den er in einer seiner Taschen gefunden hatte.

Er ließ den beiden Kleinen nicht die Zeit, ihrer Bewunderung für seinen Reichthum Ausdruck zu geben, sondern schob sie eilig in den Bäckerladen hinein, legte seine Kupfermünze auf den Ladentisch und rief gebieterisch:

»Für fünf Centimes Brod!«

Der Bäcker nahm ein Brod und ein Messer zur Hand.

»Drei Stücke!« kommandirte Gavroche, und mit Würde: »Wir sind unsrer drei.«

Der Bäcker, der sich inzwischen die drei Hungerleider genauer angesehen, griff nach einem andern, gröbern Brod. Als Gavroche dies sah, steckte er den Finger in die Nase, als wollte er Tabak schnupfen, und mit einer so stolzen und unzufriedenen Miene, als sei er Friedrich der Große und der Bäcker ein unehrerbietiger Unterthan.

»Was ist denn das?«

»Na Brod, sehr gutes Brod zweiter Qualität.«

»Sie meinen ordinäres Brod,« gab Gavroche kalt und verächtlich zurück. Wenn ich ponire, nehme ich nur Weißbrod.«

Der Bäcker konnte sich nicht enthalten zu lächeln und musterte, während er ein Weißbrod zerschnitt, voller Mitleid die drei großkotzigen Kunden.

»Sagen Sie mal, Sie Teigmanscher, haben Sie was an uns auszusetzen?«

Als das Brod geschnitten war, nahm der Bäcker seinen Sou und Gavroche sagte zu den Kindern:

»Prumpst Euch voll!«

Die Kleinen sahen ihn verlegen an.

Gavroche lachte.

»Gott bewahre! Das versteht noch nicht mal seine Muttersprache. Essen sollt Ihr.«

Dabei vertheilte er das Brod, indem er das größte Stück dem ältesten Knaben gab und das kleinste für sich behielt.

Die armen Kinder, die wie Gavroche halb ohnmächtig vor Hunger waren, fielen sofort über das Brod her und blieben, während sie tapfer einhieben, im Laden stehen, wo sie hinderlich waren und von dem Bäcker mit unfreundlichen Blicken betrachtet wurden.

»Kommt raus!« sagte Gavroche.

Sie gingen weiter in der Richtung der Bastille.

Von Zeit zu Zeit, wenn sie an hell erleuchteten Schaufenstern vorbeikamen, blieb der jüngste Knabe stehen und sah auf einer bleiernen Uhr, die an einem Bindfaden um seinen Hals hing, nach, wie spät es sei.

»Nein, so ein Dummchen!« dachte Gavroche, murmelte aber dann:

»Wenn ich Bälge hätte, würde ich sie besser aufheben.«

Als sie eben mit ihrem Diner zu Ende kamen und an die unfreundliche Rue des Ballets gelangt waren, in der hinten das Gefängniß drohend emporragt, rief Jemand.

»Bist Du's, Gavroche?«

»Du, Montparnasse?« gab Gavroche zurück.

Es war in der That Montparnasse in einer Verkleidung und mit einer blauen Brille.

»Alle Hagel!« fuhr Gavroche fort, »Siehst Du chic aus in dem Rock! Nobel und stolz wie ein Doktor!«

»Pst! Nicht so laut!« flüsterte Montparnasse und führte hastig Gavroche aus dem Lichtbereich der Schaufenster heraus.

Die beiden Kleinen gingen ihnen, indem sie sich bei der Hand hielten, mechanisch nach.

Als sie hinter der dunklen Wölbung eines Thorwegs standen, wo sie vor neugierigen Blicken und dem Regen geschützt waren, fragte Montparnasse:

»Weißt Du, wo ich hingehn werde?«

»Zum Schinder!«

»Laß doch die unangenehmen Witze. – Ich will Babet aufsuchen.«

»Also Babet heißt sie!«

»Nicht sie, er,« sagte Montparnasse mit gedämpfter Stimme.

»Ach so, Babet! Ich dachte, er wäre in der Tfieze.«

»Ja, aber er ist abgetippelt.«

Und er erzählte rasch dem jungen Burschen, daß Babet am Morgen desselben Tages bei seiner Ueberführung nach der Conciergerie Mittel und Wege gefunden habe, zu entspringen.

»Das ist aber nicht alles,« sagte Montparnasse und fügte noch Einzelheiten über die Flucht hinzu.

Während Gavroche ihm mit Bewunderung zuhörte, hatte er sich zugleich eines Spazierstocks bemächtigt, den Montparnasse in der Hand hielt und an dem Griff gezogen, wobei eine Dolchklinge sichtbar wurde.

»Aha!« rief er, indem er den Dolch wieder zurückschob, »Du hast Dir einen Soldaten in Civil mitgenommen!«

Montparnasse blinzelte mit den Augen.

»Alle Wetter, Du willst wohl mit den Greifern anbinden?«

»Man kann nie wissen!« meinte Montparnasse in gleichgiltigem Ton. »Es ist immer gut, wenn man etwas bei sich hat, das gut piekt. – Noch eins. Neulich komme ich an einen Wittschen, der mir eine Moralpredigt und seine Börse schenkt. Ich stecke das Geld ein. Eine Minute darauf fasse ich in meine Tasche und sieh da! es war nichts drin.«

»Na, aber die Moralpredigt ist doch wenigstens nicht verloren gegangen?«

»Wo gehst Du jetzt hin?« fragte Montparnasse.

Gavroche zeigte auf seine beiden Schützlinge und sagte:

»Ich will die Kinder da zu Bett bringen.«

»Wo zu Bett bringen?«

»Bei mir zu Hause.«

»Hast Du denn eine Wohnung?«

»Na ob!«

»Wo denn?«

»Im Elefanten.«

»Im Elefanten!« rief Montparnasse verwundert, obgleich er von Natur sich nicht leicht wunderte.

»Na ja, im Elefanten! Was ist denn weiter dabei?«

Gavroche's philosophische Entgegnung bewog Montparnasse ruhiger nachzudenken und das eigenthümliche Wohnhaus besser zu würdigen.

»Also im Elefanten! Hm! Wohnt es sich gut darin?«

»Propper, sage ich Dir. Nicht so zugig wie unter den Brücken.«

»Wie kommst du hinein? Hat denn das Ding ein Loch?«

»Na gewiß! Aber Du darfst es Niemand wiedersagen. Zwischen den Vorderbeinen. Die Gauser haben's nicht gesehen.«

»Und da kletterst Du hinauf? Ich verstehe.«

»Im Handumdrehen! Riz, raz bin ich drin, ehe mich Einer sieht. – Für die Würmer da muß ich mir eine Leiter verschaffen.«

»Wo zum Teufel hast Du die Dinger aufgegabelt?«

»Das ist ein Geschenk, das ich einem Perrückenmacher verdanke.«

Auf diese Antwort hörte Montparnasse kaum noch hin. Er war nachdenklich geworden und murmelte: »Du hast mich doch recht leicht erkannt!«

Er nahm zwei kleine Gegenstände aus der Tasche, zwei Bruchstücke von Federposen, die mit Baumwolle umwickelt waren, und steckte je eins in seine Nasenlöcher. Dadurch bekam seine Nase eine ganz veränderte Gestalt.

»So siehst Du weniger häßlich aus. So solltest Du immer gehen.«

Montparnasse war ein hübscher Junge, aber Gavroche foppte gern.

»Spaß bei Seite, wie findst Du mich?«

Jetzt klang auch seine Stimme anders. Montparnasse war im Handumdrehen unerkennbar geworden.

»Ach, spiele doch mal den Kasperle!« rief Gavroche.

Die Kinder hatten bis dahin nicht auf das Gespräch der Beiden hingehört. Sie wühlten auch mit ihren Fingern in der Nase und hatten also genug zu thun. Nun sie aber von dem Kasperle sprechen hörten, kamen sie rasch näher und sahen zu Montparnasse mit freudiger Bewundrung empor.

In demselben Augenblick aber gab Dieser seinem jungen Freunde einen verstohlenem Wink, daß Gefahr im Anzuge sei. Gavroche wandte sich um, erblickte einen Schutzmann, der in der Nähe stand, machte Hm! Hm! und schüttelte Montparnasse die Hand:

»Nun gute Nacht! Ich gehe mit meinen Würmern nach dem Elefanten. Positus ich setze den Fall, Du willst mich eines Nachts sprechen. Dann komme und suche mich dort auf. Im Hochparterre. Kein Portier. Du fragst nach Herrn Gavroche.«

»Gut, ich werd's mir merken,« sagte Montparnasse.

