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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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XI.

Lothar stand unter dem Hausthor, pfiff leise vor sich hin und erwartete Tini, die versprochen hatte, mit ihm in den Prater zu gehen. Noch andere standen dort in dem dämmerigen Raume und sie waren alle ungeduldig, schlugen sich mit dem Spazierrohr auf die Stiefel, pfiffen gelangweilt vor sich hin und wenn's die Stiege herab kam, wurden sie alle aufmerksam.

Tini kam, ernst und befangen. Sie hüllte sich fest in ein dunkles Umschlagetuch und ging schweigend neben Lothar hin.

Das war es, was er wollte! – Um diese Stunde mit seinem Mädchen durch die Straßen gehen, auf einer heimlichen Bank sitzen, zu dem abendlichen, wispernden Wien gehören.

»Geben Sie mir den Arm,« sagte er, während sie die Anlagen am Wien-Fluß entlang schritten. Heute wollen wir lustig sein. Alles, was' unten im Prater zu thun giebt, wollen wir thun.« Er beugte sich zu ihr nieder. In der Finsterniß, hier zwischen den Sträuchern, konnte er nur an der Reihe ihrer weißen Zähne sehen, daß sie lachte. Ihr Arm lag schwer in dem seinen, und sie machte große Schritte, als hätte sie Eile. Lothar sprach dieses und jenes, ohne Antwort zu erlangen, erst in der Praterstraße wurde Tini munterer, in der Prater-Allee begann sie zu plaudern mit ihrer tiefen, verschleierten Stimme: »Wenn die Mutter nicht wär',« meinte sie, »käm' ich jeden Abend hierher.«

»Nun – und jetzt.«

»Jetzt – nur zuweilen. Was kann die Mutter mir thun?«

»Mit wem denn?« –

»Allein.«

»Nicht mit dem Arbeiter, wie heißt er –, Chawar – nicht?«

»Der!« – Tini zuckte die Achseln. »Ja, zuweilen geh' ich auch mit dem Lois.«

Jetzt lag die Reihe der hellerleuchteten Schaubuden vor ihnen, viele kleine flimmernde Häuschen mitten in dem Dunkel des umgebenden Landes. In dem Glanz der Gasflammen, der Glas- und Spiegelscheiben bewegten sich wunderliche Gestalten – Wachsfiguren mit zartrosa Wangen, ein Aeffchen neben einem Kakadu, ein Mann mit mehlweißem Gesicht, zu rothen Lippen und einer Zipfelmütze. Unablässig und schimmernd drehten sich die Ringelspiele – – All' das wie fremdes, abenteuerliches Spielzeug in die Sommernacht geworfen, die ringsrum schwarz und still da lag. –

»Jenes dort, mit den Spiegeln, ist das beste,« versetzte Tini, und wies auf eines der Ringelspiele.

Da es ein Wochentag war, waren all' diese Vergnügungsanstalten fast leer. Nur einige stellenlose Dienstmägde, einige Straßendirnen, Soldaten und Ladendiener trieben sich dort umher.

Die Leute im Ringelspiel waren schläfrig, als drückte sie die Trivialität ihrer flitterbehangenen Bude und der stets sich wiederholenden Walzertakte.

Ein Mann schnarrte Lothar und Tini zerstreut an: »Versuchen Sie's mal, meine Herrschaften, eine Rundfahrt,« und war erstaunt, als seine Einladung Erfolg hatte.

Tini wählte mit ernster Miene ein weißes Pferd und setzte sich auf ihm zurecht. Sie war die Einzige. Lothar stand daneben und schaute zu. Die Musik setzte mit ihrem schnarrenden Walzer ein, und die Pferde, Spiegelscheiben, Stahlperlquasten begannen sich zu drehen.

Ein Gefühl der Langenweile und des Ueberdrusses stieg in Lothar auf. All' dieser Flitterstaat sah in der Verlassenheit eines Werktages zu sinnlos und schaal aus. Er wäre so gern mit seinem Mädchen lustig gewesen. Doch fühlte er wohl, er verstand das nicht mehr. Die Fähigkeit, einfach das Leben zu genießen, schien verloren und das dünkte ihn jetzt ein sehr ernster und wichtiger Verlust. Wie mißmuthig auch Tini auf ihrem Pferde saß! Was konnte er ihr bieten? Sie vermißte wohl Chawar und die anderen – die sie und das Leben besser verstanden.

Da huschte Tini wieder an ihm vorüber. Der Strohhut war ihr in den Nacken gefallen. Eine schwarze Haarsträhne flatterte über der niedrigen Stirn; die Wimpern zuckten. Sie lächelte Lothar an. Nein! mißmuthig sah sie nicht mehr aus.

