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Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe

Victor Hugo: Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe
publisherJ. Gnadenfeld & Co.
yearo.J.
translatorG. A. Volchert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Buch. Die Rue de l' Homme-Armé

I. Ein verrätherisches Löschblatt

Was sind die Konvulsionen einer Stadt im Vergleich mit den Stürmen, die in der Seele eines einzelnen Menschen toben können? Jean Valjean's Innres war noch tiefer aufgewühlt als Paris. Auch von ihm konnte man sagen, daß der Engel des Guten mit dem des Bösen rang. Wem von den Beiden war der Sieg beschieden?

Am Abend des 5. Juni hatte sich Jean Valjean mit Cosette und der Toussaint in der Rue de l' Homme-Armé installirt, wo ihn eine Katastrophe erwartete.

Cosette hatte das Haus in der Rue Plumet nicht ohne einen Versuch zum Widerstande verlassen. Es war das erste Mal, daß Jedes einen eignen, vom andern verschiednen Willen kund gab, und daß sich zwar kein Kampf, aber doch Widerspruch erhob. Aber Jean Valjean hatte sich Cosettes Einwänden gegenüber unbeugsam gezeigt. Er war überzeugt, daß man ihm auf der Spur, und Cosette mußte nachgeben.

So waren sie also – ein Jedes viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um auch nur ein Wort verlauten zu lassen und auf den Seelenzustand des Andern zu achten, – in der andern Wohnung angelangt.

Die Toussaint hatte Jean Valjean mitgenommen, weil er vermuthete, daß er nach der Rue Plumet wohl nicht mehr zurückkehren würde. Er konnte sie aber weder zurücklassen, noch wollte er ihr sein Geheimniß anvertrauen und war zudem überzeugt, daß er sich auf sie verlassen könne. Ein Verrath der Herrschaft durch die Dienstboten beginnt immer mit unerlaubter Neugierde. Die Toussaint aber, als wäre sie von der Vorsehung eigens dazu geschaffen worden in Jean Valjeans Dienst zu treten, war nicht neugierig. Ihr Grundsatz lautete: »Ich thue, was mir meine Herrschaft sagt; alles Uebrige geht mich nichts an.«

Bei dem hastigen, fluchtartigen Umzug hatte Jean Valjean von seinen Sachen nur den kleinen Handkoffer mitgenommen, der »so gut roch«, wie Cosette sagte. Der Transport größerer Gepäckstücke hätte die Heranziehung von Dienstmännern erheischt, und Zeugen wollte Jean Valjean nicht haben. Er hatte also blos eine Droschke nach der Rue de Babylone kommen lassen und war dann darin nach der Wohnung gefahren.

Nur mit großer Mühe hatte sich die Toussaint die Erlaubniß erwirkt, etwas Wäsche und einige Kleidungsstücke mit einpacken zu dürfen. Cosette nahm gar nur ihre Schreibmappe mit.

Um möglichst unbemerkt und unbeobachtet verschwinden zu können, richtete Jean Valjean es so ein, daß man den Pavillon in der Rue Plumet erst in der Abenddämmerung verließ, in Folge dessen Cosette Zeit gewann, an Marius zu schreiben. In der Rue de l' Homme-Armé kamen sie erst nach Einbruch der Dunkelheit an.

Die neue Wohnung lag im zweiten Stock des Hintergebäudes und bestand aus zwei Schlafzimmern, einem Speisesaal und einer Küche mit einem Verschlag, in dem die Toussaint schlief. Der Speisesaal diente zugleich als Vorzimmer und lag zwischen den beiden Kammern. Am nöthigen Mobiliar und Geräth war kein Mangel.

Die Furcht weicht ebenso leicht vor nichtigen Beschwichtigungsgründen, als sie bei geringfügigen Anlässen kommt. Kaum war Jean Valjean in der Rue de l' Homme-Armé installirt, als seine Angst nachließ, um bald ganz zu verschwinden. Eine stille Umgebung theilt schon rein mechanisch ihre Ruhe dem Gemüthe mit. Die einsame Straße, in der er jetzt wohnte, war so eng, daß man sie für Fuhrwerke mittels eines auf zwei Pfählen ruhenden Querbalkens gesperrt hatte; am hellen Tage erschien sie dämmrig und mit ihren uralten, schweigsamen Häusern so zu sagen jeder Aufregung unfähig. In dieser weltvergessenen Straße also athmete Jean Valjean auf. Wie hätte man ihn hier aufsuchen sollen?

