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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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VI.

Es war sieben Uhr Abends, als Rotter und Lothar sich in den überfüllten Wagen der Pferdebahn hineindrängten. Die Schwüle war drückend. In den Straßen athmete man wie schlechte Zimmerluft. Ueber der Menschenmenge auf der Ringstraße lag eine gelbe Staubwolke; am jenseitigen Ufer der Donau zeigte die große Laubmasse des Praters ein welkes, mattes Grün.

Weiter hinab, wo die Häuser kleiner, die Straßen enger werden, sah es kleinstädtisch aus. Nicht mehr das Hasten und Summen der Großstadt, sondern das Schreien von Kindern, die sich auf einem Platz um einen Brunnen hetzten, der Lärm sich beißender Hunde, das Ausklopfen von Betten. Die Leute stießen sich, schalten und lachten mit einander, wie es Bekannte thun. Die Wirthshausgärten waren brechend voll. Die Straße roch nach Kalk, Rostbraten und Bier. Thüren und Fenster waren überall geöffnet und athmeten die Tags über angesammelte Hitze aus, wie die Besitzer, die in Hemdsärmeln, mit aufgeknöpfter Weste vor ihrer Schwelle standen.

Rotter stieß Lothar an und zeigte ihm einen Herrn, der in der entgegengesetzten Ecke des Wagens saß. Dieses hagere Gesicht mit der großen Hakennase und dem dünnen schwarzen Bart war nicht angenehm. Langes, dünnes Haar fiel schlicht über den Kragen des braunen Uerberziehers; ein breitrandiger Filzhut bedeckte den Kopf; es war die Erscheinung eines Künstlers in schlechten Verhältnissen. »Der fährt auch dorthin,« erklärte Rotter. »Feitinger, einer der Unseren, Klumpf's begeisterter Bewunderer. Er ist Lehrer an einer Knabenschule und zittert davor, seine Vorgesetzten könnten sein Verhältniß zu uns erfahren; seiner neun Kinder wegen, weißt Du. Dabei Ansichten – – o – sehr scharf, sehr tüchtig. Er wird uns nächstens einen Artikel schicken.« – – – »Ja – der sieht bitter aus,« bemerkte Lothar.

Sie waren die Landstraßen-Hauptstraße hinabgefahren und stiegen an der Baumgasse ab, um durch das Rabengäßchen, die Erdberger Straße in die enge, finstere Budengasse einzubiegen. Das Gasthaus »zum goldenen Faßl« – war das letzte Haus in einer Reihe kleiner, alter Häuser und lehnte sich an ein mächtiges Fabrikgebäude an, von dem es um das dreifache überragt wurde. – Sie durchschritten den Wirthshausgarten, einen engen, unsauberen Raum, wo an blauüberdeckten Tischen Männer in Arbeitskitteln ihr Bier tranken. Abseits saß eine bleiche Hausirerin, ihren Kasten voll bunter Cravatten neben sich, und verzehrte ein Gullasch. Zwischen den Stühlen und Tischen trieb sich ein Hahn mit zwei Hennen um, leise und gelangweilt vor sich hin piepend.

Sie gingen in das Haus. In der Schwemme fanden sie den Wirth, einen schwammigen, bleichen Mann mit großem Kopf, der eine Schürze über seinem Frack trug.

»Die Ehre!« sagte er leise, »Herr Doktor wissen doch, – hier die kleine Stiege hinauf. Herr Doctor kommen spät.«

»Ja, ja,« flüsterte Rotter eilfertig und freundlich.

In diesem Augenblick erschien auch Feitinger, der einen Umweg hierher eingeschlagen haben mußte. Geheimnißvoll winkte er dem Wirth: »Schindler!«

Rotter führte nun Lothar eine dunkle Holzstiege hinan. Plötzlich befanden sie sich auf einem Dachboden. Lothar blieb stehen und blinzelte mit den Augen. Nach der Dämmerung der Wirthsstube und der Finsterniß der Stiege überraschte ihn hier das lebhaft goldene Licht, welches, durch die Spalten der Dachpfannen hindurch sickernd, den Raum wie mit einem blanken Regen erfüllte. »Ja, hier war es,« meinte Rotter und stolperte über einen Wasserkübel. »Verdammtes Loch.« Eine Thür ward geöffnet; eine bleiche Frau erschien – begleitet von zwei schwammigen Kindern, die sich an ihren Rock klammerten; und hinter ihnen wieder das scharfgoldene Abendlicht – das eine Küche und den Flur erhellte.

