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Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe

Victor Hugo: Die Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Elenden. Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopöe
publisherJ. Gnadenfeld & Co.
yearo.J.
translatorG. A. Volchert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Buch. Die Großthaten der Verzweiflung

I. Die Fahne. – Erster Akt

Noch ließ sich kein Feind blicken. Die Uhr der Kirche Saint-Merry hatte zehn geschlagen. Enjolras und Combeferre saßen, den Karabiner in der Hand, bei der Lücke der großen Barrikade. Sie sprachen nicht; sie horchten nur, ob kein Geräusch die Annäherung von Soldaten verkünde.

Plötzlich vernahm man eine frische, jugendliche Stimme, die von der Rue Saint-Denis herkam und ein lustiges Liedchen mit einem übermüthigen Hahnenschrei als Refrain durch die schauerliche Stille der Nacht hinschmetterte.

Die beiden Freunde drückten sich die Hand.

»Gavroche!« sagte Enjolras.

»Er giebt uns ein Warnungszeichen«, sagte Combeferre.

Jetzt wurden hastige Schritte lautbar; man sah Einen, der gewandt wie ein Clown über den Omnibus kletterte und Gavroche sprang herunter.

»Mein Gewehr!« rief er keuchend. »Sie kommen!«

Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es die ganze Besatzung der Barrikade und Alles griff nach den Gewehren.

»Willst Du meinen Karabiner?« fragte Enjolras Gavroche.

»Nein, das große Gewehr,« antwortete der Junge und bemächtigte sich der Waffe, die man Javert abgenommen hatte.

Fast gleichzeitig mit Gavroche zogen sich auch die beiden Schildwachen, die am Ende der Rue de la Chanvrerie und in der Rue de la Petite-Truanderie aufgestellt waren, hinter die Barrikade zurück. Die dritte, die in der Ruelle des Prêcheurs aufpaßte, war geblieben, ein Zeichen, daß von den Brücken und der Markthalle her nichts zu befürchten war.

Sofort eilte Jeder an seinen Posten.

Hinter der großen Barrikade knieten dreiundvierzig Insurgenten, darunter Enjolras, Combeferre, Courfeyrac, Laigle, Joly, Bahorel, Gavroche und legten die Gewehre schußgerecht zwischen die Pflastersteine, die auf dem obern Rande des Baues gleichsam Schießscharten bildeten. An den Fenstern des Wirthhauses stellten sich sechs Andre unter Feuilly's Befehl auf.

Es vergingen noch einige Augenblicke, dann aber vernahm man das dumpfe Geräusch eines schweren Massenschritts, das allmählich näher heranrückte. Es verstummte endlich und man glaubte den Athem einer großen Menge Menschen am Ende der Rue de la Chanvrerie zu hören. Sehen konnte man indeß nichts; nur daß man in der tiefen Dunkelheit glänzende metallene Fädchen unterschied, wie man sie auch beim Einschlafen vor seinen Augen glitzern sieht. Es waren die Bajonnette und Gewehrläufe, auf die von der Fackel noch ein schwacher Lichtschimmer fiel.

Dann verstrich eine Pause, als wenn beide Theile auf etwas warteten. Hierauf erscholl aus dem Dunkel ein kräftiges »Werda?« und gleichzeitig hörte man das Geklirr der Gewehre, die von den Schultern genommen wurden.

Enjolras antwortete in kraftvollem und stolzem Ton:

»Die französische Revolution!«

»Feuer!« donnerte es aus der Dunkelheit ihm entgegen.

Ein Lichtblitz erhellte die Straße, als hätte sich die Thüre eines Glühofens auf einige Augenblicke geöffnet.

Ein furchtbarer Krach folgte. So dicht war die Salve, daß die Deichsel des Omnibus oben abbrach und die Fahne herunterfiel. Mehrere Kugeln prallten von den Häusern ab und verwundeten einige von den Aufständischen.

Die Angegriffnen überrieselte ein kalter Schauer. Auch die Muthigsten zagten. Augenscheinlich hatte man es mit einem ganzen Regiment zu thun.

»Keine Pulververschwendung, Kameraden!« rief Courfeyrac. »Schießt erst, wenn sie in die Straße hereinkommen.«

»Vor allen Dingen aber,« sagte Enjolras muß erst die Fahne wieder aufgerichtet werden.«

Er hob die Fahne, die neben ihm auf die Erde gefallen war, wieder empor.

Im Hintergrunde schoben die Soldaten die Ladestöcke in die Gewehre, was man hinter der Barrikade hören konnte.