Das Erste, was er that, war, daß er seinen Handkoffer neben sich legte.

Er schlief sanft und fest. Ueber Nacht kommt guter Rath, und, kann man sagen, auch Ruhe. Am nächsten Morgen war er, als er aufstand, ziemlich gut aufgeräumt und fand sogar das recht unschöne Speisezimmer reizend, das sich mit seinem alten, runden Tisch, seinem niedrigen Büffet nebst darüber geneigten Spiegel, seinem wurmstichigen Lehnstuhl und einigen mit Bündeln bepackten Stühlen nichts weniger als vortheilhaft ausnahm.

Was Cosette anbetrifft, so hatte sie sich von der Toussaint etwas Bouillon auf ihr Zimmer bringen lassen und kam erst am Nachmittag zum Vorschein.

Gegen fünf Uhr brachte dann die Magd, die alle Hände voll zu thun hatte, rasch ein Stück Geflügel, das Cosette, ihrem Vater zu Gefallen, sich herbeiließ anzusehen. Dann aber schützte sie eine hartnäckige Migräne vor, sagte Jean Valjean gute Nacht und verfügte sich in ihr Schlafzimmer. Dieser dagegen aß mit gutem Appetit einen Huhnflügel und gab sich, die Arme auf den Tisch gestützt, der Annehmlichkeit des wiedererwachten Sicherheitsgefühls hin.

Während dieses frugalen Mahles hörte er mehrere Male mit halbem Ohr, auf die Nachricht hin, die ihm die Toussaint herstotterte, daß in Paris ein Volksaufstand ausgebrochen sei; aber da seine Gedanken zu sehr mit seinen eignen Angelegenheiten beschäftigt waren, achtete er darauf so wenig, als hätte er nichts vernommen.

Nach Tische stand er auf und ging im Zimmer auf und ab, wobei allmählich mehr und mehr Ruhe in sein Herz einkehrte. Und in demselben Maße drehten sich seine Gedanken immer eifriger um das Hauptcentrum seines innern Lebens, um Cosette. Nicht, als ob er sich um ihre Migräne Sorgen machte. Diese kleine Nervenkrisis war höchstens ein unbedeutendes Resultat ihrer Verstimmung, wie sie bei jungen Mädchen oft genug vorkommt, und konnte nicht lange anhalten. Er dachte vielmehr bloß an die Zukunft und, wie es seine Gewohnheit war, mit weichen Gefühlen. Im Grunde genommen vermochte er nicht einzusehen, warum das gewohnte, ruhige Leben nicht wieder aufgenommen werden könnte. Zu gewissen Zeiten scheint dem Menschen Alles unmöglich; dann kommen wieder Stunden, wo ihm alles leicht erreichbar dünkt, und in dieser angenehmen Gemüthsverfassung befand Jean Valjean sich gerade. Solch ein Wechsel der Stimmung ist so einfach, wie die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht, ein ebenso nothwendiger und durchaus kein willkürlicher Widerspruch, wie oberflächliche Menschen behaupten. Eben weil es in Jean Valjean's Seele in der letzten Zeit genachtet hatte, leuchtete jetzt in seinem Innern heitres Licht. Daß er aus der Rue Plumet ohne neue Zwischenfälle und ohne Hindernis herausgekommen war, schien ihm schon ein guter Anfang. Vielleicht war es gerathen, Frankreich, wenn auch nur auf einige Monate zu verlassen und nach London zu gehn. Gut, das sollte geschehn. Ob er in Frankreich oder in England lebte, galt ihm gleich, wenn er nur Cosette um sich hatte. Das genügte zu seinem Glück. Denn daß er, er allein vielleicht Cosette nicht glücklich machen konnte, dieser Gedanke, der ihm ehedem so viele schlaflose Nächte bereitet hatte, kam ihm jetzt nicht einmal in den Sinn. Er stand eben unter dem Banne einer optimistischen Gemüthsstimmung, vor der alle Sorgen das Feld räumen müssen. Vermöge einer ganz gewöhnlichen Täuschung wähnte er, weil Cosette bei ihm war, gehöre sie ihm. Auf diese Weise fand er also leicht das für das Luftschloß seines künftigen Glückes erforderliche Baumaterial und räumte auch in seinem Kopfe mit geringer Mühe die Schwierigkeiten bei Seite, die sich seiner Auswandrung entgegenstellen mußten.