»Die Ehre, Frau Schindler. Wir wollten zu den Herren hinüber; aber ich finde mich schon zurecht.«

Schweigend wies die Frau auf die gegenüberliegende Thüre – und ihr Gesicht nahm einen verdrießlichen, mißtrauischen Ausdruck an.

Sie traten in ein großes, niedriges Zimmer. Es wurde laut gesprochen; Tabaksqualm erfüllte die Luft. Die Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen und auf den Tischen brannten Kerzen. Den Eintretenden gegenüber auf einem Sopha saß Klumpf, die Cigarre im Munde, bleich und nachdenklich; ihm zur Seite ein langer Mann mit einem militärischen Schnurrbart und hoch emporstehendem, braunem Haar – Lemke – der Führer von »Jenen«, wie Rotter sagte. Dieses Gesicht hatte etwas Hartes, Prahlerisches mit den aufgedrehten Spitzen seines Wachtmeisterbartes. – Neben ihm saß der Drechslermeister Marbe, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen und mit einem Bart, der ihm bis auf den Gürtel nieder hing. Noch Andere hatten sich um Klumpf gesammelt: ein junger Mann mit langherabwallendem, blondem Haar und einem röthlichen Seemannsbart; endlich ein Greis, dessen dünnes, weißes Haar wie ein silbernes Netz über die Glatze gebreitet war. Das kleine, wie zusammengedrückte Gesicht verzog er zu einer Fratze. Die vielen Fältchen desselben bewegten sich unablässig; zogen sich zusammen und ließen wieder nach. Dieser sprach gerade, während die Anderen zuhörten.

Lauter war ein anderer Kreis in der Ecke am Fenster. Auf einem Bett an einem niedrigen Tisch saß Oberwimmer, erhitzt und erregt; neben ihm Tost. Lothar war diesem wunderlichen Menschen schon zuweilen begegnet und er hatte ihn interessirt, weil das hungerige, geplagte Leben, welches er offenbar führte, sich so deutlich in seiner Erscheinung ausprägte. Seine Hautfarbe war ungesund in's Graue spielend, auf Lippe und Kinn gedieh ein dünner, zerzauster Bart. Das weiche, schwarze Haar sah ungekämmt aus, stand am Hinterkopf spröde ab und legte sich in wunderlichen Puffen um die schmale, hohe Stirn. Die hagere Gestalt war bis zum Halse in einen Rock, der nicht sitzen wollte, eingeknöpft und der Hemdkragen wurde von einer schwarzen Halsbinde verdeckt. Im Café war er ein unermüdlicher Zeitungsleser. Von früh am Nachmittage an, bis spät in die Nacht hinein, blieb er dort, trank eine Melange und begann zu lesen; meist stehend unter der Gasflamme, die eine Hand in den Haaren vergraben. War eine Zeitung durchgelesen, dann machte er sich mit unsicheren Schritten – denn die Stiefel waren schiefgetreten, auf, eine neue zu holen. Mit der einen Hand schloß er vorne seinen Rock, besorgt, daß nicht Jemand ein Geheimniß seines Anzuges erspähe. Die Kellner bedienten und behandelten ihn schlecht, er aber begegnete ihnen stets mit einem sehr hochmüthigen, spöttischen Gesicht. Mit diesem Gesicht saß er auch heute neben Oberwimmer, der munter und eifrig auf ihn einsprach. Noch zwei Freunde, die Rotter nicht kannte, gehörten zu der Gesellschaft; ein Mann mit einer Hasenscharte, die seinem Gesichte einen unangenehmen, höhnischen Ausdruck verlieh, und ein Jüngling, dessen bleiches Gesicht Züge von wunderbarer Regelmäßigkeit zeigte. Er trug einen alten Flausrock, der vorne offen ein nicht sauberes, grobes Hemd sehen ließ.

