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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Der Staatsanwalt schaute bei diesen Worten auf und lächelte, wie zu dem Spiel eines Kindes. Der Präsident aber blickte verstimmt den einen Votanten an und gähnte. Er verwünschte diese Vertheidiger, die stets zeigen wollen, was sie können und die einfachsten Sachen in die Länge ziehen.

»Gehen wir – meine Herren Geschworenen,« fuhr Benze fort; »der Entstehungsgeschichte des uns vorliegenden Verbrechens nach. Leopold Gerstengresser wuchs auf – wie die meisten Knaben des wiener niederen Bürgerstandes. In seinem elterlichen Hause herrschte nicht Ueberfluß; die Mittel jedoch wurden geschafft, ihn etwas lernen zu lassen und ihm die ehrenvolle Stellung als Commis im Geschäft des Herrn Punzendorf zu verschaffen. Wir wissen, unter solchen Umständen ist das Leben eines jungen Mannes ernst und mühevoll. Er muß tapfer ringen, um sich ein relatives Lebensglück zu erobern. Und nun denken Sie sich, meine Herren Geschworenen, diesen jungen Mann mit guten Anlagen, aber mit dem heißen, unruhigen Blut und der sanguinischen Lebensauffassung seiner Landsleute begabt, mitten in die schwüle Luft einer großen Stadt gesetzt, in der Alles nur nach Vergnügen hastet. Er sieht seine Umgebung, seine Eltern, seine Kameraden, seine Nachbaren, den einzigen Zweck des Lebens in das Vergnügen setzen. Die ernste, schlichte Pflichttreue als solche wird nirgends gelobt und ermuthigt. Arbeit, Beruf – sollen nur Wege sein, die zu lustigen Augenblicken führen, und je kürzer dieser Weg, um so besser. Und schaut er höher hinauf zu jenen Klassen – die ihm Vorbild sein sollen – die ihm Ehrfurcht und Bewunderung einflößen – auch hier ist das Vergnügen das Ideal des Lebens. Meine Herren Geschworenen, glauben Sie, dieser junge Mann wird diesem Fieber widerstehen können? Warum soll er abseits stehen? Warum soll er an ein ernstes, karges Leben denken, wenn Niemand daran glaubt? Das Leben um jeden Preis hübsch angenehm und lustig gestalten, ist der einzige des Wieners würdige Lebensberuf; das ist die Predigt, welche ihm auf den Gassen, zu Hause, in der Schule, von Jugend auf gepredigt wird. Wer arm ist – wer traurig – wer ernst ist – ist verachtet – ist lächerlich.

»Wir haben es gehört, wie der Beklagte und die Zeugin Marie Hempel sich zu gemeinsamen Lebensgenuß verbunden. O! sie thaten nichts Ungewöhnliches! Fragen Sie in den großen Zinskasernen unserer munteren Kaiserstadt nach, auf jeder Stiege finden Sie einige dieser lebensfrohen Verbindungen. Solche junge Realisten greifen mit kecker, naiver Genußsucht nach Allem, was heiter ist, was Genuß verspricht, als käme es ihnen zu, als müßte es so sein. Marie Hempel verlangte viel. Der Beklagte fürchtete sein Mädchen zu verlieren, wenn ein Anderer ihr mehr bot; denn diese jungen Realisten verstehen einander sehr wohl. Ein Liebhaber, der nicht jeden Wunsch erfüllt, wird verlassen. Marie Hempel gehörte aber zu Gerstengressers Lebensansprüchen. Oft hörte er, wie Männer zu den gewagtesten Mitteln griffen, um in dem großen wiener Freudenfest mitthun zu dürfen. Gelang es, dann wurden sie gefeiert und bewundert. Scheiterten sie, endete solch' ein all zu kühner Versuch vielleicht düster und traurig in diesem Saale – nun die Gesellschaft, die Genossen zuckten dann mitleidig die Achseln, sie bedauerten ihn. Der arme Kerl; er hat es nicht verstanden, sich auf dem glatten Boden des großen Festsaales auf den Füßen zu halten. Nichts weiter. Nun, auch Gerstengresser griff zu solchen Mitteln. Glauben Sie, meine Herren Geschworenen, er war sich der Tragweite seiner Handlung bewußt? Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung.

