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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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XIII.

Frau Zweigeld rauschte in ihrem veilchenfarbenen Atlaskleide ernst und langsam im Eßsaal um den langen, geschmückten Eßtisch herum. Auf ihrer schönen Stirn stand eine lothrechte, mißmuthige Falte. »Ist der Herr noch immer nicht gekommen, Jeani?« fragte sie die beiden für den heuthigen Tag gemietheten Schanis, zwei hübsche wiener Jungen, die ihr blondes Haar in spiegelblanken Streifen, wie Scheuklappen, über den Ohren nach vorne gekämmt hatten.

»Drüben hörte ich die Thüre gehen, gnädige Frau,« antworteten beide zugleich. –

»Ah!« eilig begab sie sich in das Zimmer ihres Gatten.

»Endlich bist Du da!« begann sie ziemlich aufgebracht. »Die Gäste werden gleich kommen und Du bist nicht einmal angekleidet.«

»Ist schon Einer da?« fragte der Doctor gleichmüthig. Er kehrte seiner Frau den Rücken zu, um seinen Ueberzieher auf den Nagel zu hängen.

»Nein. Aber sind sie erst da, dann.....«

»Es wird noch Zeit genug sein,« unterbrach sie der Doctor und wandte sich jetzt ihr zu. –

»Was ist geschehen?« rief Frau Zweigeld erschrocken.

»O! Nichts. Ich bin umhergelaufen, Geschäfte,« meinte er. Dabei sah er bleich und verstört aus. Matt ließ er sich in einen Sessel fallen und zog nachdenklich an seinem Schnurrbart.

Nun trat seine Frau nahe an ihn heran und schaute ihm besorgt in das Gesicht. »Du bist krank?« fragte sie theilnehmend.

Das ärgerte ihn. »Nein doch! Ich sag's ja, ich bin müde. Man hat den Kopf so voller Geschäfte, und nun dieses Diner noch...«

»Du hast's ja selbst gewollt.« Frau Zweigeld lächelte ihr ruhiges, überlegenes Lächeln; und wie einem Knaben strich sie ihrem Gatten mit der Hand über das lockige lichtergraute Haar. »Du bist nervös, die Gesellschaft wird Dich zerstreuen. So etwas thut Dir ja immer gut. Kleide Dich jetzt um, es ist spät.« Damit ließ sie ihn allein.

Der Doctor streckte sich, wiegte den Kopf sachte hin und her, als schmerzte er ihn und murmelte zwischen den Zähnen: »Die Troddeln, die verdammten Troddeln. Neuntausend Gulden, diese Lumperei, und nicht aufzutreiben!« Er fing an, heftig mit den Armen umherzufahren. Das war ja nicht möglich! Ihm, dem eleganten Dr. Zweigeld sollte es nicht gelingen, neuntausend Gulden zu schaffen? Aber verdammt gekniffene Gesichter hatten einige der Herren gemacht, die ihm heute das Geld abschlugen; so der dicke Lederfabrikant Mayer, den Zweigeld jahraus, jahrein mit seinen Trüffeln und seinem Champagner gefüttert hatte. Eine halsbrechend dumme Geschichte. Das Geld mußte sich finden.

Eilig sprang er auf und begann sich umzukleiden. Mit Wollust tauchte er sein Gesicht in das kalte Wasser, immer wieder, und er rieb es unaufhörlich, als wollte er alle Sorgen und trüben Gedanken fortwischen; und wirklich tauchte das Gesicht aus dem Waschbecken um Vieles jünger und heiterer wieder auf; dieser jugendliche Eindruck vermehrte sich mit jedem Kleidungsstücke, welches er anlegte, als er endlich im Frack vor dem Spiegel stand und vorsichtig das Taschentuch in den Ausschnitt seiner Weste schob, war er ganz wieder der elegante Dr. Zweigeld und sah aus, als habe er niemals eine demüthigende Geldabsage erhalten.

Im Wohnzimmer hatte Dr. Benze lange und ungeduldig auf seine Braut gewartet. Endlich erschien sie und blieb mit einem vorwurfsvollen Lächeln in der Thüre stehen. Sie trug heute ein hellblaues Seidenkleid und hellrothe Azalien im Haar, und weil sie sich besonders hübsch wußte, war sie neugierig, welches Gesicht ihr Verlobter dazu machen würde. Er machte ein verlegenes, ernstes Gesicht und küßte steif Gisela's Hand und führte sie zu einem Sessel. »Bitte, setz' Dich. Ich hab' hier auf Dich gewartet, damit wir uns aussprechen, ehe die Leute kommen.«

»Was ist denn geschehen?«

Benze ging mit kleinen Schritten vor ihr auf und ab und strich sich mit der Hand über das Haar, wie er es zu thun liebte, wenn er etwas Gewichtiges sagen wollte. Bei Gisela's Frage blieb er stehen. »Wie? Du weißt das nicht mehr?« dann lächelte er gerührt. »Doch, doch! Du weißt es recht gut. Ich wollte Dich um Vergebung bitten, meiner gestrigen Heftigkeit wegen.« Und er streckte seine Hand Gisela hin.

