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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Mietzi hörte auf zu weinen und blickte ein wenig erschrocken und ängstlich auf: »Ach ja!... Du hast es – wie?... Und was ist's denn mit Dir?«

»Bei mir ist Alles aus!« meinte Leopold und fröstelte. »O! ganz aus. Aber wir wollen von diesen Sachen nicht sprechen. Die gehen uns ja eigentlich nichts mehr an. Laß uns heute noch einmal recht lustig sein.« Seine Stimme war weich und er sah Mietzi mit verzehrender Bewunderung an, daß es auch sie erwärmte.

»Recht hast Du,« versetzte sie. »Du hast es doch wirklich mit?«

»Ja doch. Da ist es.« Er stellte ein Fläschchen auf den Tisch. »Hier ist es; sei unbesorgt. Jetzt wollen wir essen und nicht daran denken.«

Mietzi zog die Augenbrauen in die Höhe und sagte feierlich: »Heute bestellen wir uns keine Mehlspeise. Du weißt, dann kommt es zu Nichts.«

»Wie Du willst,« erwiderte Leopold. »Ich habe wohl einen Weinkoch bestellt, weil Du ihn gerne magst. Aber wir lassen ihn halt stehen.«

Mietzi beugte sich wieder über ihren Teller, doch fuhr sie ungeduldig auf: »So nimm das Fläscherl fort! Wie soll man essen, wenn das da steht?« – –

»Ja so! ich vergaß,« sagte Leopold und steckte es in die Tasche.

Der Lendenbraten war gut, und als der Weinkoch kam, aßen sie ihn, als könnte es nicht anders sein.

Mietzi bekam heiße rothe Wangen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und an den blanken Augen sah man, daß sie lachen wollte, obgleich die Lippen ernst blieben. »Sag', Poldl,« begann sie, »wir sollen nicht – von – von unseren Sachen sprechen; das geht uns Nichts mehr an. Ja, wovon sollen wir denn sprechen? Es geht uns doch jetzt eigentlich Nichts was an?«

»Aber Mietzi, wie Du auch bist!« Leopold war überrascht von diesem unheimlichen Scherze.

Mietzi aber fand das lächerlich und lachte laut darüber; da lachte er mit; er hätte über den Tod selbst gelacht, wenn er dabei Mietzi im Arm, in der Sophaecke sitzen, ihre heißen Lippen küssen und dazu Ruster trinken durfte. Obgleich sie über Nichts mehr sprechen konnten, unterhielten sie sich doch sehr gut, so gut, daß der Kellner hereinkam und die Herrschaften bat, ein wenig stiller zu sein, ein alter Herr schlafe nebenan.

Später, als sie sich zur Ruhe begaben, stellte Leopold sein Fläschchen neben das Bett; Mietzi jedoch machte wieder ihr geängstigtes Kindergesicht und bat: »Thue es fort. Ich kann nicht schlafen, wenn's hier steht. Ich mag das nicht. Wenn man's nöthig hat, kann man's ja haben.«

So ward es fortgestellt.

* * *

Der Morgen graute, als Leopold erwachte. Er starrte das Zimmer an, welches im fahlen Halblicht der Dämmerung nüchtern und fadenscheinig aussah; dann blickte er auf Mietzi, die neben ihm schlief, die Wangen roth, die Lippen halb geöffnet, ganz umglänzt vom Gekräusel der blonden Haare. Anfangs lastete nur das unklare, bleierne Gefühl von etwas Schrecklichem auf ihm; er fand sich nicht sogleich zurecht – doch – da stand es plötzlich vor ihm, so nüchtern und klar, wie die Gegenstände im grauen Morgenlichte. Dieses war der Tag, den er nimmer erleben durfte! Wie von einem körperlichen Schmerz getroffen fuhr er auf: Das Geschäft.... die zwei Tücher zu Hause im Kasten! Wieder das ganze Elend, all' die Qual. In tiefer Verzweiflung warf er sich in die Kissen und rollte seinen Kopf hin und her, als hätte er Zahnweh. Ach, ach! wie unglücklich war er! Dann sprang er wieder auf. Die Tücher mußten aus dem Kasten fort; wie hatte er das nur vergessen können? Hastig kleidete er sich an, doch bald ließ er die Arme muthlos sinken, lehnte sich an das Fenster, schaute hinaus und versank in tiefe Gedanken. Wäre Elsa da! vielleicht konnte sie helfen. Sie würde ihn bemitleiden und danach sehnte er sich. Mietzi wurde unruhig – sie bewegte sich, seufzte und dennoch lächelten ihre Lippen das sanfte, träge Lächeln der Schlafenden. O die! Leopold fühlte etwas wie Zorn gegen dieses schöne, ruhig schlummernde Mädchen. Er hatte es gestern schon geahnt, daß es ihr mit dem Sterben nicht ernst war. Aber – wenn er jetzt das Fläschchen leerte? Dann wäre Alles zu Ende. Mietzi würde ihn sterbend finden, er würde ihr vergeben, daß sie nicht den Muth gehabt habe, mit ihm zu sterben. »Lebe glücklich, wenn Du kannst. Grüße Elsa.« Und Elsa würde kommen; die beiden liebenden Mädchen würden um ihn weinen, – und dann? – –? Nein – nein, er wußte es wohl, es würde nicht geschehen – – er konnte es nicht thun. So blieb denn Nichts übrig, als warten, bis das Entsetzliche kam – – und es kam – es war da, das fühlte er. Stumpfe Müdigkeit ergriff ihn, machte seine Glieder weich und schlaff.

