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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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XXIV.

Es war vier Uhr Nachmittags. Lippsen machte Lothar einen Besuch. Er behielt den übergroßen Filzhut auf dem Kopfe und steckte die Hände tief in die Taschen seines Ueberrockes.

»Servus! Ah – Du packst?«

»Es bleibt wohl nichts anderes übrig,« entgegnete Lothar, über seinen Koffer gebeugt, in welchen er vorsichtig seine Bücher legte.

Lippsen ging im Zimmer auf und ab, leise vor sich hinpfeifend. Plötzlich blieb er stehen, rollte die Augen und ließ seinen Bart auf der Oberlippe hin und her wippen. »Nein – hörst Du! Das haben sie gut gemacht; schnell und schlau. Alle Achtung!«

»Schnell?« Lothar schaute auf. Er war bleich. Der rothe Schnurrbart, den er sonst gerade und glatt fortzustreichen liebte, ließ seine Spitzen traurig niederhängen, die Augen sahen überwach drein. »Schnell? Ich weiß doch nicht.«

Lippsen lachte. »Ja gut und schnell. Gut, weil sie Klumpf, Branisch und Dich ausweisen und Rotter und mich ungeschoren lassen. Und siehst Du, das ärgert mich. Richtig ist's, aber es ärgert mich.«

»Schnelligkeit aber gehört nicht dazu. In der Langsamkeit liegt gerade die Menschlichkeit der Polizei. Das Opfer wird so lange mit kleinlichen, widrigen Dingen gehetzt, bis es das Ende, sei es wie es sei – meinetwegen ein Todesurtheil – wie eine Erlösung empfindet.« Einen großen Stoß Bücher auf den Armen, hatte Lothar dieses vorgebracht. Laut und ärgerlich warf er die Bücher in den Koffer und sich in einen Sessel.

– »Ja,« meinte Lippsen und setzte sich zu Lothar, »in solchen Zeiten hat man Gelegenheit, allerhand Beobachtungen zu machen. Hast Du z. B. bemerkt – wie vollständig wir die Sache aufgegeben haben – sofort – nach dem ersten Krach hin?«

»Was sollten wir denn thun?«

– »Hm – hast Du bemerkt, wie die Anderen – Satzinger, Tost und Genossen einherstolzieren; für sie sind die Verhandlungen ein Triumph. Die sehen nicht aus, als hätten sie irgend etwas aufgegeben; nein, bei denen scheint die Sache erst anzufangen.«

»Ja, mein Gott! Das ist auch so schwer nicht!«

»Ich meine nur, bei uns ist's anders. Ihr Märtyrertum und unseres....«

»Ich weiß das. Was willst Du damit?«

»Constatiren, nichts weiter.«

»Gut! Das wissen wir Alle, wir sind die Narren. Da war die Polizei in der Gestalt der Frau Fliege, die gab uns das Quartier, da war die Gestalt des Herrn Oberwimmer und schrieb die Artikel und wir hielten das für unsere Sache, für die Menschheit rettende Sache. O! ich verstehe die ungeheuere Komik dieser Sache wohl! Tost, Satzinger, die sind ernst. Aber daß wir – doch gewiß nicht die schlechtesten Männer – unser Alles einsetzen, um nicht einmal ernst zu sein – – für einen Spaß der Polizei... und nicht einmal schuld sind wir – – nur dumm... mein Gott! wenn es etwas hilft, das zu constatiren... so soll es geschehen... Oder weißt Du vielleicht etwas, das der Sache besseres Ansehen giebt?«

– »Ich? – Nein; glaubst Du, mir sei besser zu Muthe? Ich meine nur, wenn wir die Sache so recht nackt vor uns hinstellen, vielleicht können auch wir darüber lachen.«

– »Ich danke. Dazu habe ich keine Lust.«

– »Ich hab's auch eingesehen, es geht nicht.«

Sie schwiegen eine Weile und schauten vor sich auf den Fußboden.

