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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Branisch erhob sich, streckte sich in seiner ganzen Länge in die Höhe und begann mit schneidendem, metalligem Stimmton zu sprechen. Die anderen schwiegen sofort. »Jetzt, da die erste Nummer bereits gedruckt ist, scheint es mir nicht an der Zeit, über das grundlegende Princip des Unternehmens zu streiten. Ich dächte, darüber waren wir im Klaren, ehe wir begannen. All' diesen sogenannten Volksblättern gegenüber, demokratischen und socialen Blättern, die auf der ersten Seite der Freiheit Liebeserklärungen machen und auf der letzten Seite schiefe Börsenunternehmen, wucherische Banken und Lotto-Collecteure anpreisen, sollte ein offizielles Organ der Partei gegründet werden, an welches ein Jeder sich halten kann, wenn er die Wahrheit erfahren will. Dieses der erste Zweck. Ein weiterer Zweck ich der pädagogische; das ist: die Massen in die Weltanschauung der Partei hineinzugewöhnen. Der Abonnent, der seine Nachrichten durch unser Blatt erhält, wird gewohnheitsmäßig und allmählig dazu gebracht, die Welt in dem Lichte zu betrachten, in welchem wir sie ihm darstellen. Das sind, denke ich, die Principien, von denen wir uns leiten lassen.« Er hielt inne und wartete. Da die Andern schwiegen und Lippsen nur ein »Unbedingt!« knurrte, fuhr er fort: »Das wollte ich klarlegen. Diese selbstgegebenen Gesetze stehen fest. Die Artikel werden von der Redaktion nach diesen Principien durchgesehen. Freund Rotter mag seiner Begeisterung freien Lauf lassen, wir werden nachträglich die Spitzen, die den Staatsanwalt zu empfindlich stacheln, schon abschleifen.«

Branisch setzte sich nieder, und machte eine Miene, die deutlich zeigte, daß er nun die Angelegenheit für erledigt hielt. Sie schien es auch zu sein, denn die allgemeine Unterhaltung wurde nicht wieder aufgenommen.

»Was fragtest Du den Staat vorhin?« fragte Rotter Oberwimmer.

»Ich? Jaso!« erwiderte dieser. »Ich schrieb eine Kritik über den Bericht der Gewerbeinspectoren... ehe ich das Zeug vergesse.

»Was war denn da zu fragen?«

»Hm« – meinte Oberwimmer und lächelte schüchtern. »Ich constatire, daß der Staat die bestehenden Uebelstände voll anerkennt. Nun frage ich: was thut er, um sie abzustellen?«

»Jesus!« brummte Lippsen und ließ die Haarbüschel auf seiner Oberlippe lebhaft auf und ab wippen. »Das nenne ich eine unschuldige Frage! Nichts thut er – wenn Du die Antwort willst; das weiß jedes Kind. Er – der Staat – wir dir sagen: Uebelstände? Das ist relativ, so lange es nicht Allen schlecht geht, und uns, den Fabrikanten, den Kapitalisten, uns, der Speckseite des Staates, geht es – Gott sei Dank – leidlich.«

»Das ist es ja eben!« rief Oberwimmer und erröthete; doch Lippsen unterbrach ihn: »Du solltest lieber den Schreiber nach Sodawasser schicken, statt solche Fragen zu thun.«

»Er ist schon fort,« erwiderte Oberwimmer, »ich ließ mir Cigarren holen. Doch warte, ich gehe zu der Frau Fliege hinüber, die soll die Lini schicken.« Geschäftig eilte er fort.

»Also heute erscheint die erste Nummer,« wandte sich Lothar an Klumpf, der die ganze Zeit über geraucht und zur Decke empor gesehen hatte. Er schauerte zusammen, als erwachte er aus einem Traum. »Freilich,« sagte er, »das wußten Sie nicht? Um sechs Uhr soll das erste Blatt gebracht werden. Darauf warten wir. Es ist eigen, welche Wichtigkeit solch' ein Stück Papier annimmt. Ich denke an dieses erste Blatt, wie an etwas Lebendes; denn so viel Leben hängt daran.«

»Eigentlich, wenn es kommt, müßte Wein da sein, um es zu begießen,« bemerkte Lippsen.