»Sehen Sie sich, meine Herren Geschworenen, die Stiege an, auf der Gerstengresser wohnt; ist sie nicht wie ein kleiner Auszug – der größeren Welt – die uns umgiebt. Unten ein Hausbesorger, dessen Tochter mit einem öfters abgestraften Individuum auch solch' einen Bund der Lebensfreude geschlossen und zu diesem Behuf ihrem Geliebten behilflich ist bei jenem furchtbaren Raubmord, der hier nächstens verhandelt werden soll; höher wohnt jene Marie Hempel, die – nachdem sie Gerstengresser in das Unglück gebracht hat, sich ruhig einem glücklicheren und reicheren Liebhaber zuwendet; höher wieder Gerstengresser... Ueberall in diesen engen, ärmlichen Wohnungen der heiße, maßlose Appetit nach buntem, berauschendem Vergnügen. Und über diesem endlich die Redaktion eines sozialdemokratischen Blattes, welches den ungestümen Schrei nach Wohlleben in ein System bringt. Meine Herren Geschworenen – –, eine Seele, welche in dieser Luft aufgewachsen ist – kann sie moralisch gesund sein? Und ist sie es nicht, ist auch sie von der Krankheit ergriffen, die alle Gesellschaftsschichten dieser schönen Stadt durchdringt und auch das Schönste und Reinste zu morden droht, dann, meine Herren Geschworenen, – frage ich Sie: können Sie dem Beklagten seine That ganz anrechnen? Können Sie ihm die ganze Schuld geben? Oder wird nicht jene große Mitschuldige – die niemand auf die Anklagebank ziehen kann, einen großen Theil, vielleicht den größten Theil der Verantwortung zu tragen haben?«

Er war zu Ende und setzte sich. Er wußte es selbst nicht recht, was er gesagt hatte. Es mußte wohl unklar und wenig überzeugend gewesen sein. Dennoch fühlte er, daß er sich einen Theil der Bitterkeit, die auf ihm lastete, vom Herzen gesprochen hatte, und dieses preßte ihm einen Seufzer der Erleichterung ab.

Schon hatte sich der Staatsanwalt zur Dupplik erhoben. Er lächelte sein ironisches und gutmüthiges Lächeln und strich mit der Hand liebevoll über seinen greisen Backenbart.

»Ich hätte es nicht geglaubt,« begann er, »daß ich mich veranlaßt sehen würde, in dieser Sache noch das Wort zu ergreifen. Die Sache selbst, offen gestanden, ist's auch nicht, die noch Ausführungen meinerseits nöthig macht, denn der Umstand, daß die Versuchungen einer Großstadt einem jungen Mann leicht gefährlich werden können, mag für das Strafmaaß vielleicht von Einfluß sein, aber nicht für das Votum der Geschworenen. Nein! Während der Herr Vertheidiger sprach, wurde ich nicht ohne Erstaunen inne, daß es sich hier nicht sowohl um die Entlastung des Beklagten – Gerstengresser handele, sondern, daß eine andere Angeklagte vielmehr an seine Stelle gesetzt werden sollte. Nicht Leopold Gerstengresser saß auf der Anklagebank, sondern – Wien – – Wien selbst! Meine nahen Beziehungen aber zu dieser Beklagten berechtigen mich, denke ich, einige Worte zu ihrer Vertheidigung hinzuzufügen!

Leider müssen wir es dem Herrn Vertheidiger zugeben, daß viel Leichtsinn in unserer schönen Stadt herrscht; ja viel zu sehr! Ich fürchte, der Herr Vertheidiger wird hier noch mehr solcher erschreckend vorbildlicher Stiegen finden. O! ich könnte ihm aus meiner langjährigen Praxis noch abschreckendere Stiegen anführen. Gegen die Vorbildlichkeit jedoch muß ich Verwahrung einlegen. Solche Stiegen hat wohl jede Großstadt aufzuweisen; die sind keine wiener Spezialität!«

Bisher hatte er im munteren, humoristischen Thon gesprochen, nun wurde er ernst und väterlich.

»Doch ich will die Worte des Herrn Vertheidigers nicht mißdeuten. Ich hab's wohl verstanden, was er mit der bösen Stiege und dem Vergnügungsfieber meinte. Ja – meine Herren – Wien ist eine fröhliche Stadt; und wir sind stolz darauf. Aber die Luft, die hier weht, ist keine Fieberluft. Wir Wiener thun ebenso ernste Arbeit wie jeder Andere, und die Arbeit ist deshalb nicht weniger ernst und weniger gut gethan, weil sie lustig und guter Dinge gethan wird. Das klare und kecke Ergreifen der leichteren Seiten des Lebens macht Wien stark. Wir sind stolz auf unser lautes und stets bereites Lachen, wir sind stolz auf den biegsamen Sinn, der über das Trübe, ist es unvermeidlich, leicht hinweg geht, um sich an Hellerem und Schönerem zu trösten. Das Alles vergiftet kein jugendliches Gemüth. Das macht die Herzen frisch. Wir sind stolz auf unsere Arbeit, wenn wir auch den Arbeitskittel leichter als andere mit dem Festkleide vertauschen. Und – sehen wir Unrechtes – sind wir darum laxer – weil wir nicht nur verdammen, sondern auch bemitleiden? Nein! nein! Das lustige Wien hat ein starkes und ein reines Herz, sonst könnte die Fröhlichkeit hier nicht gedeihen. Und gereicht einem die wiener Luft zum Schaden, so liegt es nicht an der Luft, welche starken, gut organisirten Lungen wohl bekommt. Der Herr Vertheidiger hat Wien, wie ich glaube, noch nicht ganz verstanden. Sie aber, meine Herren Geschworenen, indem Sie Ihr – »schuldig« über den Beklagten sprechen – werden somit ein – nichtschuldig – über unser Wien sprechen.«