Endlich, in der anderen Ecke des Zimmers stand ein Kartentisch, an dem sich drei Herren niedergelassen hatten, ihre Biergläser vor sich, Taroquekarten in der Hand – um bei einer Ueberraschung durch die Polizei der Gesellschaft ein unschuldiges Ansehen zu geben. Da war Kökert, der Apotheker, »Einer der Unseren« nach Rotters Aussage; sehr gut gekleidet, einen Scheitel über den ganzen Kopf und einen gepflegten Vollbart –; ein rother, apoplektischer Gewürzwaarenhändler vom Neubau und Remder, Lothar's Hausgenosse.

»Wir setzen uns zu Klumpf, dort scheint es ernst,« beschloß Rotter und betrat mit einem lauten: »die Ehre!« vor. Die Meisten schracken ein wenig zusammen; der Gewürzhändler begann die Karten zu mischen; als sie jedoch Rotter erkannten, lachten sie.

Klumpf freute sich die Seinen zu sehen: »Kommt, setzt Euch. Die Freunde kennen unseren neuen Collegen noch nicht, – Brückmann – Meister Marbe – Lemke – Studiosus Racher – Dr. Satzinger.«

Satzinger war der kleine Alte, der Lothar begrüßte, indem er die Augen schloß und das Gesicht zusammenzog. Uebrigens war ihm die Störung unangenehm, denn er wollte weiter sprechen.

»Setzen Sie sich, meine Herren – nehmen Sie Platz. Ja! wie gesagt, diese Vereinigung der Arbeitgeber halte ich für einen Segen – hihi – was ich Segen nenne. Da wird es nicht mehr zu wässerigen Compromissen kommen. Leute liefert's uns in die Hände, Leute, denen nichts übrig bleibt als – die Revolution.« Er ließ dieses Wort klingen; er blähte die krause, schlaffe Haut seines Gesichtes auf wie einen Handschuh, in den man hineinbläst.

Aber Lemke unterbrach ihn: »Da wir jetzt vollzählig sind, gehen wir, denke ich, auf den Kern der Sache ein – hier sind wir ungestört.«

Da erschien auch Feitinger und der Wirth.

»Gut, Schindler,« rief Lemke, »daß Sie kommen. Wir beginnen ordnungsgemäß zu verhandeln; sperren Sie die Thüre.

Der Wirth jedoch widersprach, warum? Das erregt nur Verdacht. Dürfte er denn nicht Gäste bei sich sehen? Ein Namenstag. Was konnte die Polizei ihm anhaben? »Bleiben Sie nur sitzen, meine Herren – so sieht es sehr schön aus, ganz privat. Meine Frau bringt Bier.«

In der That erschien die bleiche Frau von vorhin mit Bier. Sie zeigte wieder das ergebene, mißmuthige Gesicht, als dächte sie: »Ich will von Euren Thorheiten Nichts wissen.« –

»Gut!« begann Lemke wieder und drehte sich mit beiden Händen die Spitzen seines Schnurrbartes in die Höhe. Seine Stimme war scharf wie ein Blechinstrument und unruhig wechselnd im Ausdruck. »Die Herren hier – ein neuer Club – suchen Fühlung mit uns. Man soll sich vereinigen, zusammen vorgehen. Mir ist das recht. Nur werden wir uns dann ein Wenig über unsere Grundanschauungen aussprechen müssen. Auf Kleinigkeiten brauchen wir uns nicht einzulassen. Aber wissen müssen wir, wie weit Einer auf den Anderen zählen kann. Da ist gleich die Bäckeraffaire; eine hübsche Gelegenheit zur Vereinigung. Diese Affaire kommt uns allen recht – nicht wahr? Wir alle wünschen, daß diese Arbeitseinstellung möglichst in die Länge gezogen wird – wie? Keiner widerspricht? Natürlich – denn diese kleinere Bewegung kann der Anfang einer großen – der großen Bewegung sein. Das hab' ich den Leuten gesagt. Diese Leute haben die Kipfel, daher Wien in der Hand. Es fehlt jedoch an Geld. So frage ich denn: sind die Herren bereit, mit uns zusammen in diesem Sinne zu arbeiten; haben die Herren vielleicht Mittel zu diesem Zweck? Oben werden bereits Beschwichtigungspflaster vorbereitet. Lassen wir die Leute im Stich, so kriechen sie zu Kreuz. Das ist meine Meinung – was sagt Dr. Klumpf dazu?« Befriedigt leerte Lemke sein Seidel auf einen Zug und sah Klumpf erwartungsvoll an.

