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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Diese Antwort war Frau Zweigeld auch nicht recht. Sie zog die Augenbrauen in die Höhe und zupfte nervös an den Spitzen ihres Kleides. Sie faßte die Sache nicht richtig an, das sah sie ein; auch that ihr das arme, erregte Kind leid. »Sieh – meine Tochter,« sagte sie dann sanft: »Die Geschichte ist uns beiden ein wenig schnell gekommen; da verliert man leicht den Kopf; ja – ja – ich auch. Nun ich bin alt; bei mir ordnen sich die Gedanken schneller; und das ist gut, denn eine Mutter muß für zwei denken. Ich weiß sehr gut, wie es jetzt in Deinem Köpfchen aussieht; da geht jetzt Alles darunter und darüber und es weiß selbst nicht, was es will. Da ist es denn gut, wenn die alte Mutter da ist, die seit siebenzehn Jahren in diesem Herzen und diesem Köpfchen täglich so andächtig liest, wie in ihrem Gebetbuch. So will ich Dir denn sagen, daß es mit dem ersten Ja doch seine Richtigkeit hat und, so Gott will, wird es zu unser aller Besten sein. Nicht wahr? Oder sollen wir noch eine Bedenkzeit fordern?« Gisela schüttelte kaum merklich den Kopf. »Also so ist es denn beschlossen!« Frau Zweigeld küßte ihre Tochter und seufzte. »Ich werde den Vater rufen.«

Der Vater umarmte seine Tochter: »Gott segne Dich.« Dann nannte er sie Frau Dr. Benze. »Die Idee,« meinte er, »ist mir nie gekommen, daß dieser tugendhafte, solide Prager mir hier im Hause was anbandeln würde. Das heutige Drama also wird so in Scene gesetzt. Ich schreibe an den Betreffenden, – er kommt –, ich führe ihn in den Salon, – Du erwartest ihn – wir lassen Euch allein.«

»Warum? wo werdet Ihr sein?« fragte Gisela.

»Das weiß ich nicht. Hat man je so etwas gehört! Verloben – heirathen wollen diese Damen, aber Papa und Mama dürfen nicht fortgehen. Nein, Ihr bleibt allein, plaudert von Euren Angelegenheiten. Dann öffne ich die Thüren – gebe meinen Segen...«

»Wieder, Papa? Den muß Du doch schon gegeben haben.«

»Ah so! Nun, davon kann man nie genug haben. Ein Wagen steht vor der Thüre, wir fahren in den Prater, damit die Leute sehen, wen Du eingefangen hast. Fünfter Akt, Souper mit Sekt. So! jetzt putz' Dich aus, mein armes Opfer, der junge Herr wird wohl nicht all' zu lange auf sich warten lassen.« Damit ging er.

Gisela, allein gelassen, stand mitten im Zimmer und dachte nach. Sollte sie ein anderes Kleid anziehen? Warum kam die Mutter nicht, die ja sonst über jedes Band bestimmte, welches Gisela anlegte? Was hatte sie denn gethan, daß Alle sich zurückzogen? Das Weinen war ihr nah'; sie überwandt sich jedoch und setzte sich, mit einem zornigen Gesichtchen, vor den Spiegel. Gott! sie hatte sich das Alles anders gedacht.

Da wackelte Marie, die alte Köchin, in das Zimmer. – »Jesus – Maria! Das will auch heirathen!« rief sie. »Meine besten, schönsten Wünsche auch. Gott segne Dich, Kind!« Sie umarmte Gisela und küßte ihr die Hände. »Aber Du hast Dich ja noch nicht herausgeputzt. Ein anderes Kleid – das rosa – oder – wenigstens Deine Perlen – warte, ich lege sie Dir an.« Gisela ließ die Alte gewähren. Die runzeligen Hände, die sich liebevoll an ihr zu schaffen machten, thaten ihr wohl. »So – jetzt geh' hinaus Herzel, – ich muß noch in die Stadt.«

Wesentlich erheitert trat Gisela in den Salon. Ihre Mutter saß an ihrem Nähtisch und nähte; sie machte ihr ernstes, trauriges Gesicht und hatte rothe geränderte Augen. Gisela blieb in der Thüre stehen. Wieder ergriff sie das bange Gefühl, von den Ihrigen verlassen – in irgend etwas schuldig zu sein. Frau Zweigeld hob den Kopf – ließ ihren Blick auf ihrer Tochter – wie es dieser schien, unzufrieden ruhen und bemerkte trocken: »Ah so – Du hast Deine Perlen umgethan. Nun, das wäre kaum nöthig gewesen.«

Gisela wurde purpurroth. »Der Vater meinte.... Marie...« stotterte sie.

