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Die Elenden. Fünfter Theil. Jean Valjean

Victor Hugo: Die Elenden. Fünfter Theil. Jean Valjean - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleDie Elenden. Fünfter Theil. Jean Valjean
publisherJ. Gnadenfeld & Co.
yearo.J.
translatorG. A. Volchert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Buch. Das Innere des Lewiathan

I. Wie das Meer das Land ärmer macht

Paris wirft jährlich fünfundzwanzig Millionen Franken ins Wasser. Und zwar ist dies keine bloße Redensart. Wie? Tag und Nacht. Zu welchem Zweck? Zu gar keinem. Was denkt es sich dabei? Nichts. Mittels welches Organes? Mittels seiner Eingeweide, seiner Kloaken.

Fünfundzwanzig Millionen ist die niedrigste der Ziffern, auf die statistische Berichte den Verlust annähernd abschätzen.

Nach langen vergeblichen Forschungen und Experimenten ist es der Wissenschaft gelungen festzustellen, daß es keinen fruchtbareren, wirksameren Dünger giebt, als die menschlichen Exkremente. Dies wußten, zu unsrer Schande sei es gesagt, die Chinesen schon lange vor uns. Kein chinesischer Bauer, erzählt Eckeberg, geht nach der Stadt, ohne an den Enden seines Bambusrohrs zwei Eimer mit dem, was wir Unrath nennen, heimzubringen. Dank dieser Art Dünger, ist das Erdreich in China noch heute so jung, wie zur Zeit Abrahams. Der chinesische Weizen kann das hundertundzwanzigfältige der Aussaat wiedergeben. Kein Guano, so kräftig er auch sein mag, ist dem Unrath einer Stadt gleichzustellen. Würde man ihn zur Fruchtbarmachung des Erdbodens benutzen, so wäre man des größten Erfolges sicher, so würde man Mist in Gold verwandeln.

Was macht man aber mit diesem Gold? Man wirft es weg.

Alle Jahre werden mit großen Kosten ganze Flotten ausgesandt, um aus der südlichen Hemisphäre den Koth der Sturmvögel und Alke herüberzuholen und die unberechenbaren Schätze, die man in nächster Nähe hat, sendet man ins Meer. Würde all der Menschen- und Thierkoth, der jetzt verloren geht, der Erde, und nicht der See übergeben, so könnte reichliche Nahrung für die ganze Menschheit beschafft werden.

Die Haufen Unrath an den Zäunen, die abscheulichen Abfuhrtonnen, die des Nachts durch die Straßen gefahren werden, der widerwärtige Koth, der unter dem Pflaster weggeschwemmt wird, – wißt Ihr, was für Kostbarkeiten mit diesem Schmutz verloren gehn? Blumige Wiesen, üppiges Gras, Quendel, Thymian, Salbei, allerhand Wild, Vieh, duftiges Heu, goldne Kornähren, Brod, warmes Blut, Gesundheit, Freude, Leben! So will es das geheimnißvolle Schöpfungsgesetz, das auf Erden beständigen Wechsel und im Himmel die Verklärung bewirkt.

Gebt den Unrath dem großen Kreislauf der Natur und unermeßlichen Reichthum werdet Ihr wiederbekommen. Freilich dürft Ihr, wenn es Euch so beliebt, diesen Reichthum Euch entgehen lassen und mich obendrein noch auslachen. Aber damit würdet Ihr nur Eure ungeheure Unwissenheit kund thun.

Laut statistischen Berechnungen sendet Frankreich allein durch die Mündungen seiner Flüsse einen Werth von einer halben Milliarde in den Atlantischen Ocean. Nun merke man sich aber, daß diese fünfhundert Millionen einem Viertel unsres Ausgabenbudgets gleichkommen. Die Schlauheit des Menschen besteht also darin, daß er sich lieber dieser bedeutenden Summe entledigt, sie mir nichts, dir nichts in den Rinnstein wirft. Also das Lebenselement der Bevölkerung tragen uns die Kloaken und die Flüsse fort. Und daraus ergeben sich als Resultate die Verarmung des Landes und die Verpestung des Wassers. Aus der Erde steigt der Hunger, aus den Flüssen die Seuche empor.

So ist es z. B. weltbekannt, daß die Themse London vergiftet, und was Paris betrifft, so hat man kürzlich die meisten Kloakenmündungen unter der letzten Brücke seewärts verlegen müssen.

Ein doppelter Saug- und Druckröhrenapparat mit Ventilen und Spülschleusen, ein System, das also wie die Lunge des Menschen und schon in mehreren englischen Kommunen zur Anwendung gelangt ist, würde genügen, um das reine Wasser der Gefilde in unsre Städte zu lenken und den Feldern das befruchtende Wasser unsrer Städte wiederzugeben. Aber man hat an Andres zu denken, als an so einfache Dinge.

Das gegenwärtig beobachtete Verfahren stiftet Böses, indem es Gutes bezweckt. Man glaubt die Stadt zu reinigen und hungert die Bevölkerung aus. Das Kloakensystem beruht auf einem großen Irrthum. Würde man dagegen kanalisiren, so könnte der Ertrag des Erdbodens verzehnfacht und das Problem des Elends um ein Bedeutendes leichter lösbar werden. Man brauchte dann blos noch das Schmarotzertum, unter dem das Volk zu leiden hat, zu unterdrücken, so wäre es vollständig gelöst.

Einstweilen fließt aber der Nationalwohlstand ins Meer und Europa geht an dieser Verschwendung zu Grunde.

Was Frankreich anbelangt, so haben wir schon gesagt, wie hoch sich seine Verluste beziffern. Da nun aber Paris den fünfundzwanzigsten Theil der Gesamtbevölkerung Frankreichs enthält und da der Pariser Guano der beste von allen ist, so bleibt man hinter der Wahrheit zurück, wenn man den Pariser Antheil an der von Frankreich jährlich weggeworfnen halben Milliarde auf fünfundzwanzig Millionen abschätzt. Würde diese hohe Summe zur Hebung der Noth und für öffentliche Anlagen, Bauten u. s. w. verwendet werden, so würde Paris eine doppelt so schöne und reiche Stadt werden können.

Paris also, das Vorbild, dem alle Großstädte nach streben, von dem alle Völker eine Kopie haben möchten, Paris, die Metropole des Ideals, die große Heimat der Initiative, der Anregung und des Experiments, das Centrum der Intelligenz, das Fundament der Zukunft, die wunderbare Verschmelzung Babylons und Korinths, erregt in Bezug auf den eben angegebnen Punkt die spöttische Verachtung der Bauern von Fo-Kian.