Sie aber sprang auf, umschlang ihn mit ihren Armen und lachte unbändig. Das ärgerte Benze offenbar, denn er ließ sich diese Umarmung steif wie ein Stock gefallen. »Wie närrisch Du bist, Schatz!« rief Gisela. »Ich habe ja keine Idee, wovon Du sprichst. Du bist heftig gewesen? Gegen mich? Wann denn?«

»Erinnerst Du Dich nicht unseres gestrigen Gespräches über die Nationalitäten.«

»Ja, nun weiß ich's. Wir sprachen von den Czechen. Du sagtest, daß Du sie alle hassest – – und ich sagte, daß der Ulane vorigen Winter auf dem Concordiaball sehr nett gewesen sei, und daß es unter den Czechen gewiß auch recht gute Leute gäbe. Das ärgerte Dich – nicht?«

»Freilich,« meinte Benze reuig. »Ich ließ mich hinreißen, vergieb mir. Ich kann so etwas nicht hören. Daran gehen wir zu Grunde, daß wir immer unparteiisch sein wollen – und wenn unsere Frauen, die doch das Vorrecht haben, sich frei ihrem Gefühl zu überlassen, schon anfangen unparteiisch zu sein..., aber gleichviel – ich hätte mich beherrschen sollen. Vergieb mir.«

»Aber Franzl, ich hab's ja nur gesagt, um Dich aufsitzen zu lassen. Da ist Nichts zu vergeben.«

Das nahm Benze wieder übel; er wollte etwas zu bereuen haben. »Ueber diese Dinge darfst Du nie scherzen. Aber ich ging gestern im Zorn von Dir und das ist mir leid.«

»Ach, Du Armer. So stark also hast Du Dich geärgert! Denke Dir, daß ich das garnicht gemerkt habe. Ja, jetzt erklär' ich's mir. Wenn so etwas vorgefallen ist, sieh – dann werden Deine Arme so steif und hart, sie biegen sich nicht recht – – so wie jetzt – – so waren sie auch gestern Abend. Aber nun ist's vorüber, nicht wahr? – Sag' mir lieber, wie ich Dir heute gefalle.«

Gisela gefiel Benze sehr gut, dennoch schmollte er, war verlegen und stockig. Er hatte sein Unrecht männlich eingesehen und wollte Gisela demüthig um Vergebung bitten. Nun sollte an der ganzen Sache Nichts sein, das verdroß ihn.

Diese Auseinandersetzung wurde durch die Ankunft der Gäste unterbrochen. Allen voran kam Professor Lagus mit seinem langen, blonden Wotanbart und seinem übertrieben teutonischen Aussehen. Neben ihm seine Tochter Emmy, klein und zierlich und gar nicht teutonisch. Ihr dunkles Haar flog in gewollter Unordnung um den Kopf, fiel bis über die Augenbrauen und ließ das Gesicht noch kleiner erscheinen. Dieses kleine Gesicht war weiß von Poudre de riz, aus dem die grauen Augen, die schwachen, rothen Striche der Lippen überraschend lebhaft hervorstachen, und ihm etwas hübsch Geisterhaftes gaben, das gefiel. Emmy stand mit den Verlobten ihrer Freundinnen stets auf dem Kriegsfuß, sie lachte sie aus und coquettirte mit ihnen; sie machte sich auch sofort an Dr. Benze.

»Sie sind von unserem Erscheinen wohl nicht sehr erbaut, Herr Doctor?« begann sie.

»Warum, mein Fräulein? Wir erwarteten Sie.«

»Wenn auch; aber vom Vorzimmer aus schien es mir, als unterbrächen wir hier ein sehr intimes Gespräch.«

»Unser Gespräch war allerdings ein wenig ernst und drum war es gut, daß es unterbrochen wurde,« meinte der Doctor und verbeugte sich spöttisch, was Gisela bedauerte, denn sie wußte, daß Emmy das lächerlich finden würde.

»Also ein Streit?« rief Emmy und ihre Augen blitzten.

»Nein, mein Fräulein, dieses Vergnügen haben wir Ihnen dieses Mal nicht bereitet.«

»Mir! – Uebrigens, hätte ich einen Verlobten, so würde ich ihn, wollte er Streit anfangen, jedesmal bitten, einen einsamen Spaziergang zu machen. Man verlobt sich doch nicht, um sich zu langweilen.«

»Es ist doch günstig für uns,« bemerkte der Doctor spitz; »daß nicht Alles wirklich ausgeführt wird, was die jungen Damen sich vornehmen, mit ihrem zukünftigen Verlobten anzufangen.«

Das ärgerte Emmy. »Sie thun, Herr Doctor, als ob wir an nichts Anderes, als an Verlobte denken. Wir denken garnicht daran. Das eben fiel mir nur ein, weil ich Sie gerade sah.«

Der Saal füllte sich immer mehr. Dr. Littchen kam mit seinem langen Sohn und der bleichsüchtigen Alice; der Lederfabrikant Mayer mit Elsi, deren Wangen so roth waren, und die mit ihren hartbraunen Augen sogleich den jungen Littchen zu hypnotisiren versuchte. Noch andere kamen; die Gesellschaft war sehr zahlreich.