»So – so,« ließ Frau Zweigeld verlauten und beugte sich über ihre Arbeit.

O! Gisela schämte sich dieser Perlen! Sie hätte sie sich vom Halse reißen mögen. Sie verstand es wohl, ihre Mutter fand es nicht mädchenhaft, daß sie sich für Dr. Benze schmückte. Traurig setzte sie sich auf das Sopha, faltete die Hände in den Schooß und schaute vor sich nieder. Sie war sehr unglücklich! Der Vater hatte wohl Recht, von dem armen Opfer zu sprechen.

Als sie wieder aufschaute, hatte die Mutter ihre Arbeit fortgelegt und hielt die schönen, braunen Augen – blank von Thränen, auf Gisela gerichtet. Da schwoll auch dieser das Herz; sie flog zu ihrer Mutter hin und warf sich ihr in die Arme.

»Mein liebes Kind, Gott segne Dich,« rief Frau Zweigeld und drückte ihr Kind leidenschaftlich an sich.

Draußen ward an der Klingel gezogen.

»Das ist er,« rief Frau Zweigeld. »Sei nur ruhig, Kind. Es wird schon gehen. Ich will ihn empfangen.«

Wie oft hatte Gisela nicht mit Emmy Begus von dem Augenblick der Verlobung gesprochen! Nun war er da und Gisela fand, daß sie es in ihren Gesprächen stets übersehen hatte, daß in dem großen Moment auch die ganze, altgewohnte Umgebung da sein würde. Sie stellten sich ein Meer von Gefühlen und Aufregungen vor. Nun standen die bekannten Stühle da und machten sich breit – der Nähtisch, der Fingerhut der Mutter und sie hinderten Gisela daran, sich wesentlich anders – hübscher, poetischer zu benehmen, als es die Gisela, die sonst zwischen ihnen ab und zu ging, zu thun pflegte. Ja! wie sollte sie sich benehmen? Nebenan hörte sie das Scharren von Füßen. Der Vater sprach; Jemand antwortete. Das war er. Jetzt machte sich die tiefe, metallene Stimme der Mutter vernehmbar. Jemand drückte auf die Thürklinke. Gisela preßte die Hände in einander. Sie fror vor Aufregung.

Da erschienen sie. Dr. Benze trug einen langen Visitenrock und nahm eine ernste, feierliche Miene an. Gisela fiel es auf, daß der Vater ihn an der Hand führte, wie ein Kind.

»Du hast ihn Dir bestellt, hier bringe ich ihn Dir,« rief Dr. Zweigeld.

Gisela ging ihrem Bräutigam entgegen und reichte ihm die Hand – die dieser küßte. »Ach ja – natürlich!« dachte sie.

Dann begann der Vater wieder zu sprechen, jetzt würdevoll und andächtig: »Liebe Kinder! den Segen des Allerhöchsten flehe ich – oder vielmehr wir – auf Euch herab. Es wird Sie nicht befremden, lieber College, daß wir mit einigem Bangen hier dieses unser theuerstes Gut Ihnen übergeben und auch fernerhin mit aufmerksamen, ich möchte sagen, eifersüchtigen Blicken über das Schicksal dieses unseres theuersten Gutes wachen. Machen Sie unser Kind glücklich, wir vertrauen Ihnen. Seien Sie uns als Sohn willkommen.« Er umarmte Benze und Gisela; auch die Mutter küßte ihren künftigen Schwiegersohn auf den Scheitel; alle waren sehr gerührt. Hinter der halbangelehnten Eßzimmerthüre stand Marie und schluchzte.

»Gut! also wir lassen Euch allein,« schlug Dr. Zweigeld wieder seinen munteren Ton an, »sagt Euch in einer Stunde, was Ihr Euch zu sagen habt. Der Wagen ist bestellt. Kind! sieh nicht so bange aus, der Doctor beißt nicht. Komm', Mutter!«

Das Brautpaar stand nun allein mitten im Salon, den die Nachmittagssonne mit ihrem derben Golde erfüllte. Der Canarienvogel schlug, als sollte ihm die Brust springen. Von der Straße scholl das Rollen, Klingeln und Rufen des Sonntags lustig herauf.