»Wer hat Muth?« fragte Enjolras. »Wer pflanzt die Fahne wieder auf?«

Keiner antwortete. In dem Augenblick, wo die Soldaten die Gewehre wieder anlegten, auf die Barrikade steigen hieß sich dem gewissen Tode aussetzen. Vor einer solchen Gefahr bebt auch der Tapferste zurück und Enjolras selber zitterte. Er wiederholte nur:

»Wagt's Keiner?«

II. Die Fahne. – Zweiter Akt

Seitdem der Trupp vor dem Wirtshause angelangt war, hatte man auf Vater Mabeuf nicht besonders geachtet. Er hatte sich in den Saal des Erdgeschosses begeben und hinter dem Ladentisch Platz genommen. Hier blieb er die ganze Zeit über in sich versunken und wie vernichtet sitzen. Es sah aus, als sei er unfähig, an dem, was um ihm verging, irgend welchen Antheil zu nehmen. Courfeyrac und Andre redeten ihn verschiedne Male an, warnten ihn, forderten ihn auf, sich bei Zeiten in Sicherheit zu bringen, er aber schien nicht zu hören, was sie sagten. Sprach man nicht zu ihm, so bewegte er den Mund, als wenn er jemandem antwortete, und redete man ihn an, so wurden seine Lippen unbeweglich und aus seinen Augen wich alles Leben. Schon einige Stunden vor dem Angriff nahm er eine regungslose Haltung an. Die beiden Fäuste auf die Knie gestützt, den Kopf nach vorn geneigt, saß er da, als blicke er in einen Abgrund. Aber als die erste Salve erkrachte, fuhr er in die Höhe und in dem Augenblick, wo Enjolras »Wagt's Keiner?« rief, sah man den Greis auf der Schwelle.

Bei dieser Erscheinung durchzuckte es alle wie ein elektrischer Schlag.

»Der Alte vom Konvent! Der Volksvertreter!«

Wahrscheinlich hörte er nicht einmal den Ruf, ging auf Enjolras zu, während man ihm ehrerbietig aus dem Wege ging, riß ihm, der erstaunt zurückwich, die Fahne aus der Hand, und nun begann, ohne daß ihn Jemand aufzuhalten oder ihm zu helfen wagte, der achtzigjährige Mann mit schwankendem Kopfe, aber festen Schrittes, die hinter der Barrikade angebrachte Steintreppe langsam emporzusteigen. Der Anblick war ein so feierlicher und großartiger, daß alle, die in seiner Nähe standen, »Hut ab!« riefen.

Auf der obersten Stufe angelangt, schwenkte der Greis, der für die Insurgenten eine übermenschliche Heldengestalt, eine Verkörperung der Revolution von 1793 war, die rothe Fahne und rief:

»Es lebe die Revolution! Es lebe die Republik! Brüderlichkeit! Gleichheit und der Tod!«

Von dem Ende der Straße her erklang ein hastiges Gemurmel, als stände dort ein Priester, der ein Gebet hersagte und Eile hätte, damit zu Ende zu kommen. Wahrscheinlich war es ein Polizeikommissar, der die Insurgenten laut der gesetzlichen Vorschrift aufforderte, sich zu zerstreuen.

Nach ihm hörte man dieselbe markige Stimme, die vorhin »Werda?« gerufen hatte:

»Zieht Euch zurück!«

»Es lebe die Republik!« rief Mabeuf und schwenkte mit wilder Begeistrung die Fahne.

»Feuer!« donnerte es wieder.

Eine zweite, kartätschenähnliche Salve krachte los.

Der Greis sank auf die Kniee, erhob sich wieder und stürzte dann rücklings, steif wie ein Brett, der Länge lang und die Arme über Kreuz, auf die Erde herab.

Eine jener Empfindungen, die stark genug sind, um momentan dem Selbsterhaltungstrieb Schweigen zu gebieten, bemächtigte sich der Insurgenten und sie traten mit religiöser Ehrfurcht heran, um den Leichnam zu betrachten.

»Was das für Männer waren, diese Königsmörder!« bemerkte Enjolras.

»Unter uns gesagt,« flüsterte ihm Courfeyrac ins Ohr, »denn ich möchte den allgemeinen Enthusiasmus nicht abschwächen, war der Alte nichts weniger als ein Königsmörder. Ich kannte ihn. Er hieß Vater Mabeuf. Ich weiß nicht, was heute mit ihm los war. Aber ich kann Dir sagen, er war ein Trottel. Sieh Dir doch blos das Gesicht an.«

»Ein Trottel mit dem Herzen eines Brutus,« entgegnete ihm Enjolras. Dann sprach er laut:

»Freunde, dies ist eine Lehre, die das Alter der Jugend giebt. Wir zögerten, da kam er; wir wichen zurück, da ging er vor. Dieser Greis verdient die Hochachtung des Vaterlandes. Er hat ein langes Leben gehabt und starb eines schönen Todes. Jetzt laßt uns den Leichnam in Sicherheit bringen und Jeder vertheidige diesen Toten, als kämpfe er für das Leben seines Vaters. Seine Gegenwart mache die Barrikade uneinnehmbar!«

Ein beifälliges Gemurmel bekräftigte diese Rede.

