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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Der Saal zu den »drei Engeln« – in der Burggasse war überfüllt. Viele der Anwesenden zogen es vor, draußen zu warten, bis die Sache ihren Anfang nahm. Da standen sie denn im dichten Nebel auf der Gasse, rauchten und plauderten; Arbeiter, Handwerker, Studenten, Journalisten. In einzelnen Gruppen wurde es zuweilen ein wenig laut, Gelächter und Gejohle ertönte; sofort wurde dann der langsame, gelangweilte Schritt der Sicherheitswache vernehmbar. »Ich bitte nicht den Verkehr zu stören. Ich bitte nicht auf der Straße stehen zu bleiben.« Ab und zu entstand eine Aufregung; man drängte sich zur Thüre, bildete Spalier, um einige Herren, die schnell in das Gasthaus hineingingen, durchzulassen. »Wer war's?« flüsterte man. »Der Brückmann – der Lippsen –.« Jetzt hielt ein Fiaker vor den »drei Engeln«. Ein Herr im breiten Filzhut sprang heraus und eilte in das Haus. »Das ist der Klumpf!« hieß es und man drängte nach.

In den »drei Engeln« wurde allmonatlich ein Vortragsabend – den Arbeitern zur Belehrung – abgehalten. Klumpf's Vorträge hatte sich stets eines besonders starken Zulaufes erfreut. Die Leute wußten es wohl selber nicht so recht, was sie anzog. Er sprach für seine Zuhörer zu gelehrt und zu hoch; die Meisten vermochten ihm nicht zu folgen, dennoch hörten sie ihn gern. Was er sagte, klang schön und feierlich, es stieg zu Kopf; man fühlte es, wenn man's auch nicht verstand, daß dieser Mann von großen Dingen sprach. Es freute die Arbeiter, daß für sie so fein und schön gesprochen wurde.

Klumpf sollte heute einen Vortrag über »die Freundschaft in der Geschichte« halten. Mühsam suchte er seinen Weg zwischen den dicht besetzten Tischen hindurch; er spähte nach seinen Freunden aus. Dort, nicht weit von der Rednerbühne, saßen sie – Rotter, Lothar, Lippsen, Branisch – stumm und gespannt die Menge vor sich beobachtend. Sie wollten zusammenrücken, als Klumpf kam, er jedoch meinte: »Es wird wohl Zeit sein anzufangen,« und bestieg die Rednerbühne.

Bisher war es laut genug gewesen im Saal, nun trat Stille ein. Nur hinten an der Ausgangsthüre entstand einen Augenblick Lärm. Jemand rief etwas; andere beruhigten ihn, wiesen ihn hinaus.

Klumpf ordnete seine Papiere, ohne aufzusehen. Dann hob er den Kopf, schaute wie erstaunt über all' die Köpfe hin, als erwartete er etwas, als wollte er den Anwesenden Zeit lassen, ihn, wie sonst, mit Beifall zu empfangen. Als alles still blieb, zog er ein wenig die Augen empor und verzog seine Lippen zu dem sanften, mitleidigen Lächeln, welches ihm eigen war.

Er begann zu sprechen; anfangs leise und beklommen: »Meine Herren – meine Freunde! Wir haben uns hier allmonatlich versammelt, um uns einander zu belehren an allem Bedeutenden und Trostreichen, das uns die Geschichte des menschlichen Geistes und der menschlichen Sitte bietet...«

Es ward gelacht; ein lautes, beleidigendes Haha.

Klumpf fuhr lauter und fester zu sprechen fort: »Solch ein Zusammengenießen verbindet wie Zusammenleiden und wie gemeinsame Arbeit. Es erzeugt das einander Verstehen. Was ist aber Freundschaft anderes, als ein tiefes, sicheres und liebevolles Verstehen.«

Ein zunehmendes Murmeln und Kichern begleitete die letzten Worte. Dicht vor Klumpf saß ein Arbeiter, ein kleiner, stämmiger Mann mit einem lustigen Gesicht; lässig in seinen Stuhl zurückgelehnt, die Cigarre im Mundwinkel, den Strohhalm der Virginia hinter dem Ohr, schaute er Klumpf verschmitzt und lächelnd an und bemerkte laut: »Ich dank'! Angenehme Freundschaft das!«

Der Unruhestifter von vorhin war wieder an der Thür erschienen und schrie. Man lachte. »Laßt ihn doch sprechen!« rief Jemand. Racher war es, dort in der äußersten Ecke des Saales. Ruhig fuhr Klumpf fort, als höre er den Lärm nicht.

»Ein tiefes und liebevolles Wissen des Menschen um den Menschen ist Freundschaft. Ehe ich nun daran gehe, Ihnen die stillen, aber mächtigen Wirkungen aufzuzeigen, welche solch' heilige Bundesgenossenschaft des Verstehens in der Geschichte der Menschheit gehabt hat, wollte ich in der Hoffnung, daß solch' ein Band sich auch zwischen uns zu knüpfen begonnen hat, Ihnen kurz und offen von uns sprechen – wie man unter Freunden spricht.«

»Das kennt man. Die Freundschaft der Polizei,« meinte der kleine Arbeiter munter.

»Wozu übrigens diese Komödie weiter spielen?« ertönte eine Stimme heiser und zornig. Racher stand am andern Ende des Saales, roth im Gesicht; er sprach weiter, aber seine schwerfällige Zunge wollte ihm in der Erregung nicht gehorchen.

»Ja, herunter. Was kann er noch sagen,« riefen Andere. Das Murren und Kichern ward nun zu lautem Gejohle, Gelächter, Geschrei.

Klumpf starrte in diese Menge, die zu ihm hinauf schrie und tobte, wie geistesabwesend hinein. Der Polizeicommissär trat an ihn heran und sprach mit ihm. Klumpf nickte nur.

