Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Graf Keyserling >

Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
Schließen

Navigation:

III.

Der kleine Hofraum des Gasthauses »zum rothen Rössel« war voller Sonnenhitze und Menschen; kaum vermochte Lothar sich zwischen den Tischen und Stühlen dort unter dem wilden Wein und den Oleanderstauden hindurchzuwinden. Beamte mit ihren Frauen, Offiziere, Studenten und Schauspieler saßen hier; die Kellner stöhnten unter der Last der gefüllten Teller, die sie ab- und zutrugen. Lothar mußte an einem Tische Platz nehmen, an welchem bereits ein älterer Herr und eine junge Dame saßen. Es fiel ihm auf, daß sein Erscheinen Aufsehen erregte; man sah sich nach ihm um, fragte sich leise: »wer ist das?« Auch der Herr an Lothar's Tisch flüsterte der Dame zu: »Eine neue Erscheinung! Ein Fremder.« Lothar war das lästig. Er war zwar dafür, daß die Menschen mit einander lebten wie eine große Familie; wenn er jedoch in ein Gasthaus ging, mochte er nicht das Gefühl haben, als trete er als Fremder in eine Familienstube. Um so lieber war es ihm, daß er Rotter's schlanke Gestalt durch die engen Gäßchen der Tische auf sich zusteuern sah, den breiten Filzhut schon aus der Ferne schwenkend. Bevor er bis zu Lothar gelangte, mußte er nach allen Seiten hin grüßen; hier ein: »Ich hab' die Ehr' –«, dort ein: »Servus«; dann stand er vor Lothar, lachte, daß man all' seine Zähne sah, umfaßte Lothar mit beiden Armen und küßte ihn auf den Mund: »Servus! Grüß' Gott! Bruder. So findet man sich wieder! Ich hab' Dich aber erwartet! Die Anderen haben mich dafür verantwortlich gemacht, daß Du nicht kamst. Als ob ich Dich in der Tasche hätte. Nun, das ist gescheut, daß wir Dich haben.« Er war noch immer derselbe stürmische, vielredende, gute Junge, der er in Leipzig gewesen. »Jesus! was man nicht alles zu besprechen hat! Was hier für Dinge vorgehn! doch davon später.« Plötzlich verbeugte er sich gegen den alten Herrn am Tisch: »Die Ehre, Doctor! – ein heißer Tag... Grüß Gott, Remder, wie geht es mit der Gesundheit?« – – Dabei reichte er der Dame die Hand.

»Ich danke, Rotter, wie gewöhnlich« – erwiderte sie. Sie war ein hohes schlankes Mädchen, das den Dreißigern nicht mehr fern sein konnte. Ihr bleiches Gesicht hatte regelmäßige scharfe Züge; über den länglichen, braunen Augen standen die dunklen Brauen so nah bei einander, daß sie sich beim geringsten Zucken der Stirn berührten; der Mund mit den zu schmalen Lippen verzog sich beim Sprechen ein wenig schief. »Komm, Vater,« sagte sie und stand auf – »es ist Zeit, zu gehen!... Grüßen Sie Ihre liebe Frau, Rotter.«

Der alte Herr mit dem rothen Gesicht und den genußsüchtigen, blanken Aeuglein, wäre offenbar noch gern geblieben und folgte seiner Tochter nur widerwillig.

»Gut, daß sie fort sind« – meinte Rotter – »jetzt können wir plaudern.«

»Wer war dieser Doctor?« fragte Lothar.