Enjolras neigte sich nieder, hob den Kopf des Greises empor und küßte ihn auf die Stirn. Dann zog er ihm vorsichtig, als wollte er ihm nicht weh thun, den Rock aus, zeigte Allen die blutigen Löcher und rief:

»Das ist jetzt unsere Fahne!«

III. Ein ungeladenes Gewehr

Sie bedeckten Vater Mabeuf's Leiche mit dem langen, schwarzen Umschlagetuch der Wittwe Hucheloup. Dann machten sechs Mann aus ihren Gewehren eine Bahre zurecht und trugen ihn, unbedeckten Hauptes und mit feierlicher Langsamkeit in die Gaststube des Erdgeschosses, wo sie ihn auf den großen Tisch legten.

Als der Zug an Javert, der noch immer dieselbe unerschütterliche Ruhe bewahrte, vorbeikam, redete ihn Enjolras an:

»Bald wird die Reihe an Dir sein!«

Während dessen schien es dem kleinen Gavroche, der allein auf seinem Posten geblieben war, als schlichen sich Leute an die Barrikade heran.

»Aufgepaßt! Der Feind kommt!« rief er.

Alle stürzten in größter Eile wieder aus dem Hause heraus. Es war kaum noch Zeit, denn schon sah man Bajonnettreihen auf die Barrikade heranwogen. Einige hochgewachsene Municipalgardisten stiegen auf den Omnibus, andre drängten Gavroche, der langsam vor ihnen zurückwich, durch die Lücke.

Es war ein kritischer Augenblick; er glich dem ersten Stadium einer Ueberschwemmung, wo das Wasser anfängt, die Deiche zu überfluten. Noch eine Minute, so war die Barrikade genommen.

Bahorel stürzte sich dem ersten besten Municipalgardisten entgegen und schoß ihn nieder. Der zweite tötete Bahorel mit einem Bajonnettstich, Ein anderer hatte Courfeyrac niedergeworfen, der um Hilfe rief. Der Größte von Allen, ein wahrer Koloß, ging mit gefälltem Bajonett auf den kleinen Gavroche los. Der Junge nahm Javerts großes Gewehr in seine Aermchen, zielte kühn auf den Riesen und drückte ab. Aber ach! Javert hatte sein Gewehr nicht geladen. Der Municipalgardist lachte und holte zum Stoße aus.

Aber ehe das Bajonnett Gavroche berührte, entfiel dem Soldaten das Gewehr. Eine Kugel hatte ihm die Stirn durchbohrt, und er fiel auf den Rücken. Auch den Gardisten, der Courfeyrac bedrohte, traf eine Kugel in die Brust und streckte ihn nieder.

Der unverhoffte Retter war Marius.

IV. Das Pulverfaß

Marius hatte hinter der Ecke der Rue de Mondétour dem Anfang des Kampfes unentschlossen und bebend zugesehen. Aber nicht lange vermochte er dem Schwindel zu widerstehen, der ihn nach dem Abgrund hinriß. Als die Gefahr herandrang, als Bahorels Tod nach Rache und Courfeyrac um Hilfe schrie, stürzte er sich, eine Pistole in jeder Hand, in das Handgemenge und brachte Gavroche und Courfeyrac Rettung.

Unterdessen erstiegen die Angreifer in Menge die Barrikade, wagten aber nicht, weiter vorzugehen, hinunterzuspringen. Sie fürchteten einen Hinterhalt, eine Falle, eine Kriegslist und blickten vor sich hinab, als stünden sie vor einer Löwenhöhle.

Marius war jetzt wehrlos, denn die beiden Pistolen hatte er weggeworfen, aber er bemerkte das Pulverfaß, das in der Gaststube stand.

Als er sich dorthin umwandte, legte ein Soldat das Gewehr auf ihn an. Aber in demselben Augenblick trat auch der junge Bursche mit der geflickten Sammthose vor, legte die Hand auf die Mündung des Gewehrlaufes und verstopfte ihn so. Der Schuß ging los, die Kugel durchbohrte die Hand, traf aber Marius nicht. Dieser beachtete den Vorgang nur oberflächlich, obgleich er alles gesehen hatte. Befand er sich doch in einer Lage, wo die Bilder der Dinge flüchtig vor dem Geiste vorüberhuschen und man nur immer vorwärts stürzt, dem Verderben entgegen.

