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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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XIV.

Branisch war zurück und stattete Bericht ab. Die Genossen hatten sich alle in der Redaktion versammelt, selbst der Provisor, Remder und Amalie waren zugegen. Letztere saß am Fenster und rauchte eine Cigarrette. Sie wandte der Versammlung ihr strenges Profil zu, schaute in den Hof hinab, als schenkte sie den Vorgängen im Zimmer keine Aufmerksamkeit und blies dunkle Rauchwölkchen gerade vor sich hin, den Mund ein wenig schief verziehend.

Mitten im Zimmer, die Hände auf die Rücklehne eines Stuhles gestützt, stand Branisch und sprach. Hochmüthig und wie siegesstolz reckte er seine lange Gestalt und hielt den Kopf mit dem schönen Tyrannengesicht steif aufrecht. Die Worte zischte er schnell und geläufig zwischen den weißen Zähnen hervor. Er erzählte von der Niederlage der Tucharbeiter in Brünn. Ja! eine vollständige Niederlage. »Ich hatte das vorausgesehen,« meinte er und strich sich langsam über seinen Bart – der getheilt, wie zwei Flämmchen, ihm zu beiden Seiten des Kinnes abstand. »Bei der Zusammenhangslosigkeit und Zerfahrenheit der socialen Parteien konnte es nicht anders kommen.«

»Ach ja! Einigkeit!« betete Feitinger.

»Aber auch aus diesen traurigen Ereignissen,« fuhr Branisch fort, »haben wir Vortheile gezogen,« und nun führte er aus, wie es ihm gelungen sei, den dortigen Arbeiterkreisen den Grund ihrer Niederlage klar zu machen. »Nur auf Grund einer einigen, disciplinirten, großen Partei können Erfolge erzielt werden; das fangen sie an zu begreifen. Was wir hier in dieser Stube vorbereiten, beginnt zu wirken. Fühlt Ihr nicht alle, wie unser Wirkungskreis wächst? Wie unser kleiner Bund sich ausdehnt...? Nur fest aneinander halten – eiserne Disciplin – und wir müssen zu einer unwiderstehlichen Macht werden.« Er erhob seine Stimme – seine Augen blickten geradeaus – als schauten sie über eine weite, mit einer tausendköpfigen Menge bedeckte Fläche hin. Dann fing er an, ruhig die Aufgaben, die einem Jeden zu stellen waren, herzuzählen; sprach von Hülfskassen, Vereinen, Personallisten, Versammlungen, und die Anderen erstaunten über die Fülle der wohlgeordneten, erfolgreichen Arbeit, die ihnen zufiel. Sie hatten es noch nie gefühlt, daß das Werk wirklich groß und mächtig war.

Rotter vermochte vor Thatendurst kaum mehr an sich zu halten; er wollte auch große Worte sprechen, oder sogleich forteilen, um etwas Großes zu thun.

Klumpf reichte Branisch die Hand. »Danke, Freund. Du bringst neues Leben in unseren Bund. Was wären wir ohne Dich. Ja – Arbeit, gieb uns Arbeit, dann erscheint das Ziel uns weniger fern.«

Als Klumpf sprach, wandte Amalie Remder ihr Gesicht langsam ihm zu – und es nahm einen sanften, fast mitleidigen Ausdruck an.

Jetzt fühlte ein Jeder sich getrieben, etwas zu sagen.

Feitinger begann in seiner Ecke: »Ja, ganz recht! Ein Staat im Staat. Der Staat der Zukunft wächst aus dem Staat der Vergangenheit hervor.«

Aber Rotter überschrie ihn.

Am erregtesten war Oberwimmer. Er stieg auf einen Stuhl, weil der lange Feitinger ihm die Aussicht benahm, riß seine hübschen blauen Augen weit auf und rief: »Wenn Alle sich des einen Zieles bewußt sein werden, dann bedarf es keiner telephonischen und telegraphischen Verbindungen; die Verbindung der Herzen ist sicherer. Nur Offenheit unter den Genossen, darin liegt das Heil. Was soll die Geheimthuerei – – –.«

»Die Geheimnisse der Herren von der Gemeinschaft quälen ihn wieder,« knarrte Lippsen dazwischen. Er aber ließ sich nicht stören; er wollte sich an großen Worten satt sprechen.

Da erschien Frau Fliege in der Thüre und meldete: »Es ist Jemand da, der den Herrn v. Oberwimmer sprechen will.«

Oberwimmer schwieg – – ein wunderlicher Ausdruck von Schreck und Grauen malte sich auf seinem Gesicht – das ganz bleich geworden war.

»Was ist's denn?« fragte Rotter theilnehmend.

»O, nichts,« meinte er, wohl eine Post von meiner Frau. Ich komme schon, Frau Fliege.« Und er eilte hinaus.

Lothar wurde das Stimmengewirre auch zu bunt; ihn, wie die anderen, hatte das große und hoffnungsreiche Bild der Arbeit gestärkt und erhoben; dieses gerade jedoch verdroß ihn. Er ging in das Nebenzimmer und lehnte sich zum Fenster hinaus.

Es war drei Uhr Nachmittags, die einzige Stunde des Tages, in der der Hof unten zu einem Streifen Sonne gelangte, der die Höhe der grauen Brandmauer quer durchschnitt. Unten an der Mauer stand Tini in ihrem kurzen Röckchen, die Arme über der Brust gekreuzt – den Kopf zurückgelehnt, wobei die dicken Zöpfe ihr als Polster dienten.