Folgt dem Beispiel, das Paris Euch in dieser Hinsicht giebt, so werdet Ihr Euch ruiniren.

Allerdings ahmt Paris selber das Beispiel Andrer nach, besonders, was diese uralte und unsinnige Verschwendung anbetrifft.

Denn diese erstaunliche Dummheit ist nicht neu. Die Alten machten es ebenso wie wir. »Die Kloaken der Stadt Rom,« behauptet Liebig, »haben den ganzen Wohlstand des römischen Bauern verschlungen.« Als die Umgegend von Rom durch das Kloakensystem ruinirt war, saugte Rom Italien aus und nach Italien kam Sicilien, kam Sardinien, Afrika an die Reihe. Kurz, die Kloaken von Rom haben den Untergang des römischen Reiches bewirkt. Sie waren orbi et orbi verderblich.

In dieser Hinsicht also, wie in mancher andern, ist Rom mit seinem Beispiel vorangegangen und hierin folgt ihm auch Paris mit all der Dummheit nach, die den Metropolen geistreicher Völker eigen ist.

Um den Anfordrungen des so eben besprochenen Systems zu genügen, hat Paris unter sich ein zweites Paris, ein Kloakenparis angelegt, mit Straßen, Plätzen, Sackgassen, kurz Verkehrsadern, in denen sich Koth, – aber keine Kothseelen, wie oben an der Oberfläche der Erde, bewegt.

Denn man soll Niemandem schmeicheln, auch einem großen Volke nicht. Wo alles ist, da findet sich auch Gemeines neben Erhabnem, und wenn Paris Athen, die Stadt der Bildung, Tyrus, die Stadt der Macht, Sparta, die Tugend-, Niniweh, die Wunderstadt enthält, so schließt es auch eine Lutetia, eine Schmutzstadt, in sich.

Ueberdies beweist es auch hierin seine Größe, Die Titanenbauten unterhalb Paris verwirklichen unter den öffentlichen Denkmälern das Ideal, das unter den Menschen Männer wie Macchiavelli. Bacon und Mirabeau erreicht haben, – das großartig Gemeine.

Der Untergrund von Paris würde, wenn das Auge durch die Oberfläche hindurchdringen könnte, einen ähnlichen Anblick darbieten, wie eine kolossale Madrepore. Ein Schwamm hat sicherlich nicht mehr Löcher und Gänge als die Erdscholle, worauf die alte Großstadt steht. Ganz abgesehen von den Katakomben, die einen Keller für sich bilden, von dem Labyrinth der Gasleitungsröhren, der Wasserleitung, stellen die Kloaken auf beiden Seiten der Seine ein ungeheures; schräg geneigtes Netz dar.

In diesem feuchten Dunkel lebt und webt die Ratte, die eigentliche Bewohnerin der Unterstadt.

II. Die Geschichte der Kloaken

Man denke sich das Häusermeer von Paris wie einen Topfdeckel emporgehoben, so wird das unterirdische Kloakennetz, aus der Vogelperspektive gesehen, sich an jedem Ufer wie ein großer Ast ausnehmen, der von dem Fluß ausgeht. Auf der rechten Seite wird die Gürtelkloake den Stamm dieses Astes, die Nebenkanäle die Zweige, die Sackgassen die Nebenzweige bilden.

Diese Figur giebt allerdings die Wirklichkeit nur ungefähr und nicht genau wieder, da der bei unterirdischen Verzweigungen gewöhnliche rechte Winkel bei Pflanzen nur selten vorkommt.

Eine richtigere Vorstellung wird man sich machen, wenn man sich denkt, man sähe auf einem dunkeln Grunde ein sonderbares orientalisches Alphabet, dessen ungestaltete Buchstaben in scheinbar wirrer Unordnung bald an ihren Ecken, bald an ihren Enden aneinander gelöthet wären.

Die Kloaken spielten eine große Rolle im Mittelalter im byzantinischen Kaiserreich und im alten Orient. Hier wurde die Pest geboren, hier starben Despoten. Die Menge betrachtete diese Fäulnißbeete, diese scheußlichen Wiegen des Todes mit einer Art religiöser Ehrfurcht. Die Ungeziefergrube in Benares ist in ihrer Art nicht weniger grauenhaft als die Löwengrube von Babylon. Teglath Phalasar, sagen die rabbinischen Bücher, pflegte bei den Kloaken von Niniweh zu schwören. Aus den Kloaken von Münster ließ Johann von Leyden seinen falschen Mond heraufsteigen und aus dem Kloakenbrunnen von Kekscheb tauchte die falsche Sonne seines geistigen Zwillingsbruders im Orient Mokanna, des verschleierten Propheten von Khorassan, empor.

Die Geschichte der Menschen findet ihren Widerschein in der Geschichte der Kloaken. So sind die Gemonien charakteristisch für Rom. Auch die Pariser Kloaken sind eine Antiquität, die von vielen merkwürdigen Dingen und Ereignissen berichten könnte. Sie haben als Begräbnißstätte und als Zufluchtsort gedient. Das Verbrechen, die Intelligenz, der Protest gegen die staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen, die Gewissens- und Gedankenfreiheit, alles, was die Gesetze der Menschen verfolgen oder verfolgt haben, hat sich in diesen Höhlen verborgen; die Hammermänner im vierzehnten, die Manteldiebe im fünfzehnten, die Hugenotten im sechzehnten, Morins Illuminaten im siebzehnten, die Fußbrenner im achtzehnten Jahrhundert. Vor hundert Jahren machten von hier aus Meuchelmörder Nachts die Straßen unsicher; hierher flüchtete sich der Spitzbube, wenn die Polizei ihm auf den Fersen saß. Kurz, was die Räuberhöhle im Walde war, das stellten für Paris die Kloaken vor. Die Vagabunden und Bettler betrachteten den Untergrund von Paris als eine Filiale des Hofes der Wunder, ihres gewöhnlichen Stelldicheins, und kehrten hier wohl wie in einer Herberge zur Nacht ein.

Es war ganz selbstverständlich und logisch, daß die am Tage Taschen leerten und Hälse abschnitten, die Nacht in diesen unterirdischen Schlupfwinkeln zubrachten. Daher eine Fülle von Ueberlieferungen, die von berühmten Verbrechern erzählen, daher die Spukgestalten, die hier umgehen.

Die Kloaken des alten Paris waren das Stelldichein aller Verzweifelten und aller Neuerer. Betrachtet die Nationalökonomie sie als Detritus, so sieht die Socialwissenschaft hier einen Niederschlag.