Klumpf beugte seinen Kopf auf den Tisch herab; sein Gesicht nahm einen leidenden Ausdruck an und er dämpfte die Stimme, als er zu sprechen begann: »Die Mittel sind beschränkt. Der Zusammenhang der Partei hier in Oesterreich ist so lose, daß wir bei Arbeitseinstellungen – mehr dadurch zu helfen gezwungen sind, daß wir die Mittel angeben, wie...«

»Das kenne ich –« rief Lemke. »Ich frage nur, was in diesem uns vorliegenden Falle geschehen kann.« – Auf Klumpf's Wangen zeigten sich rothe Flecken; er wurde lebhaft.

»Ich verstehe wohl, was Sie meinen. Gewiß wollen wir den Leuten helfen, soweit es in unserer Macht steht. Nach Rücksprache mit den Genossen, will ich Ihnen morgen genauere Auskunft über den Umfang unserer Mittel geben. Gewiß, recht gern. Nur vermag ich nicht allzu große Hoffnungen an dieses Ereigniß zu knüpfen.«

»Oho!« meinte Lemke ironisch.

»Was wollen diese armen Burschen?« fuhr Klumpf fort. »Sie sind in grausamer und roher Weise von ihren Arbeitgebern ausgenützt worden. Sie wollen sich eine bessere Behandlung, materielle Vortheile erzwingen. Und, so weit es an uns liegt, sollen und müssen sie dieselben erlangen. Nur möchte ich einem Mißverständniß vorbeugen. Ist dieses das Material, aus dem die große Bewegung – die Revolution – wie Dr. Satzinger sagt – gemacht wird? wissen diese Leute etwas von dem, was wir wollen? Sie kämpfen um ein besseres Bett, einige Kreuzer Lohn, einen Teller Suppe. Geben Sie ihnen das Verlangte, geben Sie ihnen die Hälfte und die werden nach unseren Zwecken, nach dem Schicksal unserer Gesellschaft Níchts fragen. Unsere Aufgabe ist daher, zu verhüten, daß sie gänzlich besiegt werden und, ohne etwas erreicht zu haben, in ihr früheres Elend zurückkehren.«

Satzinger lachte und trommelte mit den Fingern munter auf den Tisch. »Das ist gut – das ist gut. Laßt sie Nichts kriegen.«

»Und wird es auch nur ein halber Sieg,« fuhr Klumpf mit erhobener Stimme fort; »so gewöhnen sie sich doch an das Siegen, lernen – ihre Macht verstehen. Es hilft Nichts, diesen armen Leuten die Köpfe zu erhitzen, indem wir ihnen sagen, sie seien die Träger der großen Sache. Die kennen die große Sache nicht. Und meine Herren – hüten wir uns vor der Verwirrung um jeden Preis, vor der Revolution der Unwissenden. Mögen die Unterdrückten ihre Macht erkennen, ihr Bedürfniß nach der großen Umwandelung und dann werden sie klarsehend, siegesgewiß, ruhig und edel zur Befreiung aufstehen. Die Lehre verbreiten, das ist unsere Pflicht. Als Lehrstunde nur sehe ich auch das gegenwärtige Ereigniß an. Lehren wir die armen Unterdrückten siegen.« Er schwieg und lehnte sich zurück. Sein Gesicht trug noch den ernsten, schmerzvollen Ausdruck und er sah Niemanden an, sondern ließ seinen Blick über die Köpfe der Anwesenden zur Decke schweifen.

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