Hierauf trennten sie sich. Montparnasse ging nach dem Grève- und Gavroche nach dem Bastilleplatz. Der jüngste Knabe, den sein Bruder an der Hand führte, und den seinerseits wieder Gavroche an der Hand führte, wandte mehrere Mal den Kopf um und blickte dem Kasperle nach.

Um das Jahr 1842 sah man noch in dem südwestlichen Winkel des Bastilleplatzes unweit des Flußhafens, der an der Stelle des ehemaligen Festungsgrabens angelegt ist, ein absonderliches Denkmal, das die heutigen Pariser nicht gekannt haben, aber noch eine Erwähnung verdient, denn es verdankte seine Entstehung dem Mitglied des Instituts und kommandirenden General der ägyptischen Expeditionsarmee.

Wir sagten »Denkmal.« Es war nur eine Anlage, eine Skizze, aber eine großartige, der Leichnam einer genialen Idee Napoleons, die unvollständig ausgeführt wurde und eine seiner anfänglichen Bestimmung fremde Form angenommen hatte. Es war ein vierzig Fuß hoher Elefant aus Zimmer- und Mauerwerk, der auf dem Rücken einen Turm trug und, ursprünglich grün angestrichen, durch den Regen und die Zeit schwarz geworden war. Auf dem unbebauten und öden Platze, wo er stand, zeichnete sich des Nachts die breite Stirn des Kolosses, der Rüssel, der Turm, die ungeheure Kruppe, die säulenartigen Beine am Sternenhimmel imposant und furchtbar ab, und wer den merkwürdigen Bau nicht kannte, begriff nicht, was das Ungethüm bedeuten sollte. Es war eine Art Sinnbild der Volkskraft, etwas Düsteres, Räthselhaftes, Gewaltiges. So zu sagen ein großes, sichtbares Phantom neben dem unsichtbaren Gespenst der vernichteten Bastille.

Wenige Fremde sahen sich dies Gebäude an, die Pariser erst recht nicht. Es zerfiel allmählich in Trümmer; jedes Jahr bröckelten Stücke aus seinen Flanken heraus und hinterließen immer weiter klaffende Wunden. Die Baupolizei hatte es seit 1814 vergessen. Es stand unbeachtet in seiner Ecke, von einem morschen Zaun umgeben, den betrunkne Kutscher nach Herzenslust verunreinigten; zwischen seinen Beinen wuchs hohes Gras und Unkraut; und da das Niveau des Platzes, wie dies in großen Städten nicht anders sein kann, allmählich höher wurde, stand es in einer Vertiefung und es hatte den Anschein, als senke sich die Erde unter ihm. Das Ganze sah unsauber, widerwärtig, häßlich aus, machte jedoch auf den Denker einen großartigen und schwermüthigen Eindruck.

Des Nachts aber, wie gesagt, nahm der alte Elefant ein andres Aussehen an; dann paßte die ruhige, furchtbare Gestalt vortrefflich zu der hehren Stille des nächtlichen Himmels. Als ein Vertreter der Vergangenheit konnte er nur in der Dunkelheit zur Geltung kommen.

Dies plumpe, strenge, fast ungeschlachte Gebäude, das aber ein feierliches und ernstes Gepräge trug, hat einem unschönen und unedlen Bau Platz gemacht, der einem eisernen Ofen nebst Schornstein ähnelt. Diese Säule ersetzt gegenwärtig die düstre Bastille mit ihren neun Türmen ungefähr so, wie das Bürgerthum die Feudalität. Es ist ja natürlich, daß ein Ofen das Sinnbild einer Zeit sei, die keine andre Macht anerkennt, als die Dampfkraft. Diese Zeit wird vorübergehen, ist zum Theil schon vorbei, man fängt schon an zu begreifen, daß, wenn ein Kessel Kraft konzentriren, Macht nur in einem Hirn sein kann. In andern Worten, was die Welt leitet und vorwärts bringt, sind nicht die Lokomotiven, sondern die Ideen. Spannet meinetwegen die Lokomotiven an die Ideen an: nur verwechselt nicht das Pferd mit dem Reiter.

Wie dem auch sei, so hat, um wieder auf unsre Denkmäler zurückzukommen, der Erbauer des Elefanten aus Gips etwas Großes geschaffen, während der Fabrikant des Ofenrohrs es fertig gebracht hat, aus Bronce etwas Unbedeutendes, Kleinliches herzustellen.

Dieses Ofenrohr, das man mit einem pompösen Namen getauft und die Julisäule genannt hat, dieses mißrathne Denkmal einer mißlungnen Revolution, war 1832 noch umgeben von einem gewaltigen Gerüst, dessen Wegräumung wir bedauern und von einem großen Bretterzaun, der den Elefanten noch mehr isolierte.

Nach diesem Winkel des Platzes, wo nur der schwache Lichtschimmer einer ziemlich weit entfernten Laterne hindrang, führte also Gavroche die beiden »Würmer«.

Man erlaube uns hier eine kleine Unterbrechung. Wir müssen nämlich daran erinnern, daß wir uns innerhalb der Grenzen der Wirklichkeit halten. Um 1842 hatte sich vor dem Zuchtpolizeigericht ein Kind, das im Elefanten der Bastille genächtigt hatte, wegen Beschädigung eines öffentlichen Denkmals zu verantworten.

Nach Festnagelung dieser Thatsache fahren wir fort.

Als sie in die Nähe des Kolosses kamen, begriff Gavroche, welchen Eindruck das unendlich Große auf das unendlich Kleine machen kann und sagte: Kinderchen, fürchtet Euch nicht!

Dann kroch er durch eine Lücke im Zaun hindurch und zog die Beiden durch die Bresche hinein. Den Kindern war nicht behaglich zu Muthe, sie folgten Gavroche aber willig, als einer zerlumpten kleinen Vorsehung, die ihnen Brod gegeben und Obdach versprochen hatte.

An dem Zaun lag eine Leiter, deren sich am Tage die Arbeiter eines benachbarten Zimmerplatzes bedienten.

Gavroche hob sie mit einer Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte, empor und lehnte sie an das eine Vorderbein des Elephanten. Dicht bei dem oberen Ende der Leiter sah man ein schwarzes Loch im Bauche des Ungeheuers.

Gavroche wies auf die Leiter und das Loch.

»Nun, vorwärts, Kinder!«

Die Kleinen sahen sich mit angstvollen Mienen an.

»Ich glaube gar, Ihr fürchtet Euch!« – »Seht mal her!«

Er umklammerte das riesige Bein des Elephanten und klomm mit stolzer Nichtbeachtung der Leiter bis zu der Oeffnung empor. Hier glitt er flink wie eine Schlange hinein und gleich darauf erschien sein blasses Gesicht wieder am Rande der Oeffnung.

»So kommt doch, Jungens! Ihr werdet sehen, wie schön es hier oben ist. – Du zuerst,« sagte er zu dem Aeltesten. »Ich werde Dir die Hand hinhalten.«

Die Kleinen stießen sich gegenseitig mit dem Ellbogen an, wer zuerst hinauf sollte. Der junge Vagabunde flößte ihnen zugleich Furcht und Zutrauen ein, und außerdem regnete es stark. Der Aelteste unternahm endlich das Wagniß.

Der Jüngste, als er seinen Bruder emporsteigen sah, und er zwischen den Beinen des ungeheuren Viehes allein blieb, war nahe genug daran zu weinen, wagte es aber nicht.

Während also der Aelteste mit unsicheren Füßen die Leitersprossen emporstieg, ermuthigte ihn Gavroche durch Zurufe, wie ein Fechtlehrer seine Schüler oder ein Maulthiertreiber sein Vieh.

»Nur keine Angst!«

»So ist's recht!«

»Man immer weiter!«

»Setze den Fuß dahin!«

»Hierher mit der Hand!«

»Courage!«

Und als der Kleine in seinem Bereiche war, faßte er ihn kräftig am Arm und schwenkte ihn mit unübertrefflicher Wuppticität in das Gebäude hinein.

»So! Nun warte hier auf mich. Bitte gefälligst Platz zu nehmen.«

Dann stieg er wieder durch das Loch hinaus und glitt mit affenartiger Geschwindigkeit an dem Beine des Elephanten hinab, fiel unten im Gras auf seine Füße, nahm den fünfjährigen Kleinen in die Arme, stellte ihn auf die Leiter und stieg hinter ihm empor. Oben angelangt rief er dem Aeltesten zu:

»Ich schiebe und Du ziehe ihn.«

Im Nu, ehe er zur Besinnung kommen konnte, war der Kleine durch das Loch hineingeschoben, gezogen, gezerrt, geschuppst und gestuppst.