Als er sich umwandte, sah er, daß Mietzi aufrecht im Bette saß. Die Arme um die Knie geschlungen, sah sie ihn verwundert und scheu an.

»Nun – Mietzi,« sagte er traurig; sie wandte jedoch den Kopf ab und griff nach ihren Kleidern.

»Es ist schon Tag; ich muß heim,« murmelte sie.

Leopold lächelte, und es war ihm lieb, daß er das konnte. »Ja, Mietzi,« versetzte er sanft, »wieder ein Tag. Doch – ich hab's gleich gedacht....«

»Was hast Du Dir gedacht?« unterbrach sie ihn ärgerlich. »Sprich doch keinen Unsinn! Nichts hast Du Dir gedacht.« –

»Laß's gut sein, Schatz!« fuhr Leopold mit derselben traurigen Milde fort. Es war ihm fast, als läge er sterbend da und verzieh allen.

Mietzi kleidete sich eilig an, ohne ein Wort zu sprechen. Es schien, als fürchtete sie sich vor Leopold; sie kam ihm nicht nah und warf nur flüchtig ängstliche Blicke auf ihn. Als sie fertig war, sagte sie einfach »komm« und ging zuerst hinaus. Das schmerzte ihn; er hätte sie lieber verzweifelt und niedergeschlagen – als so trotzig gesehen; das machte ihn in seinem Elend einsamer.

Fröstelnd schritten sie neben einander her. Die Stille der Straßen wurde nur zuweilen durch das weithin schallende Rattern eines Gemüsekarrens oder Milchwagens unterbrochen. Im Technikerpark, unter den kümmerlichen Bäumen, trieben sich wunderliche Gestalten umher. Leute, die in Büschen am Wienflusse übernachtet haben mochten und nun frierend hervorgekrochen waren. Einer stand am Baume und wusch sich, während ein Anderer mit einem bleichen, welken Gesichte auf einer Bank saß und schlummerte. Ein Dritter ging mit kleinen Schritten auf und ab, um sich die Füße zu erwärmen. Sie regten sich dort im Morgennebel, wie Leute, die zu früh aufgestanden sind und sich in einem öden, kalten Schlafzimmer mißmuthig und einsilbig anschickten, ihren Tag zu beginnen.

»Wer sind die,« flüsterte Mietzi entsetzt.

»Gauner,« warf Leopold hochmüthig hin, aber auch ihn schüttelte das Grauen. Der Schläfer auf der Bank öffnete halb das eine Auge und schielte nach ihnen hin und dieses welke Gesicht zuckte, als lächele es. »Dieses sind die Bürger der unheimlichen, unreinlichen Welt – zu der nun auch ich eigentlich...« Nein, er dachte das nicht zu Ende und beschleunigte seine Schritte.

An der Ecke der Margarethen- und Wiedner-Hauptstraße blieb Mietzi stehen. »Ich geh' hier die Panigelgasse hinab,« sagte sie und wollte fort.

Leopold hielt sie an ihrem Mantel zurück: »Was willst Du dort?«

Mietzi erröthete und erwiderte trotzig: »Zur Frau Rosenthal. Du weißt, daß ich zu Hause nicht mehr kann.«

– »Frau Rosenthal?« wiederholte er mechanisch.