Der alte Herr war warm geworden im Sprechen. Das Publikum klatschte trotz der Ermahnungen des Präsidenten.

Benze hatte nicht zugehört. Was ging ihn all' das an? Worte! Was da gesprochen wurde, was er selbst gesagt – Alles war ihm zuwider. Es ist doch vergebens! Der Mensch vermag das, was sich in ihm regt, nicht auszudrücken. Ein Verstehen ist nicht möglich! – – Gisela hielt ihn für grausam, eng, hart, egoistisch, – unfähig, ihre Liebe zu verdienen; und wenige Worte trugen die Schuld; sie standen zwischen ihr und ihm. Benze nahm einen Briefbogen und begann zu schreiben. – –

Die Geschworenen zogen sich zurück. Er achtete nicht darauf – – er schrieb... und zerriß wieder den Brief. Nein – er vermochte es nicht zu sagen. Gott! Gott! wie elend ist diese Welt! Muthlos lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.

Draußen schneite es. Die Leute auf den Bänken lachten und sprachen halblaut mit einander. Leopold saß regungslos und in sich zusammengesunken da. –

»Welch' unfaßbare, trostlose Traurigkeit liegt über diesem Saal. Ach, wäre ich schon draußen!« sagte sich Benze und wiegte, wie von Schmerz gequält, seinen Kopf.

Der Gerichtshof erschien und verkündete das »Schuldig«.

Mechanisch sprach Benze, was er im Interesse seines Clienten zu sagen hatte. Wieder zog der Gerichtshof sich zurück. Benze vermochte es vor Ungeduld nicht mehr zu ertragen. Laut trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte. Endlich war das Ende da! Der Gerichtshof verurtheilte Leopold Gerstengresser zu einem Jahr schweren Kerkers. Eilig packte Benze seine Papiere zusammen und eilte in's Freie.....

* * *

Es schneite in großen, lautlos niederfallenden Flocken. Allerorts – auf den Dachvorsprüngen, Zäunen, Treppen bildeten sich weiße Puffen, die der Straße ein reinliches, festliches Ansehen gaben. Und die Leute gingen ohne Regenschirm dahin, hoben die Gesichter zu den Flocken auf und lächelten. Der Schnee berauschte die Kinder; sie wühlten mit den Händen in all' dem Weiß und ihr Lachen klang die Straßen entlang.

Auch Benze that die feuchte Kühle wohl, die weich und leise auf ihn niederfiel; es wurde ruhiger und klarer in ihm. Alles mußte, auch das Herbste, überwunden werden können. Er begann sich in seinem Schmerz wieder stark zu fühlen; er war stolz auf diesen Schmerz. Der Staatsanwalt hatte Recht, er verstand dieses Wien mit seiner regellosen Weichheit nicht, – nie würde er es verstehen! Er richtete sich stramm auf. An der Diamanthärte seiner rechtlichen Grundsätze zerstieß sich seine Liebe, sein Glück. Es tröstete ihn ein wenig, daß sein Loos so tragisch war.

Als er in die Wiedner-Hauptstraße einbog – stand Gisela vor ihm; weiß von Schneeflocken, die Wangen rosa, die Stirn voll feuchter Löckchen. In der Hand hielt sie ihr Gebetbuch. Sie kam vom Abendsegen bei den Paulinern. Benze wollte sich scheu zur Seite drücken, sie hatte ihn jedoch erkannt und grüßte mit dem kurzen, energischen Nicken der Wienerinnen und lächelte ein sanftes, trauriges Lächeln. Benze griff an seinen Hut und eilte vorüber – wie beschämt.....

Es dämmerte. Die Laternen wurden angesteckt. Der Schneefall hatte aufgehört. Die Stadt, in weiße Schleier gehüllt, sah wunderlich verändert aus. An den Straßenecken, in den Hausthoren, vor den Wirthshäusern sammelten sich die Menschen und schwatzten und lachten – die Wangen geröthet, Schneeflocken in den Haaren, berauscht und erheitert von dem neuen Kleid, welches ihr altes Wien angelegt hatte.

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