Dann stieß Gavroche, indem er nach ihm hineinstieg, die Leiter um, die ins Gras fiel und klatschte in die Hände:

»Hurrah! Jetzt sind wir da!«

Und nach dem Freudenruf begrüßte er feierlich seine Gäste:

»Seid willkommen in meinem Palais!«

Welchen Nutzen doch bisweilen das Unnützliche stiftet! Welche merkwürdigen Dienste das Große dem Kleinen erweisen kann! Hier war ein ungeheures Gebäude, das den Gedanken eines Kaisers zu verkörpern bestimmt gewesen war, zur Behausung eines Straßenjungen geworden. Wenn Leute an dem Elefanten der Bastille vorbeikamen, musterten sie ihn mit dummer Verachtung und meinten: »Wozu nützt das?« Nun, das brachte sehr großen Nutzen. Es bewahrte einen Knaben, der weder Vater noch Mutter, kein Brod, keine warme Kleidung, kein Obdach hatte, vor der fürchterlichen Nothwendigkeit, bei Regen, Hagel, Schnee und Wind im Freien, in der Nässe, im Koth zu schlafen. Es nahm einen Schuldlosen auf, den die Gesellschaft verstoßen hatte. Es milderte die Schuld Aller gegen einen Schwachen. Es war ein Schlupfwinkel für Einen, dem alle Thüren verschlossen waren. Dazu nützte das alte Ungethüm, daß es, selber vernachlässigt, Mitleid hatte mit einem ebenfalls von aller Welt vergessenen Knirps. Die Idee Napoleons, die Menschen fallen ließen, hob Gott auf. Was nur dem Ruhme dienen sollte, wurde ein Werkzeug der erhabensten Barmherzigkeit. Der Kaiser hätte zur Verkörperung seines Gedankens Porphyr, Erz, Eisen, Gold, Marmor gebraucht; dem Herrgott genügte das alte Gefüge von Brettern, Balken und Gips. Der Kaiser wollte, daß der titanenhafte Elefant mit seinem hochaufgerichteten Rüssel ein Symbol des Volkes sein sollte: Gott verwendete ihn zu einem schönen Zwecke: Er gab ihn einem schwachen Knaben zur Wohnung.

Das Loch, durch das Gavroche hineinzukriechen pflegte, war von außen kaum zu sehen, und so eng, daß nur Katzen und Kinder sich hindurchwinden konnten.

»Jetzt wollen wir erst mal dem Portier sagen, daß wir nicht zu sprechen sind.«

Mit diesen Worten griff er, ohne zu tasten – da er zu Hause war, wußte er ja Bescheid! – nach einem Brett und legte es über das Loch.

Dann verschwand er abermals in der Dunkelheit. Die Kinder hörten das Geräusch von einem Zündholz in einer Phosphorflasche, denn Streichhölzer gab es damals noch nicht und Fumade's Feuerzeug war die vollkommenste Vorrichtung dieser Art.

Plötzlich kniffen die beiden Kinder die Augen zu. Gavroche hatte ein mit Harz bestrichnes Stück Bindfaden angezündet. Die kleine Fackel, die mehr rauchte, als leuchtete, ermöglichte es ihnen jetzt, das Innre des Elefanten, wenn auch nur undeutlich und verworren, zu erkennen.

Gavroche's Gäste hatten bei ihrer Umschau ungefähr dieselbe Empfindung, wie Jemand, der in der großen Heidelberger Tonne eingeschlossen ist oder, richtiger gesagt, wie der Prophet Jonas im Bauch des Walfisches. Sie sahen sich von einer Art riesigem Skelett umgeben. Oben stellte ein langer brauner Balken, von dem mächtige Krummsparren ausgingen, das Rückgrat und die Rippen vor. Den Kalksinter, der an diesem Gerüst hing, konnte man – bei einigermaßen gutem Willen – mit Därmen vergleichen und an das Zwergfell erinnerten riesige, mit Staub bedeckte Spinnengewebe, die zwischen den beiden Flanken ausgespannt waren. Hier und da erblickte man in den Ecken große, schwärzliche Flecke, die aussahen, als wären sie lebendige Wesen und hastig hin und herhuschten.

Die Rundung des Bauches war mit Trümmern angefüllt, die von oben herabgefallen waren, so daß auch ein einigermaßen ebner Fußboden nicht fehlte.

Bei dem Anblick dieser grausigen Wohnung schmiegte sich der jüngste Knabe enger an seinen Bruder an und flüsterte:

»Ach ist das dunkel!«

Dieser Tadel verdroß unsern Gavroche. Auch sah er ein, daß seine erschrocknen Gäste einer moralischen Ohrfeige, einer Aufmunterung bedurften:

»Haben die Herrschaften sonst noch Schmerzen? Belieben Sie mich zu uzen oder ist Ihnen mein Salon nicht gut genug? Wie beim König, so fein sieht er freilich nicht aus, aber besser ausgestattet ist er doch immer, als der Verstandeskasten Ew. Hoheiten! Macht mir den Kopf nicht warm, sonst geht's Euch schlecht, Ihr hochnäsigen Kröten!«

Ein kleiner Anrauzer hat sein Gutes, er übt eine beruhigende Wirkung auf furchtsame Seelen aus. Die beiden Kinder kamen näher an Gavroche heran.

Väterlich gerührt über das Zutrauen ging Dieser vom Strengen zum Zarten über und ertheilte dem Kleinen eine praktische Belehrung:

»Dummchen, draußen ist es dunkel. Draußen regnet es, hier nicht; draußen ist es kalt, hier weht kein rauher Wind; draußen sind eine Masse Leute, hier ist Niemand; draußen scheint nicht einmal der Mond, hier haben wir ein Licht, das sich sehen lassen kann!«

Jetzt fingen die Knaben an sich weniger vor ihrer neuen Wohnung zu ängstigen; aber Gavroche ließ ihnen nicht die Zeit sie genauer zu betrachten.

»Schnell!« sagte er und schob sie in den Hintergrund, wo es etwas wohnlicher aussah.

Hier stand nämlich Gavroche's Bett. Ein vollständiges Bett! Nämlich eine Matratze, eine Decke und ein Alkowen mit Vorhängen.

Die Matratze war allerdings eigentlich nur eine Strohmatte, aber die Decke war aus Wolle von guter Qualität und hielt warm. Der Alkowen sah folgendermaßen aus:

Drei ziemlich lange Pflöcke, die, in den Schutt des Erdbodens fest eingeschlagen, – zwei vorn, einer hinten, und oben durch einen Strick verbunden, – eine Pyramide bildeten. Um das Ganze lag ein Drahtgitter, das an die Pflöcke mit Eisendraht befestigt und unten mit großen Steinen beschwert war, so daß nirgend etwas durchkonnte. Das Gitterwerk war von derselben Art, wie dasjenige, das bei den Vogelhäusern der zoologischen Gärten zur Verwendung kommt. Unter diesem Gitter befand sich also Gavroche's Bett wie in einem Käfig und hinter einem Vorhang.

Gavroche schob die beiden Steine, welche die beiden, vorn übereinander gelegten Säume des Drahtgitters zusammenhielten, etwas bei Seite, so daß eine Oeffnung entstand.

»So, Jungens! Nun auf allen Vieren!« sagte er, ließ seine Gäste hineinkriechen, folgte ihnen vorsichtig nach, schob die beiden Steine wieder zurecht und verschloß so den Alkowen vollständig.

Alle Drei lagen auf der Matte ausgestreckt, denn so klein sie waren, hätte Keiner im Alkowen aufrecht stehen können. Gavroche hielt dabei noch immer sein Licht in der Hand.

»So, nun schnobbt! Ich muß das Licht auslöschen.«

»Herr Gavroche,« fragte der älteste der beidem Knaben und wies auf das Gitter. »Was ist denn das?«

»Das ist gegen die Ratten!« belehrte ihn Gavroche ruhig und würdevoll.