»Natürlich!« rief Rotter, »- eine Weihe – oder – giebt es nicht was Antiques, das dem ähnlich ist?«

»Das ich nicht wüßte,« sagte Lippsen. »Gleichviel! Wo ist denn der Oberwimmer?«

Eben kam er zurück. »Die Alte hat mich aufgehalten. Sie hat eben von der Kaiserin Marie-Anne geträumt und wollte mir das erzählen.«

»Hier handelt es sich um Wichtigeres, es ist kein Wein da. Wenn nun das Blatt kommt...«

»Daran hab' ich nicht gedacht.«

»Ja – aber Wein muß da sein. Schon um mit Brückmann Brüderschaft zu trinken, denn mit dem »Sie« geht es doch nicht.«

Oberwimmer dachte nach. »Die Lini und den Schreiber habe ich fortgeschickt. Uebrigens gehe ich selber.« Und wieder war er fort.

»Das erste Blatt wäre fertig,« begann Branisch in seiner ernsten, belehrenden Weise. »Sprechen wir von dem nächsten. Oberwimmer hat eine Kritik des Berichtes der Gewerbeinspectoren gestellt. Gut! Ich habe eine Arbeit über ländliche Arbeiterwohnungen vorbereitet. Was noch? Vielleicht haben Sie noch etwas?« Dabei blickte er Lothar mit seinen Schlangenaugen an.

»Ich habe an einen Artikel über die freie Zeit bei richtiger Arbeitsvertheilung gedacht.«

»Wie das?« –

Lothar wurde ein wenig schüchtern unter Branisch' forschendem Blick – – er sollte eine Probe seines Könnens geben. »Diese Frage beschäftigt mich seit einiger Zeit. Da es lauter arbeitende Menschen geben wird, so wird ein jeder mehr Zeit übrig – haben, die Früchte der Arbeit zu genießen.«

»Dreistündiger Arbeitstag – bekannt« – – warf Lippsen ein.

»Zieht man von dem Tage,« fuhr Lothar fort – »auch die Zeit ab, die ein Jeder für persönliche Bedürfnisse, für seine Familie, oder für Studien aufwendet, so bleibt immerhin noch ein beträchtlicher Teil...«

»Zum Bummeln,« ergänzte wieder Lippsen.

»Ja – wenn Sie wollen. Ich versuche es nun klar zu legen, wie im Zukunftsstaat jedes freie Theil des Tages aussehen wird. Worin besteht der Genuß und die Erholung des Bürgers eines solchen Staates?«

»Sehr schön!« fuhr Klumpf auf. »Wie oft habe ich mich nicht in solch' einen Tag hineingeträumt. Ich kann Euch sagen, wie die Straße dann aussehen wird. Der große gemeinsame Arbeitstat ist zu Ende. Gesunde Müdigkeit in den Gliedern, schlendert man die Straße entlang, – und diese Straße trägt ein munteres, festliches Ansehen. Arm in Arm gehen die Leute spazieren, und geh' ich an ihnen vorüber, fliegt ein Wort ihrer Unterredung zu mir herüber, so weiß ich, wovon sie sprechen, denn woran sie arbeiten, daran thue auch ich mit; ein jeder nach seiner Weise, aber wir wissen, daß es die eine große Arbeit ist, das eine Interesse, welches uns alle verbindet. Schräge, rothe Sonnenstrahlen liegen auf all' den zufriedenen Gesichtern, den Kinderköpfen...«

»Erlaube, Klumpf – – Du träumst,« unterbrach ihn Lippsen. »Warum gerade schräge, rothe Sonnenstrahlen?«

Klumpf lächelte. »Du hast wohl Recht! Ich kann Dir auch angeben, woher die rothen Sonnenstrahlen in das Bild kommen. In meiner Vaterstadt, drüben in Schwaben, da schwebt mir der Samstagabend meiner Kindheit in einem bestimmten Bilde vor – die Gasse, die hinausziehenden Leute, die abendlichen Sonnenstrahlen, die Kirchenglocken. Nun und mehr Ehre kann ich dem Abend des socialen Staates nicht anthun, als ihm dieses liebe Bild zu leihen.«

»Nur die Kirchenglocken, die passen da nicht hinein,« wandte Rotter ein.