Während er von diesen angenehmen Träumereien umfangen, in seinem Zimmer auf und ab ging, fiel sein Blick auf etwas ganz Absonderliches.

Er las in dem schräg gehängten Spiegel, der über dem Büffet angebracht war, folgende Worte:

»Innigst geliebter Marius!«

Mein Vater hat leider beschlossen, daß wir von hier sofort aufbrechen. Heute Abend quartieren wir uns Rue de l' Homme-Armé, Nr. 7, ein. In acht Tagen werden wir in England sein.

4. Juni.
Deine Cosette.«

Starr vor Schrecken blieb Jean Valjean stehen.

Cosette hatte bei der Ankunft in der neuen Wohnung die Schreibmappe auf das Büffett, vor den Spiegel gelegt und sie, ganz von ihrem Liebeskummer in Anspruch genommen, da liegen lassen. Desgleichen lag auch das Löschblatt, worauf sie ihren Brief abgedrückt hatte, noch oben auf.

Der Spiegel reflektirte also das Geschriebene. Natürlich war das Bild, das er lieferte, ein verkehrtes; da aber die Buchstaben schon auf dem Löschblatt verkehrt standen, so wurde dem Auge die ursprüngliche, richtige Schrift gezeigt.

Jean Valjean trat näher an den Spiegel heran und las den Brief noch einmal, traute aber seinen Augen nicht. So etwas war ja nicht möglich!

Allmählich aber wurde es klarer in seinem Kopfe; er sah das Löschpapier an und bekam den Sinn für die Wirklichkeit wieder. Nun prüfte er die verkehrte Schrift, konnte aber natürlich aus dem sonderbaren Gekritzel auf dem Papier keinen Sinn herauslesen. »Unsinn! Das bedeutet ja überhaupt nichts: Lauter Kleckse!« dachte er und athmete mit voller Brust erleichtert auf. Wer hat nicht in schlimmen Lebenslagen ähnlich einfältige Anfälle von unmotivirter Freude bekommen? Die Seele überläßt sich ja nicht der Verzweiflung, ehe sie alle Illusionen erschöpft hat.

Er hielt also das Löschblatt in der Hand, betrachtete es mit glückseligen Blicken und war nahe daran, über die Sinnestäuschung zu lachen, die ihn so erschreckt hatte. Da fiel sein Blick plötzlich wieder auf den Spiegel und wieder sah er die fürchterlichen Zeilen darin. Dies Mal konnte er das nicht mehr für Blendwerk erklären. Visionen wiederholen sich nicht. Jetzt begriff er, wie die Sache zuging.

Er wankte, ließ das Blatt fahren und sank in einen Lehnstuhl, der neben dem Büffett stand. Ja, das Licht der Welt war verdunkelt, Cosette hatte das an irgend Jemand geschrieben. Da erwachte sein ehemaliges Ich und brüllte wüthend auf, wie ein Löwe, dem man einen, ihm zum Gefährten gegebnen Hund aus dem Käfig nehmen will.

Sonderbarer Weise war der Brief in jenem Augenblick noch garnicht in die Hände des Adressaten gelangt; ein verrätherischer Zufall zeigte ihn Jean Valjean, noch ehe derselbe Marius übergeben wurde.

Jean Valjean's moralische Standhaftigkeit war bisher noch nicht vom Schicksal besiegt worden, so harte und mannigfaltige Proben es ihm auch zugemuthet. Er hatte seine Freiheit, sein Leben aufs Spiel gesetzt, alles verloren, alles erduldet und war stoisch, selbstlos wie ein Märtyrer geblieben. Jetzt aber schien die Rechtschaffenheit, die so viele Stürme abgeschlagen, nicht mehr widerstandsfähig.

Denn unter allen Qualen, mit denen ihn das Schicksal prüfte, war diese die furchtbarste, Diejenige, gegen die jede Fiber in ihm sich am schmerzlichsten auflehnte. Handelte es sich doch um den Verlust des Wesens, das er liebte.