Ueberrascht, aber nicht eingeschüchtert, hatten sich unterdessen die Insurgenten gesammelt. Enjolras rief: »Wartet! schießt nicht aufs Gerathewohl!« In der That hätten sie in der ersten Verwirrung sich gegenseitig treffen können. Die Meisten stiegen in das erste Stockwerk und in die Dachstuben hinauf. Die Kühnsten lehnten sich an die Häuser im Hintergrunde und boten von hier aus den Soldaten, die auf der Barrikade standen, ungedeckt die Stirn.

Alles dies hatte sich ohne Ueberstürzung vollzogen und jetzt waren wieder beide Theile schußbereit. In dem Augenblick, wo losgedrückt werden sollte, streckte ein Offizier den Degen aus und rief:

»Ergebt Euch!«

»Feuer!« kommandirte Enjolras.

Auf beiden Seiten gingen die Gewehre zugleich los. Als der Rauch sich verzog, sah man die Kämpfer der beiden Parteien, deren Reihen gelichtet waren, aber ihre Stellungen behaupteten, ihre Gewehre schweigend wieder laden.

Plötzlich hörte man eine Donnerstimme rufen:

»Zurück oder ich sprenge die Barrikade in die Luft!«

Alle wandten sich nach der Stelle hin, wo die Stimme herkam.

Marius hatte das Pulverfaß aus der Gaststube geholt und sich, während der Rauch ihn den Blicken entzog, an der Barrikade entlang, bis zu der Stelle, wo die Fackel angebracht war, geschlichen. Die Fackel ergreifen, das Faß einschlagen und in den Käfig hineinstellen war für ihn das Werk eines Augenblicks und jetzt schwang er, während sich die Offiziere, Soldaten, Municipal- und Nationalgardisten nach dem andern Ende der Barrikade flüchteten, mit grimmiger Entschlossenheit die Fackel, nach Mabeuf die zweite, jugendliche, Verkörperung der Revolution.

»Zurück, sonst sprenge ich die Barrikade in die Luft!«

»Und Dich mit!« rief ein Sergeant.

»Und mich mit!« gab Marius zur Antwort und näherte die Fackel dem Pulverfaß.

Aber schon war Niemand mehr auf der Barrikade.

Die Angreifer fluteten, indem sie ihre Toten und Verwundeten im Stich ließen, in wilder Unordnung nach dem Ende der Straße zurück und verschwanden in der Dunkelheit.

Die Barrikade war gerettet.

V. Der Tod eines Dichters

Aller umringten Marius. Courfeyrac fiel ihm um den Hals.

»Welch ein Glück, daß Du gekommen bist!« rief Combeferre.

»Es war Noth am Mann!« sagte Laigle.

»Ohne Dich war ich verloren!« meinte Courfeyrac.

»Ohne Sie war ich gelackmeiert!« konstatirte Gavroche.

Marius fragte:

»Wo ist Euer Anführer?«

»Du bist es!« antwortete Enjolras.

Marius hatte den ganzen Tag über einen Glühofen im Kopf gehabt, jetzt ging ihm ein Wirbelwind im Hirn herum. Dieser Wirbel, der in seinem Innern raste, wäre – so dünkte ihm – draußen und reiße ihn mit sich fort. Es kam ihm vor, als liege das Leben schon weit, weit hinter ihm. Cosettens Verlust nach zwei glückerfüllten Monaten, die Barrikade, Mabeuf's Tod, seine Ernennung zum Insurgentenführer machten auf ihn einen Eindruck, als träume er einen bösen Traum. Er mußte sich Gewalt anthun um sich zu erinnern, daß Alles, was ihn umgab, Wirklichkeit war. Er kannte das Leben noch zu wenig, um zu wissen, daß gerade das Unmögliche das Möglichste ist und in Rechnung gezogen werden muß. Er wohnte seiner eignen Tragödie bei, als wäre es etwas Unverständliches.

Von solchen Gedankennebeln umsponnen, erkannte er Javert nicht, der, an seinen Pfahl gebunden, während des Angriffs auf die Barrikaden nicht eine Bewegung mit dem Kopf gemacht hatte und dem Getobe der Revolte mit der ergebungsvollen Ruhe eines Märtyrers und der Würde eines Richters zuschaute. Marius bemerkte ihn nicht einmal.