Die Kloake ist das Gewissen der Stadt. Hier kommt alles schließlich hin, hier trifft alles zusammen. In diesen dämmrigen Höhlen herrscht wohl die Finsterniß, aber sie birgt keine Geheimnisse mehr. Hier erscheint jedes Ding in seiner wahren oder wenigstens in seiner letzten Gestalt, denn den Vorzug hat der Kothhaufe, daß er nicht lügt. Hier hat die Offenherzigkeit eine Zuflucht gefunden. Wohl sieht man hier die Maske des Verleumders Basil, aber man sieht auch, daß sie nur von Pappe ist, und die Bindfäden und das Innre so gut wie das Aeußere und der Unrath, mit dem sie beschmutzt ist, paßt so recht zu ihrem Charakter, Alle Unsauberkeiten der Civilisation fallen, sobald sie dienstuntauglich geworden sind, in diese Grube der Wahrheit, die alles verschlingt, aber alles sehen läßt. Dieser Wirrwarr hat die Bedeutung einer Beichte, Kein falscher Schein mehr, keine Möglichkeit sich zu betünchen, vollständige Enthüllung alles moralischen Unflats, endgültiger Tod der Täuschungen und Spiegelfechtereien, nur noch bare Wirklichkeit, die das Gesicht im Todeskampfe verzerrt. Hier erzählt eine Flasche von dem Laster des Trunkes; hier lügt kein fauler Apfel, daß er einem erbärmlichen Dramatiker als Zeichen der Anerkennung an den Kopf geworfen ist; hier liegt ein Louis-d'or, der in der Spielhölle gewonnen wurde, neben dem Nagel, an dem sich der ruinirte Spieler erhängt hat; hier rollt ein bleicher Foetus in dem Flitter, in dem seine Mutter auf dem Karnevalball tanzte, hier wälzt sich ein Richterbarett neben dem Unterrock, den eine Dirne getragen; hier herrscht Brüderlichkeit und Vertraulichkeit, Was früher mit Schminke, das ist jetzt hier mit Koth beschmiert. Hier fällt der letzte Schleier. Die Kloake ist ein Cyniker, der alles sagt.

Diese Aufrichtigkeit des Unflats gefällt mir; sie gewährt der Seele eine angenehme Abwechselung. Hat man sein ganzes Leben hindurch auf der Erde fortwährend gesehen, wie hochtrabend und ehrwürdig sich die »Rücksicht auf das Wohl des Staates,« die staatsmännische Weisheit, die Justiz, die »unbestechlichen« Richter gebärden, so ist es eine Erquickung in eine Kloake hinabzusteigen und Koth zu sehen, der sich nicht für etwas Andres als gemeinen Koth ausgiebt.

Es ist auch lehrreich. Wie wir oben gesehen haben, wandelt die Geschichte durch die Kloake hindurch. In die Pariser Kloaken ist das Blut hindurch gesickert, das in der Bartholomäusnacht floß. Die Massenmörder, die oben ihre Nebenmenschen zu Ehren der Religion und zum Wohl des Staates schlachteten, haben in diese Tiefen die Leichen geworfen. Das Auge des Denkers und Träumers sieht hier unten die von der Geschichte verherrlichten Mörder, wie sie im grausigen Dunkel knien und mit ihrem Leichentuch ihre Opfer vom Blut zu reinigen sich abmühen. Hier sieht er Ludwig XI. mit seinem Spießgesellen Tristan, Franz I. und Duprat, Karl IX. mit seiner Mutter, Richelieu und Ludwig XIII., Louvois, Letellier, Hébert und Maillard; sie kratzen an den Steinen und wollen die Spuren ihrer Verbrechen verwischen. Unter diesen Gewölben hört man solche Gespenster fegen, athmet man die dumpfige Luft der socialen Katastrophen, sieht man Wasser, in dem sich blutige Hände gewaschen haben.

Der denkende Beobachter muß sich in diese Finsterniß hineinwagen. Diese Schrecknisse und Ekel gehören zu seinen Studienobjekten. Die Philosophie ist ja das Mikroskop des Gedankens. Alles möchte sich ihrem forschenden Blick entziehen, aber nichts kann sich vor ihr verstecken. Es hat keinen Zweck sich vor ihr zu drehen und zu wenden; man zeigt ihr doch nur seine häßlichste Seite, Die Philosophie verfolgt mit ihren ehrlichen Augen das Böse und erlaubt ihm nicht, in das Nichts zu fliehen. An der Verflüchtigung der Dinge, die im Untergang begriffen sind, an den Ueberbleibseln dessen, was einst groß gewesen ist, erkennt sie alles. Aus einem Lumpen konstruirt sie einen Purpurmantel, aus Lappen das Weib, das sie getragen. Sieht sie eine Kloake, so weiß sie, was für eine Stadt darüber gebaut war und welcher Moral ihre Bewohner huldigten. Aus einer Scherbe schließt sie auf die Amphora oder den Krug, dem sie angehört hat. Sie erkennt an der Spur, die ein Fingernagel auf einer Pergamenturkunde hinterlassen hat, den Unterschied, der die Judenschaft der Judengasse von der des Ghetto trennt. Sie findet in dem, was übrig geblieben ist, das, was gewesen ist, wieder, das Gute, das Böse, das Falsche, das Wahre, den Blutfleck des Palastes, den Tintenklecks des Notars, den Talgtropfen aus dem Bordell, die ehrenvoll überstandenen Proben, die willkommnen Versuchungen, die wüsten Orgien, die Spuren, die eigennützige Zugeständnisse und feige Kompromisse im Charakter und die Messalinas Arm im Vorbeigehen an dem Kittel des römischen Lastträgers hinterlassen hat.

III. Bruneseau

Im Mittelalter waren die Pariser Kloaken beinah vergessen; sie existirten fast nur in der Sage. Im sechzehnten Jahrhundert ordnete Heinrich II. eine Sondirung an, aber der Versuch scheiterte. Es ist noch keine hundert Jahre her, da waren, wie Mercier bezeugt, die Kloaken sich selbst überlassen.

So ging es in dem ehemaligen Paris zu, in Folge der Uneinigkeit, der Unentschiedenheit und der planlos angestellten Versuche, so daß die Maßregeln bezüglich der Kanalisirung der Stadt dumm genug ausfielen. Späterhin zeigte 1789, wie Städte zu Verstand kommen. Aber in der guten, alten Zeit hatte die Hauptstadt wenig Energie und verstand sich ebenso wenig auf die Wegräumung des Unraths, wie auf die Unterdrückung der Mißbräuche. Durch alles Mögliche ließ man sich beirren, überall stieß man auf Fragen, die keine waren und die man nicht zu beantworten vermochte. So war es z. B. unmöglich, einen Plan des Untergrundes von Paris herzustellen. Man brachte es nicht fertig, sich unten zu orientiren, ebenso, wie man oben zu keiner Verständigung über die wichtigsten und elementarsten Fragen der Politik gelangen konnte. Unter der Sprachverwirrung herrschte eine Kellerverwirrung; Paris bestand aus einem unterirdischen Labyrinth und einem Turm zu Babel.