»Klumpf,« begann Lippsen endlich wieder, »ist noch nicht so weit wie wir. Er hat sich noch so ein Stück echter Märtyrerstimmung bewahrt. Du weißt –, er will heute bei den »drei Engeln« sprechen.«

Lothar zuckte die Achseln. »Jetzt ist das alles Eins. Uns bleibt nichts übrig, als eine Pose zu suchen. Ein ziemlich jämmerliches Geschäft, – – aber das ist die Consequenz.«

– »Oho, Du bist weit gediehen!« Lippsen blickte Lothar von der Seite an und sein wunderliches Gnomengesicht zuckte. »Um von etwas anderem zu sprechen: Dein Hausmeister-Mädel ist ermordet im Flusse aufgefunden worden.«

– »Ja, ja!«

»Gewissensbisse und Mord? Es steht so buntes Zeug darüber in den Blättern?«

Lothar lachte, und aus diesem Lachen klang die ganze schmerzhafte Erregung, die an ihm nagte. »Freilich. es ist mein Schicksal, der hohen Polizei zu dienen. Ich habe dem Untersuchungsrichter die nöthigen Winke gegeben, ihm wieder einen unserer Schützlinge in die Hände geliefert; den Chawar – Du weißt? Der hat hier die alte Frau ermordet; das Mädel war seine Geliebte – Du verstehst, sie that mit? Oder, nein, Du verstehst das nicht – ich auch nicht; uns ist das Verständniß für solch' eisernes Zusammengehören verlorengegangen. Nun – das Mädl deutete mir den Zusammenhang der Sache an – ging dann hin, um den Geliebten vor dem eigenen Verrath zu warnen und um sich von ihm todtschlagen zu lassen. Verstehst Du das? Mensch, begreifst Du, wie göttlich einfach das in seiner Gewaltsamkeit ist? Das ist Wille – Schicksal, Naturgewalt. Lauter Dinge, die uns Armen fremd und unheimlich wie Gespenster sind. Sie mußte es thun, denn es war ihr Geliebter; begreifst Du diese Logik? Nun – sie kam zu mir in ihrer Noth. Ich, mein Gott – ich habe ja nur Worte und Gedanken über die Schuld der Gesellschaft und Glücksprobleme – nur das; ich stehe also vollständig hilflos vor dieser menschlichsten Wirklichkeit. – In jenem Augenblicke liebte ich dieses Mädchen – ja, mein Lieber – ich liebte es, wie wir Schwächlinge, wir von der Natur Verstoßene, das Starke lieben – – und das Unbegreifliche. Sie hielt sich an mich; mich wollte sie lieben, um sich von jenem zu befreien; aber sie konnte nicht – das arme Wesen; wie verachtete sie mich, als sie den letzten Tag von mir ging – um sich von ihrem Lois umbringen zu lassen....« Er begann leiser zu sprechen – wie geheimnißvoll: »Ich habe sie dort im Rettungshause gesehen. Sie hatten den armen, schönen Körper gequält und beunruhigt, um sie ins Leben zurückzubringen. Wie müde lag sie auf der Bank, halb von ihrem nassen Haar bedeckt, das Gesicht, ruhig, schläfrig – wie sie's zuweilen zeigte. Sieh', Lippsen! nicht einmal diese Dirne, diese Diebin konnte ich verstehen – und sie suchte Schutz bei mir, und ich liebte sie – aber wie wir schon lieben mit unserer sinnlosen, kränklichen Sinnlichkeit – – und ich Narr – ich wollte – mit ein wenig Gerede das Volk retten! Ja, das wäre wohl auch mit verächtlichem Lächeln fortgegangen, um sich lieber todtschlagen zu lassen!«