Lothar wollte sie anrufen, jedoch besann er sich. Der Anblick dieses Mädchens erregte unangenehme Gedanken in ihm. Ihm war jetzt beschieden worden, wonach er so lange gesucht: eine Arbeit für's Leben. Dieses schwarze Mädchen sollte seine Kreise nicht stören – – o, gewiß nicht!

Im Flur wurden Stimmen laut. Sich umwendend, konnte Lothar einen kleinen Mann mit blondem Bart und einer Brille sehen, auf den Oberwimmer eifrig einsprach. Seine Stimme war dabei heiser und gequält: »Will man mich drängen, so stehe ich für nichts. Wollen die Herren die Sache machen – gut – ich überlasse sie ihnen nur zu gern. Aber soll ich etwas ausrichten, so muß ich freie Hand haben. Jeder Unberufene verdirbt alles. Wozu kommen Sie überhaupt hier her?« Der kleine Mann erwiderte sehr leise etwas – auch Frau Fliege mischte sich in das Gespräche – – bis Oberwimmer sie heftig unterbrach: »Gut, gehen Sie. Was ich übernommen habe, führe ich durch – – aber man soll mir Frieden geben.« Damit verließ er sie und kehrte in die Redaktion zurück. Er war überrascht, Lothar hier zu finden. »Wie, Du hier so allein?«

»Ja – aber Du siehst ganz mitgenommen aus. Ist etwas geschehen?« – –

»Ach – Familiensorgen!« Diese Familiensorgen hatten ihn so angegriffen, daß er bleich und älter als sonst aussah. Aber er versuchte zu lachen. »Es ist nichts! Aber hier ist's entsetzlich warm; komm, gehen wir hinab. –«

* * *

Das war ein wohlausgefüllter, aber anstrengender Tag gewesen. Sie hatten unablässig discutirt und Pläne gemacht; am Abend hatte Klumpf im »Leseabend für Arbeiter«, den er eingerichtet, einen ergreifenden Vortrag gehalten – – endlich hatte man noch lange mit den Arbeitern beim Bier aufgesessen. Es war schon spät in der Nacht, als Lothar abgespannt und nervös zu seiner Wohnung hinauf stieg.

Als er in seinem Zimmer die Kerze ansteckte, hörte er es neben dem Schreibtisch rascheln. Er leuchtete hin und sah dort eine dunkle Gestalt kauern. »Wer ist da?« rief er; da lachte es leise und zwei Reihen weißer Zähne und zwei schwarze Augen leuchteten ihm entgegen. »Tini – Sie sind's?«

»Ja, Herr v. Brückmann!«

Lothar blieb einen Augenblick schweigend und verstimmt vor dem Mädchen stehen. »Was wollen Sie hier?« fragte er dann.

»Des vorigen Abends wegen bin ich gekommen,« antwortete die herbe verschleierte Stimme des Mädchens.

Lothar wandte sich ab und setzte sich auch einen Sessel. »Deshalb?« meinte er, »was ist darüber noch zu sprechen?« Er wollte ruhig und gleichgültig erscheinen; dennoch mußte Gereiztheit in seinem Tone liegen, denn Tini blickte scheu auf. Sie hockte noch immer auf dem Fußboden, die Arme um die Knie geschlungen und einer der schwarzen Zöpfe fiel bis auf den Fußboden nieder. »Wie sind Sie denn überhaupt hier hereingekommen?« forschte Lothar weiter.

»Ich hab' die Wäsche hereingetragen und bin hier geblieben. Die Alte hat geglaubt – ich sei fort und hat die Thüre zugesperrt. Ich hab' Ihnen nur sagen wollen, Herr von Brückmann, Sie sollen nicht böse sein, der Lois ist an allem Schuld.«

»Ich bin nicht böse. Wenn Sie lieber mit dem Chawar zusammen sind, so hab' ich nichts drein zu reden.«

»Freilich! ich weiß, Ihnen liegt nichts daran. Aber es ist nicht wahr, daß ich lieber mit dem Lois geh'.... aber der Lois – – mein Gott – ich weiß nicht, wie das ist, aber ich habe müssen...« Das schöne Gesicht nahm einen wilden, schmerzvollen Ausdruck an; mit beiden Händen hielt sie ihre Flechte und drehte sie, als wollte sie sie ausringen. »Jesus Maria, was kann ich thun?«

»Warum müssen Sie, wenn dieser Chawar will?«

Tini antwortete nicht, sondern rutschte auf den Knieen zu Lothar hin, ergriff seine Hand und küßte sie. »Ach Gott – – wenn Sie mich behalten würden – ganz für sich – und der Lois könnte mir nichts mehr sagen,« flüsterte sie. – »Sie sind doch mit mir in den Prater hinabgegangen, – – nehmen Sie mich – – daß ich Ihnen gehöre und er kein Recht mehr hat....«

Und wie sie mit der heißen flehenden Stimme ihm diese Worte zuflüsterte, sich zu ihm neigte und die runden, schwarzen Augen ihn ängstlich anstarrten, wurde es Lothar wunderlich zu Sinn; ihm schwindelte vor diesen Augen; mit beiden Händen griff er nach dem Kopf des Mädchens und küßte ihn.

Tini erröthete – – und sagte dann – – wie erleichtert: »So, gut – ich gehöre Ihnen; nicht?«

»Ja, Mädchen,« erwiderte Lothar, »wir wollen versuchen, zu einander zu gehören;« und er hob sie zu sich empor.

Da wurde sie wieder ruhiger und ernst, ließ Lothar gewähren; begann sich auszukleiden, als leiste sie ihm einen gewöhnlichen und selbstverständlichen Dienst.

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