Manchmal erlaubten sich die Kloaken überzufließen, als ob der unterirdische Nil sich über seine Vernachlässigung ärgerte. Dann traten – zur Schande der Stadt sei es gesagt – geradezu Ueberschwemmungen ein. Zeitweise litt jener Magen der Zivilisation an Verdauungsstörungen, so daß der Koth der Stadt wieder in den Hals emporstieg und sie seinen bösen Geschmack zu kosten bekam. Diese Uebereinstimmung der Kloakenflut mit dem schlechten Gewissen hatte ihr Gutes; aber derartige Warnungen wurden übel aufgenommen; es verdroß die Stadt, daß der Unflat sich so unverschämt benahm und wollte nichts davon hören, daß er wieder zurückkam. Sorgt dafür, hieß es, daß er sich nicht wieder sehen läßt.

Einer besondern Berühmtheit erfreut sich im Gedächtniß der Pariser die Ueberschwemmung des Jahres 1802. Die Schmutzflut ergoß sich kreuzweise über die Place des Victoires, wo die Statue Ludwigs XIV. stand; strömte in die Rue Saint-Honoré durch die beiden Kloakenmündungen der Chamos-Elysées, in die Rue Saint-Florentin durch die Kloake Saint-Florentin, in die Rue Pierre-à-Poisson durch die Kloake der Sommerie, in die Rue Popincourt durch die des Chemin-Vert, in die Rue de la Roquette durch die der Rue de Lappe; sie stand in dem Rinnstein der Rue des Champs-Elysées fünfunddreißig Centimeter hoch und drang im Süden, wo das Speirohr der Seine seine Schuldigkeit, umgekehrt that, in die Rue Mazarine, Rue de l'Echaudê und Rue des Marais, die sie in einer Ausdehnung von hundertundneun Metern überschwemmte; hier hielt sie wenige Schritte vor dem Hause, das Racine bewohnt hatte, an und respektirte so an dem siebzehnten Jahrhundert den Dichter mehr als den König. Ihre größte Tiefe erreichte sie in der Rue Saint-Pierre, wo sie sich drei Fuß über die Fliesen der Wasserröhre erhob und ihre größte Ausdehnung in der Rue Saint-Sabin, wo sie einen zweihundert achtunddreißig Meter langen Raum einnahm.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts war der Untergrund von Paris noch ein geheimnißvoller Ort. Der Koth wird nie in gutem Rufe stehen, aber in diesem Falle steigerte sich der üble Leumund bis zum Entsetzen. Paris hatte eine dunkle Ahnung, daß es einen grauenvollen Keller unter sich hatte. Man sprach davon in demselben Tone, wie von den Scheußlichkeiten des Untergrunds von Theben, wo fünfzehn Fuß lange Asseln sich tummelten und wo sich der Behemoth hätte baden können. Nie wagten sich die Kloakenreiniger trotz ihrer hohen Stiefel über gewisse bekannte Punkte hinaus. Man war noch nicht sehr weit entfernt von der Zeit, wo die Abfuhrkarren ganz einfach in die Kloaken entleert wurden. Was die Reinigung betrifft, so überließ man diese Sorge dem Regen, der die unterirdischen Kanäle eher überfüllte, als säuberte. Rom ließ seinen Kloaken noch etwas Poesie und nannte sie die Gemonien, Paris verunglimpfte die seinigen, indem es sie das Stinkloch schimpfte. Die Wissenschaft und der Aberglaube, die Hygienik und die Sage, empfanden denselben Abscheu vor der unbekannten Region. Die Leichen der Marmousets, hieß es 1737, seien in die Kloake der Barillerie geworfen worden; Fagon schrieb das bösartige Fieber, das 1685 so große Verheerungen anrichtete, der großen Lücke in der Kloake des Marais zu, die bis 1833 in der Rue Saint-Louis, dem Messager galant beinah gegenüber, offen blieb. Die Kloakenmündung der Rue de la Mortellerie war berühmt wegen der Pestkrankheiten, die hier herauskamen; mit ihrem eisernen Gitter, dessen spitze Stäbe wie Raubthierzähne aussahen, glich sie dem Rachen eines Drachens, dessen Hauch die Menschen tötete. Die Volksphantasie verquickte außerdem noch die Greuel des unterirdischen Labyrinths mit den Schauern der Unendlichkeit: Die Kloakenfluten, hieß es, hätten keinen Grund, wären ein Barathron. Nicht einmal die Polizei ließ es sich beifallen, diese pestilenzialischen Regionen zu erforschen. Sich in diese unbekannte Welt hineinzuwagen, das Dunkel zu durchforschen, eine Entdeckungsreise in diese Tiefe zu unternehmen – das hätte sich Niemand erkühnt. Das war zu schrecklich. Und dennoch trat solch ein Held, ein Christoph Columbus des unterirdischen Paris, auf.

Im Jahre 1805, als der Kaiser sich einmal ausnahmsweise in Paris aufhielt, erschien der Minister des Innern um der kleinen Morgenaufwartung seines Gebieters beizuwohnen. Auf der Place du Carrousel standen in Menge die gewaltigen Krieger der großen Republik und des großen Kaiserthums; Helden, die am Rhein, an der Schelde, an der Etsch und am Nil sich Lorbeeren erworben hatten; Kameraden Goubert's, Desair's. Marceau's, Hoche's, Kléber's; Luftschiffer, die bei Fleurus ihre Tüchtigkeit bewährt hatten, Grenadiere aus Mainz, Pontonniere aus Genua, Husaren, auf die einst die Pyramiden herabgeschaut; Artilleristen, die unter Junot gedient; Kürassiere, die über den gefrorenen Zuydersee geritten waren und eine Flotte erobert hatten. Die Einen waren Buonaparte auf die Brücke von Lodi gefolgt, Andre hatten unter Murat in den Laufgräben vor Mantua gelegen, noch Andre waren Lannes in dem Hohlweg von Montebello vorausgeeilt. Die ganze Armee war in dem Tuilerienhofe vertreten, durch je eine Schwadron oder ein Peloton und hielt Wache vor Napoleons Palast. Es war jene Ruhmeszeit, wo die große Armee hinter sich Marengo, vor sich Austerlitz hatte.