»Ah! er ist eigentlich kein Doctor – glaube ich. Remder heißt er. Dein Hausgenosse übrigens. Er war Notar, hatte Unannehmlichkeiten und verlor seinen Posten. Ein Schuldenmacher. Die Tochter thut mir leid; ein kluges, edles Mädchen. Sie erhält sich und den Vater durch Klavierstunden, denn was der Alte als Advocatenschreiber verdient, wird sofort verjubelt. Ja, ein außerordentliches Mädchen, diese Amalie Remder, einer der Unseren, eine Frau der Zukunft.«

»Sie ließ Deine Frau grüßen – bist Du denn verheirathet?«

Rotter lachte. »Ja, es hat sich so manches geändert! Verheirathet... nenn' es, wie Du willst. In unserem Sinn gewiß. Ich schrieb Dir von der Peppi!«

»Ja, ich weiß. Eine Steyrerin, ein Dienstmädchen.«

»Dieselbe. Köchin war sie; eine sehr gute Köchin. Es dauerte schon zwei Jahre, daß wir uns alle Sonntage trafen. So etwas hat man in unserem Berufe nöthig. Die Arbeit, die Genossen, die Partei, das ist Alles sehr schön, ist gewiß die Hauptsache, aber der Mensch muß sich erholen, nicht wahr? Wenigstens ein Mal in der Woche. Daß es gerade der Sonntag war, weißt Du, das ist alte Gewohnheit aus der Kinderzeit. Die Peppi hätte an einem andern Tage auch nicht kommen können. Und solch' ein Frauenzimmer, das aus seiner stillen Küche kommt, die ganze Woche hindurch sich auf Dich gefreut hat, nur an Dich denkt – Du bist ihm sein Sonntag – siehst Du – – das – das bringt Frieden.«

»Das verstehe ich wohl. Und dieses Mädchen...?«

»Warte! Es kam bunter. Die Peppi ward guter Hoffnung. Angenehm ist diese Zeit nicht gewesen. Die Mädchen regen sich über so etwas auf. Sie mußte bei einer Hebamme eingemiethet werden. Was mich das Geld gekostet! Und als das Kind da war, ein schönes Madl – sag' ich Dir, was sollte ich thun? Ich hab' die Peppi zu mit genommen und ich bin sehr zufrieden. Es sieht bei mir jetzt ganz anders aus! Das gute Essen und die Knöpfe an den Hemden – Du wirst es ja sehen!... Glaube mir! Wenn Du erst länger mit uns dieses Leben hier gelebt haben wirst, dann wirst Du Dich auch nach so etwas umthun... und das ist unbedingt nöthig«.... Er hielt inne, ganz erhitzt von dem Eifer, mit dem er erzählt hatte, und Lothar mit strahlenden Augen anblickend, lachte er kindlich: »Gewiß – Bruder – Du glaubst es kaum, was für Knödel sie macht!«

Lothar mußte auch lachen, und es wurde ihm behaglich zu Muthe, während er die hübsche Begeisterung seines Freundes ansah. »Du hast Recht gethan,« versetzte er. »Jemehr wir gezwungen sind, unsere Thätigkeit nach außen hin auszubreiten, um so nöthiger ist uns ein kleiner, friedlicher Punkt, auf dem wir uns zurückziehen können, um uns zu sammeln.«

»Richtig, Bruder!« fiel Rotter ein, froh über die ernste Art, in der Lothar sein Verhältniß beurtheilte. »Man muß solch' ein Plätzchen haben, welches der Mittelpunkt, der Ruhepunkt ist – – so wie die Spinne ein Centrum hat, von dem aus sie ihre Fäden zieht. Auch von unserm Standpunkte aus, ist das eigentlich das einzig Richtige. Weißt Du... die Familie als Urzelle angesehen, von der aus wächst es weiter...«

»Wie ist es denn mit der Redaktion?« unterbrach ihn Lothar.

»Da ist viel zu erzählen!« meinte Rotter und schaute sich vorsichtig um. Der Hof war leer geworden; einzelne Nachzügler nur saßen noch vor ihren Krügeln. In einer Ecke hielten die Kellner und Kellnerburschen ihr Mittagsmahl, und auf die leergewordenen Tische und Stühle hatte sich eine Schar Spatzen geworfen. »Um drei Uhr wollen wir hin, da stelle ich Dich vor. Du weißt doch, die Redaktion ist in dem Hause, in dem Du wohnst? Das hab' ich ja eingerichtet. Du kennst keinen von ihnen?«