Unterdessen verhielten sich die Angreifer ruhig; sie standen am andern Ende der Straße, wagten sich aber nicht hinein, sei es, daß sie auf Befehle oder auf Verstärkungen warteten. Die Insurgenten hatten Schildwachen ausgestellt und Einige, die Studenten der Medizin waren, waren damit beschäftigt, die Verwundeten zu verbinden.

Man hatte die Tische, um die Barrikade zu verstärken, aus dem Hause geschafft, mit Ausnahme zweier, auf denen Charpie und Patronen lagen. Dafür holte man die Matratzen aus den Betten der Wittwe Hucheloup und ihrer beiden Mägde, um die Verwundeten darauf zu betten. Was aus den drei armen Frauenzimmern geworden war, wußte Keiner, bis man sie schließlich im Keller entdeckte, wo sie sich verkrochen hatten.

Da wurde plötzlich die Freude über die Befreiung der Barrikade durch eine schmerzliche Entdeckung getrübt. Beim Appell fehlte Einer der beliebtesten und tapfersten Kameraden, Jean Prouvaire. Man suchte ihn unter den Verwundeten, den Toten und fand ihn nicht. Er war also offenbar gefangen genommen worden.

»Sie haben unsern Freund,« sagte Combeferre zu Enjolras, »und wir einen von ihren Leuten. Liegt Dir was an dem Tode des Spitzels?«

»Ja,« antwortete Enjolras, »aber weniger, als an Jean Prouvaires Leben.«

Diese Unterhaltung fand in dem niedrigen Saale neben Javert's Pfahl statt.

»Gut,« fuhr Combeferre fort, »so will ich mein Taschentuch an mein Gewehr binden und als Parlamentär zu ihnen gehen um ihnen einen Tausch vorzuschlagen.

»Horch!« rief jetzt Enjolras und legte seine Hand auf Combeferre's Arm.

Von dem andern Ende der Straße drang ein verdächtiges Geräusch von hantirten Gewehren herüber.

»Es lebe Frankreich! Es lebe die Zukunft!« schallte es und man erkannte Jean Prouvaire's mannhafte Stimme.

Da leuchtete ein Blitz auf und eine Gewehrsalve erkrachte. Dann herrschte wieder Stille.

»Sie haben ihn erschossen!« rief Combeferre.

Enjolras sah Javert an und sagte:

»Deine Freunde haben Dich zum Tode verurtheilt.«

VI. Die Todesqualen nach den Lebensqualen

Eine Eigenthümlichkeit des Straßenkrieges besteht darin, daß die Barrikaden fast immer von vorn angegriffen werden und die Angreifer es im Allgemeinen unterlassen, die feindlichen Stellungen zu umgehen, sei es, daß sie Hinterhalte fürchten, oder daß sie sich nicht gern in enge, krumme Straßen hineinwagen. Die ganze Aufmerksamkeit der Aufständischen war also auf die große Barrikade gerichtet, die sie für den einzig bedrohten Punkt hielten. Marius indessen dachte auch an die kleine Verschanzung und begab sich dorthin. Sie war verlassen und nur von dem Lampion bewacht, dessen unstetes Licht auf die Pflastersteine fiel.

Als Marius nach der Inspektion wieder zurückgehen wollte, hörte er seinen Namen rufen:

»Herr Marius!«

Er fuhr zusammen, denn er erkannte dieselbe Stimme, die ihn zwei Stunden zuvor durch das Gitter in der Rue Plumet gerufen hatte.

Mit dem Unterschiede allerdings, daß diese Stimme jetzt nur sehr schwach klang.

Er suchte und fand Niemand in der Dunkelheit.

In dem Glauben, er habe sich geirrt, zu den ungewöhnlichen Ereignissen, die sich um ihn abspielten, sei bloß eine Sinnestäuschung hinzugekommen, wollte er weiter gehen, als sich dieselbe Stimme zum zweiten Mal vernehmen ließ.

»Herr Marius!«

Dieses Mal war kein Zweifel möglich; er hatte den Ruf zu deutlich gehört. Aber er sah wieder nichts.

»Zu Ihren Füßen!« rief die Stimme.

Marius bückte sich und sah eine Gestalt, die auf ihn zukroch.

Beim Schein des Lampions unterschied er einen Kittel, eine zerrissene Samthose, ein Paar bloße Füße und eine Blutlache. Dann richtete sich ein blasses Gesicht zu ihm empor.

»Erkennen Sie mich denn nicht?«

»Nein.«

»Eponine.«

Marius beugte sich zu ihr nieder. Ja, sie war es wirklich, die Unglückliche.