»Majestät« sagte da der Minister des Innern zu Napoleon, »ich habe gestern den muthigsten Mann Ihres Reiches gesehen.«

»Wer ist das und was hat er gethan?« fragte der Kaiser in barschem Ton». – »Majestät, er will erst etwas Großartiges thun.« – »Was denn?« – »Die Kloaken von Paris erforschen.«

Dieser Mann existirte und hieß Bruneseau.

IV. Unbekannte Einzelheiten

Die Untersuchung fand auch wirklich statt. Es war ein schwieriger Feldzug, ein gefährlicher Kampf gegen die Pestilenz und Asphyxie, gleichzeitig aber auch eine interessante Entdeckungsreise. Noch vor einigen Jahren pflegte Einer, der an Bruneseaus Expedition Theil genommen hatte, ein intelligenter, damals noch sehr junger Arbeiter eine Menge merkwürdiger Einzelheiten zu erzählen, die Bruneseau, um der Würde des administrativen Stils keinen Eintrag zu thun, in seinem Bericht an den Polizeipräsidenten ausgelassen hatte. Die Kenntniß von den Desinfektionsmitteln und ihrer Anwendung befand sich damals noch in den Kinderschuhen, und kaum war Bruneseau über die ersten Knoten des unterirdischen Flußnetzes hinausgekommen, als acht Arbeiter unter zwanzig sich weigerten weiter zu gehn. Die Operation war eine sehr verwickelte; man mußte gleichzeitig Unrath entfernen, messen, die Wasserzugänge notiren, die Gitter und Mündungen zählen, die Verzweigungen verfolgen, die Standpunkte der Strömungen bezeichnen, die Begrenzungen der verschiedenen Becken ermitteln, die kleinen Nebenkanäle sondiren, die Höhe jedes Ganges, sowie die Breite, sowohl am Gewölbeanfang, als auch an der Bettung messen und endlich die Nivellirungsordinaten von der Bettung der Kloake oder von dem Boden der Straße aus bestimmen. Die Expeditionstruppe drang nur langsam vorwärts. Es kam nicht selten vor, daß die Leitern drei Fuß hoch im Schlamm standen. Die Laternen drohten fortwährend in dem schweren Kampfe gegen die widrigen Ausdünstungen zu erliegen. Von Zeit zu Zeit wurde ein Arbeiter ohnmächtig und mußte weggetragen werden. An manchen Stellen gähnten Abgründe. Der Boden war eingesunken, die Pflasterung zerstört, die Kloake verlor sich in die Tiefe; man hatte keinen festen Boden mehr, ein Mann versank plötzlich und man hatte Mühe ihn herauszuziehen. Auf Foureroy's Rath wurden an gewissen, genügend gesäuberten Stellen große Käfige mit Werg, das in Harz getränkt war, angezündet. Die Wände waren stellenweise mit unförmigen Schwämmen bedeckt, die wie Geschwülste aussahen. Es war, als seien in dieser unathembaren Luft sogar die Steine krank geworden.

Bruneseau wählte bei seiner Untersuchung die Richtung stromabwärts. Bei dem Standpunkt der beiden Wasserröhren des Graud'-Hurleur entzifferte er auf einem hervorragenden Stein die Jahreszahl 1550; dieser Stein bezeichnete die Grenze, wo Philibert Delorme, der auf Befehl Heinrichs II, die unterirdischen Straßen von Paris erforschen sollte, Halt gemacht hatte um wieder umzukehren. Dieser Stein gab also an, was das sechzehnte Jahrhundert für die Kloaken gethan hatte; aus dem siebzehnten stammte der Kanal des Ponceau und derjenige der Rue Vieille-du-Temple, die zwischen 1600 und 1650 überwölbt wurden; aus dem achtzehnten der westliche Abschnitt des Sammelkanals, der 1740 gegraben und überwölbt wurde. Diese beiden letzteren Gewölbe wiesen mehr Risse und Spuren von Altersschwäche auf, als das Mauerwerk der Gürtelkloake, die aus dem Jahre 1412 stammte, einer Zeit, wo der Bach von Ménilmontant zur Würde der Großen Pariser Kloake erhoben wurde, ein Avancement, das sich mit der Ernennung eines Bauern zum Kammerdiener des Königs vergleichen läßt.

Hier und da, namentlich unter dem Justizpalast, sah man Höhlungen, die man für ehemalige Kerker, scheußliche in pace, hielt. So hing z. B. ein Halseisen in einer dieser Zellen. Sie wurden sämtlich vermauert. Auch machte man recht sonderbare Funde. So das Skelett eines Orang-Utang, der im Jahre 1800 aus dem Jardin des Plantes verschwunden war, ein Ereigniß, das sicherlich mit dem berühmten und unbestreitbaren Erscheinen des Teufels in der Rue des Bernardins im letzten Jahr des achtzehnten Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden muß. Der arme Teufel war in der Kloake ertrunken.

In dem langen, gewölbten Gange, der an der Arche Marion endet, erregte die wohl erhaltne Kiepe eines Lumpensammlers die Bewundrung der Kenner. Ueberall fand man im Schlamm, den die Arbeiter bald ohne zu großen Widerwillen durchsuchen lernten, eine Menge Wertgegenstände, Gold und Silbersachen, Edelsteine, Geld. Ein Riese, der all das Wasser hätte filtriren können, würde sich in den Besitz großen Reichthums aus allen Jahrhunderten gesetzt haben. Am Kreuzungspunkte der Kanäle der Rue du Temple und der Rue Sainte-Avoye hob Jemand eine sonderbare, hugenottische Medaille auf. Die eine Seite, zeigte das Bild eines Schweins mit einem Kardinalshut, die andre einen Wolf mit der päpstlichen Tiara.

Den allermerkwürdigsten Fund machte man an der Mündung der großen Kloake, die ehedem mit einem Gitter verschlossen war. An einer der Thürangeln, die der Zahn der Zeit allein verschont hatte, hing ein formloser, schmutziger Fetzen Zeug, der hierher geschwemmt und sitzen geblieben war. Bruneseau hob seine Laterne empor und sah sich diesen Lappen an. Es war sehr feiner Batist und an der einen, am wenigsten versehrten Ecke war eine Wappenkrone über den sechs Buchstaben LAVBES eingestickt. Die Krone war die eines Marquis und die sieben Buchstaben bedeuteten Laubespine. Man erkannte in dem merkwürdigen Dinge, das man da vor Augen hatte, ein Stück von dem Leichentuch Marats. Der Wütherich hatte in seiner Jugend Liebesaffairen gehabt, u. a. auch zu der Zeit, wo er als Roßarzt im Hause des Grafen von Artois angestellt war, ein geschichtlich außer allen Zweifel gestelltes Verhältnis mit einer vornehmen Dame, und von dieser stammte eins von seinen Bettlaken. In dasselbe hüllte man, da es das einzige feine Stück Wäsche war, das man in seinem Haushalt fand, seine Leiche ein, als er von Charlotte Corday ermordet worden war.