Allerdings liebte der arme, alte Jean Valjean Cosette nicht anders, als mit Vaterliebe, aber da er sein Leben lang verwaist und vereinsamt da gestanden hatte, so widmete er all die Zärtlichkeit, die er nicht hatte ausgeben können, seiner Pflegetochter; er liebte sie, als wäre sie sein rechtes Kind, seine Mutter, seine Schwester gewesen, und da er nie geschlechtliche Liebe für ein Weib empfunden, die Natur aber eine Gläubigerin ist, die ihren Rechten nicht entsagt, so war auch dieser Trieb, ohne daß sich Jean Valjean dessen bewußt wurde, in seiner reinsten, göttlichsten Form dem Gefühl beigemischt, das er für Cosette hegte. Es war weniger eine Leidenschaft, als ein Instinkt, ja nicht einmal ein Instinkt, sondern eine Anziehungskraft, die sich in ihm äußerte, so daß die eigentliche Liebe allerdings in seiner heftigen Zärtlichkeit für Cosette enthalten war, aber verborgen und rein, wie das Gold in den Tiefen der Erde.

Als Jean Valjean also inne wurde, daß er Cosette einmal verlieren würde, daß sie ihm aus den Händen glitt, wie Wasser, wie Dunst; als er den niederschmetternden Beweis hatte, daß ihr Herz sich mit einem andern beschäftigte, daß er nur der Vater war, überschritt der Schmerz, den er empfand, jedes Maß. Solch ein Endergebniß, nachdem er so viel gethan! Bei diesem Gedanken, daß er für Cosette nichts mehr bedeuten, für sie nicht mehr existiren sollte, bäumte sich, wie wir erwähnten, der alte Egoismus wüthend in ihm auf.

Wie ein Haus einstürzen kann, so bricht auch bisweilen das moralische Ich eines Menschen plötzlich in sich zusammen. Wenn eine fürchterliche Gewißheit sich ihm aufdrängt, wenn die Verzweiflung sich seiner bemächtigt, so brechen gewisse Stützen und reißen bisweilen in ihrem Sturz das ganze sittliche Gebäude mit sich zu Boden. Erreicht ein Kummer einen so hohen Grad, so schlägt er alle Kräfte des Gewissens in die Flucht und nur Wenige von uns können aus einer solchen Krisis siegreich hervorgehen und der Pflicht treu bleiben.

So ging es auch Jean Valjean, der so redlich an seiner Besserung gearbeitet, der sich so eifrig bemüht hatte das ganze Leben, alles Elend und Unglück in Liebe aufzulösen: Als er in sein Innres blickte, sah er darin das Gespenst des Hasses.

Denn er errieth sofort, von wem der Schlag ausging. Gewisse Vorfälle, Daten, Eigenthümlichkeiten in Cosettens Verhalten, die ihm jetzt einfielen, bewiesen ihm, daß der Räuber seines Glückes kein Andrer, als der junge Bummler war, den er im Luxemburger Garten beobachtet hatte.

Während er sich dieser neuen Regung überließ, trat die Toussaint in das Zimmer. Er fragte sie:

»Sagen Sie mal, wo ist es denn? Wissen Sie's?«

Die verwunderte Magd fand keine andere Erwidrung als:

»Wie beliebt?«

»Sie sagten doch vorhin, daß eine Revolte ausgebrochen ist?«

»Ach so! Bei der Kirche Saint-Merry.«

Fünf Minuten später saß Jean Valjean unten auf der Straße, auf einem Prellstein, der vor seinem Hause stand, und horchte in die Ferne.

Es nachtete bereits.

II. Ein Straßenjunge, der kein Freund des Lichtes ist

Wie lange saß er so da? Wie verlief die Fluth und Ebbe der Gedanken in seinem Innern? Gelang es ihm, sich wieder aufzurichten und bekam er wieder Grund unter den Füßen? Das hätte er selber nicht angeben können.

Die Straße war menschenleer. Einige Leute, die ängstlich nach Hause rannten, bemerkten ihn kaum. »Jeder für sich« heißt die Losung in den Zeiten der Gefahr. Der Laternenanstecker kam zur gewöhnlichen Zeit, zündete die Laterne, die vor Nr. 7 stand, an und ging weiter. Hätte er Jean Valjean angesehen, er würde ihn nicht für ein lebendes Wesen gehalten haben, so eisig starr und unbeweglich erschien er in seiner Verzweiflung. Die Uhr der Kirche Saint-Paul schlug elf, doch Jean Valjean rührte sich nicht. Aber bald nachher hörte man eine Gewehrsalve, die offenbar in der Nähe der Markthalle abgefeuert wurde und gleich darauf eine zweite. Es fand in diesem Augenblicke nämlich der Sturm auf die Barrikade statt, der durch Marius vereitelt wurde. Als er dieses Gewehrfeuer vernahm, das bei der Stille der Nacht noch fürchterlicher klang, fuhr Jean Valjean empor und horchte. Dann aber sank er wieder auf den Prellstein nieder, kreuzte die Arme und ließ den Kopf langsam auf die Brust herabfallen.