Jetzt sauste sie wieder heran. Die Zügel hatte sie fahren lassen und die Arme über der Brust gekreuzt. Das Gesicht war leicht geröthet. Die Lippen öffneten sich halb und die Augen sahen blank und wild vor sich hin. Es war, als horchte das Mädchen in sich hinein auf eine starke, süße Leidenschaft, die es innerlich erschütterte. Sie sah Lothar nicht an und das ärgerte ihn. Das war es ja. Dieses Starke, Heiße und Wilde, das in diesen schwarzen Augen zuweilen aufblitzte, begehrte er für sich; zu ihm sollte es gehören.

Als das Spiel anhielt, machte Tini ein ungeduldiges Zeichen: »Nur weiter!« Und es begann wieder.

Lothar war schwindlig von dem Anschauen dieses sich drehenden Glanzes, von dem gespannten Warten auf das Vorüberblitzen der schwarzen Augen.

»So! Jetzt gehen wir weiter!« beschloß Tini endlich und sprang von ihrem Pferde herab. »Hier neben an ist eins mit Eisenbahnwagen, auf dem bin ich noch nicht gefahren.« Das Haar hing ihr wirr um das Gesicht und sie lachte wie ein Kind.

Nun versuchten sie das Ringelspiel mit den Eisenbahnwagen, dann eine russische Schaukel, endlich eine Schaukel, die ein großes, hin- und herschwankendes Schiff vorstellte. Tini konnte nicht genug von all dieser Bewegung haben.

»Was nun?« fragte Lothar.

Tini strich sich das Haar aus dem heißen Gesicht und begann laut und anhaltend zu lachen! »Von mir aus könnt's die ganze Nacht so gehen. Schlafen könnt' ich im Ringelspiel und in der Hutschen, – ganz allein, die ganze Nacht. Aber schwindlig bin ich und einen Durst hab' ich!« Sie hob beide Arme in die Höhe und streckte sich.

In der »weißen Rose« wurde getanzt. Eine Militärkapelle spielte im Saal, der nach dem Garten hin offen war. Tini und Lothar setzten sich vorn unter einen Ahornbaum und bestellten Bier.

»War's hier, wo Sie schon früher getanzt haben,« fragte Lothar.

»Freilich! Hier bin ich auch schon gewesen,« erwiderte Tini. Ihr Gesicht hatte wieder den besorgten, aufmerksamen Ausdruck angenommen. »Aber – ich kann nicht gut tanzen,« fügte sie hinzu. Dann erröthete sie plötzlich, – ein gewaltsames Erröthen, welches ihr das Gesicht bis zur Stirn und Ohren mit dunklem Roth überdeckte. »Sie mögen wohl nicht mit mir tanzen?« fragte sie.

»O, doch!« meinte Lothar zögernd, »wir trinken aber zuerst aus.«

Gehorsam ergriff Tini ihr Glas und leerte es auf einen Zug. »So, jetzt gehen wir.«

Allerdings tanzte Tini nicht gut. Sie lag mit dem ganzen Gewicht ihres mächtigen Körpers ihrem Tänzer im Arm, und beim Drehen einmal in Schwung gebracht, riß sie alles mit sich fort. Den Kopf ein wenig zurückgebogen, richtete sie ihre Augen voll auf ihren Tänzer. – –

Lothar fühlte diesen Blick auf sich ruhen, wie etwas Heißes.

»So, jetzt erholen wir uns ein wenig,« sagte er athemlos. Diese Art des Tanzes strengte ihn an.

Tini trocknete sich mit ihrem Taschentuche die Stirn und machte ein böses, gelangweiltes Gesicht. Es verdroß sie, daß es schon zu Ende sein sollte.

Da erschien Chawar, nahm die Mütze ab und bat Lothar um die Erlaubniß, mit dem Mädl da einmal herumtanzen zu dürfen.

Tini verzog keine Miene, als kennte sie den Mann gar nicht; nur als er seinen Arm um ihren Leib schlang, schob sie die Unterlippe, wie schmollend, vor.

Chawar tanzte mit krummen Knieen, schlug stark mit den Absätzen seiner zerrissenen Stiefel auf, aber er hatte seine Tänzerin in seiner Gewalt. Mit Leichtigkeit warf er das große Mädchen hin und her, und Tini überließ sich dieser Kraft, die sie rücksichtslos drehte und zerrte, mit sichtlichem Behagen. Ihr Gesicht nahm einen ernsten, fast schmerzlichen Ausdruck an; es war wieder jenes stillerregte in sich hineinhorchen von vorhin.