»Doch! Lippsen kenn ich, der war in Genf.«

»Ganz Recht, Lippsen!« Rotter lachte. »Nun, der ist noch immer der wunderliche kleine Kauz, der er war; lebt in einem schönen Hause sein weiches Leben, macht seine spitzen Bemerkungen. Ein wenig zu gut lebt er – –; gut, er ist reich, aber bei seinen Ueberzeugungen sollte er nicht diesen Aufwand treiben; ich sage Dir, seidene Vorhänge und große Lampen. Gleichviel! das ist Nebensache! Er bleibt immerhin ein seltner Kerl, und erst seine Frau, ein Engel.« –

– – »Und die andern?« fragte Lothar, »Klumpf, Branisch?«

»O! Klumpf ist ein Genie, der wird Dich bezaubern. Was er anfaßt, bekommt Schwung, Poesie, er wird dem Unternehmen den vornehmen Anstrich geben. Zuweilen ist er vielleicht zu vornehm. Alles verletzt ihn; mit dem Volke kann er nicht verkehren. Erstens spricht er zu hoch für die einfachen Leute, zuviel Plato, zuviel von der Idee; er kann den Docenten noch nicht vergessen; und dann, wenn Einer nicht ganz reinlich oder betrunken ist, so thut ihm das gleich weh, es ist gegen seine Natur. Doch dabei ein Herz – rein, wie ein Kind. Einen Engel – nein – einen Erzengel stelle ich mir wie den Klumpf vor,« – – setzte er zögernd hinzu. »Der Branisch dagegen – – ein Feuer-Kopf, eine Energie wie Eisen. Der ist unser Feldherr, unser Organisator, eine Art Lasalle. Wenn er mit den Leuten spricht, dann packt es sie, sie müssen thun, was er will. Wenn die Sache nicht unter der Leitung von Leuten wie Klumpf und Branisch geht, so geht sie überhaupt nicht.«

»Ich habe viel von ihnen gehört,« sagte Lothar, »wir haben aber da noch Einen, den ich nicht kenne.«

»Oberwimmer!« Rotter lachte wieder. »Den kennst Du nicht? Der hat so zu sagen die ganze Sache in Zug gebracht. Du wirst ihm das nicht ansehn! Was der nicht alles durchsetzt. Mit Polizei und Ministern geht er um, wie mit Schachfiguren und sieht aus, wie ein Mädchen. Keiner glaubte an die Concession für die Zeitung. Er sagte, sie wird ertheilt werden, und sie war da. Wie er das macht, weiß der Teufel. Er versteht so einschmeichelnd mit Arbeitern und Oberlandesgerichtsräthen zu sprechen... und immer lustig, immer aufgelegt zum Kneipen. Ich habe mich sehr an ihn geschlossen. Wir waren bisher so zu sagen die Irdischen in unserem Club, denn Klumpf und Branisch nehmen die Sache von sehr hoch. In seinen Ansichten ist der Oberwimmer derjenige von uns, der am meisten nach links neigt – – und er hat vielleicht Recht. Die rein negativen Richtungen sind für die Sache nicht ohne Nutzen. Sie besitzen großen Einfluß und es käme darauf an, sich Autorität bei ihnen.... das kann ich Dir übrigens hier nicht auseinandersetzen, der Zahlkellner spitzt schon die Ohren; aber soviel sag' ich nur, zu vornehm dürfen wir gegen die anderen Clubs nicht sein. Komm! gehen wir in die Redaktion, da wirst Du selbst urtheilen. Zahlen!«