»Die Polizei bespricht sich,« rief der kleine Arbeiter und lachte herzlich. »Seht – Commissär Branisch steht schon.«

Branisch hatte sich erhoben. Alle um einen Kopf überragend, stand er da, soviel verhaltene Wuth in seinem finstern, entschlossenen Gesicht, als sehe er sich um, wem von den Anwesenden er an die Kehle fahren solle.

Der Polizeicommissär verkündete nun: daß er die Versammlung aufhebe und daß – wenn nicht Ruhe eintrete, er den Saal räumen lassen werde.

Der Lärm jedoch nahm zu, jenes unverständliche Geräusch großer Menschenmengen, die sich am Lärm berauschen. Mit den Biergläsern ward auf die Tische, mit den Absätzen auf den Fußboden getrommelt, und die Meisten gaben sich dem lustig und eifrig hin, ohne Groll, mit lachenden Gesichtern. Nur eine Schaar Arbeiter, die sich um Racher versammelt hatten, brüllten vor Wuth und streckten die geballten Fäuste zu Klumpf empor. Klumpf's Freunde umstanden die Rednerbühne bleich und gespannt.

Der Commissär trat an sie heran: »Gehen Sie, meine Herren, Herr Dr. Klumpf, steigen Sie herab. Sie sehen ja.«

Klumpf zuckte zusammen, erröthete und die Arme ausbreitend, rief er tönend in die Menge hinein: »Ihr wollt mich nicht hören, bedenkt, Genossen, was Ihr Euch anthut.«

»Nicht ein Wort von diesem Spitzel,« antwortete Racher...

»Nein – nein!« hieß es. »Schickt sie fort.« – »Wir haben genug,« und das Klopfen, Schreien, Zischen begann wieder. Plötzlich flog ein Cigarrenstummel über Klumpf's Kopf an die Wand; der kleine Arbeiter hatte ihn geworfen. Lautes jubelndes Gejohle erhob sich. Das war's –, das hatte ihnen Allen noch gefehlt.

»Hunde!« knirschte Rotter und faßte seinen Knotenstock fester. Klumpf ließ seine ausgebreiteten Arme herabfallen, sein Gesicht nahm den Ausdruck tiefen Ekels an; er stieg von der Rednerbühne herab.

Das Werfen von Cigarrenstummeln hatte Anklang gefunden; wie ein schwarzer Hagel flogen sie zu der kleinen Schaar an der Rednerbühne hinüber.

Plötzlich rief Jemand: »Die Polizei.« – »Die Polizei der Gegenwart kommt die Polizei der Zukunft retten,« ergänzte der kleine muntere Arbeiter von vorhin.

»Gehen wir,« sagte Klumpf. Gefolgt von seinen Freunden, schritt er durch die Menge. Man lachte, wenn sie vorübergingen, schimpfte, trat aber aus einander, um sie durchzulassen. Sie waren schon nahe der Thüre – – dieser Leidensweg war gleich zu Ende, als Racher vor Klumpf hintrat. Klumpf blieb stehen und schaute ihn wartend an.

Ringsum wurde es still. Racher wollte sprechen, stotterte – – brachte endlich mit umschlagender, erstickter Stimme hervor: »Wo ist Kehlmann?«

»Dort – wo er besser für seine Sache wirken kann, als wir hier für die unsere,« antwortete Klumpf und jetzt zum ersten Mal bebte etwas wie Zorn in seiner Stimme. Dann zuckte er leicht mit den Schultern und lächelte. –

»Spion« – schnarrte Racher, beugte sich vor und spie Klumpf in das Gesicht.

Ein Sicherheitswachmann wollte sich auf Racher stürzen. Branisch hatte diesen jedoch schon ergriffen; er hob ihn empor und warf ihn über die Köpfe der zunächst Stehenden von sich. In dem Gedränge, welches jetzt entstand, blieb Klumpf auf demselben Fleck stehen, bleich wie ein Tuch, die Arme schlaff niederhängend. Der strenge, unwillige Ausdruck seines Gesichtes war gewichen; er schaute aus wie Jemand, der auf das Nagen eines großen, körperlichen Schmerzes in sich hineinhorcht.

Lothar stieß ihn an. »Gehen wir. Was sollen wir hier?«

– »Ja – ja, gehen wir« – meinte Klumpf.

Neben der Ausgangsthüre stand ein langer, ungewaschener Handwerker. Als Klumpf bei ihm vorüberging, lächelte er befangen und fragte mit einer tiefen Baßstimme: »Sie sind doch der Klumpf?«

Lothar wollte den Mann bei Seite schieben, dieser jedoch griff heftig nach Klumpf's Hand und küßte sie. –

»O! was thun Sie!« murmelte Klumpf und entzog ihm seine Hand – als ekelte ihn.

Nun waren sie draußen und gingen schweigend durch den Nebel einher, der Alles verdeckte und die Welt wie eine graue, finstere Leere erscheinen ließ. An der Ecke der Neubaugasse reichten sie sich die Hände und trennten sich.

Lothar begleitete Klumpf noch ein Stückchen.

»Was nun?« sagte Klumpf und blieb stehen.

»Fort« – meinte Lothar.

»Ja – fort –; natürlich. Hier können sie uns nicht brauchen; und wir sie nicht – wir, die Wissenden.«

»Die Wissenden!« eine große Bitterkeit stieg in Lothar auf. »Ich fürchte, die Wissenden haben nicht verstanden, und sie müssen umlernen. Leben ist doch anders, als wir meinten. Vielleicht giebt es noch einen Winkel, wo man es lernt.«

Klumpf zuckte die Achseln: »Versuch's!«...

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