Herr Zweigeld stand an der Thüre und begrüßte seine Gäste. Er setzte etwas darein, einem Jeden etwas zu sagen, worüber dieser lachen konnte. Niemand hätte ihm angemerkt, daß unter den Herren, die er so freundlich empfing, einige, wie Herr von Mayer, waren, die heute Morgen bei dem Gespräch über die 9000 Gulden so »verdammt verkniffene« Gesichter gemacht hatten.

Die beiden Schani's öffneten die Thüren des Speisesaales und meldeten, es sei angerichtet.

Frau Zweigeld, am Arm des Dr. Littchen, eröffnete den Zug; der Doctor folgte mit der bleichen, betrübtaussehenden Frau des großen Abgeordneten; die übrigen Paare schlossen sich feierlich an.

Dr. Zweigeld war liebenswürdig, wie immer, ja, liebenswürdiger noch, als gewöhnlich, wie seine Frau noch zu bemerken glaubte.

Sie wunderte sich darüber, daß die trübe Stimmung von vorhin so schnell in diese ausgelassene Munterkeit umgeschlagen war. Anfangs widmete er sich ausschließlich seiner Dame. Die traurige, kleine Frau Littchen, die neben ihrem berühmten Gatten das Lachen verlernt zu haben schien, lächelte anfangs nur matt zu den lustigen Erzählungen, doch der Doctor trieb es so toll, daß sie endlich die Serviette an die Lippen drückte, um nicht laut zu lachen. Als dieses ihm gelungen war, wandte er sich der übrigen Gesellschaft zu.

Frau Zweigeld bemerkte auch, daß er viel trank. Ein Schani mußte beständig sein Glas füllen.

Neben ihr hielt Dr. Littchen einen Vortrag über die Schulnovelle und machte erbitterte Ausfälle auf die Kirche und den Klerus. Sie hörte nicht recht zu; und als der Augenblick gekommen war, daß sie etwas sagen mußte, legte sie ihre Hand leicht auf den Arm des Doctors und meinte: »Ich denke – lieber Doctor – wenn wir nur feste zusammen halten....«

Weiter wurde über Tisch hinüber eine lebhafte und ernste Unterhaltung von Dr. Benze und Professor Lagus geführt, der die näher Sitzenden gespannt folgten. Es handelte sich um den Selbstmord eines angesehenen Notars.

»Mich wundert es doch,« meinte der Professor, »daß ein Mann in seiner Stellung sich nicht retten konnte. Man könnte glauben, dem hätte es leicht werden müssen, sich das fehlende Geld zu beschaffen... und doch....«

»Ja, das ist noch ein günstiges Zeichen für Wien,« ergriff Dr. Benze sehr hitzig das Wort: »Solch' einem Mann borgen – ihn retten – wie man sagt – hieße, den Betrug und die Ausbeutung des Publikums in Permanenz erklären. Ich bedauere es, daß der Mann sich den Gerichten entzogen hat.«

»Weil Du ihn gern vertheidigt hättest,« schaltete Dr. Zweigeld ein. Diese Bemerkung klang eher höhnisch, als lustig.

»Da irrst Du, verehrter Schwiegerpapa.« Dr. Benze wurde sehr nachdrücklich. »Die Vertheidigung dieses Mannes hätte ich unter keiner Bedingung übernommen. Gestern habe ich die Vertheidigung eines jungen Kassenbeamten übernommen, der sich an den ihm anvertrauten Geldern vergriffen hat und dessen geständig ist; das ist etwas anderes.«

»Da sind Sie uns denn doch eine nähere Erklärung schuldig, junger Freund,« versetzte der Professor streng. »Ich bin weit entfernt, den unglücklichen Notar rechtfertigen zu wollen; bewahre! Aber er war Mensch, leichtsinnig, geistreich, brauchte viel, ging viel in Gesellschaft, das Geschäft war groß, er überblickte es nicht ganz und ehe er sich deß versah, war das Unglück da. Wollen wir ihn bedauern, aber keinen Stein auf ihn werfen.«

»Sie entschuldigen,« nahm Benze wieder das Wort, »für diesen Herrn habe ich weder Entschuldigung noch Mitleid – nur Verachtung.«

»Aber der Kassenbeamte mit den langen Fingern, der ist Dein Mann,« warf Dr. Zweigeld ein, und biß ungeduldig seinem Krammetsvogel den Kopf ab.

»Wie Du willst,« entgegnete Benze sehr erregt.

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