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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Als Tini leise in das Zimmer trat, sagte er nur: »So, Du bist's,« und versank wieder in Nachdenken, während das Mädchen sich still niedersetzte und ihn anschaute.

Was die alte Frau dort, unter ihren Tannen, in ihrer ruhigen Art geschaffen, war vollwichtige Arbeit, und er? Er hatte auch geglaubt, seine Arbeit gefunden zu haben, hatte sich dafür begeistert, wie man sich eben begeistert, wenn man seine Seele durch dreißig Jahre langes, unnützes Suchen ermüdet hat und nun endlich zu finden geglaubt. Gott! wie Großes glaubte er zu thun, etwas so Großes, daß ein Leben dafür nicht ausreicht; und nun – nun war es doch nur Narrheit, ein Mißverständniß – Gemeinheit gewesen – – Nichts – Nicht! »Teufel!« murmelte er und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Tini zuckte leicht mit den Schultern. Sie war sehr bleich. Die Hände hielt sie im Schooße gefaltet, die Augenlider, wie müde, halbgeschlossen.

»Ja – Tinerl; Du – Du hast Recht!« rief Lothar. Er war so erregt, daß er nicht wußte, was er sprach; aber er fühlte die Gegenwart dieses schönen, stillen Wesens jetzt wie eine Wohlthat. Er kniete vor ihr nieder. »Was können wir lahme, kalte Grübler? Worte machen, nur das! Du aber hast noch Kraft, die gewaltsam fortreißt. Das beruhigt, das sättigt.«

»Aber was thust Du. Steh doch auf,« wehrte Tini und riß ihre Augen weit auf, als fürchte sie sich; aber Lothar umfaßte sie. »Sieh, von Dir müßte ich lernen, wenn ich noch lernen könnte. Du – und die Anderen, die Dir ähnlich sind – Ihr seid Menschen, Ihr könnt noch schön sein und stark – und auch glücklich – wenn Ihr wollt.«

Tini machte sich unwirsch aus Lothar's Arm frei.

Er lachte. »Laß es gut sein, Tinerl. Ich weiß selbst nicht, wie mir heute ist, aber ich muß es heraussprechen, wenn Du's auch nicht verstehst. Ich weiß's jetzt,... wir – die Narren, die Puppen der Polizei, wir, die Kranken, wollen Euch, den Gesunden, helfen, wir – die Euch nicht einmal begreifen können.«

»So lach doch nicht so,« sagte Tini leise.

»Fürchtest Du Dich?«

– »Ja.« –

»Gut, gut! Es ist vorüber. Es ist nur, weil es mir heute so jämmerlich schlecht ergangen ist. Da kamst Du mir gerade recht. Ich wollte, wir wären irgendwo in der Welt allein bei einander. Ich wollte Holz spalten und Wasser tragen, Du könntest kochen. Wir wollten nichts denken – nur leben. Könntest Du das?«

»Wie Du heute redest.«

Jetzt erst bemerkte Lothar, daß das Mädchen leidend ausschaute.

»Was ist Dir, Tini? Hast Du auch Kummer?«

»Ach – Nichts!« Sie legte die Hand auf die Augen. »Ich wollte etwas fragen; dazu kam ich. Aber Du bist heute, ich weiß nicht – wie.«

– »Frag' nur immerhin.«

Tini wandte sich ab und schaute zum Fenster hinaus. »Ich meine – ich frage nur so... ich mein'... zuweilen muß Du thun, was ein Anderer will, Du muß; nicht?«

– »Ja – o, ja. Wenn zwei fest zu einander gehören, daß das Eine das Andere mit zieht.«

Ungeduldig stand Tini auf, ging an das Fenster, kreuzte die Arme über der Brust und schaute hinaus. »Ja – aber dann hat der, welcher muß, keine Schuld.«

– »Doch,« erwiderte Lothar langsam, wie suchend, was in den Worten des Mädchens liegen konnte. »Doch! Gehören zwei so fest zu einander, so trägt der Eine auch an der Schuld des Andern mit.«

Tini wandte sich zu ihm, erschreckend bleich und mit der geballten Faust gegen die Wand schlagend, wiederholte sie: »Nein – nein – nein! Ich bin nicht schuld. Ich hab' es thun müssen. Er hat mir nicht gesagt, daß er das thun würde – – da wäre ich ihm nicht gefolgt... aber so –...«

»Was denn? Mädchen, ich versteh' Dich ja nicht.«

»Jesus! Nun versteht er mich nicht einmal!« Aergerlich ging sie einige Schritte zur Thüre, doch blieb sie stehen und ihre Stimme klang zornig, als sie sagte, »- ich habe mir nicht helfen können; nur daß er sie morden wird – – das hat er mir nicht gesagt.« Sie breitete die Arme aus und stürzte vor dem Sopha nieder, ihr Gesicht in die Kissen verbergend. »Was hilft jetzt alles!« Sie wimmerte leise und rollte ihren Kopf hin und her.