»Gott! mein Gott! wie wunderbar das Alles ist,« dachte Gisela. »Und was soll nun werden?«

Benze begann zu sprechen: »Ach – Gisela – ich kann es nicht sagen; mein Glück, dieses große Glück, macht mich linkisch, aber Sie wissen es wohl.«

Gisela ging es heiß über den Körper und Thränen schnürten ihre Kehle zusammen; dieser aufgeregte, junge Mann rührte sie zu sehr. Wie schnell athmete er, der sonst so ruhig und sicher auftrat. Wie sollte sie ihm zeigen, daß sie ihn liebte? »Wollen Sie sich nicht setzen?« sagte sie leise. Sie hätte das vielleicht nicht sagen sollen, meinte sie; aber nun es heraus war, ging sie zu einem Sessel und setzte sich.

Benze blieb vor ihr stehen und sprach wieder, jetzt ruhiger und geläufig: »Nicht wahr? Ich brauche es Ihnen nicht erst zu sagen, was diese Zeit über in mir vorgegangen ist? müßte ich glauben, Sie wüßten es nicht, ich hätte nie gewagt, zu Ihnen zu kommen. Aber ich glaubte es verstanden zu haben, daß Sie mir meine Liebe gestatten, daß Sie darum wissen – und so« – er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand, »war es nicht so?« –

»Doch!« erwiderte Gisela. Sie erröthete zwar, sah ihren Bräutigam jedoch voll an. Die Befangenheit war fort; sie fühlte sich sehr wohl, so ihre Hand in der seinen; nun wußte sie es auch wieder, wie gut sie ihm war.

»Noch eins,« sagte er, »noch eins muß ich hören,« und seine Stimme nahm einen heimlichen, süßen Klang an. »Und Du – Du warst mir auch schon zuweilen gut.« Die klaren, ruhigen Mädchenaugen sahen ihm freundlich in das Gesicht.

Gisela nickte ein wenig und versetzte treuherzig: »Aber erst war ich betrübt. Ich dachte, ich bilde mir Alles vielleicht nur ein und kein Mensch denkt an mich.«

»Wie – Du armer Engel; um mich konntest Du leiden, auch nur einen Augenblick?« Er umschlang sie mit seinen Armen und küßte immer wieder ihre Lippen.

Gisela ließ es ruhig und ein wenig erstaunt geschehen. Als er sie wieder frei ließ, schauerte sie leise in sich zusammen und richtete sich auf. Diese Männerarme, die sie umschlangen, dieser schwarze Schnurrbart auf ihren Lippen waren so wunderlich und fremd, das mußte wohl so sein. Behaglicher jedoch war es, Hand in Hand da zu sitzen, sich in die Augen zu sehen, zuzuhören, wie schön und gefühlvoll er sprach.

»Ja,« meinte er und streckte die Brust vor – wie er that, wenn er feierlich und überzeugungsvoll sprechen wollte, »wenn ich bedenke, daß in mein Leben, das sich mit so viel Hartem, oft Häßlichem herumzuschlagen hatte, das jedenfalls meist ein lichtloses oder doch sehr materielles Tagewerk verrichtet, plötzlich etwas so Reines und Heiliges – wie Du – kommen soll, so scheint es mir, als müßte dieses Leben selbst rein und heilig werden.«

»Jesus!« rief Gisela erschrocken, daß er sie heilig nannte. Dieses Leben mit seinem Tagewerk, das sie nun theilen sollte, erschien ihr wie eine unendlich trauliche Geborgenheit.

»Und sieh,« fuhr Benze fort, »ich habe es oft schon gesagt, daß ich meinen Beruf liebe und Du wirst ihn auch lieben. Bei etwas so eng verbundenem, wie Mann und Frau, wie sollte da der Beruf des Mannes, der ein Theil seiner Seele ist, der Frau fern stehen? Nicht durch Laufen in die Gerichtssäle und Anhören von Verbrechergeschichten. Das Harte bleibt mir. Du wirst ihn weihen. Das Schöne und Hohe in ihm lieben und pflegen. Du wirst mich daran erinnern, daß tiefer Abscheu vor dem Ungeraden und Unreinen zugleich mit Mitleid, Gerechtigkeit mit Liebe Triebfedern dieses Berufes sind.«

»Liebe?« wiederholte Gisela nachdenklich, »kann man diese schrecklichen Verbrecher lieben?«

