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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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XXIII.

Fräulein Clementine hatte eine schwere Krankheit überstanden. Das Gesicht bleicher noch und spitzer wie sonst, saß sie in ihrem Wohnzimmer und wartete auf den Dr. Beckrath.

Jetzt war sie reich und selbständig; aber seit der Schreckensnacht verließ sie ein quälendes Gefühl der Furcht nicht mehr und ließ sie der Vortheile ihrer neuen Lebenslage nicht froh werden. Sie glaubte sich von Gefahren umgeben, fühlte sich einsam und schutzlos. Da schellte es. Das war der Notar – ihr einziger Freund.

Frisch rasiert, parfümirt und lächelnd trat Dr. Beckrath in das Zimmer. »Die Ehre, meine Gnädige. Gott sei Dank, nun sind wir schon so weit. Gott sei Dank!«

Matt streckte Clementine ihm beide Hände entgegen: »Ach, Doctor! wie lieb, daß Sie gekommen sind; setzen Sie sich her. Ich bin nur ruhig, wenn Sie bei mir sind.«

»Nun – nun,« meinte Beckrath und versuchte es, seinem rothen Geschäftsgesicht einen weichen Ausdruck zu geben. »Ein Bissel nervös. Natürlich. Aber seien Sie unbesorgt, meine Gnädige, unsere Geschäfte sind in Ordnung.«

»Danke, Doctor – danke! Sie sind mein Retter. Wären Sie nicht!...« Clementine weinte – »Ein armes verstoßenes Frauenzimmer, umgeben von schlechten Menschen!«

Dem Doctor war dieser Gefühlsausbruch unangenehm. »Nervös;« ja – ja – murmelte er und dachte an etwas Anderes.

»Ich bat Sie schon, lieber Doctor,« fuhr Clementine klagend fort: »Hier allen Partien zu kündigen – – allen. Die Verstorbene in ihrer Weisheit hat immer gesagt: »Auf dieser Stiege wohnt lauter Bagage«. Die beiden schlechten Dienstmädl hab' ich fortgeschickt. Aber das neue Mädl – ich weiß nicht – ich traue ihm auch nicht. Gott sei Dank, die Hausmeistersleute sind fort, diese schrecklichen Menschen.«

»Verlassen Sie sich auf mich, meine Gnädige. Es wird Alles geschehen, wie Sie es befehlen. Unseren Socialdemokraten legt die Polizei ohnehin das Handwerk. Spaßig übrigens, es kommt heraus, daß sie selbst so ein Bissel Polizei gespielt – – ha – ha. – Die Zweigeld's ziehen fort. Die Verlobung der Tochter geht auseinander. Auch kuriose Geschichten, aus denen man nicht recht klug wird. Nun – mit den Uebrigen wollen wir's schon machen. Nur Muth – meine Gnädige! Was gewesen ist – ist gewesen; wozu daran denken? Man muß sein Leben doch weiter leben; nicht wahr? Und Ihnen, meine Gnädige – Ihnen ist das – Weiterleben – möchte ich denken – leichter gemacht – als Anderen.« Er rieb sich die Hände und kicherte sein trockenes Kichern.

Clementine jedoch wollte sich nicht trösten lassen. »Was hilft das? Ohne Schutz, ohne Stütze! Was ist das für ein Leben? Hätten wir damals einen männlichen Schutz gehabt, wer weiß! Aber so allein, – ich sage Ihnen, Doctor, ich sterbe vor Furcht. So kann ich nicht leben.«

Der Doctor hörte aufmerksam zu. »Wie meinen Sie das, meine Gnädige?« warf er ein.

Clementine zog die Augenbrauen ungeduldig empor. »Sie erinnern sich wohl noch, Doctor? damals....«

»Was denn, meine Gnädige?«

»Jesus, Doctor! Wie Sie mich nicht verstehen!« Clementine fand wieder ihren scharfen Ton von früher. »Sie sagten damals.... Wissen Sie's denn nicht?«

»Ach das! Wenn Sie das meinen.« Der Doctor sprang auf und machte eine Verbeugung. »Meine Gefühle sind stets dieselben, – stets.«

»Nun denn, Doctor, nehmen Sie mich!« Das arme, bleiche Gesicht verzog sich zu einem hingebenden Lächeln. Sie streckte ihre mageren Hände aus und wiederholte: »Nehmen Sie mich!« Der Doctor zögerte. Er wußte nicht, wie er sie nehmen sollte. Endlich ergriff er eine der ihm entgegengestreckten Hände und drückte seinen struppigen Schnurrbart darauf. Dann setzte er sich befriedigt nieder.