Und nach einer Pause fügte er, von der Notwendigkeit durchdrungen, daß die unwissenden Jungchens noch einiger, ihren neuen Verhältnissen angemessener Unterweisung bedurften, mit mehr Ausführlichkeit fort:

»Das sind die Sachen aus dem zoologischen Garten. Wo die wilden Thiere sind. Solche Biester giebt's da die schwere Menge. Da kommt man über eine Mauer hinein oder man klettert durch ein Fenster oder geht Durch eine Thür. Da kann man sich so viel Draht nehmen, daß man einen ganzen Laden damit füllen könnte.«

Während der lehrreichen Rede wickelte er den Kleinsten sorgfältig in einen Theil der Decke ein. Der Aermste war darüber sehr zufrieden und murmelte:

»Ach, wie schön warm das ist!«

»Das wollte ich meinen. Die habe ich den Affen weggenommen.«

»Und das,« fuhr er fort, indem er dem Aeltesten die sehr dicke und vorzüglich gearbeitete Strohmatte, auf der sie lagen, zeigte, »das hat der Giraffe gehört. – Ja, das hatten alles die wilden Viecher. Ich habe es ihnen weggenommen und sie haben's mir auch nicht übel genommen. Ich sagte ihnen, ich brauche es für den Elefanten. Nun wißt Ihr Bescheid: Man klettert über die Mauer und macht der Obrigkeit eine lange Nase.«

Die beiden Knaben betrachteten mit scheuer Achtung und Bewundrung den kühnen Burschen, der sich so gut zu helfen wußte, der wie sie ohne Obdach, von Vater und Mutter verlassen und schwächlich, doch ihnen gegenüber die Rolle einer allmächtigen Vorsehung spielen konnte und dessen Gesicht alle Grimassen eines durchtriebenen Jahrmarktsclowns nachahmte und dennoch naiv und liebenswürdig zu lächeln verstand.

»Herr Gavroche,« fragte schüchtern der Aelteste, »fürchten Sie Sich denn nicht vor den Schutzleuten?«

»Mein Junge, man sagt nicht Schutzleute, sondern Greifer.«

Der Jüngste hielt die Augen offen, sagte aber nichts. Da er an der andern Seite lag, achtete Gavroche mit mütterlicher Sorgsamkeit darauf, daß er gut eingewickelt war, und machte ihm aus einigen Lappen eine Art Kissen zurecht. Dann wandte er sich wieder zu dem Aeltesten, der neben ihm, in der Mitte lag:

»Na, was meinst Du? Ist's hier nicht ganz hübsch?«

»Ja freilich!« antwortete der Aelteste und blickte voller Dankbarkeit zu seinem Wirt empor.

In der That fingen die beiden vollständig durchnäßten Kinder jetzt an warm zu werden.

»Nun sagt mir aber mal, warum habt Ihr denn vorhin geweint? Ueber den Kleinen da will ich weiter nichts sagen; aber daß ein großer Junge, wie Du, weint, das ist dämlich. Da sieht man ja aus wie ein Kalb.«

»Ja, wir hatten aber keine Wohnung und wußten nicht, wo wir hinsollten.«

»Es heißt nicht Wohnung, sondern Bude.«

»Und dann fürchteten wir uns, weil wir so ganz allein und weil es Nacht war.«

»Na, in Zukunft brauchst Du Dir keine Sorgen mehr zu machen. Jetzt bin ich da. Du wirst sehen, wie gut man sich amüsiren kann. Im Sommer gehen wir mit Navet, einem Freund von mir, nach der Glacière und baden im Hafen. Dann rennen wir nackt auf dem Flößholz bei der Austerlitzer Brücke herum. Darüber ärgern sich die Waschfrauen. Die schreien und futern, sage ich Dir. Es ist zum Totlachen. Dann sehen wir uns auch den Skeletmenschen auf den Champs-Elysées an. Er ist lebendig; aber mager, mager ist er. Na, kurz und gut ein komischer Kunde. Ins Theater führe ich Euch auch, zu Frédéric Lemaître. Ich kann mir Billete von Schauspielern verschaffen. Einmal habe ich sogar mitgespielt. Wir waren eine Masse kleine Kerls und rannten unter einem großen Leinwandtuch hierhin und dahin; das sollte das Meer vorstellen. Ich will Euch eine Stelle an meinem Theater verschaffen. Die Wilden sehen wir uns auch an. Die sind aber nicht echt. Sie haben rosa Trikots, die Falten schlagen, und an den Ellbogen tragen sie Flicken aus weißem Zwirn. Und wenn Einer hingerichtet wird, müssen wir auch dabei sein. Ich zeige Euch den Henker. Er wohnt in der Rue des Marais. Sanson heißt er. Na, kurz und gut, für Amüsement ist gesorgt.«

In diesem Augenblick fiel ein Tropfen Wachs auf Gavroche's Hand und erinnerte ihn an die Wirklichkeit.

»O weh! der Docht wird kürzer. So geht das nicht. Mehr als einen Sou pro Monat kann ich für die Beleuchtung nicht ausgeben. Im Bett muß der Mensch schlafen. Wir haben keine Zeit Paul de Kocks Romane zu lesen. Dann könnte auch wohl gar das Licht durch die Spalten unsrer Hausthür hindurchschimmern, und dann würden die Greifer uns aufs Dach steigen.«

»Es könnte auch,« bemerkte der Aelteste, der allein mit Gavroche zu sprechen wagte, »ein Schnuppe ins Stroh fallen und das Haus in Brand stecken.«

Währenddem strömte der Regen noch stärker herab und peitschte unter furchtbaren Donnern den Rücken des Kolosses.

»Das Unwetter hat jetzt das Nachsehen, es kann uns nichts mehr anhaben. Was mir das für einen Spaß macht, wenn ich's so dreschen höre und sitze hier im Trocknen und der dumme, alte Winter verschwendet seine Waare umsonst. Deshalb ist er auch so unwirsch.«

Diese Anspielung auf den Donner, deren Consequenzen Gavroche als echter Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts sich gefallen ließ, begleitete ein breiter, greller Blitz, den man durch die Ritze an der zugedeckten Oeffnung sehen konnte. Dann donnerte es fürchterlich. Die beiden Kleinen erschrocken und fuhren in die Höhe, so daß das Gitter beinah hoch gehoben wurde. Aber Gavroche wandte ihnen sein unerschrocknes Gesicht zu und lachte sie aus.

»Ruhig, Kinder. Nicht das Haus erschüttern! Ein schöner Donner! So was läßt man sich gefallen. Und die Blitze sind auch nicht mau! Beinah so famos, wie die in meinem Theater.«

Hierauf brachte er das Gitter wieder in Ordnung, zog die Kinder auf das Lager nieder, drückte auf ihre Kniee, damit sie sich hübsch ausstreckten und sagte:

»Da der Herrgott sein Licht ansteckt, kann ich meins auslöschen. Kinder, ihr müßt schlafen. Die Schlaflosigkeit schadet der Gesundheit. Sie macht, daß man aus dem Munde riecht oder, wie die feinen Leute sich ausdrücken, daß man aus dem Rachen stinkt. Wickelt Euch gut ein. Seid Ihr fertig? Ich will das Licht auslöschen.«

»Ja, mir ist so wohl, als hätte ich ein Federkissen unter dem Kopf.«

»Man sagt nicht der Kopf, sondern der Deetz.«

Die beiden Knaben rückten nahe an einander. Gavroche legte die Decke zurecht, so daß sie ihnen bis über die Ohren reichte, wiederholte zum dritten Mal das Kommando: »Nun schnobbt!« und blies die Funzel aus.

Kaum war es dunkel geworden, als das Gitter, unter dem die Knaben schliefen, ganz sonderbar zu zittern begann und ein eigenthümliches Geräusch vernehmbar wurde. Es hörte sich an, als wenn sich überall kleine Klauen und Zähne an dem Draht rieben und zugleich wurde ein scharfes Gequiek vernehmbar.

Der jüngste Knabe hörte den Lärm über seinem Kopfe und stieß, außer sich vor Angst, seinen Bruder an. Dieser aber »schnobbte« schon, wie Gavroche es ihm geheißen hatte.

Da wagte es der Kleine, da er seine Furcht nicht beherrschen konnte, Gavroche anzureden, aber leise, mit gedämpfter Stimme.

»Herr Gavroche!«

»Was ist los?« fragte Dieser, der eben die Augen geschlossen hatte.

»Was ist denn das für ein Lärm?«

»Das sind die Ratten,« antwortete Gavroche und legte den Kopf auf die Matte zurück.

Es waren in der That Tausende und aber Tausende von Ratten, die in dem Elefanten ihre Wohnung aufgeschlagen hatten, jene lebendigen, schwarzen Flecken, die wir oben erwähnt haben. So lange das Licht brannte, hatten sie sich in respektvoller Entfernung gehalten; sobald aber in der Höhle, die sie als ihr Besitzthum betrachteten, wieder völlige Dunkelheit herrschte, »rochen sie Menschenfleisch,« wie's im Märchen heißt, und fielen jetzt über Gavroche's Zelt her, bedeckten es von unten bis oben und nagten an dem Draht.