Bruneseau ging weiter und ließ, statt ihm den Rest zu geben, das historisch merkwürdige Stück Zeug, wo er es gefunden hatte. That er's aus Ehrfurcht vor dem Toten oder lag Verachtung seinem Thun zu Grunde? Marat verdiente Beides. Außerdem hatte das Schicksal dem Ueberbleibsel so deutlich seinen Stempel aufgedrückt, daß man wohl Bedenken tragen konnte, es anzufassen. Auch soll man ja den Dingen, die dem Grabe angehören, den Platz lassen, den sie sich selber gewählt haben. Summa Summarum, es war eine sonderbare Reliquie. Eine Marquise hatte darin geschlafen, Marat war darin verwest; sie war im Pantheon gewesen und trieb sich endlich mit den Ratten in den Kloaken herum. Dieses Alkowenstück, das einst Watteau mit Freuden gezeichnet hätte, war zu einem Gegenstand Dantescher Betrachtungen geworden.

Die Durchforschung des unterirdischen Labyrinths dauerte sieben Jahre, von 1805 bis 1812. Während er immer weiter vordrang, entwarf, leitete und vollendete Bruneseau gleichzeitig bedeutende Arbeiten. So legte er 1808 die Bettung des Ponceau tiefer und ließ neben vielen andern neuen Kanälen 1809 eine Kloake unter der Rue Saint-Denis hinweg bis zur Fontaine des Innocents graben; 1810 andere unter der Rue Froidemanteau und unter der Salpêtrière; 1811 unter der Rue Neuve-des-Petits-Pères, unter der Rue du Mail, der Rue de l' Echarpe. der Place Royale; 1812 unter der Rue de la Paix und unter der Chaussee d'Antin. Außerdem veranlaßte er die Desinfection des ganzen Kanalnetzes. Schon im zweiten Jahre dieser Thätigkeit nahm sich Bruneseau seinen Schwiegersohn Nargaud als Gehülfen.

Auf diese Weise säuberte zu Anfang dieses Jahrhunderts die alte Gesellschaft die Kloaken, über denen sie wohnte. Immerhin ein Fortschritt! Wenn auch anderer, schlimmerer Unflat zurückblieb.

Ein unentwirrbares Labyrinth, die Wände voller Risse und Spalten, von Schluchten durchzogen, Gänge, die ohne Sinn und Verstand auf oder abwärts stiegen, dumpfig, grausig anzusehen, in Dunkel gehüllt, die Fliesen zerbrochen, das Mauerwerk baufällig, so bot sich der ehemalige Untergrund von Paris den Blicken dar. Verzweigungen nach allen Richtungen und Kreuzungen, Sterne, Sackgassen, mit Salpeter überzogene Gewölbe, ekelhafte Abzugslöcher, flechtenartige Ausschwitzungen an den Wänden, Tropfen, die von der Decke herabfielen, Finsterniß; nichts konnte an Abscheulichkeit diese alte Krypte überbieten, dieses Verdauungsorgan des modernen Babel, diesen von Straßen durchzognen Abgrund, diesen titanischen Maulwurfsbau, wo der Geist das alte blinde Ungethüm, die Vergangenheit, im Koth, der einst Pracht gewesen ist, herumirren zu sehen meint.

So, wie gesagt, waren die ehemaligen Kloaken beschaffen.

V. Heute erzielte Fortschritte

Gegenwärtig sind die Kloaken sauber, kalt, gerade, regelrecht, fast eine Verwirklichung des Ideals, das der Engländer mit dem Wort respectable bezeichnet. Sie sehen anständig und, man möchte fast sagen, fein aus. Sie erinnern an einen Lieferanten, der Staatsrath geworden ist. Man kann ihnen so zu sagen, auf den Grund sehen. Der Unrath benimmt sich decent. Auf den ersten Blick ist man versucht, sie mit den ehedem so zahlreichen, unterirdischen Gängen zu verwechseln, durch die sich in der guten, alten Zeit Monarchen und Prinzen vor der Liebe ihrer Unterthanen zu retten pflegten. In den jetzigen, schönen Kloaken herrscht ein reiner Baustil; der korrekte, klassische Alexandriner, der, aus der Poesie verjagt, sich in die Architektur geflüchtet hat, und die Anordnung aller Steine in diesen langen, weißlichen Gewölben beeinflußt zu haben scheint. Ueber jeder Abzugsrinne zieht sich eine Arkade hin, als habe man sich die Rue de Rivoli zum Vorbild genommen. Freilich, wenn die geometrisch gerade Linie irgendwo berechtigt ist, so ist dies sicherlich bei dem Ausmistungsorgan einer Großstadt der Fall. Da ist der kürzeste Weg der beste. Desgleichen erfreuen sich die gegenwärtigen Kloaken derselben Rücksicht seitens der offiziellen Welt wie die schönsten Monumente. Sogar die Polizeiberichte sprechen von ihnen nur mit Achtung. Die Worte, mit denen die Verwaltungsbehörden ihrer Erwähnung thun, sind der gewählten Sprache entnommen. Der Dichter Villon würde sein Logis nicht wiedererkennen. Freilich die Bevölkerung, die es seit unvordenklichen Zeiten bewohnt, die Nagetiere, hausen hier noch immer und sind vielleicht noch zahlreicher geworden. Noch wagt sich dann und wann ein alter Knasterbart von Ratte an ein Fenster seines Kellers und sieht sich die Pariser an; aber dieses Ungeziefer ist zahmer, nun man ihm sein Wohnhaus in einen Palast verwandelt hat. Kurz, die Kloake ist in jeder Hinsicht gemüthlicher geworden. Sogar der Regen, der sie früher schmutziger machte, wäscht sie heute reiner. Aber man traue dem Frieden nicht zu sehr. Noch hausen die Miasmen darin. Sie heuchelt mehr Tugenden, als sie in Wirklichkeit hat. Die Polizeipräfektur und das Gesundheitsamt haben keinen vollständigen Erfolg erzielt. Allen Desinfektionsmitteln zum Trotze strömt sie, wie Tartuffe nach der Beichte, einen verdächtigen Geruch aus.

Da indessen die Reinlichkeit eine Huldigung ist, welche die Kloake der Civilisation darbringt, und da in dieser Hinsicht das Gewissen des Tartuffe als ein Fortschritt im Vergleich mit dem Stall des Augias betrachtet werden muß, so gestehen wir, daß die Pariser Kloake sich gebessert hat.