»Warum?« erwiderte Klumpf nachdenklich, »warum sollte etwas so Hübsches fehlen? Läuten die Glocken nicht mehr den Sonntag ein, so können sie ja die frohe Stunde des Tages einläuten. Warum sollten die angenehmen Gefühle, die wir jetzt Andacht, ahnungsvolles Insichgehen nennen, fortgestrichen werden? Im Gegentheil! für all' das wird mehr Raum als jetzt sein. Und die schönen Bauwerke, die jetzt der Religion dienen, werden dann im Dienste einer neuen Andacht stehen. Große Männer werden dort ihre Gedanken dem Volke mittheilen. Die Akademie, die Stoa waren für die Griechen Lustorte. Nun, der Stephansdom wird unser Erholungsort sein.«

Lothar sah im Geiste Klumpf mit seinem mystischen Gesicht auf der Kanzel eines Domes stehen und den Zuhörern mit weicher, tiefer Stimme seine Träumereien predigen.

»Für manche wird das ganz gut sein« – meinte Rotter – »der große Haufe aber...«

»Kann wie heute Bier trinken – Staatsbier,« brummte Lippsen, »auf der Staatsbahn Kegel schieben und kannegießern; davon wird Nichts abgeschafft.«

»Wie der Staat die Arbeit in die Hand nimmt,« versetzte Lothar, »so wird er auch die Erholung der Bürger leiten. Durch die Organisation des socialen Staates wird die Geselligkeit naturgemäß eine größere; weniger entgegengesetzte – mehr gemeinsame Interessen; das verbindet. Es wird keiner Vergnügungsschlupfwinkel mehr bedürfen, wo einer sich heimlich einen guten Tag macht – – sondern große Luftplätze, wo ein ganzes Volk bei einander wohnen kann.«

Rotter schlug Lothar auf das Bein. »Bruder – da wollen wir aufleben!« Die Begierde, den fröhlichen, socialen Staat schon fix und fertig zu sehen, machte ihn unruhig – zuckte ihm in allen Gliedern.

Branisch wollte nun auch seinerseits die Untersuchung aufnehmen, als er von dem Lärm einer Schaar Menschen, die in das Zimmer stürmte, unterbrochen ward. Voran Oberwimmer mit einem Korb voller Weinflaschen, hinterher Lini mit Sodawasser, der Schreiber mit Cigarren, endlich ein Bube, der das erste Blatt der »Zukunft« brachte.

»Sie ist da – die Zukunft,« verkündete Oberwimmer.

Alle umdrängten den Buben. Ein jeder wollte das noch feuchte Blatt betrachten und befühlen. »Famos!« – »Sehr anständig!« –

»Klumpf sollte uns seinen Eingangsartikel vortragen,« schlug Lippsen vor. »Das wird eine Art Weihe sein, wie Rotter sie wünscht.«

»Nein – zuerst muß getrunken werden –« rief Oberwimmer, die Gläser füllend. »Es lebe die Zukunft – hoch! Lini, hier ist für Sie ein Glas. Du – Bub' – trink'! Brückmann – auf Du und Du.«

»Jetzt still – Klumpf liest!« befahl Branisch.

Ein jeder setzte sich auf seinen Platz. Lini, der Schreiber und der Austräger standen – ihre Gläser in der Hand haltend – an der Wand. Oberwimmer hatte sich entfernt, um auch der Frau Fliege einen Tropfen Wein zu bringen.