Dem Kleinen genügte Gavroche's Bescheid nicht. Er konnte nicht einschlafen und fragte wieder:

»Herr Gavroche!«

»Was giebt's?«

»Was ist denn das, die Ratten?«

»Eine Art Mäuse.«

Diese Erklärung beruhigte den Kleinen etwas. Er hatte schon weiße Mäuse gesehen und sie waren ihm nicht furchtbar vorgekommen. Trotzdem fragte er mit lauterer Stimme:

»Herr Gavroche!«

»Was soll's?«

»Warum halten Sie Sich keine Katze?«

»Ich hatte eine; die habe ich hergebracht; aber sie haben sie mir aufgefressen.«

Diese zweite Erklärung machte die Wirkung der ersten zunicht. Der Kleine zitterte wieder und begann zum vierten Male:

»Herr Gavroche!«

»Was willst Du?«

»Wer ist aufgefressen worden?«

»Die Katze.«

»Und wer hat die Katze gefressen?«

»Die Ratten.«

»Die Mäuse?«

»Ja, die Ratten.«

Entsetzt über die Mäuse, die eine Katze aufgefressen hatten, fuhr der Kleine fort:

»Herr Gavroche, können die Mäuse hier uns auch auffressen?«

»Na ob!«

Die Angst des Kindes erreichte jetzt ihren Gipfel. Aber Gavroche suchte sie zu beschwichtigen.

»So fürchte Dich doch nicht. Sie können ja nicht hier herein. Und dann bin ich auch noch da. Komm, gieb mir Deine Hand. So, nun sei still und schnobbe!«

Der Kleine drückte Gavroche's Hand an sich und fühlte sich beruhigt. Muth und Kraft können ja geheimnißvoll Andern mitgetheilt werden. Auch war es wieder still geworden. Denn die Ratten waren durch die Menschenstimmen eingeschüchtert, davongelaufen, und als sie wieder zurückkehrten, konnten sie sich noch so sehr anstrengen und quieken; die drei Jungen ließen sich nicht mehr stören.

Die Stunden der Nacht vergingen eine nach der andern. Dunkelheit bedeckte den großen Bastilleplatz; ein rauher Wind kam stoßweise und jagte den Regen vor sich her; die Polizeipatrouillen durchsuchten die Hauseingänge, die Alleen, Zäune, alle möglichen Winkel nach Obdachlosen und gingen ruhig an dem Elefanten vorbei, der unbeweglich da stand und mit weit geöffneten Augen zu träumen schien, als freue er sich, daß er ein gutes Werk gethan hatte.

Um das Folgende zu verstehen, muß man sich erinnern, daß damals das Wachthaus an dem andern Ende des Bastilleplatzes stand, und die Schildwache das, was in der Nähe des Elefanten vorging, weder sehen noch hören konnte.

Kurze Zeit, bevor der Morgen graute, kam ein Mann die Rue Saint-Antoine entlang gerannt, durchquerte den Platz, lief um den Zaun, hinter dem die Julisäule stand, herum bis er vor dem Elefanten anlangte. Wäre es Heller gewesen, so würde man bemerkt haben, daß der Mann, die Nacht über im Regen gestanden haben mußte; so vollständig durchnäßt war er. Er blickte zu dem Loch empor und ließ einen sonderbaren Schrei erschallen, einen Schrei, der nichts menschliches hatte und höchstens von einem Papagei hätte nachgeahmt werden können. Er lautete etwa:

»Kirikikju!«

Als er diesen Ruf wiederholte, antwortete eine schrille jugendliche Stimme im Bauche des Elefanten:

»Ja!«

Gleich darauf wurde das Brett, das die Oeffnung verdeckte, zurückgezogen und ein Knabe rutschte an dem einen Bein des Elefanten herab. Es war Gavroche. Der Mann war Montparnasse.

Was den Schrei »Kirikikju!« betrifft, so war dies offenbar die Art, wie Montparnasse »nach Herrn Gavroche« fragen sollte.

»Wir brauchen Dich. Komm und hilf uns,« sagte Montparnasse.

»Hier bin ich,« antwortete der Junge, ohne weitere Auskunft zu begehren.

Beide gingen nach der Rue Saint-Antoine zurück und wanden sich zwischen den unzähligen Wagen und Karren hindurch, die zu jener Stunde nach der Markthalle fahren.

Die Gemüsegärtner, die schläfrig und bis zu den Augen hinaus in ihre Flauschröcke und Decken gehüllt, nur an das Wetter und an ihre Geschäfte dachten, beachteten das sonderbare Paar nicht.

III. Die Flucht

In derselben Nacht war im Gefängniß La Force Folgendes passirt:

Zwischen Babet, Brujon, Gueulemer und Thénardier war, obgleich Letzterer sich in engerem Gewahrsam befand, ein Plan verabredet worden, um aus dem Gefängniß zu entspringen. Babet freilich hatte am Vormittag, wie man aus Montparnasses Erzählung ersehen, eine Gelegenheit gefunden, seine Flucht allein zu bewerkstelligen. Bei diesem Plan sollte Montparnasse gleichfalls eine Rolle spielen, indem er ihnen von draußen half.

Brujon, der einen Monat lang in einer Strafzelle eingesperrt war, hatte Zeit gehabt, erstens einen Strick zu flechten und zweitens einen Fluchtplan auszuhecken. Früher bestanden die Orte, wo die erbarmungslose Gefängniß-Disciplin widerspenstige Sträflinge allein einschließt, aus vier Steinmauern, einer steinernen Decke, einem Fliesenpflaster, einem eisernen Bett, einer vergitterten Luke, einer mit Eisen beschlagenen Thür und hießen Einzelzellen. Aber seitdem man die Einsperrung in Einzelzellen für zu grausam erklärt hat, sind sie durch andre Zellen ersetzt worden. Diese bestehen aus einer eisernen Thür, einer vergitterten Luke, einem eisernen Bett, einem Fliesenpflaster, einer steinernen Decke und vier Steinmauern, und heißen Strafzellen. Gegen Mittag ist es hier ein wenig hell. Ein Uebelstand an diesen Zellen, die, wie gesagt, keine Einzelzellen sind, ist, daß man Leuten, die arbeiten sollten, Zeit zum Nachdenken giebt.

Brujon hatte also nachgedacht, und demzufolge aus der Strafzelle einen Strick mitgebracht. Da man ihn als ein zu gefährliches Subjekt in dem Hofe Charlemagne nicht haben wollte, brachte man ihn nach dem Batiment-Neuf. Hier traf er zuerst Gueulemer und dann fand er einen Nagel. Das bedeutete ein neues Verbrechen und die Freiheit.

Brujon, von dessen Aeußerem und Charakter wir jetzt eine ausführlichere Beschreibung geben müssen, war von delikater Leibesbeschaffenheit und verstand mit tief durchdachter Heuchelei sich den Anschein und das Aussehen zu geben, als sei er noch schwächlicher und kränklicher, wie er in Wirklichkeit war. Höflich, klug und diebisch; dabei freundliche Augen und ein unheimliches Lächeln. Die gut einstudirte Freundlichkeit des Blickes verdankte er einer konsequenten Willenskraft, sein abscheuliches Lächeln seinem nichtswürdigen Charakter. Seine ersten Studien in seinem Handwerk hatte er der Dachdeckerei gewidmet und mit großem Erfolge.

Ein für eine Entweichung günstiger Umstand war, daß ein Theil des Schieferdachs gerade reparirt wurde. In Folge dessen war der Hof Saint-Bernard von dem Hof Charlemagne nicht mehr vollkommen getrennt. Es befanden sich oben Gerüste und Leitern dazwischen, die einem Flüchtling als Brücken und Treppen dienen konnten.

Das Batiment-Neuf, ein uraltes und wackliges Gebäude, bildete den am wenigsten zuverlässigen Theil des Gefängnisses. Seine Mauern waren von dem Salpeter dermaßen zerfressen, daß man sich genöthigt gesehen hatte, die Gewölbe der Schlafsäle mit Holz zu bekleiden, weil von oben Steine auf die Gefangnen herabfielen. Trotz dem es aber so baufällig war, beging man den Fehler, daß man gerade die gefährlichsten Verbrecher in dem Batiment-Neuf unterbrachte. Dies Gebäude enthielt vier Schlafräume, die über einander lagen und einen Giebel, den man le Bel-Air nannte. Ein großer Rauchfang ging von dem Erdgeschoß aus, mitten durch die Schlafsäle in den Stockwerken hindurch, wo er eine Art abgeplatteten Pfeiler bildete, bis er das Dach erreichte.

Gueulemer und Brujon schliefen in demselben Saal, und zwar in dem untersten Stock, wo man sie Vorsichtshalber untergebracht hatte. Der Zufall hatte es ferner so gefügt, daß die Kopfenden ihrer Betten an den Rauchfang stießen.

Gerade über ihrem Haupt, in dem Le Bel-Air genannten Giebel, befand sich Thénardier.