»Wie kommen Sie hierher? Was machen Sie hier?«

»Ich sterbe.«

Diese Antwort rüttelte Marius aus seiner Apathie auf.

»Sie sind verwundet? Warten Sie, ich will Sie in den Saal tragen. Sie sollen verbunden werden. Ist es eine gefährliche Wunde? Wie muß man Sie anfassen, damit man Ihnen nicht weh thut? Hülfe! Hülfe! Gott, erbarme Dich! Was hatten Sie denn aber hier zu suchen?«

Und er versuchte, um sie aufzuheben, seinen Arm unter ihren Körper zu schieben. Dabei stieß er auf ihre Hand und sie schrie vor Schmerz auf.

»Habe ich Ihnen weh gethan?«

»Etwas.«

»Aber ich habe nur Ihre Hand berührt.«

Sie zeigte Marius die Hand, in der er ein dunkles Loch sah.

»Was haben Sie denn da?«

»Ich habe eine Kugel durch die Hand bekommen.«

»Wie ist denn das zugegangen?«

»Haben Sie ein Gewehr gesehen, das auf Sie angelegt wurde?«

»Ja, und eine Hand auf der Mündung.«

»Die Hand war meine.«

Marius schauderte.

»Diese Thorheit! Sie armes Kind. Glücklicher Weise ist solch eine Wunde nicht gefährlich. Kommen Sie und lassen Sie Sich verbinden.«

»Die Kugel,« stöhnte sie, »ist in die Hand und aus dem Rücken hinausgefahren. Es hat keinen Zweck, wenn Sie mich hineintragen. Ich will Ihnen sagen, wie Sie mich verbinden, besser als ein Wundarzt. Setzen Sie Sich auf den Stein hier neben mich.«

Er willfahrte ihr, sie legte ihren Kopf auf seinen Schoß und sagte:

»So nun ist mir wohl. Nun habe ich keine Schmerzen mehr.«

Sie hielt einen Augenblick inne, wandte dann mühsam ihr Gesicht nach oben und sah Marius an.

»Ich will's Ihnen sagen, Herr Marius. Es ärgerte mich, daß Sie die junge Dame besuchten. Es war dumm von mir. Ich hatte Ihnen ja selber die Adresse verschafft und hätte mir sagen sollen, daß ein junger Mann wie Sie ...«

Sie hielt inne und fuhr dann mit einem herzzerreißenden Lächeln fort:

»Sie fanden mich häßlich, nicht wahr? – Sie sind ein Kind des Todes. Von hier kommt Keiner mit dem Leben davon. Wenn ich denke, daß ich Sie hierher gelockt habe! Ich weiß, daß Sie verloren sind, und doch bin ich, als ich Sie in Gefahr sah, herbeigeeilt, um Sie zu retten. Merkwürdig! Aber ich wollte vor Ihnen sterben. Als ich die Kugel durch den Leib bekommen hatte, schleppte ich mich hierher und wartete auf Sie. Wird er denn nicht endlich kommen? dachte ich. Ach wenn Sie wüßten, was ich ausstand! Ich biß in meinen Kittel vor Schmerzen. Jetzt aber ist mir wohl. Erinnern Sie Sich an den Tag, wo ich Sie in Ihrem Zimmer besuchte und mich in Ihrem Spiegel besah. Und an das andre Mal, wo ich Sie auf dem Boulevard, auf der Wiese, aufsuchte? Wie schön die Vögelchen sangen! Es ist nicht sehr lange her. Sie gaben mir fünf Franken und ich sagte: »Ich will Ihr Geld nicht«. Haben Sie's auch aufgehoben? Sie sind nicht reich. Ich habe nicht daran gedacht, Ihnen zu sagen, daß Sie's aufheben sollten. Die Sonne schien so schön, man fror nicht. Erinnern Sie Sich, Herr Marius? Wie glücklich ich bin! Jetzt sterben wir zusammen.«

Während sie sprach, hielt sie die durchbohrte Hand auf ihre Brust, aus der das Blut ruckweise herausströmte, wie Wein aus einem Spundloch.

Marius betrachtete die Aermste mit tiefem Mitleid. Plötzlich rief sie:

»O weh, es kommt wieder. Ich ersticke.«

Sie steckte sich einen Zipfel des Kittels in den Mund und biß hinein, während sie die Beine krampfhaft ausstreckte.

In diesem Augenblick krähte die kecke Hahnenstimme des kleinen Gavroche ein damals beliebtes Lied.