Lothar ward ärgerlich. Sie hörten auch nicht mehr auf. Er trat hinaus auf den Altan. Der Vorgarten lag im gelben Gaslicht ziemlich leer vor ihm; die Luft war schwer vom Duft der Lindenblüthen, in den sich der Qualm des Tanzsaales mischte. »Pfui!« murmelte Lothar und schüttelte sich. Am liebsten wäre er gegangen. Da drinnen tanzten sie noch; wenn er sich umschaute, sah er Chawar's rothen Kopf und Tini's schwarze Zöpfe. – Gleichviel was es war, und er mochte darüber nicht nachdenken, aber dieses Mädchen mußte zu ihm gehören, das fühlte er, – trotz Allem.

Die Musik schwieg. Lärmend drängten die Menschen in's Freie.

Lothar spähte nach Tini aus, als er sie hier nicht sah, suchte er sie im Saal; doch dieser war leer. Nun ward er ungeduldig, ging um das ganze Haus herum, stieg wieder auf den Altan – – schaute sich wieder im Saal um. Da trat ein Mann, ein Handwerker, auf ihn zu und sagte: »Bitte, – suchen Sie das Mädl? Die ist mit dem rothen Chawar hier hinten hinaus, gleich nach dem Tanz.«

– – »Ja – ja; ich danke,« erwiderte Lothar. – Mit dem rothen Chawar? Natürlich! Daß ihm das nicht gleich eingefallen war! Nun konnte er gehen.

In der stillen, dunkeln Allee freute er sich, wieder in reiner Luft zu sein. Er blieb stehen, nahm den Hut ab; athmete tief auf. Gott! was war denn an all' dem? Nichts! Ein sehr gewöhnliches, albernes Ereigniß. –

In seiner Wohnung fand er die Zimmer voll kühler Nachtluft. Die vertraute Ordnung um ihn that ihm wohl. Er lehnte sich zum Fenster hinaus. Der Hof war einsam und dunkel, bewacht von der langen, schwarzen Gestalt der Mutter Gottes auf dem Brunnenrohr.

Wie sagte doch Rotter? »Das bringt Frieden.« Ob die dort unten im Prater Frieden bringen kann? Wieder sah er die dunkle Gestalt des Mädchens vor sich. Zorniges Verlangen schüttelte ihn. Und mit diesem Böhmen, in dieser schmutzigen Kneipe! Es war zu unrein – und doch.... er hatte gut sich in die Brust werfen, jene dort unten waren die Starken, die Unbekümmerten... für sie, die es zu nehmen verstanden, war das Leben da – – und er – der nicht einmal lustig zu sein verstand – mußte abseits stehen....

Seufzend steckte er seine Lampe an; er kam sich heute wie der Enterbte vor. Auf seinem Tisch lag ein Brief seiner alten Tante, die ihm regelmäßig vier Mal im Jahre schrieb, wenn sie ihm seine Pension schickte:

»Lieber Sohn!« Hieß es in dem Briefe. »Ich habe durch Jürgensohn Dir das Quartal Deiner Pension übersenden lassen. Ich hoffe, es wird pünktlich ankommen. Ich bin, Gott sein Dank, gesund. Auch meine Füße schmerzen diesen Sommer nur selten, so daß ich zuweilen selbst nach den Arbeiten sehen kann. Die Heuernte ist schwach ausgefallen, der Mai Monat war zu trocken, und wenn der Klee uns nicht heraushilft, dürfte es einen schweren Winter für das Vieh geben. Wir stecken mitten in der Roggenernte. Der Roggen ist nur mittelmäßig; auch der Wurm hat viel Schaden angerichtet. Das Sommergetreide, besonders die Felder zum Bach hin, verspricht mehr. Es wird Dich vielleicht interessiren, daß die alte Kathrin nun auch dahingegangen ist; sie hat Dich ja auch in Deiner Jugend gepflegt. Ich vermisse sie sehr. Mit den jungen Mädchen hat man nur Aerger. Sie laufen den Burschen nach und wollen keine Arbeit thun. Lebe wohl, lieber Sohn. Gott behüte Dich. Es betet täglich für Dich Deine alte Tante
      L. v. Taufen.

Diese einfachen Zeilen beruhigten Lothar, thaten ihm wohl... Ja dort... dort hatte er auch leben können, ohne Theorien – hatte er die Erde verstanden ohne Gedanken. – Und als er sich zur Ruhe legte, träumte er noch lange jenen fernen Zeiten nach. Er lag auf der kleinen Wiese am Bach. Um ihn glühte alles in der Mittagssonne. Die zerfahrenen Föhrenwipfel am Waldsaume glänzten wie Metall, und über sie hin im tiefen Blau revierte der Falk und stieß immer wieder seinen scharfen, klagenden Jagdruf aus.

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