Lothar verstand nun,... verstand, daß sich hier etwas Wunderbares, etwas Entsetzliches ereignete...

»Du verstehst es doch nicht,« klagte Tini mit leiser, singender Stimme.

Da trat er an sie heran, legte seine Hand auf ihren Kopf: »Doch – Tini – ich verstehe.«

Was konnte er thun, was konnte er sagen? Ein Mitleid, so schmerzhaft, daß er es wie eine körperliche Krankheit fühlte, überkam ihn.

»Und warum sagst Du mir das, Tini?« fragte er endlich.

»Weil ich's allein nicht mehr tragen kann.«

»Still! Laß und nachdenken. Er befahl es Dir, Du mußtest es thun? Nicht?«

– »Ich mußte.«

»Liebst Du ihn denn so stark, daß Du für ihn das thatest – ihn – den Chawar.«

Tini fuhr auf. »Wer sagt, daß es der Lois war? Ich hab' das nicht gesagt.«

– »Er oder ein Anderer.«

Tini strich sich das thränenfeuchte Haar aus der Stirn und richtete sich auf. »Noch ist's nicht zu spät,« sagte sie und ging zum Spiegel, um sich ihre Zöpfe aufzustecken.

»Tini, was willst Du thun?« fragte Lothar.

Sie blickte ihn an und lächelte ein mitleidiges, fast verachtendes Lächeln.

»Tini,« fuhr Lothar fort – – »wie kann ich Dir helfen?« – –

»Sie – Sie können nicht helfen,« erwiderte sie ruhig, beugte sich auf seine Hand nieder, küßte sie und ging hinaus. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Als Tini aus dem Hausthor trat, lag die Straße voll dichten Nebels, der an den Dächern flüsternd niedertropfte. Von allen Seiten wurden die Hausthore rasselnd gesperrt. Tini schritt die Wiednerhauptstraße hinab und bog in die Anlagen am Ufer der Wien ein. In den Gebüschen, zu beiden Seiten des schmalen Weges, rauschte der Wind, raschelte der niederregende Nebel. Tini fürchtete sich nicht. Es war, als träumte sie: Dieses Eilen ohne klarbewußtes Ziel, die graue Nebelstadt mit ihren Trauertönen und Trauergestalten, und die Trauerangst im Herzen vor etwas, das sie nicht deutlich dachte, und das doch sicher kommen mußte. An der Karolinen-Brücke zögerte sie – wie unentschieden, bog jedoch in die Invalidenstraße hinauf und schritt der Donau zu. Ein Zug fuhr über den Viadukt, in das Rauschen und Flüstern der Dunkelheit einen betäubenden Lärm werfend, und einen Pfiff ausstoßend – lang – schrill – gequält. Tini hatte Lust, mit zu schreien – so laut und klagend. – Und wieder huschte die dunkle – eilende Gestalt weiter durch den Nebel. Jetzt war sie an das Donauufer gelangt. Der Fluß war tintenschwarz. Nur die Laternen der Sophien-Brücke warfen krause Lichtstreifen auf das Wasser, die sich bewegten, zu schwimmen schienen und dennoch nicht weiter kamen. Ein feuchtes Gurgeln und Locken tönte herauf. Sumpfgeruch erfüllte die Luft. An der Erdberger-Lände verließ Tini wieder den Fluß, verlor sich in kleine, enge Gassen, bis sie an einen wüsten Bauplatz gelangte – eine graue Spinnwebfläche im Schwarz der Nacht. Dort stand ein Haus mit einer rothen Laterne über der Thüre. Tini lehnte sich an einen großen Stein und schaute dieses Haus unverwandt an; dann plötzlich fröstelte sie, hüllte sich fester in ihr Tuch und ging über den Platz auf das Haus zu.

Durch eine Glasthüre trat sie in einen dunkeln Flur, von dem aus sie in das nebenanliegende Zimmer hineinblicken konnte. Hinter einem kleinen polirten Büffet saß eine Dame und schlummerte. Ihr Gesicht war weiß von Poudre, die Haare hoch über den Scheitel aufgethürmt. Die rothgeränderten Augenlider schlossen sich und öffneten sich dann wieder plötzlich und die grauen lichtlosen Augen spähten umher. Hinter einem rothen Schirm, welcher das Gemach quer durchschnitt, waren Stimmen vernehmbar.

Als Tini in die Thüre trat, schreckte die Dame am Büffet auf und fragte: »Was schaffen?«

– »Der rothe Lois; ist er hier?« entgegnete Tini und zog ihr Tuch vor das Gesicht.