Eponine hörte ihm zu und sagte:

»Mein Bruder! ich möchte nicht, daß er mich sieht. Er würde mich schelten.«

»Ihr Bruder?« fragte Marius und gedachte mit bitterm Weh der Pflichten gegen Thénardier, die sein Vater ihm auf die Seele gebunden. »Wer ist Ihr Bruder?«

»Der Kleine da, der eben gesungen hat.«

Marius machte eine Bewegung.

»O, gehen Sie nicht weg, es dauert nicht mehr lange!«

Sie saß beinahe aufrecht, aber ihre Stimme klang schwach und sie röchelte ab und zu. Sie hielt ihr Gesicht so nahe wie möglich an Marius Kopf und sagte plötzlich:

»Noch Eins! Ich will Sie nicht täuschen. Ich habe in meiner Tasche einen Brief, der für Sie bestimmt ist. Seit gestern. Ich sollte ihn in den Briefkasten stecken. Ich habe ihn aber behalten. Ich wollte nicht, daß Sie ihn bekommen sollten. Aber Sie würden gewiß böse sein, wenn wir uns im Jenseits wieder sehn.«

Sie griff krampfhaft nach Marius Hand und leitete sie in ihre Tasche, schien aber keinen Schmerz mehr in ihrer verwundeten Hand zu fühlen. Marius nahm den Brief, während sie befriedigt nickte.

»Jetzt den Lohn für meine Mühe. Versprechen Sie mir ...«

Sie hielt inne.

»Was?« fragte Marius.

»Versprechen Sie mir ...«

»Alles, was Sie wünschen!«

»Geben Sie mir, wenn ich gestorben bin, einen Kuß auf die Stirn. Ich werde ihn fühlen.«

Sie ließ ihren Kopf auf Marius Schoß zurücksinken und senkte ihre Augenlieder. Während sie so unbeweglich dalag und er schon glaubte, die arme Seele habe den Körper verlassen, öffnete sie langsam die Augen und sagte in einem Ton, dessen Sanftmuth schon aus einer andern Welt herzukommen schien:

»Außerdem glaube ich noch, daß ich Sie ein wenig lieb habe.«

Dann versuchte sie noch, ihn anzulächeln und verschied.

VII. Gavroche berechnet Entfernungen

Marius hielt sein Versprechen. Er drückte einen Kuß auf die kalte Stirn der Dahingeschiednen. Es war ja keine Untreue gegen Cosette, nur ein sinniger Abschied von einer armen Seele, die hier auf Erden unendlich viel gelitten hatte.

Als Marius den Brief an sich nahm, ahnte er alsbald, daß er ihm wichtige Enthüllungen bringen würde, und brannte vor Ungeduld, ihn zu lesen. Des Menschen Herz ist nun einmal so und kaum hatte die arme Eponine die Augen geschlossen, als Marius sich eilig erhob und davon eilte. Den Brief in Gegenwart der Verstorbenen zu lesen, hielt ihn eine fromme Scheu zurück.

Er begab sich in die Gaststube und las hier folgende Zeilen:

»Innigst geliebter Marius!«

Mein Vater hat leider beschlossen, daß wir von hier sofort aufbrechen. Heute Abend quartieren wir uns Rue de l' Homme Armé Nr. 7, ein. In acht Tagen werden wir in England sein.

4. Juni.
Deine Cosette.

Was sich zugetragen hatte, läßt sich in wenigen Worten berichten. Eponine hatte alles nach ihrem Willen gelenkt. Nach Vereitlung des von den Banditen beabsichtigten Ueberfalls faßte sie den doppelten Plan, weiteren Anschlägen ihres Vaters vorzubeugen, sowie Cosette und Marius auseinander zu bringen. Sie tauschte demgemäß die Kleider mit dem ersten, besten jungen Lümmel, dem es Spaß machte, sich als Mädchen zu vermummen, und verkleidete sich als Mann. Dann warnte sie auf dem Marsfelde Jean Valjean, indem sie ihn aufforderte, seine Wohnung zu wechseln. Demzufolge sagte dieser auch, als er nach Hause kam, zu Cosette: »Heute Abend verlassen wir dieses Haus und siedeln mit der Toussaint nach der Rue de l' Homme-Armé über. Nächste Woche müssen wir in London sein.« Entsetzt über diese fürchterliche Kunde schrieb Cosette einige Zeilen an Marius. Aber wie den Brief auf die Post bringen? Sie war nicht gewohnt, allein auszugehen, die Toussaint aber hätte sich über solch einen Auftrag gewundert und das Schreiben Herrn Fauchelevent gezeigt. In ihrer Herzensangst rief sie Eponine, die als Mann verkleidet sich vor dem Garten herumtrieb, gab ihr fünf Franken und beauftragte sie, das Briefchen an seine Adresse zu befördern. Diese steckte es ein, begab sich am nächsten Tage, dem 5. Juni, zu Courfeyrac und fragte nach Marius, nicht um ihm das Schreiben zu übergeben, sondern aus Neugierde, von einem innern Drange, von Liebe und Eifersucht getrieben. Als dann Courfeyrac ihr sagte, daß er mit seinen Freunden sich an dem Barrikadenkampfe betheiligen würde, durchzuckte es sie sofort, daß dies eine günstige Gelegenheit für sie wäre, in den Tod zu gehen und Marius mitzunehmen. Nachdem sie dann den Ort erkundet, wo die Barrikade gebaut werden sollte, eilte sie nach der Rue Plumet, in der sichern Erwartung, daß Marius in seiner Verzweiflung ihrem Rufe Folge leisten würde und täuschte sich auch nicht hierin. Dann ging sie endlich nach der Rue de la Chanvrerie zurück und starb hier mit tragischer Freude bei dem Gedanken, daß der Geliebte ihr nachfolgen und keiner Andern angehören würde.

