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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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II.

Die Brückmanns gehörten zu den ältesten Familien des ostpreußischen Landadels. Meist gute Landwirthe, gute Jäger, gute Reiter, schöne breitschultrige Gestalten mit starkem blonden Bartwuchs, pflegten sie nicht viel zu lernen. Sie heiratheten früh, traten ein Landgut an, oder gingen in's Militär. Daß die Ehe eines Brückmann kinderlos geblieben, dessen konnte sich Niemand entsinnen; der gewöhnliche Satz war vielmehr sieben oder acht Kinder, so daß es zu großen Kapitalansammlungen nicht kam. Sie konnten es mit Fleiß und Arbeit, mit Nachdenken über Düngung und Viehwirthschaft höchstens dazu bringen, ihrem Stande gemäß zu leben, ein gutes Haus, gute Pferde zu haben, einen kleinen Rothwein zu trinken, einige seidene Kleider für ihre Frauen anzuschaffen, und – wenn die Zeit gekommen war, den einen oder anderen Winter hindurch in Königsberg den Töchtern Gelegenheit zu geben, sich zu verheirathen. Den Fräulein Brückmann gelang jedoch nur äußerst selten, es zu einer Verlobung zu bringen.

Eine Mißheirath war seit Menschengedenken nicht vorgekommen; daher gehörte die Heirath des zweiten Sohnes der Berlow'schen Brückmann's zu den traurigsten Ereignissen der Familiengeschichte. Lothar von Brückmann verband sich mit einer Localsängerin, einer herabgekommenen Polin, die ihn in Berlin umgarnt hatte. Die Familie ließ Lothar fallen, zwang ihn, die Gegend zu verlassen, und wollte nie mehr etwas von ihm wissen. Er zog mit seiner Frau nach Dresden, wo ihm ein Sohn geboren ward. Diese Ehe bewährte sich jedoch nicht, denn die schöne Frau v. Brückmann mit den übergroßen braunen Augen und dem Haar, das fast grau schien, verließ ihren Gatten und Sohn und verschwand mit einem amerikanischen Lebensversicherungsagenten.

Unterdeß hatte sich im Berlow'schen Zweige der Brückmann's ein zweites ungewöhnliches Ereigniß zugetragen. Fräulein Lydia, Lothar's ältere Schwester, hatte sich auf einem Balle in Königsberg mit einem Baron Taufen aus den baltischen Provinzen verlobt. Es war, als wollte der liebe Gott den hartgeprüften Berlow'schen Zweig durch diesen Glücksfall entschädigen.

Nach kurzer, kinderloser Ehe starb der Baron. Die Baronin war Erbin seines Vermögens und lebte auf ihrem Landgut, dieses mit Umsicht und Energie verwaltend. Als sie von der traurigen Lage ihres Bruders hörte, verlangte sie, das Kind zu sich zu nehmen. So geschah es, der kleine Lothar wurde zu seiner Tante gebracht und dort erzogen. Sein armer Vater jedoch starb schon, als der Knabe kaum zehn Jahre alt war.

In einem kleinen, mitten im dichten Nadelwalde gelegenen Landhause verbrachte Lothar seine Jugend; hierher flüchteten im späteren Leben seine Gedanken, wenn er sich verlassen und heimathlos fühlte; dann spürte er wieder den feuchten, strengen Duft des Waldes, wieder das unruhige Gefühl, halb Unternehmungslust – halb Furcht, wie es ihn damals überkam, wenn die bleiche nordische Sommernacht den Wald mit ihrem Helldunkel erfüllte und es in den Büschen und dem schwarzen Gezweige wisperte, wie von tausend geplanten Streichen.

Im Hause ging es still zu. Die Baronin verkehrte fast gar nicht mit ihren Nachbarn. Sie widmete sich ganz der Landwirthschaft und fuhr täglich mit ihrem alten, ruppigen Schimmel umher. Am Nachmittage, in der dämmerigen großen Stube empfing sie ihre Leute, fragte sie nach ihren Angelegenheiten, ertheilte Rathschläge, verordnete Heilmittel; dazwischen schlummerte sie auch ein wenig. Im Winter, um sieben Uhr Abends, ward die Lampe gebracht. Lothar mußte dann ein französisches Buch vorlesen. Draußen vor den Fenstern rauschten die Tannen. Im Flur gingen der Hausknecht und die Mägde ab und zu und stampften sich auf den Fliesen den Schnee von den Schuhen.