»So, meine Gnädige; das war gescheut. Jetzt können Sie ruhig sein. Sie stehen unter männlichem Schutz. Wir hätten das zwar früher haben können, noch ist jedoch Nichts verloren.«

»Ja, Doctor,« meinte Clementine, noch immer sehr melancholisch. »Jetzt bin ich ruhiger. Diese entsetzliche Zeit hat mir Klarheit geschafft über das, was gewiß schon die ganze Zeit über in meinem Herzen geschlummert hat.« Es that ihr wohl, ihre eigenen Worte zu hören. Sie wollte diese trockene Verlobungsstunde wenigstens mit einer hübschen Redensart schmücken.

»Ohne Zweifel,« bestätigte Beckrath.

»Wissen Sie, Doctor, seit jener Nacht ist's heute der erste Augenblick, in dem ich mich wieder ein wenig – – glücklich fühle.«

»O! ich auch. Sie wissen ja, wie lange schon dieser Plan mir im Kopfe herumgeht.«

»Ja, Doctor, Sie sind treu!«

»Freilich! ich hab's Ihnen ja gesagt.«

»Das giebt mir wieder Kraft. Ich hätte fast Lust, ein wenig auszugehen.«

– »Eine kleine Fahrt in den Prater vielleicht?«

– »Ach nein! Hier im Extrablatt lese ich, daß heute die Verhandlung im Landgericht stattfindet... Sie wissen, der junge Gerstengresser vom dritten Stock.«

»Meine Gnädige, das kann ich nicht gestatten. Sie sind noch zu schwach. Es wird Sie aufregen.«

»Gehen Sie, Doctor!« Clementine vermochte jetzt sogar einen Anflug von Schelmerei in ihre Worte zu legen. »Noch bin ich frei; noch müssen Sie thun, was ich will. Nicht? – Also führen Sie mich hin. Es handelt sich ja nur um einen kleinen Diebstahl; was soll mich dabei aufregen? Das wird mir gerade gut thun. Der Dr. Benze spricht heute; ein hübscher Mensch. Wir wollen sehen, wie er ausschaut, seit seine Verlobung zu Wasser geworden.«

»Wie Sie befehlen, meine Gnädige. Ich hole den Wagen,« sagte Beckrath ergeben. –

* * *

Bleiches Nachmittagslicht lag bereits über dem Saal des Landgerichtes, als Beckrath und Clementine ihn betraten. Das Zeugenverhör war vorüber. Publicum war nur wenig da. Auf einer der hinteren Bänke saß Herr Gerstengresser und blickte erstaunt und verständnißlos um sich, neben ihm Elsa, todesbleich, die Augenlider geröthet, die Augen unverwandt auf die schlanke Gestalt gerichtet, die ihr den Rücken zuwendend, vor dem Präsidententisch saß. Wie gern hätte sie Leopold in das Gesicht geschaut, hätte versucht, mit ihren Augen tröstlichen Muth in seine Augen hineinzublicken. Er hielt sich ein wenig gekrümmt, den Kopf niedergebeugt. Der Hemdkragen war grau und welk, der neue Rock zerknittert; das schöne, braune Haar, auf das er und Elsa so stolz waren, stand struppig und wirr ab. Gott, der arme Poldl, der es nie fein und vornehm genug haben konnte!

Der Schriftführer las schnell und eintönig das Protokoll vor. Der Präsident und die Votanten saßen schläfrig da und spielten mit ihren Bleistiften. Der Staatsanwalt hatte sich an seinem Tischchen in eine Akte vertieft und achtete nicht auf das, was um ihn herging. Die Geschworenen sahen starr den Vorleser an, versuchten acht zu geben, kämpften gegen die Schläfrigkeit an, die bleiern über dieser Versammlung lag.

Dr. Benze, an seinem Tisch, hatte auch Papiere vor sich ausgebreitet, und, den Kopf in die Hand gestützt, las er. Er war mit seinen Gedanken sehr weit von diesem öden Gerichtssaal entfernt. Ein kleiner, elfenbeinfarbener Briefbogen, bedeckt mit hübschen, wohlgezogenen Schriftzügen, lag vor ihm, und diese las er immer wieder.