Plötzlich hörte er Schritte, die näher kamen, und sah bei dem Schein der Laterne, die in der Nähe des Archivgebäudes steht, ein bleiches, junges, vergnügtes Gesicht.

Es war Gavroche.

Der Junge schien etwas zu suchen. Er sah Jean Valjean, nahm aber keine Notiz von ihm.

Nachdem er nach oben gesehen hatte, richtete er die Augen nach unten, stellte sich auf die Fußspitzen, betastete Thüren und Fenster und konstatirte, daß sie alle gut verschlossen, verriegelt und verrammelt waren. Darüber zuckte er die Achseln und brummte:

»Na natürlich!«

Jean Valjean, der eben noch nicht im Stande gewesen wäre, einen Menschen anzureden oder auch nur auf eine Frage zu antworten, fühlte sich unwiderstehlich zu dem armen Jungen hingezogen.

»Kleiner,« fragte er, »was suchst Du? Fehlt Dir etwas?«

»Selber Kleiner,« antwortete Gavroche. »Ich habe Hunger.«

Jean Valjean griff in die Tasche und holte ein Fünffrankenstück hervor.

Aber Gavroche, der wie die Bachstelzen keine Sekunde lang still sitzen oder still stehen konnte, hob einen Stein von der Erde auf.

»Ihr laßt hier noch die Laternen brennen. Das ist ein Unfug, der jetzt nicht mehr geduldet werden kann. Die wollen wir gleich zertöppern.«

Mit diesen Worten warf er den Stein durch die Laterne hindurch und machte ein solches Getöse, daß die Leute im Hause gegenüber sich die Bettdecke noch höher über die Ohren zogen und an das Schreckensjahr 1793 dachten.

Das Licht schwankte heftig und erlosch, so daß die Straße plötzlich ganz dunkel wurde.

»So ist's recht, alte Straße, setze Dir die Nachtmütze auf und mache Baba.«

»Wie heißt denn das große Gebäude da? Das ist das Archiv, nicht wahr? Könnte man denn nicht die plumpen dummen Säulen zum Barrikadenbau benutzen, damit sie doch mal zu was Vernünftigem dienten?

Jean Valjean ging auf Gavroche zu.

»Der arme, kleine Kerl hat Hunger,« sagte er halblaut, und drückte ihm das Fünffrankenstück in die Hand.

Gavroche hob die Nase empor, höchlichst erstaunt über das große Geldstück. Er sah es an und sah, daß es Silber war, was ihm imponirte. Er kannte die Fünffrankenstücke vom Hörensagen und freute sich, daß er nun selber eine Münze besah, die sich eines so guten Rufes erfreute. Das Ungethüm, dachte er, wollen wir uns doch mal etwas näher besehen.

Er betrachtete es eine Weile mit stiller Andacht. Dann aber wandte er sich nach Jean Valjean um, hielt ihm das Geldstück hin und sagte würdevoll:

»Herr Geldsack, ich ziehe es vor Laternen entzwei zu schmeißen. Nehmen Sie das protzige Ding da zurück. Unsereins hat Ehrgefühl und läßt sich nicht bestechen.«

»Hast Du eine Mutter?« fragte Jean Valjean.

»Gewiß haben wir eine Mutter, wie Sie Sich keine leisten können.«

»Dann behalte das Geld und gieb es ihr

Gavroche war gerührt. Außerdem hatte er auch eben bemerkt, daß der Mann keinen Hut hatte, und das flößte ihm Vertrauen ein.

»Geben Sie mir das wirklich nicht, damit ich keine Laternen entzwei schmeißen soll?«

»Mache alles entzwei, was Du willst.«

»Sie sind ein guter Mensch,« konstatirte Gavroche und steckte das Geld ein.

Mit gesteigertem Vertrauen fragte er dann:

»Wohnen Sie hier in der Straße?«

»Ja; warum?«

»Könnten Sie mir zeigen, wo Nr. 7 ist?«

»Was willst Du in Nr. 7?«

Der Junge fürchtete, er habe sich zu weit vorgewagt, fuhr energisch mit den Fingern durch seine Haare und sagte:

»Das geht Keinen was an.«

Ein Gedanke zuckte Jean Valjean durch den Kopf.