Marius bedeckte Cosettens Brief mit Küssen. Sie liebte ihn also doch! Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, er sollte sich dem Tode entziehen. Dann aber sagte er sich wieder: Da sie nach England geht und mein Großvater von unserer Heirath nichts wissen will, ist an der Sachlage nichts geändert. Träumer wie Marius sind der Verzweiflung leicht zugänglich; sie finden die Kämpfe, die ihnen das Leben aufnöthigt, zu schwer; sich in den Tod stürzen ist schneller abgemacht.

Demzufolge überlegte er, daß er noch zwei Pflichten zu erfüllen habe: Er mußte Cosette Lebewohl sagen und Thénardiers Sohn vor dem Verderben retten.

Aus einem Notizbuch, das er bei sich trug, riß er ein Blatt und schrieb mit Bleistift folgende Zeilen:

»Unsre Verheirathung ist unmöglich. Ich habe mich an meinen Großvater gewandt und er hat mir die Erlaubniß verweigert. Ich habe Dich in Deiner Wohnung aufgesucht und Dich nicht gefunden. Das Versprechen, das ich Dir gegeben habe, werde ich halten. Ich will sterben. Wenn Du diese Zeilen liest, wird mein Geist schon bei Dir weilen und Dir zulächeln.«

Da er nichts hatte, um den Brief zu versiegeln, faltete er das Blatt Papier und schrieb auf die Rückseite die Adresse auf.

Dann sann er noch einmal nach, holte das Notizbuch wieder hervor und schrieb auf die erste Seite Folgendes:

»Ich heiße Marius Pontmercy. Man bringe meine Leiche zu meinem Großvater, Herrn Gillenormand, Rue des Filles-du-Calvaire, Nr. 6.«

Nun steckte er das Notizbuch wieder ein und rief Gavroche, der vergnügt und diensteifrig herbeieilte.

»Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»Allemal Derjenige, welcher! Ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele. Ohne Sie wäre ich ja schon futsch und weg.«

»Nimm diesen Brief. Mach Dich sofort auf den Weg, (Hier wurde Gavroche unruhig und kratzte sich hinterm Ohr,) und übergieb ihn morgen früh Fräulein Cosette Fauchelevent, Rue de l' Homme-Armé, Nr. 7.«

Der heldenmüthige Junge antwortete:

»Ja, aber während der Zeit wird die Barrikade genommen, und ich bin dann nicht dabei.«

»Die Barrikade wird aller Wahrscheinlichkeit nach erst bei Tagesanbruch angegriffen und vor morgen Mittag nicht erstürmt werden.«

In der That zog sich die Frist, die den Insurgenten gewährt wurde, in die Länge. Dergleichen nächtliche Unterbrechungen, auf die dann doppelt heftige Angriffe folgen, sind bei Straßenkämpfen gewöhnlich.

»Wie wär's denn, wenn ich Ihren Brief morgen früh besorgte?«

»Dann ist's zu spät. Wir werden dann auf allen Seiten blockirt sein und Du wirst nicht mehr herauskommen. Geh also gleich.«

Gavroche konnte nichts erwidern und kratzte sich unentschlossen den Kopf. Plötzlich aber griff er hurtig nach dem Briefe und sagte:

»Schönchen! Soll geschehn!«

Es war ihm nämlich etwas eingefallen, das er Marius nicht sagen mochte, aus Furcht, Dieser würde Einwendungen machen.

Er dachte:

»Es ist noch nicht Mitternacht, die Rue de l' Homme-Armé ist nicht weit und wenn ich gleich gehe, kann ich bei Zeiten wieder zurück sein.«

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