»Lieber Franz! Ich schreibe Dir, damit Du nicht glaubst, daß ich damals in Uebereilung oder Zorn gehandelt habe. Ach nein! Jetzt habe ich's mir wohlüberlegt. Wir müssen wohl von einander gehen. Ich gehöre zum Papa, zu ihm werd' ich immer halten. Du wirst eine andere Frau finden, die Dir mehr Ehre macht. So ist's besser. Aber nicht wahr? Wenn auch Alles aus ist, so gehen wir doch von einander wie Zwei, die einander lieb gehabt haben, die eben um ihrer Liebe willen von einander gehen? Denn so ist's; Gott weiß es, daß es so ist. Lebe wohl – Franz – Gisela.«

Eben noch im Besitz des großen und seltenen Glückes einer reinen Liebe und nun – Alles verloren. Wieder ganz arm! – »Die um ihrer Liebe willen auseinander gehen« – stand hier. Diese Liebe also war da; sie gehörte ihm – und dennoch!... Benze neigte den Kopf, neigte ihn so tief, als wollte er das Papier vor ihm mit den Lippen berühren. Thränen schnürten ihm die Kehle zusammen. – Ja, die große, leichtsinnige Stadt trug die Schuld, dieses Wien, in welches er sich nicht hineinfinden konnte, zog auch das Reinste, das Heiligste in seinen trüben Strudel. Wien war es, was ihm sein Mädchen raubte. O dieses Wien!

Der Schriftführer schwieg. Der Staatsanwalt erhielt das Wort. Er erhob sich, zog gelangweilt die Augenbrauen empor, wie unwillig darüber, daß er in seiner Arbeit gestört wurde, und begann zu sprechen – schnell und mit leiser Stimme, als handele es sich um einen geringfügigen Gegenstand, den er kurz abzumachen wünschte; er referirte flüchtig, daß der Commis Leopold Gerstengresser – 19 Jahre alt – bedienstet im Geschäft des Herrn Punzendorf, seidene Tücher im Werthe von 300 Flrs. entwendet und verkauft habe. Seine Aufgabe – meinte der Staatsanwalt – sei hier eine leichte, da der Beklagte ein volles Geständniß abgelegt habe. Er wolle nur darauf hinweisen, daß in jüngster Zeit solche Verbrechen, zu welchen junge Männer, meist Kinder ehrlicher Leute, durch Vergnügungslust und Leichtsinn hingerissen werden, sich mehren, daher müsse das Gericht seine ganze Strenge walten lassen. Als Erschwerungsgrund führte er noch die Dienststellung des Beklagten, als Milderungsgrund sein unbescholtenes Vorleben an. – Froh zu Ende zu sein, setzte er sich dann wieder und blätterte in seiner Acte.

Der Vertheidiger erhielt das Wort.

Dr. Benze erhob sich, – sehr gerade, die Brust heraus, aber trotz der sicheren Haltung trug sein bleiches Gesicht doch einen aufgeregten, gespannten Ausdruck und seine Stimme war unsicher, als er zu sprechen begann.

Er stellte die Thatsache des Diebstahls nackt und trocken dar. Da der Beklagte geständig sei, meinte er, so scheine es, als bliebe dem Vertheidiger nur übrig, auf mildernde Umstände hinzuweisen. Dieses können nun einerseits solche sein, daß sie uns die Ueberzeugung geben, der Schuldige habe nicht aus Gewohnheit, aus angeborenem Trieb zum Verbrechen gefehlt und die Gesellschaft dürfe hoffen, dieses verirrte Gemüth auch durch mildere Mittel wieder auf den rechten Weg zu bringen. – Daß ein solcher Milderungsgrund hier herangezogen werden muß, hat der Herr Staatsanwalt bereits erwähnt. Die Zeugen, vor allen Herr Punzendorf, Leopold Gerstengresser's Chef, bezeugen: Der Beklagte sei stets ein stiller, ordnungsliebender, junger Mann gewesen, ein guter Sohn und Bruder, ein pflichttreuer Untergebener – ehe jenes verhängnißvolle Vergnügungsfieber ihn packte, welches die Ursache seiner Schuld und seines Unglückes gewesen ist.

Bisher hatte Benze mit gedämpfter, heiserer Stimme gesprochen, jetzt hielt er inne, schüttelte sich das Haar aus der Stirn und richtete sich noch strammer auf. Als er zu reden fortfuhr, nahm seine Stimme einen scharfen metalligen Klang an.

»Doch giebt es – andererseits – Milderungsgründe, die uns die Umstände, unter denen das Verbrechen stattfand, nicht als verführend – nein, als zwingend zeigen; sie üben auf den Menschen einen so gewaltsamen Druck, daß seine Handlungsweise, so tadelnswerth sie sei, verständlich, erklärlich, ja nothwendig erscheint. Ich sage – nothwendig, denn die Verkettung der Ereignisse, – mehr noch die Atmosphäre, welche der Mensch einathmet – das ist Alles, was er sieht und hört – was er achten und bewundern lernt und verachten und mißbilligen nicht lernt – muß so mächtig auf ein junges, weiches Gemüth wirken, daß seine That logisch aus diesen Voraussetzungen zu fließen scheint und wir zögern, die Verantwortung ganz dem Handelnden zuzuschieben. Dann aber, meine Herren Geschworenen, dann wird aus dem mildernden – ein entlastendes Moment.«

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