Die Dame zuckte verächtlich mit den gemalten Augenbrauen, als wollte sie sagen: »Mir liegt gewiß nichts daran, Dich zu sehen.« Dann verschwand sie hinterm Schirm.

Tini hörte, wie der Lois mit schwerer Zunge sagte: »Mich? Was ist's denn?«

Gleich darauf erschien er, ein wenig angetrunken, die Mütze im Nacken. Er blieb vor Tini stehen und betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen.

»Tini?« fragte er leise.

»Ja, Lois.«

– »Was willst Du? Giebt's was?«

– »Freilich.« –

Er hatte bisher in der schlaffen Haltung eines Trunkenen dagestanden, jetzt richtete er sich straff auf.

»Sag's geschwind,« flüsterte er.

»Daß Du's weißt – Lois; ich ertrag's nicht. Ich sag's.«

»Du bist närrisch.«

»Morgen muß ich oben hinauf. Ich sag's, Lois. Daß Du's weißt.«

Chawar murmelte etwas so leise, daß Tini es nicht verstand; dann fügte er lauter hinzu: »Geh – geh. Du bist närrisch. Bleib' hier bei uns. Ich geb' Dir nachher Dein Geld.«

– »Nein – nein, Lois. Ich mag's nicht. Ich kam nur, damit Du's weißt.«

Chawar suchte etwas in seiner Tasche, zog die Hand aber wieder heraus und stand unschlüssig da.

Tini, gegen die Wand gelehnt, schaute ihn an. In der Dämmerung des Flur's vermochte sie sein Gesicht nicht zu sehen. Das Licht des Nebenzimmers beleuchtete nur die eine Hälfte seines rothen Kopfes, den mit dichtem krausen Haar bewachsenen Kinnbacken, der sich bewegte, als kaute er.

Plötzlich lachte Chawar kurz auf – und wandte sich ab, leise vor sich hinpfeifend.

Tini blieb noch einen Augenblick stehen..., dann ging sie hinaus. Mit einem tiefen Athemzuge sog sie die Nachtluft ein, einem so tiefen Zuge, als sollte er ihr die Brust sprengen, und begann wieder vorwärts zu hasten, schneller, als vorher. Zuweilen blieb sie stehen und horchte... und dann wieder weiter durch die graue Nebelstadt, durch die feuchten Schleier, die alles verhüllten und die Gegenstände erst erkennen ließen, wenn sie schwarz und naß vor ihr standen. Nun war sie am Fluß. Sie sah ihn nicht, sie hörte nur das Gurgeln und Locken der Wellen... und dort im Nebel bewegte sich etwas das Ufer entlang... Tini wußte sofort, was das war. Sie hastete weiter. Kein deutlicher Gedanke kam ihr; nicht einmal Angst war's, was sie empfand; nur die Spannung: »Werde ich ihm entkommen? Bin ich bei den Weißgerbern, dann ist's gut.«

Der ungepflasterte Weg war schlüpfrig; sie kam nicht recht vorwärts, auch mußte sie immer wieder sich umschauen. Da plötzlich rannte sie gegen einen Menschen an. Sie wußte sogleich, wer es sei. »Er ist durch die Erdbergerstraße und das Wassergassel mir vorgekommen,« dachte sie mechanisch.

»Lois! thu' mir nichts;« stieß sie aus. Sie hörte seinen Athem schwer gehen. Dann packte er sie wie mit eisernen Zangen.

»Ich werd's nicht thun!« stöhnte Tini leise und setzte sich zur Wehr. In der Wuth und Aufregung des Kampfes ward ihr heiß; sie rangen mit einander, stürzten zu Boden.

Tini hörte das Gurgeln des Wassers, das Schnaufen des Menschen, der sie niederdrückte; – etwas Schweres fiel auf ihren Kopf nieder, lähmte ihre Glieder; ein langer, schriller Ton schlug an ihr Ohr, Blitze zuckten vor ihren Augen, dann wieder Dunkelheit und eisige Kälte.

Das Ringen mit dem Lois dauerte fort; aber wo sie gegen ihn stieß, wich er zurück und doch riß er sie mit sich fort, packte sie mit kalten Fingern an, bedrückte ihr den Athem. Sein Schnaufen wurde zum Getöse, zu einem lauten, hellen Klingen. Um sie begann es zu glitzern, deutlich gewahrte sie krause, gelbe Strahlen, welche sie umflatterten – ihr grell in die Augen schienen. Sie schloß die Augen. Ruhe und Mattigkeit überkam sie; in ihren Ohren tönte es laut und hell fort. Ihr war es, als hörte sie Lothar mit seiner weichen, tröstenden Stimme sprechen – – bis es ganz still und dunkel wurde. –

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