Im Sommer pflegte der Knabe nur wenig zu Hause zu sein. Er saß mit dem Gänsebuben am Feldrain; stand bei dem Kutscher und sah zu, wie der Wagen gewaschen wurde; er that – er konnte es später nicht mehr sagen – was, es schien ihm jedoch, als habe jenes Leben bestanden aus unendlich seligem Hineinstarren in einen sommerblauen Himmel, aus dem Trinken des Duftes der sonnenwarmen Fichtennadeln, aus Aufstochern von Ameisenhaufen, aus gedankenlosem Hinausblicken auf die Felder, über denen der Abend herabdämmerte, aus Hinaushorchen in die Ferne, wo lettische Mädchen ihre Lieder singen.

Für Lothar wurde ein Hauslehrer genommen. Mit dem Lernen jedoch wollte es nicht glücken. Der Lehrer erklärte den Knaben für unbegabt und flüchtig; die Baronin fand die Ausgabe für den mageren Erfolg zu groß; so ward Lothar in die Stadt fortgegeben. Seine Studien beendete er dort nur mit großer Noth; geordnetes Lernen war seine Sache nicht. Dabei ward er beständig vom heißen Durst nach Vergnügungen geplagt und zerstreut. Als er die Universität bezog, überließ er sich ein wenig zügellos diesem Hange; trat in die glänzendsten Corps ein, trank und liebte, war ein beliebter Kamerad und ein bewunderter Corpsbursche. Von Bonn zog er nach Göttingen, von Göttingen nach Leipzig und verstand es überall in seinen Kreisen eine angesehene Rolle zu spielen. Dabei schien er zu vergessen, daß die Zeit verrann, daß er älter wurde und diese Erfolge kaum im Stande sein konnten, sein Leben dauernd auszufüllen. Doch begann er allmälig eine gewisse Leere und Müdigkeit zu verspüren. Wenn es Zeiten gab, in denen es um ihn nie laut und üppig genug hergehen konnte, so kamen hinwiederum Tage und Wochen, in denen er sich ganz zurückzog. Dann nahm er eine bittere und höhnische Art an, über das Leben im Allgemeinen zu urtheilen. Die überfeinen und vornehmen Vergnügungen, die er sonst aufsuchte, widerten ihn an. Er lachte über seinen Stand, seine Kameraden, selbst seine blonde Freundin von der Oper, meinte: die Gesellschaft, wie sie jetzt eingerichtet sei, biete doch nur sehr pauvre Genüsse und sprach so wunderliche und ketzerische Ansichten aus, daß seine Freunde ernstliche Besorgnisse um ihn hegten. Bei dieser Gemüthsverfassung bedurfte es nur eines geringfügigen Anlasses, um ihm eine neue Lebensrichtung zu geben, da die bisherige so gründlich ausgelebt schien.

Eines Abends saß Lothar in Leipzig mit dem Grafen Bylin bei Haufe. Sie hatten sich in Bonn gekannt und feierten nun ihr Wiedersehn. Der Graf galt für einen vorzüglichen Gesellschafter; warum, wußte keiner so recht. Wer aber am Wirthshaustisch diesem hübschen Mann mit dem langen blonden Schnurrbart, den Augen, die stets halb von den Lidern verdeckt wurden, den in London gefertigten Kleidern gegenüber saß und den strengen Duft eines Attkinsonschen Parfüms, den der Graf um sich verbreitete, einsog, der fühlte sich gehoben. –

Die Herren waren schon bei der zweiten Flasche Sect. Lothar wurde lebhaft, erzählte viel und laut, während der Graf ihm in seiner ruhigen, theilnahmslosen Art zuhörte. Unterdeß war ein neuer Gast in das Zimmer getreten; ein großer, breitschultriger Mann im abgetragenen grauen Rock. Eine blanke Glatze gab ihm ein ältliches Aussehen, obgleich sein Gesicht jung und roth war, mit starken, fast groben Zügen. Er trat an den Tisch, an dem die Herren saßen, setzte sich und bestellte sich zu essen und zu trinken. Bylin streifte den Ankömmling mit einem müden, kalten Blick, Lothar sah ihn feindlich an, wandte sich ab und die Herren setzten ihre Unterhaltung fort, als gäbe es keinen Dritten in ihrer Gesellschaft.

»Sie finden,« erzählte Lothar, »die Studentengesellschaft um einige Ideale reicher. Wir haben hier nun nicht nur religiöse, sondern auch socialistische Verbindungen.«

»Ah,« meinte der Graf zerstreut und beobachtete von der Seite den Herrn am Ende des Tisches. Dieser verzehrte mit vielem Behagen ein Haselhuhn und legte die reinlich abgenagten Knöchelchen neben seinen Teller auf das Tischtuch. Den Grafen interessirte das, und er lächelte kaum merklich.