»Ich warte auf einen Brief. Bist Du derjenige, der ihn mir bringen soll?«

»Sie? Denk nicht dran! Sie sind kein Frauenzimmer.«

»Der Brief ist an Fräulein Cosette adressirt, nicht wahr?«

»Cosette? Hm! Ich glaube ja, so heißt sie.«

»Gut. So gieb ihn her. Ich soll ihn in Empfang nehmen.«

»In dem Fall müssen Sie wissen, daß ich von der Barrikade herkomme?«

»Selbstredend.«

Gavroche schob die Faust in die Tasche und holte ein gefaltetes Papier hervor, dem er die militärischen Honneurs machte.

»Alle Achtung vor der Depesche, die kommt von der provisorischen Regierung.«

»Her damit!« rief Jean Valjean.

Gavroche zögerte noch.

»Eigentlich scheinen Sie es wert zu sein, daß man Ihnen Vertrauen schenkt,« sagte er dann aber, nachdem er Jean Valjean noch einmal gemustert hatte.

»Mach schnell.«

»Da!«

»Muß die Antwort bei der Kirche Saint-Merry abgegeben werden?« fragte Jean Valjean.

»Mit nichten. Sie würden da einen Weg wandeln, der das gemeine Volk den Holzweg nennt. Der Brief kommt von der Barrikade und dahin gehe ich jetzt zurück.«

Mit diesen Worten ging oder flitzte vielmehr Gavroche davon. Aber doch nicht ganz so schnell, wie man auf den ersten Blick hätte glauben sollen. Er ließ sich noch die Zeit, unterwegs verschiedene Laternen zu »zertöppern« und die »anständigen« Leute zu ängstigen.

III. Während Cosette und die Toussaint schlafen

Jean Valjean eilte mit dem Brief sofort in das Haus zurück.

Er tastete sich die Treppen hinauf, indem er sich wie ein Uhu, der einen guten Fang gethan, zu der Finsternis Glück wünschte, machte leise die Thür auf und wieder zu, horchte und bemerkte, daß allem Anschein nach Cosette und die Toussaint schliefen, verbrauchte – so stark zitterte seine Hand, drei oder vier Zündhölzer, ehe es ihm gelang, Licht zu machen, setzte sich an den Tisch und faltete das Papier auseinander.

Wenn man heftig erregt ist, liest man nicht, sondern sucht den Inhalt des Geschriebnen so zu sagen mit einem Ruck zu erfassen, springt ans Ende, eilt wieder zurück, und ist zufrieden, wenn man mit dem ersten Blick die Hauptsache herausgreift.

Auch Jean Valjean las zu Anfang nur folgende Worte:

»Ich will sterben. Wenn Du diese Worte liest, wird mein Geist schon bei Dir weilen.«

Eine wilde, fürchterliche Freude ergriff ihn. So fand die Sache einen schnellern Abschluß, als zu erwarten gewesen war. Der Mensch, der seinem Glück so hinderlich war, ging ihm von selber, freiwillig aus dem Wege. Ob er vielleicht schon in diesem Augenblick das Feld geräumt hatte? Nein. Noch konnte er nicht tot sein. Der Brief sollte offenbar erst am nächsten Morgen gelesen werden. Seit den beiden Gewehrsalven zwischen elf und zwölf Uhr war nichts mehr gewesen; also konnte ein entscheidender Angriff auf die Barrikade nicht erfolgen. Aber was schadete das; der Mensch hatte sich in den Straßenkrieg hineingestürzt und war so wie so verloren. – Ein Stein fiel Jean Valjean vom Herzen. Er brauchte den Zettel blos in der Tasche behalten, so erfuhr Cosette nie, was aus »dem Menschen« geworden war. Welch ein Glück, daß sich alles so gefügt hatte!

Aber es kam keine wahre Freude in ihm auf. Er sah finster und traurig aus.

Nachdem er den Brief gelesen, ging er hinunter und weckte den Portier.

Eine Stunde später ging Jean Valjean in seiner Bürgerwehruniform und in Waffen aus. Der Portier hatte ihm alles verschafft, was er zur Vervollständigung seiner Ausrüstung noch brauchte. Er trug ein geladnes Gewehr und eine volle Patronentasche. So marschirte er in der Richtung der Markthalle.