* * *

Die Redaktion der »Zukunft« befand sich im vierten Stock des Hauses Nr. 2 der Margarethenstraße. Um hinein zu gelangen, mußte man eine schmale Flur durchschreiten. Auf der einen Seite derselben sah man durch eine geöffnete Thüre in ein freundliches Zimmer mit weißen Tapeten hinein. Eine alte Frau, das runzelige Gesicht von einer Spitzenhaube umrahmt, saß auf einem Lehnsessel am Fenster und wärmte sich im Sonnenstrahl, der durch das Laub der Topfpflanzen auf dem Fensterbrett auf sie fiel. Den Kopf zurückgebogen, schlummerte sie. Zu ihren Füßen, auf einem Schemel, saß ein schmächtiges, sechzehnjähriges Mädchen; dünnes, flachsblondes Haar war ihm am Nacken zu einem mageren Knötchen aufgesteckt; das bleiche, lasterhafte Gesichtchen steckte es in ein Buch, aus dem es mit traurig singender Stimme vorlas, daß es wie ein Schlummerlied klang. »Das ist die Frau Fliege – – von der haben wir die Zimmer gemiethet,« erklärte Rotter. »Eine brave, alte Frau; unsere Zukunfts-Wittwe, wie Oberwimmer sie nennt. Wir gehen hier rechts.« Die Redaktion bestand aus zwei Zimmern, die nach einem kleinen Nebenhof hinauslagen, und daher stets eine bleiche, graue Beleuchtung hatten. In der Mitte des ersten Zimmers befand sich ein großer Schreibtisch von Stühlen umringt. Ein kleiner Tisch stand an dem einen Fenster, ein Stehpult an dem anderen. Von der Decke hing eine mächtige Lampe mit grünem Schirm nieder. An dem Mitteltisch saß ein kränklich aussehender Schreiber und schrieb, während neben ihm Oberwimmer auf dem Sitzbock des Stehpultes ritt, eine mittelgroße Gestalt, sehr sorgsam gekleidet; ein hübsches, zartes Knabengesicht mit kurzsichtigen, graublauen Augen, rothen Wangen und Lippen und einer Fülle kurzer, blonder Locken. Mit hoher Stimme diktirte er dem Schreiber etwas und drehte sich auf seinem Sitzbock in die Runde. »Die Verpflichtungen gegen den armen Mann hat der Staat anerkannt. – Haben Sie anerkannt? – Nun frage ich...« Als Lothar und Rotter in das Zimmer traten, hielt er inne und nickte ihnen von seinem hohen Sitz aus lächelnd zu. »Ah! der neue Bruder! Grüß' Gott! Längst erwartet.« Und er streckte ihnen eine weiße, weiche Hand mit einem Diamantenring am Finger entgegen.

»Ich beende hier noch diesen Artikel, da ich gerade im Zuge bin. Er taugt zwar nicht viel, muß aber gemacht werden. Die Anderen sind bei Klumpf und warten. Ich komme sofort nach.« Und er wandte sich wieder seinem Schreiber zu: »Nun frage ich.« Das Zimmer neben an war das Gemach des Chefredakteurs und sah behaglicher aus. An den Fenstern hingen schwere, dunkle Vorhänge. In einer Ecke stand eine Büste von Plato, in der anderen eine von Sokrates; an der Wand hing ein Stich nach Rafaels Disputa. Das Zimmer war voller Tabaksrauch und es wurde laut gesprochen. Als Lothar eintrat, schwiegen die Stimmen und vom Sopha, wo er gelegen, erhob sich ein langer Mann, um Lothar zu begrüßen: »Da ist der Langersehnte! Sie begannen uns bereits zu fehlen. Ich bin Klumpf. Hier Branisch und Lippsen.«

Lothar hatte Klumpf sofort erkannt, so hatte er ihn sich vorgestellt: eine hohe, schmale Gestalt, das Gesicht elfenbeinfarben mit feinen scharfen Zügen; der Vollbart und das Haar waren schwarz und die länglichen Augen grau, von langen Wimpern umgeben. In ihnen leuchtete ein sanfter, feuchter Glanz, wie in Frauenaugen. So konnte nur Klumpf, der Realist, der Plato der Partei aussehen. Auch Branisch trat heran, um dem Ankömmling die Hand zu drücken. »Der sieht aus wie ein Aristokrat,« dachte Lothar. Die kräftige, hohe Gestalt trug einen kleinen Kopf voll kurzer, lockiger Haare, – aus dem broncefarbnen Gesicht schauten die Augen unter der mächtigen Stirn ein wenig gedrückt hervor – blank und stechend wie Schlangenaugen; der dunkelblonde, kurze Bart war am Kinn gescheitelt.