Und zwar ist es mehr als ein Fortschritt, nämlich eine Umwandlung. Zwischen der ehemaligen und der gegenwärtigen Kloake liegt eine Revolution. Und wem verdanken wir diese Revolution?

Bruneseau, den alle Welt vergißt und den wir oben genannt haben.

VI. Zukünftige Fortschritte

Die Anlegung der Pariser Kloaken ist kein kleines Stück Arbeit gewesen. Die letzten zehn Jahrhunderte haben daran gegraben und gemauert, ohne das Werk zu Ende bringen zu können, ebenso wenig, wie sie Paris ausbauen konnten. In der That hängt die Ausdehnung der Kloaken von dem Wachsthum der Stadt ab. Der tausendarmige Polyp da unten wird größer, in demselben Maße, wie die Stadt zunimmt. Jedes Mal, wenn oben eine neue Straße angelegt wird, setzt die Kloake einen neuen Arm an. Die Gesamtlänge der von der Monarchie angelegten Kloaken belief sich auf nur dreiundzwanzig Tausend Meter und so stand es noch am 1. Januar 1806. Von dieser Zeit an, auf die wir noch zurückkommen werden, ist das Werk wieder energisch in Angriff genommen und mit Nachdruck gefördert worden. Napoleon I. hat – diese Zahlen verdienen, betrachtet zu werden – die Kloaken um viertausend achthundert und vier Meter verlängert; Ludwig XVIII. um fünftausend siebenhundert und neun Meter; Karl X. um zehntausend achthundert und sechsunddreißig; Ludwig Philipp um neunundachtzig tausend und zwanzig; die Republik von 1848 um dreiundzwanzig tausend dreihundert einundachtzig; die gegenwärtige Regierung um siebzig tausend fünfhundert; im Ganzen bis jetzt zweihundert sechsundzwanzig tausend sechshundert zehn Meter. Kurz, eine ebenso großartige, wie wenig beachtete Arbeit, diese Durchwühlung des Erdbodens unter der Stadt Paris.

Aus dieser Statistik ersieht man, daß das unterirdische Pariser Labyrinth jetzt zehn Mal so groß ist wie zu Anfang. Welcher Beharrlichkeit aber und wie großer Anstrengungen es bedurft hat, um das Kloakennetz zu seiner jetzigen, verhältnißmäßigen Vollkommenheit zu entwickeln, davon kann man sich nur sehr schwer eine genügende Vorstellung machen. Schon der ehemaligen, monarchischen Probstei und der revolutionären Mairie der letzten zehn Jahre des achtzehnten Jahrhunderts, war es nur mit größter Mühe gelungen, die dreiundzwanzig tausend Meter, die vor 1806 existirten, zu Stande zu bringen. Allerhand Hindernisse hemmten diese Arbeit, Hindernisse, die zum Teil mit der Beschaffenheit des Bodens zusammenhingen, theils in den Vorurtheilen der Pariser Arbeiterbevölkerung ihren Grund hatten. Paris ist auf einer Erdschicht gebaut, die sich gegen die Haue, den Karst, den Bohrer, überhaupt gegen jedwede Bearbeitung merkwürdig rebellisch verhält. Durch kein Erdreich kommt man so schwer hindurch, als durch diese geologische Formation, über die sich die wunderbare, historische, Paris genannte, Formation gelagert hat; sobald man sich auf irgend eine Weise in diesen Alluvialboden hineinarbeitet, stößt man fortwährend auf Widerstand, auf flüssigen Thon, Wasserquellen, hartes Gestein, weichen und tiefen Schlamm. Die Spitzhaue rückt nur mühsam vor durch die Kalklagen, die mit dünnen Thonstreifen und schieferhaltigen, mit präadamitischen Austerschalen durchsetzten Schichten abwechseln. Zuweilen bricht sich ein Bach plötzlich Bahn durch ein angefangnes Gewölbe und stürzt auf die Arbeiter herab oder ein Mergelstrom bricht durch, mit der Wuth eines Wasserschwalls und zerbricht die stärksten Stützbalken wie Glas. Vor einiger Zeit, als man in dem Stadtviertel La Villette, ohne die Schifffahrt zu unterbrechen, noch den Kanal zu entleeren, die Sammelkloake unter den Kanal Saint-Martin hindurch leiten mußte, entstand ein Spalt im Boden des Kanals und das Wasser stürzte plötzlich in die Tiefe. Man mußte also durch einen Taucher das Loch, das nahe der Einfahrt lag, suchen lassen und es kostete Mühe, es wieder zu verstopfen. An andern Stellen, in der Nähe der Seine und sogar ziemlich weit vom Flusse, z. B. in Belleville, in der Grande-Rue und der Passage Lunière stößt man auf grundlosen Sand, in den man versinkt und im Handumdrehen verschwinden kann. Dazu die Gefahr, durch die Miasmen erstickt, durch Erdstürze und Senkungen verschüttet zu werden. Dazu der Typhus, der den Organismus langsam ruinirt. So ist in unsrer Gegenwart der Leiter der Pariser Kloakenbauten, Monnots gestorben, nachdem er die Galerie von Clichy gegraben, nebst einer Bank, um von dem Fluß Ourcq eine Hauptwasserleitung aufzunehmen, zu welchem Zwecke ein Graben in einer Tiefe von zehn Metern angelegt wurde; nachdem er allen Erdstürzen und fauligen, jauchigen Durchsickerungen zum Trotz die Bièvre von dem Boulevard de l' Hôpital bis zur Seine überwölbt; nachdem er in vier Monaten, ohne sich des Nachts, ebenso wenig wie am Tage, Ruhe zu gönnen, von der Barrière Blanche bis zum Chemin d' Aubervilliers, um Paris von den reißenden Wasserfluten des Montmartre zu befreien und diese, unweit der Barrière des Martyrs, neun Hektare bedeckenden Wasser abzuleiten, eine Kloakenlinie angelegt; und nachdem er, was noch nie da gewesen, ohne Graben in der Rue Barre-du-Bec unterirdisch eine Kloake, sechs Fuß unter der Erde, ausgeführt hatte. Ebenso starb der Ingenieur Duleau, nachdem er Kloaken von einer Gesamtlänge von dreitausend Metern in allen Theilen der Stadt, von der Rue Traversière-Saint-Antoine bis zur Rue de l' Ourcine, überwölbt, nachdem er mittels des Zweigkanals de l' Arbalète den Carrefour Censier-Mouffetard von den Regenüberschwemmungen befreit, nachdem er auf einem Packwerk und Beton in beweglichem Erdreich die Kloake Saint-Georges gebaut, nachdem er die schwierige und gefährliche Erniedrigung der Bettung des Zweigkanals Notre-Dame-de-Nazareth dirigirt. Von solchen Heldenthaten meldet kein Bulletin, obgleich sie doch wahrlich der Menschheit nützlicher sind, als die dummen Großthaten der Kriegshelden.