IV. Gavroches Eifer für die gute Sache

Mittlerweile war Gavroche etwas Gefährliches passirt.

Nachdem er gewissenhaft alle Laternen der Rue du Chaume gesteinigt hatte, kam er in die Rue des Vieilles-Haudriettes, eine Straße, wo keine Menschenseele zu sehen war. Um sich zu entschädigen, gröhlte er mit der ganzen Kraft seiner Lungen ein blödsinniges Lied, dem er mittels nicht minder unsinniger Grimassen und Gebärden einen tiefen Sinn unter zu legen sich bemühte. Leider gingen seine mimischen Leistungen vollständig verloren, weil Niemand da war, sie zu bewundern und man auch die Hand kaum vor Augen sehen konnte. Dafür durfte er sich aber mit dem Gedanken trösten, daß so mancher brave Spießbürger urplötzlich aus dem ersten Schlafe aufgeschreckt, den »Gesang« für das Kriegsgeheul einer Horde mordbrennerischer Revolutionäre halten würde. Und das war ein riesiger Gedanke.

Auf ein Mal blieb der kleine Kerl wie angewurzelt stehen.

»Jetzt mal einen Augenblick den Rand halten!« dachte er.

Seine Katzenaugen hatten in einem dunkeln Thorweg einen zweirädrigen Wagen und einen Auvergnaten darauf gesehen. Die Gabeldeichsel ruhte mit den Enden auf der Erde und der Auvergnat ruhte auf der Gabeldeichsel, während nur sein Kopf im Wagen selber lag.

Mit seiner ausgedehnten Kenntniß der Menschen und Dinge dieser Welt sagte sich Gavroche sofort, daß der Auvergnat zwar nicht seinen Wagen, dafür aber selber desto schwerer geladen hatte.

Es war in der That ein Eckensteher, der sich ungemein viel hinter die Binde gegossen hatte und wie ein Ratz schlief.

»Das wäre was für unsre Barrikade!« dachte Gavroche. »Ich beschlagnahme den Wagen für die Republik und überlasse den Thrantreter der Monarchie.«

Demzufolge zerrte er den Betrunknen an den Füßen nach vorn und das Fuhrwerk nach hinten, bis der brave Eckensteher auf die Erde glitt.

Um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, trug Gavroche stets allerhand Sachen bei sich. Er brauchte also bloß in seine Tasche zu greifen und fand darin Papier und Rothstift, Dinge, die er sich verschafft hatte, indem er in die Tasche eines Zimmermanns griff. Damit stellte er folgenden Schein aus:

Im Namen der französischen Republik!
Den Empfang eines Karrens bescheinigt hiermit

Gavroche.

Hierauf steckte er den Zettel dem tapfer schnarchenden Trunkenbold in die Westentasche, packte die Deichsel mit seinen beiden Fäusten und trabte dann mit dem Wagen, indem er ein fürchterliches Triumphgebrüll anstimmte, in der Richtung der Markthalle weiter.

Dies war aber ein gefährliches Wagestück. In der Königlichen Druckerei lag ein Wachtposten, an den Gavroche nicht dachte, allerdings nur Bürgerwehr aus der Umgegend von Paris. Der Gesang und das fürchterliche Gekrach und Geklirr mehrerer zerbrochner Laternen weckten die braven Spießbürger. Sie erhoben ihre Häupter von den Pritschen und horchten. Was in aller Welt mochte denn draußen vorgehen? Dieses Stadtviertel war doch sonst so still. Seit einer geraumen Weile aber hörten sie bald hier, bald da einen Höllenskandal. Von dieser Ansicht durchdrungen und in der Meinung, daß Vorsicht der beste Theil der Tapferkeit sei, beschloß denn auch der Sergeant, der den Posten befehligte, eine abwartende Haltung zu beobachten.

Als dann aber der Wagen wie rasend über das Pflaster rumpelte und rasselte, als das Triumphgeheul an sein Ohr drang, beschloß der Sergeant in seinem Pflichtbewußtsein, daß nun das Maß der Wartegeduld zum Ueberlaufen voll sei und daß eine vorsichtige Recognoscirung durch die Umstände geboten sei.

»Das muß ja eine ganze Bande sein!« meinte er. »Da heißt's mit Schlauheit operiren.«

Es war augenscheinlich, daß die Hydra der Anarchie aus ihrer Höhle gekrochen war und in dem Stadtviertel ihr Unwesen trieb.