Lippsen, ein alter Bekannter, reichte ohne aufzustehen, vom Sessel aus, Lothar die Hand. Ein gnomenhafter, kleiner Mann; die eine Schulter ein wenig zu hoch, die hervortretenden, blauen Augen hinter runden Brillengläsern, einige ungeordnete, röthliche Haarbüschel auf der Oberlippe, ungeordnete Haarbüschel auf dem Kopfe, kauerte er in seinem Sessel und machte ein spöttisches Gesicht. »Nun, was macht der Alte in Genf,« fragte er, »ist er schon unzufrieden mit uns?«

»Bisher,« meinte Lothar, »hofft er Großes von dem Unternehmen. Er trug mir auf, hier seine besten Wünsche auszusprechen. Auch einige Rathschläge gab er mir mit auf den Weg.«

»Ah! lassen Sie doch hören!«

»Er scheint besorgt zu sein, daß wir zu zahl werden.«

»In wie fern?« warf Branisch scharf ein.

»Er meint: wir sollten es uns nicht einfallen lassen, zu diplomatisieren, aus Furcht, daß das Blatt untersagt würde. Wir glauben vielleicht zu nützen, indem wir uns mäßigen und die Zeitung halten; die Partei aber, das Volk, wird durch diese Mäßigung und dieses Verschleiern irre. Wenn man die Wahrheit sagt, soll man die ganze Wahrheit sagen.«

»Die Herren in Genf haben gut predigen,« fiel Branisch ungeduldig ein. »Ich habe unseren Plan doch deutlich genug nach Genf berichtet. Wir wollen die theoretische Seite der Lehre in faßlicher Weise auseinandersetzen. Das ist unser nächster Zweck. Das Laufende der Tagesnachrichten u. s. w. soll im Lichte dieser Lehre dargestellt werden. Kritik ist nicht ausgeschlossen. Aber wollten wir in dem Sinn jener Herren vorgehen, so könnten wir uns die ganze Mühe ersparen.«

»Freilich!« meinte Lippsen, »wollten wir Genferisch schreiben – so würden wir nur einen Leser haben, der nicht ein Mal Abonnent wäre, den Staatsanwalt.«

»Sie sollten dort doch abwarten,« sagte Branisch. »Es ist ein Versuch. Aber diese Herren werden beständig von dem Gespenst der Lauheit gequält.«

In der Thüre war Oberwimmer erschienen und mischte sich sofort lebhaft in die Unterhaltung. »Ja, ja – wir haben oft schon darüber gesprochen. Branisch's und meine Ansichten gehen ein wenig auseinander; aber es liegt gewiß eine Gefahr darin, den Bourgeoiston anzuschlagen. Erstens stößt er das Volk ab, macht es mißtrauisch.«

»Warum Bourgeoiston?« rief Branisch. »Wer wird diesen Ton anschlagen? Der Ton kann so brüderlich, so volksthümlich wie nur möglich sein und doch vermeiden, dem Staatsanwalt eine Handhabe zu bieten, sonst hat das ganze Unternehmen keinen Sinn.«

»Stilfrage,« warf Lippsen hin.

Rotter war auf seinem Stuhl sehr unruhig geworden, er brannte vor Begier, auch seine Meinung zu äußern. Nun begann er so laut, daß er Oberwimmer überschrie, der auch etwas sagen wollte. »Ganz Unrecht kann ich den Genfern nicht geben. Aus Erfahrung weiß ich es, wie der stete Gedanke: »was wird der Staatsanwalt dazu sagen« – die Begeisterung bei der Production lähmt. Wir wollen mit dem Volke sprechen, wie von Bruder zu Bruder. Nun kommt dieses Verstecken. –«

»Nein,« meinte Oberwimmer, »eine gewisse Zurückhaltung im Ton billige ich. Schließlich gibt es doch eine Sprache, die nur von Parteigenossen verstanden wird und den Außenstehenden ganz unschuldig erscheint. Der Inhalt, das ist's; und da dürfen wir nicht sparen.«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.