Wenn man in der Rue Culture-Sainte-Catherine hinter dem Feuerwehrdepot vor der Thür des Badehauses stehen bleibt, sieht man einen Hof voller Kübelgewächse, in dessen Hintergrunde eine kleine, weiße Rotunde mit zwei Seitenflügeln, deren Fenster mit hübschen, grünen Läden versehen sind, sich ausbreitet; ein Bau, der etwas Idyllisches hat. Ehemals stieg hinter dieser heitern Rotunde, die sich daranlehnte, eine finstere, kahle, gewaltige Mauer empor, die Mauer des Rondenwegs im Gefängnisse La Force.

So hoch auch die Mauer war, sie wurde noch überragt durch ein noch dunkleres Dach, das dahinter stand, das Dach des Batiment-Neuf. In diesem sah man vier mit Eisenstangen vergitterte Luken, die Fenster des Giebels, so wie den, zu dem oben beschriebenen Rauchfang gehörigen Schornstein.

Der Giebel des Batiment-Neuf war eine Art großer Boden, der mit dreifachen Gittern und mit eisenbeschlagnen Thüren versehen war. Kam man von dem Nordende hinein, so lagen links die vier Lucken, und rechts, den Lucken gegenüber, vier sehr geräumige, durch schmale Gänge von einander getrennte Käfige, die bis zur Brusthöhe von Mauerwerk und oben von Eisenstangen, die bis zum Dach reichten, umgeben waren.

In einem dieser Käfige befand sich seit der Nacht des 3. Februar Thénardier. Man hat nie ermitteln können, wie und mit wessen Beihilfe es ihm gelang, sich hier eine Flasche jenes, von Desrues, wie es heißt, erfundenen Weines zu verschaffen, dem ein Schlafmittel beigemischt war und der durch die Bande der »Einschläferer« berühmt geworden ist.

In vielen Gefängnissen giebt es ungetreue, spitzbübische Beamte, die sich Schwenzelpfennige machen, indem sie den Gefangenen gute Dienste erweisen.

In der Nacht also, wo Gavroche die beiden obdachlosen Knaben aufgenommen hatte, standen Brujon und Gueulemer, welche wußten, daß der am Morgen entsprungne Babet in Gemeinschaft mit Montparnasse sie draußen erwartete, leise auf und machten sich daran, in die Wand des Rauchfangs mit dem von Brujon gefundnen Nagel ein Loch zu bohren. Der herausgebrochne Mörtel fiel auf Brujons Bett, so daß er kein Geräusch verursachte. Außerdem regnete und donnerte es in jener Nacht so fürchterlich, daß die Häuser in ihren Grundfesten erbebten, was natürlich den Fluchtversuch begünstigte. Die Gefangenen, die in Folge des Lärms aufwachten, thaten, als merkten sie nichts und schliefen weiter. Da Brujon behend und Gueulemer stark war, so wurde, ohne daß der wachthabende Beamte in seiner vergitterten Zelle hören konnte, was im Schlafsaal vorging, die Mauer durchbrochen. Durch das Loch gelangten die beiden Banditen in den Rauchfang, kletterten bis zum Schornstein empor, beseitigten das Eisengitter, womit die Oeffnung verwahrt war, und stiegen auf das Dach.

»Eine bessere Nacht zum Abtippeln kann man sich nicht wünschen!« dachten sie, als sie wohlgefällig in die stürmische Finsternis hineinblickten.

Ein Abgrund von sechs Fuß Breite und achtzig Fuß Tiefe trennte sie von der Mauer des Rondenwegs. Unten in dieser Kluft sahen sie das Bajonett einer Schildwache leuchten. Nun befestigten sie den Strick, den Brujon im Gefängniß gesponnen hatte, mit dem einen Ende an das Schornsteingitter, warfen das andere Ende über die Rondenmauer, sprangen hinüber, klammerten sich an die Zinne, rutschten Einer nach dem Andern den Strick entlang bis auf ein kleines Dach, das an das Badehaus stößt, zogen das obere Ende des Stricks an sich, sprangen auf den Hof hinab, zogen an der Schnur, die daneben hing, öffneten die Thür und befanden sich auf der Straße.

Es waren auf diese Weise keine drei Viertelstunden vergangen, seitdem sie, den Nagel in der Hand, ihren Plan im Kopfe, sich in ihren Betten aufgerichtet hatten.

Einige Augenblicke später hatten sie sich Babet und Montparnasse, die in der Umgegend warteten, angeschlossen.

Als sie den Strick an sich zogen, war er gerissen, so daß ein Theil an dem Schornstein hängen blieb. Körperliche Beschädigungen hatten sie nicht erlitten, außer daß sie sich fast die ganze Haut von den Händen abgeschunden hatten.

Thénardier mußte, ohne daß man je ermitteln konnte, auf welche Weise, Kenntniß von ihrem Vorhaben bekommen haben und schlief in jener Nacht nicht.

Gegen ein Uhr Morgens sah er durch den Regen und Sturm vor der Luke, die seinem Fenster gegenüber lag, zwei Gestalten vorbeigehen. Die eine blieb einen Augenblick still stehen. Es war Brujon, Thénardier erkannte ihn und verstand. Der Wink genügte ihm.

Als ein Verbrecher, der eines nächtlichen, heimtückischen Ueberfalls mit bewaffneter Hand angeklagt war, wurde Thénardier besonders streng bewacht. Eine Schildwache, die alle zwei Stunden abgelöst wurde, ging mit geladnem Gewehr vor seinem Käfig auf und ab. Der Boden war mit einer Hängelampe erleuchtet. An den Füßen hatte der Gefangene ein Paar fünfzig Pfund schwere Eisen. Ferner kam täglich um vier Uhr Nachmittags ein Wärter mit zwei Doggen, – denn dies war damals noch üblich, – ging in den Käfig hinein, stellte neben das Bett einen Krug Wasser, ein zweipfündiges Schwarzbrod und einen Napf mit ziemlich magrer Bouillon, worin einige Pferdebohnen schwammen. Dieser Mann besah die Fußeisen, beklopfte die Eisenstangen des Käfigs und kam auch zweimal des Nachts mit seinen Doggen wieder.

Indessen hatte Thénardier sich die Erlaubniß erwirkt, einen eisernen Nagel zu behalten, mit dem er sein Brot an das Mauerwerk festnagelte, angeblich, um es vor den Ratten zu schützen. In Anbetracht der strengen Bewachung schien diese Vergünstigung auch durchaus unbedenklicher Natur zu sein. Man erinnerte sich aber in der Folge, daß ein Beamter diese Ansicht nicht getheilt hatte. »Es wäre besser,« sagte dieser, »man gäbe ihm nur einen hölzernen Pflock.«

Um zwei Uhr Morgens wurde der alte Soldat, der vor Thénardiers Käfig Schildwache stand, abgelöst und durch einen Rekruten ersetzt. Einige Augenblicke später kam der Mann mit den beiden Hunden. Er bemerkte nichts Verdächtiges. Nur, daß die Schildwache doch gar zu jung und bäurisch dumm aussah. Als dann zwei Stunden nachher, also um vier Uhr, wieder Ablösung erschien, lag der Rekrut an der Erde und schlief wie ein Klumpen Blei. Thénardier aber war verschwunden.

Die Fußeisen fand man zerbrochen auf dem Boden liegen.

In der Decke des Käfigs war ein Loch und darüber im Dach ein zweites. Aus dem Bettgestell war ein Brett losgebrochen und konnte nicht wiedergefunden werden. Endlich entdeckte man noch in einer halb geleerten Flasche einen Rest von jenem Wein, den Thénardier sich verschafft hatte, um den Rekruten betrunken zu machen. Das Bajonett des Soldaten fehlte ebenfalls.

Zu der Zeit, wo alles dies konstatirt wurde, glaubte man, Thénardier sei über alle Berge. In Wirklichkeit befand er sich zwar nicht mehr im Batiment-Neuf, aber immer noch in großer Gefahr.

Als er auf dem Dach des Batiment-Neuf anlangte, hatte Thénardier wohl das Ende von Brujon's Strick vorgefunden, das an dem Gitter des Schornsteins hing, aber es war viel zu kurz, als daß er auf demselben Wege wie Brujon und Gueulemer hätte herunterkommen können.