Der Sergeant ging also mit leisen Schritten auf die Straße hinaus.

Plötzlich, als er eben an dem Ende der Rue des Vieilles-Haudriettes angelangt war, stand Gavroche mit seinem Karren einer Uniform nebst Tschako und Gewehr gegenüber.

Zum zweiten Mal blieb er wie angewurzelt stehen. Aber Gavroche's Verblüfftheit war stets eine kurzlebige und thaute rasch auf.

»Guten Abend, Säule des Staats und der Ordnung!«

»Wo gehst Du hin, Lümmel?« herrschte ihn der Sergeant an.

»Bürger, ich habe Sie noch nicht Bourgeois geschumpfen. Warum beleidigen Sie mich also:

»Wo gehst Du hin, Bengel?«

»Armer Freund, Sie haben vielleicht mal viel Grips gehabt; aber dann hat Ihr Verstandskasten ein Loch gekriegt. Sehen Sie mal nach und Sie werden Sich gewiß leicht überzeugen, daß keiner mehr drin ist.«

»Frecher Schlingel, ich frage Dich, wo Du hingehst?« brüllte der Sergeant und fällte das Bajonett.

»Herr General, ich suche einen Arzt für meine Gattin, die in den Wochen liegt.«

»Ins Gewehr!« donnerte der Sergeant.

Das zur Rettung zu benutzen, was Einen ins Verderben gestürzt hat, ist ein beliebtes Auskunftsmittel genialer Naturen, zu denen auch unser Gavroche gehörte. Er überschaute die Lage mit einem Blick und begriff sofort, daß der Karren, durch den er in Gefahr gerathen war, ihn auch retten konnte.

Als der Sergeant eben zum Angriff vorging, schob er ihm mit aller Kraft den Wagen entgegen und gegen die Brust getroffen, fiel der tapfre Spießbürger rücklings in den Rinnstein, während sein Gewehr sich in die Luft entlud.

Beim Kommandoruf des Sergeanten war die Mannschaft des Postens Hals über Kopf auf die Straße gestürzt und als nun das Gewehr losging, feuerten alle blindlings darauf los, worauf sie wieder luden und weiter schossen.

Dieses stramme Gewehrfeuer dauerte eine gute Viertelstunde und kostete nicht wenigen Fensterscheiben das Leben.

Unterdessen rannte Gavroche, dessen Angst nicht geringer war, als die der von ihm angegriffenen Spießbürger, durch fünf bis sechs Straßen hindurch, bis er nicht weiter konnte und sich athemlos auf einen Prellstein setzen mußte.

Hier horchte er.

Nachdem er sich etwas verschnauft hatte, wandte er sich nach der Gegend um, wo das Gewehrfeuer knatterte, hob die linke Hand bis zu seiner Nase empor und schlenkerte sie drei Mal nach vorn, wobei er sich mit der Rechten auf den Hinterkopf schlug, eine selbstbewußte Geberde, mit der die Pariser Straßenjugend der französischen Spott- und Lachlust Ausdruck verleiht und die wohl wirksam sein muß, da sie schon ein halbes Jahrhundert in Brauch ist.

Diese Heiterkeit trübte aber ein bittrer Gedanke.

»Ist alles gut; ich bin urvergnügt, ich krümme mich, ich möchte platzen vor Lachen, aber währenddem komme ich von meinem Wege ab. Ich werde einen großen Bogen machen müssen, wenn ich nur zur rechten Zeit nach der Barrikade komme!«

Mit diesen Worten setzte er sich in Trab, wobei er es aber nicht unterließ, das endlose Lied, das er in der Rue des Vielles-Haudriettes angestimmt hatte, weiter zu singen.

Die Bürgerwehr in der Königlichen Buchdruckerei war aber nicht umsonst ins Gewehr getreten. Der Karren wurde erobert und der betrunkne Auvergnat zum Gefangnen gemacht. Ersterer wanderte in den Pfandstall, Letztrer wurde vor Gericht gestellt und gab dem Staatsanwalt Gelegenheit, seinen Eifer für das Wohl der Gesellschaft herrlich zu entfalten.

Gavroche's Abenteuer, das noch in den Überlieferungen des Templeviertels lebt, ist eine der schrecklichsten Erinnrungen der alten Leute jener Gegend. Sie nennen es den »nächtlichen Ueberfall des Postens in der Königlichen Buchdruckerei.«

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