»Verbummelte, unmögliche Leute, diese Gesellschaftsapostel,« berichtete Lothar weiter, »Keuschheit und Sittlichkeit ist, glaube ich, Commentpunkt, dabei aber....«

»Das ist ein Irrthum,« unterbrach der Fremde Lothar mit ruhiger, knarrender Stimme, »derlei Commentpunkte hat keine socialistische Verbindung.«

Lothar erröthete, machte jedoch, als habe der Andere nicht gesprochen und fuhr erregt fort: »So höre ich aus gutunterrichteter Quelle.«

»Daran ist nichts Wahres,« schaltete der Fremde wieder ein.

Lothar wollte auffahren, da er jedoch sah, daß Bylin lächelte, zwang er sich auch zu einem Lächeln, wurde aber immer bitterer in seinem Bericht. »Ja! verzweifelte Leute! Da ist gestern ein Wanderapostel angekommen, der eine große Versammlung einberufen hat; irgend ein russischer Nihilist.«

»Er ist ein Deutscher –,« warf der Fremde ein.

»Es ist bedauerlich, daß Ideen, die in gewisser Beziehung nützlich sein könnten, so durch ihre Vertreter discreditirt werden. Ein Kerl, der in seinem Vaterlande mit der Polizei oder dem Strafgericht Unannehmlichkeiten gehabt, gestohlen oder Wechsel gefälscht hat, fühlt plötzlich den Beruf, unserer Jugend.....«

»Das ist Verleumdung,« versetzte der Fremde, »einfache Verleumdung. Der Mann, von dem Sie sprechen, hat reinere Hände, als die Meisten, die über ihn zu urtheilen wagen.«

»Wer fragt Sie?« fuhr Lothar auf; die Heftigkeit machte ihn fassungslos. »Wer gestattet Ihnen mitzusprechen?«

Ein wenig bleich wurde der Fremde, doch erwiderte er ruhig: »Es ist meine Pflicht zu widersprechen, wenn ich höre, daß ein Ehrenmann – –, der noch dazu mein Freund ist, – gröblich verleumdet wird.«

Lothar hatte sich erhoben und war auf den Fremden zugetreten.

»Ja!« fuhr der Fremde gelassen fort, »glauben Sie es mir, dem Manne, den Sie hier zu beschimpfen sich erlauben, sind Sie die Schuhriemen zu lösen nicht werth.«

»Herr! welche Sprache!« brachte Lothar heiser heraus und hob die Hand gegen den Fremden; doch sein Arm ward erfaßt, niedergedrückt auf die Tischplatte mit so unwiderstehlicher Gewalt, daß Lothar ein wenig gebückt und schief wie an den Tisch genagelt dastand und sich nicht zu rühren vermochte. Er machte keinerlei Anstrengungen, sich zu befreien. Scham und Zorn betäubten ihn. Dann mischte sich der Graf hinein. »Aber meine Herren«... Lothar war wieder frei; er verstand nicht, was Bylin sagte, ein Gefühl, als müßte er weinen, schnürte ihm die Kehle zusammen.

» Dr. Faltl ist mein Name,« sagte der Fremde.

»Sehr wohl!« meinte der Graf, »Ich werde mir erlauben, Sie morgen in Sachen des Herrn von Brückmann aufzusuchen.« Der Doctor wollte noch etwas sagen, Bylin unterbrach ihn jedoch. »Ich bitte, hier ist kein geeigneter Ort für Unterhandlungen. Auf morgen, Herr Doctor, wenn ich bitten darf.«

Der Fremde zuckte die Achseln und ging.

Die Herren setzten sich wieder an ihren Tisch. Der Graf lächelte. »Eine dumme Affaire. Wie konnten Sie sich auch gleich so echauffiren?« – »Das Gesicht diese Mannes machte mich rasend,« erwiderte Lothar. – »Ja – hm! Wer weiß, wie er hier hineingerathen war. Wie hübsch er die Haselhühner aß!« Bylin lachte. Die wegwerfende Art, mit der er den Vorfall besprach, beruhigte Lothar ein wenig. Gewiß, es war nur eine dumme Geschichte. Als sie jedoch aufbrachen, wurde es Lothar schwer, sich von seinem Gefährten zu trennen; er fürchtete, allein, ohne Bylin, würde die Sache ihm anders, unangenehmer erscheinen. Und so war es; den ganzen Abend lastete eine schwere Mißstimmung auf Lothar, erfüllt ihn mit Scham und Widerwillen. Wie thöricht, sich so zu benehmen. Warum hatte er sich über Leute, die er nicht kannte, geäußert? Und nicht einmal seine eigentliche Meinung war es gewesen, die er da ausgesprochen; nur so ein feiges Gerede, um dem Grafen zu gefallen. War dieser Fremde nicht im Recht gewesen, dem zu widersprechen? Und dann dieser gemeine Auftritt; – pfui!

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