»Du bist erregt,« meinte Lippsen. »Gieb' mir Deine Hand. Ja – Du fieberst. Uebrigens ist Dein Zustand immerhin normal. Klumpf macht mir mehr Sorgen. Branisch wird an hinabgewürgtem Thatendrang ersticken. Er spricht schon von Australien. Aber Du – mein Alter – sprich Dich aus – nur heraus mit all' dem complicirten Gift.«

»Ach was, sprechen! Geredet haben wir genug; das war unser Laster! Aber sieh' diesen Oberwimmer – – auch ein Räthsel. Man reicht ihm Abends und Morgens die Hand, fühlt sich ein Herz und eine Seele mit ihm und nur....«

»O, dieses Räthsel menschlicher Gemeinheit ist nicht so schwer zu rathen – jetzt – nachträglich. Ich hab' mit ihm auf der Schulbank gesessen. Er war von jeher der hübsche, liebenswürdige, flache Junge; sehr demokratisch, schon begeistert für die sociale Reform, als er noch Cornelius Nepos las, aber von jeher auch zu starke Vorliebe für alles Theuere, Feine, Hübsche – niedliche Weiber, gute Kleider, reinliche, gemüthliche Wohnungen, weinumrankte Häuschen, Familienleben! Dabei – bodenloser Leichtsinn in Geldsachen; das bringt in Lagen, die Einem Bekanntschaft mit der hohen Obrigkeit verschaffen. Die Polizei kann solche hübsche Revolutionäre, die in socialdemokratischen Kreisen aus und eingehen, brauchen. Das läßt sich alles zusammenrechnen. Du bist in seiner Häuslichkeit gewesen? Nun – die erklärt Vieles. Man kann schon recht tief durch den Koth waten, um endlich in einem so hübschen, reinlichen Heim anzulangen. Du siehst, es geht alles äußerst natürlich zu.«

»Natürlich? findest Du es natürlich, daß wir unsere Existenz – unsere Seele – hingeben müssen, damit dieser Mensch seine hübsche Häuslichkeit hat?«

Lippsen zuckte die Achseln.

»Und der ganze Plan,« fuhr Lothar fort, »Die Concession für das Blatt, diese Artikel, diese Begeisterung, die Freundschaft mit Tost, das ist so teuflisch, daß es zu diesem blonden Mädchengesicht nicht passen will.«

»Ja – der Plan kam wohl auch nicht von ihm,« meinte Lippsen. »Uebrigens, wenn er seine Artikel schrieb, wenn er mit uns sprach, dann begeisterte er sich wirklich; er war ganz bei der Sache. Hintennach schickte er zwar seine Notizen an den gehörigen Ort.«

»Pfui! Nicht einmal überzeugter Schelm. Alles halb – dilettantenhaft.«

»Ja, das ist es! Hier hab' ich ein Genfer Blatt »den armen Conrad«, das bringt schon die Geschichte. Wir alle sind Spitzel, natürlich. Das wird den Leuten schwer auszureden sein.«

»Ich wollte, wir wären es; wir hätten doch wenigstens gewußt, was wir thaten – – aber so! Klumpf muß sprechen, das ist klar. Heute ist sein Vortragsabend, er darf nicht fortbleiben – – und wir können ihn nicht im Stiche lassen....«

Lippsen hatte sich erhoben und legte seine Hand schwer auf Lothar's Schulter, dabei ward sein wunderliches Gesicht sehr ernst. »Höre, Freund – in Dir da hat es mächtig gewirkt – – das arbeitet ja und löscht alles Dagewesene fort. Ich bin neugierig, was da Neues entsteht; der Gährung nach kann es etwas Tüchtiges sein.«

Lothar schüttelte den Kopf. »Ach was – solche Grundsätze, mit denen wir uns vollsaugen, um unser leeres Ich aufzublasen, gehen auch alle wieder fort, wenn man in dieses Blasen-Ich hineinsticht. Und Du?«

– »Ich?... Nun – ich verkalke mich.« –

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