Biegt man aus der Rue des Ballets in die Rue du Roi-de-Sicile ein, so liegt rechts, nicht weit von der Ecke, etwas hinter der Straßenflucht ein Grundstück, auf dem die Trümmer eines Hauses stehen, d. h. nur seine drei Stock hohe Hinterwand. Diese Ruine ist erkennbar an zwei großen Fenstern, von denen das in der Mitte, der rechten Giebelseite zunächst gelegne, mit einem quer gelegten, als Stützsparen dienenden, wurmstichigen Balken versehen ist. Durch diese Fenster sah man ehemals eine hohe, düstre Mauer, ein Ueberbleibsel von dem Rondenweg des Gefängnisses La Force.

Die Lücke, die dieses verfallene Haus an der Straße gelassen hat, ist zur Hälfte von einem morschen Bretterzaun ausgefüllt, der mit fünf Prellsteinen, wie mit Strebepfeilern, gestützt ist. Hinter dieser Einfriedigung verbirgt sich eine kleine Baracke, die sich an die stehen gebliebene Ruine anlehnt. In dem Zaun befand sich eine Thür, die noch um das Jahr 1845 nur mit einer Klinke versehen war.

Auf dem First dieser verfallnen Mauer also langte Thénardier bald nach drei Uhr Morgens an.

Wie er dort hinkam, hat man nie erklären, noch begreifen können. Die Blitze waren ihm offenbar zugleich hinderlich und förderlich gewesen. War er mittels der Leitern und Gerüste der Dachdecker über die Gebäude des Hofes Charlemagne, des Hofes Saint-Louis die Rondenmauer entlang nach dem verfallnen Hause an der Rue du Roi-de-Sicile gelangt? Aber auf diesem Wege waren Lücken, die unüberbrückbar schienen. Hatte er das Brett von seinem Bettgestell von dem Dach des Giebels Bel-Air nach der Mauer des Rondenwegs hinüberbelegt und war dann hier auf dem Bauch, um das Gefängniß herum, bis zu der verfallnen Mauer gekrochen? Aber die Mauer des Rondenwegs beschrieb eine ungleichmäßige Zinnenlinie, war hier höher, dort niedriger und von Gebäuden unterbrochen; außerdem hätten ihn die Schildwachen sehen müssen; also auch auf diese Weise ließ sich Thénardier's Flucht nicht erklären. Hatte er angespornt durch den mächtigen Drang nach Freiheit, der Abgründe in kleine Gräben, Eisengitter in Korbgeflechte, Krüppel in Athleten, Lahme in Gemsen, die Dummheit in einen sichern Instinkt, den Instinkt in Verstand, den Verstand in Genie verwandelt, ein drittes Mittel gefunden? Man hat es nie erfahren können.

Es ist nicht immer möglich, die wunderbaren Leistungen zu begreifen, deren Gefangene fähig sind, wenn sie ihre Freiheit wieder erlangen wollen. Ein Mensch, der aus einem Gefängniß entspringt, hat eine eigene Art Inspiration und wird von einem besondern Glücksstern geleitet; die Einfälle, die in seinem Hirn aufblitzen, sind nicht minder genial, als die Ideen, mit denen große Dichter die Welt überraschen. Deshalb frage man nicht: »Wie hat er es angefangen, um auf solch ein Dach hinaufzukommen?« So wenig wie man erforschen kann, wie Corneille auf den Gedanken kam, dem alten Horatius auf die Frage, was hätte Dein Sohn thun sollen? die Antwort: Sterben! in den Mund zu legen.

Wie dem also auch sei, in Schweiß gebadet, von Regen durchnäßt, mit zerfetzten Kleidern, zerschundenen Händen, Ellbogen und Knieen kam Thénardier auf dem obern Rand der Ruinenmauer an und blieb dort liegen, da die Kräfte ihm versagten.

Der Strick, den er mitgenommen hatte, war zu kurz.

Hier wartete er leichenblaß, erschöpft, vollständig entmuthigt, noch vom nächtlichen Dunkel beschützt, aber wohl wissend, daß der Anbruch des Tages nicht fern war, entsetzt über den Gedanken, daß die Uhr der Kirche Saint-Paul binnen kurzem vier schlagen, und daß man alsdann die eingeschläferte Schildwache finden würde, und unter sich sah er in grauenvoller Tiefe bei dem Licht der Laternen, das nasse und dunkle Straßenpflaster, nach dem er so sehnlich verlangte und vor dem er sich so sehr fürchtete, das für ihn den Tod oder die Freiheit bedeuten konnte.

Er fragte sich, ob der Fluchtversuch seiner Kameraden geglückt wäre, ob sie ihn bemerkt hätten und ihm zu Hülfe kommen würden. Er horchte. Aber außer einer Patrouille war, so lange er da oben lag, noch Niemand die Straße entlang gekommen. Denn die Gemüsehändler, die von Montreuil, Charonne, Vincennes und Bercy nach der Markthalle fahren, passiren fast sämtlich durch die Rue Saint-Antoine.

Da schlug es vier Uhr. Thénardier erschrack. Bald darauf wurde jener verworrene Lärm lautbar, der in einem Gefängniß auf die Entdeckung eines geglückten Fluchtversuchs folgt. Thüren schlugen auf und zu, Gitter knarrten in ihren Angeln,, der Wachtposten wurde allarmirt, Stimmen erschallten, Flintenkolben wurden gegen die Erde gestoßen. Lichter eilten Trepp auf, Trepp ab die Schlafsäle entlang, und er sah eine Fackel auf dem Giebel, denn die Feuerwehr war aus dem benachbarten Depot aufgeboten worden und suchte das Dach ab. Desgleichen bemerkte Thénardier in der Richtung der Bastille einen fahlen Lichtschein, der den Horizont unheimlich erhellte.

Er lag unterdessen auf einer zehn Zoll breiten Mauer, mit zwei Abgründen rechts und links neben sich, unfähig sich zu rühren, und seine Gedanken bewegten sich wie ein Pendel zwischen der Möglichkeit hinabzustürzen und der Gewißheit wieder eingefangen zu werden, wenn er blieb.

Während er sich so abängstigte, sah er plötzlich auf der noch ganz dunkeln Straße einen Mann, der sich an den Häusern entlang heran schlich, unten vor dem Zaun stehen bleiben. Diesem Mann schloß sich ein Andrer an, der mit derselben Vorsicht herankam, und diesen ein Dritter und endlich ein Vierter. Dann klinkte Einer von ihnen die Zaunthür auf und alle Vier traten in den Raum hinein, wo die Baracke stand, und stellten sich unmittelbar unter dem Theil der Mauer auf, wo Thénardier lag. Offenbar hatten die Leute dieses Stelldichein gewählt, um von den Passanten auf der Straße und der Schildwache, die an der Pforte des Gefängnisses stand, nicht beobachtet und belauscht zu werden. Wir müssen auch erwähnen, daß der Regen den Soldaten zwang, in seinem Schilderhaus zu bleiben. Thénardier, der ihre Gesichter nicht unterscheiden konnte, lauschte desto angestrengter nach ihnen hinunter, ob sie ihm vielleicht Rettung bringen würden.

In der That dämmerte alsbald die Hoffnung in ihm auf. Sie waren, wie er an ihrer Sprache erkannte, ebenfalls Gauner und Verbrecher.

»Wir wollen abscheften. Was können wir wohl noch hier machen?« sagte der Eine leise, aber sehr deutlich.

»Es regnet,« sagte ein Anderer, »daß den Deibel sein Feuer ausgehen könnte. Die Greifer werden auch bald die Straße lang kommen und nebenan steht eine Schildwache. Kommt, hier gehen wir doch bloß kaule.«

Jetzt erkannte Thénardier sie an der Stimme, es waren Brujon und Babet.

»Noch haben wir keine Eile und können ein Bischen warten. Wer weiß, ob er nicht noch zu retten ist,« sagte der Dritte, Montparnasse, der den Ehrgeiz hatte, die Gaunersprache gründlich zu verstehen, aber ein zu eleganter Junge war, um sich ihrer für sich selbst zu bedienen.

Der Vierte schwieg, aber Thénardier erkannte ihn an seinen gewaltigen Schultern; es war Gueulemer.

Brujon antwortete ärgerlich, aber leise auf Montparnasses Einwand:

»Der Schöcher ist kein kesser Junge, wie wir; er versteht sich nicht aufs Abbaschen. Du hast das Geschrei in der Tfieze gehört, die Lichter gesehen und weißt so gut wie wir, daß die Amtsschauter ihn wieder gefaßt haben.«

»Man soll seine Freunde nicht im Stich lassen,« murrte Montparnasse.