Klumpf las. Der Artikel behandelte das Glücksproblem in der schwungvollen, ein wenig phantastischen Art, die Klumpf eigen war. Das stete Suchen und Streben nach dem Glück – hieß es – setzte ein Wissen um solch' einen Zustand voraus. Daß dieser ideale Zustand nicht erreicht worden sei, bewiese nicht, daß er unerreichbar, – sondern nur, daß die eingeschlagenen Wege die rechten nicht seien. Das Elend ist alt wie die Menschheit. Ja – welches ist der Maßstab, an dem Ihr das Alter der Menschheit meßt? Wer rechnet es aus, wie lang das Leben ist, welches noch vor ihr liegt? Die Jahre der Blüthe, der Reife kommen nach. Sie schlug einen falschen Weg ein – sie muß umkehren – – was weiter?... Ja – aber davor fürchtet sich die Gesellschaft. Hierauf setzte er auseinander, wie die sociale Lehre eben von diesem Wissen um das Glück, von der Idee des Glückes – die in jeder Menschenbrust liegt – ausgehend, die Mittel zur Verwirklichung gesucht habe. Sie sind gefunden, diese Mittel. Vorsichtig wurde der Bruch mit dem Bestehenden berührt und kurz darauf hingewiesen, wie die neue sociale Wirthschaftslehre das einzig sichere Gerippe bilde, auf dem ein neues Leben, einen neue Gesellschaft erblühen könne. Am Schluß endlich wurde der Zweck dieser Blätter erörtert. Sie sollten rathen, belehren, immer auf den Ausweg aus dem Labyrinth, in welches die Menschheit sich verloren hat, hinweisen – und alle Klagen, alle Leiden der Bedrängten, solle in ihnen niedergelegt werden.

»Wir wollen Eure Wunden, Eure Leiden durchmustern, studiren, Ihr armen, bedrückten Brüder. O! wüßtet Ihr, wie unsere Herzen vor Mitleid brennen, wie der Gedanke an Euer karges Leben uns jeden Genuß vergällt – Ihr würdet vertrauend Euch nahen. Glaubt! aus diesen Blättern spricht ein Freundesmund zu Euch, schlägt Euch ein Herz entgegen – das wund ist von Euren Schmerzen und Thränen.«

Klumpf hielt inne – von den eigenen Worten bewegt. Die Anderen saßen still und nachdenklich da, als hörten sie noch die schöne tiefe Stimme. Lippsen hatte beide Füße auf den Sessel hinaufgezogen, die Augen hinter den Brillengläsern geschlossen und so in sich zusammengekauert, glich er einem ruppigen Kater, dem es wohl ist. Rotter war so begeistert, daß er sich mit glänzenden Augen vorbeugte – mitsprechen – mitthun wollte. Lini, die Hände um das Weinglas gefaltet, lehnte andächtig an der Wand; neben ihr der Bube mit weitaufgerissenen Augen – schwindlig vom Wein und der feierlichen Stimme des Vorlesers.

Lothar erhob sich. Es war schwül im Gemach und die Luft so voller Tabaksqualm, daß Einer den Anderen nicht zu sehen vermochte. Er trat an das Fenster und lehnte sich hinaus. Unten lag ein enger Hof, der von den hohen Häusern umgeben, das Aussehen eines tiefen Brunnens voller Dämmerung hatte. Es mußte um die Zeit des Sonnenuntergangs sein, denn an dem viereckigen Stückchen Himmel über den Dächern hingen blaßrothe Wolken und durch den Spalt zwischen den Häusern stahl sich ein wenig rothes Licht herein. Vom Grunde des Brunnens aber tönte ein Lied zu Lothar herauf, mäckernd und mißmuthig. Eine alte Frau stand dort über ihren Kübel gebeugt und spülte Salatblätter. In einer anderen Ecke des Hofes waren zwei Arbeiter beschäftigt, Kisten zu vernageln, unter der Aufsicht eines dicken Herrn, der, die Cigarre zwischen den Zähnen, die Hände in den Hosentaschen, mit knarrender Stimme Befehle ertheilte. Wie alltäglich und gleichgültig klang das Klapp-klapp der Hämmer, das verdrießliche Trällern der alten Frau! Sie ahnten dort unten nicht, die Armen, daß hier Männer, berauscht von Mitleid, den Festtag der Menschheit vorbereiteten!

»Gehen wir auf die Gasse hinab,« rief Oberwimmer, »wir schöpfen ein wenig Luft und essen dann zusammen. Es ist heute doch ein Geburtstag.« Sie brachen auf. Indem sie durch den Flur gingen, rief ein jeder ein »Guten Abend, Frau Fliege!« der alten Frau im Nebenzimmer zu! und diese nickte sehr höflich und antwortete mit einem: »Die Ehre, Herr Doctor.«

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