»Nun ja,« meinte Mietzi ungeduldig. »Die Logenschließerin; was ist denn dabei. Sie hat gesagt, ich soll nur kommen, wenn ich will.«

»Mietzi, geh' nicht!« flehte er weinerlich.

»Ach geh'!« Mietzi befreite ihren Mantel mit einem Ruck aus seinen Fingern, drehte ihm den Rücken zu und schritt die Panigelgasse hinab.

»Mietzi!« stöhnte Leopold. Sie schaute nicht ein Mal zurück. Ihre spitzen Absätze klapperten eilfertig über das Pflaster; und als die feine Gestalt im grauen Mantel und blauen Hut um die Ecke bog, schien mit ihr für Leopold alle Hoffnung, all' sein Leben zu entschwinden. »Jesus! was fang ich an?« murmelte er, drückte die Knöchel seiner Hände gegen die Schläfen und lief nach Hause. –

Bei Gerstengresser's schlief noch Alles. Als er in sein Zimmer trat, sah er eine weiße Gestalt auf einem Sessel kauern. Elsa war es. Den Kopf auf die Brust gesenkt, das Gesicht von ihren Haaren überdeckt, schlummerte sie. »Ach!« sagte Leopold, als habe er das erwartet. Leise lehnte er die Thüre an und setzte sich auf sein Bett.

Elsa athmete schnell und laut, warf ihre Arme unruhig hin und her, seufzte tief und schlug die Augen auf. Sie schüttelte sich das Haar aus der Stirn – beugte sich vor. Ihr Gesicht war geisterbleich, unter den Augen lagen dunkle Schatten. »Poldl – Du bist's?« flüsterte sie kaum hörbar.

»Ich bin eben gekommen,« antwortete er ebenso leise. »Was ist geschehen?« –

»Ja – es ist was geschehen.« –

»Ist – Jemand hier gewesen?«

Elsa nickte. »Zwei. Herr Punzendorf und noch Einer. Gleich als Du fort warst, kamen sie.«

»So?« Leopold schien ganz ruhig. »Sie wollten wohl – dort – nachschauen?« und er wies auf den Kasten.

»Freilich,« erwiderte Elsa tonlos. »Sie haben ihn geöffnet. Sie haben gesagt, es geschieht zu Deinem Besten, und... und....«

»Und haben gefunden,« ergänzte Leopold mit einem tiefen Seufzer.

»Was wirst Du thun?« fragte Elsa.

»Was kann ich thun?« meinte er. – »Sie werden wiederkommen?«

»Freilich.« –

Nun entstand eine Pause. Leopold fühlte sich wie zerschlagen, alle Glieder schmerzten ihm und dennoch spürte er eine gewisse Erleichterung. Das Warten, die Angst hatten jetzt ein Ende. Das Schreckliche war da; eine dumpfe Ruhe kam über ihn. Mietzi war bei Frau Rosenthal. Alles war aus. Er blickte zu Boden und drehte langsam einen Daumen um den anderen. Da rutschte es leise neben ihm. Elsa war von dem Sessel auf den Fußboden niedergeglitten und kniete vor ihm. Thränen rannen ihr die Wangen entlang und sie breitete die Arme aus: »Ach, Poldl! wie konntest Du das thun?«

»Laß mich,« erwiderte er sanft, »es ist ja doch nicht mehr gut zu machen. Schlafen möchte ich; ich bin todtmüde.« –

»Ja, schlafe nur,« meinte Elsa und begann sorgsam Alles dazu vorzubereiten, die Fenstervorhänge zuzuziehen und das Bett herzurichten. »So, Poldl – leg' Dich nieder.«

Behaglich streckte Leopold sich aus und schloß die Augen. »Du gehst doch nicht fort?« sagte er matt.

»Nein – ich bleibe,« beruhigte sie ihn, setzte sich auf den Bettrand und hielt ihm die Hand.

»Wenn die Mietzi gewollt hätte, wäre jetzt Alles gut. Sie und ich hätten Ruh'. Aber sie wollte nicht – und – so allein, – das mochte ich auch nicht.« Er sprach das langsam und halb im Schlaf vor sich hin.

Elsa streichelte seine Hand. »Wie Du red'st – Poldl! Es wird noch gut. Ich will schon zusehen. Ich geh' heute zum Herrn Punzendorf und will ihn bitten.... Ich – Poldl – werd' immer mit Dir sein.« – –

»Ja – Du!« lallte er und lächelte matt. –

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