»Wir haben alles gethan, was wir konnten,« gab Brujon zurück. Du weißt, daß ich so leicht keinen Bammel kriege, aber es ist nichts mehr zu machen. Komm, sei vernünftig. Wir wollen nach der Kaschemme gehen und eine Flasche guten Wein trinken.«

Montparnasse leistete jetzt nur noch schwachen Widerstand. Die vier Männer hatten sich in der That treu, wie die Verbrecher in der Noth gegen ihre Kumpane sind, die ganze Nacht trotz der großen Gefahr, der sie sich aussetzten, in der Nähe des Gefängnisses herumgetrieben, in der Hoffnung Thénardier irgendwo auftauchen zu sehen. Aber die Nacht, die es gar zu gut mit ihnen meinte, die Kälte, der sie in ihren durchnäßten Kleidern und ihren zerrissenen Stiefeln nicht länger widerstehen konnten, der Lärm im Gefängniß, das vergebliche Warten, die Begegnung mit mehreren Patrouillen, alle diese Umstände zwangen sie, ernstlich an ihre eigene Sicherheit zu denken und Montparnasse selber, der vielleicht ein bischen schwiegersöhnliche Beziehungen zu Thénardier hatte, fing an nachzugeben. Noch einen Augenblick, so gingen sie. Der Flüchtling oben auf seiner Mauer keuchte schon vor Angst, wie ein Schiffbrüchiger auf seinem Floß, der die Segel eines Schiffes aus seinem Gesichtskreis entschwinden sieht.

Denn er wagte nicht sie laut anzurufen, aus Furcht, er könnte gehört werden. Da aber kam ihm ein letzter, glücklicher Gedanke. Er holte Brujon's Strick, den er von dem Schornstein losgemacht hatte, aus der Tasche hervor und warf ihn hinunter, so daß er dicht vor den vier Banditen niederfiel.

»Ein Strick!« rief Babet.

»Das ist der Gastwirt«, sagte Montparnasse.

Sie blickten empor. Oben zeigte sich Thénardier's Gesicht.

»Schnell, Brujon!« rief Montparnasse. »Hast Du noch das andre Ende?«

»Ja.«

»Knüpfe die beiden Enden zusammen. Dann schleudern wir den Strick hinauf, er macht ihn fest und kann daran herunter kommen. Ausreichen wird er schon dazu.«

Jetzt wagte Thénardier laut zu sprechen.

»Ich bin erstarrt von der Kälte.«

»Wir werden Dich schon warm kriegen.«

»Ich kann mich nicht bewegen, so steif bin ich.«

»Du brauchst blos hinabzurutschen; wir fangen Dich auf.«

»Meine Hände sind klamm.«

»Wenn Du blos den Strick an die Mauer festbindest.«

»Es geht nicht.«

»Einer von uns muß hinauf!« meinte Montparnasse.

»Drei Stockwerke!« sagte Brujon und schüttelte den Kopf.

Aus der Baracke stieg ein altes Ofenrohr aus Gips an der Mauer empor und reichte beinahe bis zu dem Punkte, wo sich Thénardier befand. Dieses Rohr, von dem noch Spuren übrig geblieben sind, war voller Risse und sehr eng.

»Da könnte man hinauf!« meinte Montparnasse.

»Durch die Röhre?« rief Babet. »Denk nicht dran! Ein Erwachsener ist zu stark dazu. Wenn ein Junge da wäre!«

»Wo sollen wir einen hernehmen?« fragte Gueulemer.

»Wartet. Damit kann ich dienen,« sagte Montparnasse.

Er öffnete sacht die Zaunthür, spähte, ob Niemand die Straße entlang kam, ging vorsichtig hinaus, machte die Thür hinter sich zu und rannte dann in der Richtung des Bastilleplatzes davon.

Sieben bis acht Minuten, für Thènardier achttausend Jahrhunderte, verstrichen; Babet, Brujon und Gueulemer thaten nicht den Mund auf; dann ging endlich die Thür wieder und Montparnasse erschien, außer Athem und in Begleitung von Gavroche. Die Straße war wegen des fürchterlichen Regens noch immer menschenleer.

Der kleine Gavroche kam herein, ohne vor den Banditen die geringste Furcht zu zeigen. Das Wasser troff ihm aus den Haaren. Gueulemer redete ihn an:

»Junge, bist Du ein Mann?«

»Ein Junge, wie ich ist ein Mann und Männer wie Ihr sind blos Jungens!« gab Gavroche achselzuckend zurück.

»Ist der Knirps großmäulig!« rief Babet.

»Die Pariser Kinder sind nicht auf den Kopf gefallen!« meinte Brujon.

»Was wollt Ihr von mir?« fragte Gavroche.

»Du sollst durch das Rohr da hinaufkriechen«, antwortete Montparnasse.

»Mit diesem Strick,« sagte Babet.

»Und ihn oben festbinden«, fügte Brujon hinzu.

»An das Querholz im Fenster«, erläuterte Babet.

»Und was noch?« fragte Gavroche.

»Das ist alles«, beschloß Gueulemer.

Der Junge sah sich den Strick, das Rohr, die Mauer, die Fenster an und schob verächtlich die Lippen vor, als wollte er sagen:

»Weiter nichts?«

»Da oben ist Einer, den Du retten kannst«, sagte Montparnasse.

»Willst Du's thun?« fragte Brujon.

»Ne, so 'ne Frage!« antwortete der Kleine entrüstet und zog seine Schuhe aus. Gueulemer ergriff ihn mit einer Hand, und stellte ihn auf das Dach der Baracke, deren wurmstichige Bretter sich unter der Last des Knaben bogen, und reichte ihm den Strick, dessen Enden Brujon in Montparnasse's Abwesenheit wieder zusammengeknüpft hatte. Der Junge ging auf das Rohr zu, wo man durch einen breiten Riß leicht hineingelangen konnte. In diesem Augenblick neigte sich Thènardier, der die Rettung so nahe sah, über den Rand der Mauer und zeigte bei dem ersten, schwachen Schein der Morgendämmerung seine mit Angstschweiß bedeckte Stirn, seine erdfahlen Wangen, seine dünne Nase, seinen grauen, struppigen Bart, und Gavroche erkannte ihn.

»I was, mein Vater! – Na, schadet nichts!«

Dann nahm er entschlossen den Strick zwischen die Zähne und klomm hinauf.

Oben angelangt, setzte er sich rittlings auf die Mauer und befestigte den Strick an das obere Querholz des Fensters.

Einen Augenblick später befand sich Thénardier unten auf der Straße.

Sobald seine Füße das Pflaster berührten, sobald er sich außer Gefahr fühlte, empfand er keine Müdigkeit, keine Kälte, keine Angst mehr; die Schrecknisse, die er so eben durchgemacht hatte, verflüchtigten sich aus seinem Bewußtsein, wie ein schwacher Dunst und sofort war er wieder im Vollbesitz seines Verstandes. Die ersten Worte, die er herausbrachte, lauteten:

»Wen werden wir uns denn nun langen?«

Daß mit diesem abscheulich klaren Wort nur ein Mord oder Diebstahl gemeint war, brauchen wir wohl kaum noch zu sagen.

»Mir müssen uns drücken«, schlug Brujon vor. »Erledigen wir die Sache mit wenigen Worten und gehen wir dann sofort auseinander. Es war wohl ein Geschäft in Aussicht, das ganz leicht zu machen schien. In der Rue Plumet. Eine einsame Gegend, ein einzelnes Haus, ein verrostetes, schwaches Gitter, blos ein paar Frauenzimmer.«

»Nun, warum geht es nicht?« forschte Thènardier.

»Deine Tochter Eponine hat es ausbaldowert und hat der Magnon gesagt, daß da kein Geschäft zu machen ist«, erwiderte Babet.

»Das Mädel ist nicht dumm,« sagte Ténardier, »Aber man sollte sich doch die Sache selber ansehen.«

»Ja, ja!« stimmte ihm Brujon bei.

Während dieses Gesprächs achtete Keiner von ihnen auf Gavroche, der auf einem Prellstein am Zaun saß. Er wartete eine Weile, vielleicht ob sein Vater sich nach ihm umwenden würde, zog dann seine Schuhe an und sagte:

»Ist die Geschichte zu Ende? Braucht Ihr Männer mich nicht mehr? Na, wenn Ihr aus der Patsche raus seid, denn gehe ich und wecke meine Würmer.«

Mit diesen Worten entfernte er sich, und gleich nach ihm verließen auch die fünf Männer, Einer nach dem Andern, den Ort.

Als Gavroche hinter der Ecke der Rue des Ballets verschwunden war, nahm Babet Thènardier bei Seite und sagte:

»Hast Du Dir den Jungen angesehen?«

»Welchen Jungen?«

»Der die Mauer hinaufgeklettert ist und Dir den Strick gebracht hat.«

»Nicht genau.«

»Na, ich weiß nicht; aber ich denke mir, es ist Dein Sohn.«

»Was Du sagst!«

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