1832 waren die Kloaken noch lange nicht das, was sie heutzutage sind. Bruneseau hatte wohl eine ersprießliche Anregung gegeben, aber es bedurfte der Cholera, damit man sich zu dem großartigen Umbau entschloß, der seitdem ausgeführt worden ist. Es hört sich z. B. sonderbar an, daß noch 1821 ein Theil der Gürtelkloake, der sogenannte Große Kanal, in der Rue des Gourdes unbedeckt war. Erst 1823 fand die Stadt Paris in ihrer Kasse die zur Ueberwölbung dieses Greuels nothwendigen zweihundert sechsundsechzig tausend achtzig Franken sechs Centimes. Die drei Senkgruben von Le Combat, la Cunette und Saint-Mandé mit ihren Abzugsrinnen, ihren Apparaten und ihren Reinigungskanälen datiren erst aus dem Jahre 1836. Der Untergrund von Paris ist erst seit fünfundzwanzig Jahren umgewandelt und, wie schon gesagt, mit zehnmal so viel Kanälen bereichert worden.

Vor dreißig Jahren, um den 5. und 6. Juni 1832, waren die Kloaken an vielen Stellen noch dieselben wie vor Alters. Eine sehr große Menge Straßen, die gegenwärtig gewölbt, waren damals noch unbedeckt. Sehr oft sah man an den abschüssigen Stellen, wo eine Straße oder ein Platz sich nach zwei Seiten hin abdachte, große viereckige Gitter mit dicken Stangen, die von den Tritten der Passanten glänzend und wegen ihrer Glätte für Menschen und Thiere gefährlich geworden waren. 1832 zeigten noch in sehr vielen Straßen, Rue de l' Etoile, Rue Saint-Louis, Rue du Temple, Rue Vieille-du-Temple, Rue Notre-Dame-de-Nazareth, Rue Folie-Méricourt, Quai-aux-Fleurs, Rue du Petit-Musc, Rue de Normandic, Rue Pont-aux-Biches, Rue des Marais, Faubourg Montmartre, Rue Grange-Batelière in den Champs-Elysées, Rue Jacob, Rue de Tournon eine Menge Kloaken frech ihre unversteckten Oeffnungen, ungeheure Lücken, um die man mit monumentaler Unverschämtheit Prellsteine aufgestellt hatte.

1806 waren die Kloaken in Bezug auf ihre Gesamtlänge nicht viel weiter gediehen als im Mai des Jahres 1663, nämlich fünftausenddreihundertachtundzwanzig Klafter. Nach Bruneseau, am 1. Januar 1832 waren es vierzigtausenddreihundert Meter. Von 1806 bis 1831 hatte man jährlich im Durchschnitt siebenhundertundfünfzig Meter hinzugefügt und seit jener Zeit sind jedes Jahr acht- und sogar zehntausend Meter Galerien, deren Mauerwerk aus kleinen, in hydraulischen Kalk eingelegtem Material besteht und auf einem Betongrund ruht. Rechnet man die Herstellungskosten eines Meters auf zweihundert Franken, so repräsentiren die jetzigen Pariser Kloaken einen Wert von achtundvierzig Millionen Franken.

Abgesehen von dem großen, nationalökonomischen Fortschritt, über den wir uns zu Anfang dieser Beschreibung ausgelassen haben, hängen noch wichtige Probleme der öffentlichen Hygiene mit der Kloakenfrage zusammen.

Paris liegt zwischen zwei Schichten, einer Wasser- und einer Luftschicht. Das Wasser, das in einer ziemlich großen Tiefe angesammelt, aber schon mittels zwei Bohrungen untersucht worden ist, wird von der, zwischen der Kreide und dem Jurakalk gelegnen grünen Sandsteinschicht, geliefert, die man sich als eine Scheibe von zweihunderttausend Meter Durchmesser vorstellen kann und die das Wasser einer Menge Flüsse und Bäche durchläßt, so daß also der artesische Brunnen von Grenelle Seine-, Marne-, Yomme-, Oise-, Aisne-, Cher-, Bienne- und Loirewasser enthält. Ist nun aber dieses Wasser gesund, da es vom Himmel kommt und durch die Erde geht, so ist dagegen die Pariser Luft, da sie von den Kloaken kommt, gesundheitsschädlich. Wenn die Stadt so schlecht riecht, so liegt das in erster Linie an den unterirdischen Miasmen. Die Luft über einem Misthaufen ist, wie man wissenschaftlich festgestellt hat, reiner als die Luft über Paris. Zu einer gegebnen Zeit wird man also, wenn der Fortschritt seine Schuldigkeit thut, die Maschinen vervollkommet sind und mehr Klarheit in den Köpfen herrschen wird, sich des Wassers zur Reinigung der Lust bedienen, d. h. die Kloaken waschen. Hierunter verstehen wir aber die Wiedererstartung des Unraths an die Erde. Von dieser einfachen Maßregel wird die menschliche Gesellschaft den Vortheil haben, daß die Noth der Armen abnehmen und die allgemeine Gesundheit gehoben werden wird. Gegenwärtig verbreiten sich die Krankheiten, deren Herd in Paris liegt, über einen Kreis, dessen Radius zweihunderttausend Meter lang ist und dessen Centrum das Louvre bezeichnet.

Man könnte also sagen, daß seit zehn Jahrhunderten die Kloake eine Krankheit ist, an der Paris leidet, daß sie sein Blut vergiftet. In dieser Hinsicht hat der Instinkt des Volkes stets das Richtige getroffen. Die Beschäftigung des Kloakenreinigers war ehemals ebenso gefährlich und dem Volke fast ebenso widerwärtig, wie das Handwerk des Abdeckers, das so lange allgemein verabscheut und dem Henker überlassen wurde. Man mußte einen hohen Lohn zahlen, wollte man einen Maurer bewegen, sich in die dumpfige Tiefe hinabzuwagen; es hieß sprüchwörtlich: In die Kloaken und in das Grab hinuntersteigen ist dasselbe und eine Unzahl häßlicher Erzählungen nähren die Furcht vor dem unterirdischen Labrinth, in dem die Revolutionen der Erdrinde, wie die Revolutionen der Menschen ihre Spuren hinterlassen haben, wo man neben vorsintflutlichen Fossilien und Muscheln Marat'sche Lumpen finden kann.

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