»Gewissermaßen,« erwiderte Benze – ein wenig lehrhaft. »Das Hassenswürdige... der Ekel vor der verbrecherischen That, der Vertheidiger fühlt es wie jeder Andere, er soll es lebhafter noch fühlen. Wenn er dem Verbrecher dennoch sein Wissen zur Verfügung stellt, so thut er es im Bewußtsein, daß die ahndende Gerechtigkeit nur dort strafen kann, wo Alles, was für den Schuldigen spricht, in's Licht gerückt ist. Sie überrumpelt nie. Sie sagt: thue für dich, was du kannst; bist du schuldig, so werde ich dennoch stärker sein....«

»Gütiger Himmel! sie sprechen von Jurisprudenz! Ha – ha!« der Vater stand in der Thüre und lachte. »Das ist mir ein kurioses Brautpaar. Aber jetzt ist's genug – – der Wagen ist da; wir wollen unseren juristischen Bräutigam der Stadt zeigen.«

Die Fahrt über war Herr Zweigeld sehr munter, während seine Frau schweigsam und ernst dreinschaute.

Das machte auch Gisela befangen; sie fühlte sich ihrer Mutter gegenüber wieder wie von einer Schuld bedrückt. Aber draußen auf dem Ring war es doch zu lustig, um die trübe Stimmung aufkommen zu lassen... Die Alleen voller Spaziergänger, die Terrassen der Cafés dicht besetzt, vom Stadtpark wehten Akaziendüfte herüber.

Der Fiaker fuhr so schnell, daß Gisela's Hutbänder und Locken wild zu flattern begannen. »Das ist hübsch!« meinte sie und lächelte ihren ernsten Bräutigam an.

Herr Zweigeld war in seinem Element; er grüßte nach allen Seiten hin, nannte die Namen der Vorübergehenden. »Ah! der junge Schauber mit seinen Jukkern. Sehr fein! Donnerwetter! Die Veilchen – Rosi! Ist die jetzt vornehm. – Seht dort den deutschen Botschafter. Jetzt – aufgepaßt – Se. Majestät.«

Jetzt rollte der Wagen über den Sand der großen Allee. Ein lautes beständiges Klingen, die Töne der Orchester, Drehorgeln, Spielbuden erfüllte die Luft. Wenn sie an Biergärten vorüberfuhren, wehte ihnen der eigenthümliche Praterduft – nach seinen sonnenwarmen Blättern und Bier – entgegen.

Herr Zweigeld war außer sich vor Vergnügen. Er sprach beständig und lachte, daß man die ganze Reihe seiner weißen Zähne sah. »Kutscher,« rief er, »wie fahren Sie? Bedenken Sie, ein Brautpaar sitzt im Wagen.«

»Theodor!« mahnte Frau Zweigeld streng.

Aber der Kutscher lachte, trieb seine Pferde an und jagte wie toll die Alleen hinauf und hinab.

Gisela jubelte. Sie verstand ihren Vater und fühlte wie er das Bedürfniß, etwas besonders Lustiges zu unternehmen. Und auch die Vorübergehenden verstanden ihn. Sie blieben stehen und schauten dem Wagen mit wohlwollendem Lächeln nach.

»Aber Theodor! Wie kann man so kindisch sein? Was werden die Leute denken!« tadelte Frau Zweigeld.

»So laß doch,« meinte ihr Gatte kindlich, »wenn es mir Vergnügen macht.«

Zwischen zwei Cafégärten befahl er dem Kutscher zu halten.

»Wir wollen das Concert anhören.«

Von ihrem Halteplatz aus konnten sie die Musik von beiden Gärten zugleich hören, ein wirres, betäubendes Durcheinander von Tönen. In dem einen spielte eine ungarische Kapelle einen Czardas, in dem anderen eine Militärkapelle einen Walzer. Das nervöse, rastlose Gesumme der ungarischen Geigen kämpfte rüstig mit dem Schmettern der Trompeten.

Gisela stand aufrecht im Wagen und lachte laut. Die Menschen blieben bei dem Wagen stehen und lachten mit; sie verstanden den Spaß wohl. Die Sonne schien röthlich durch die Bäume, glänzte in den Biergläsern, warf grelle Lichtflocken auf die bunten, sonntäglichen Kleider und erfüllte die Luft wie mit röthlichem Staub.

Ein Bündel Gasbälle, welches dem Verkäufer dort an der Ecke entschlüpft sein mochte, flog langsam über die Menge hin, ein lustiges grün und rothes Fahrzeug, das immer höher in den tiefblauen Himmel hineinsegelte. Und die Leute bogen die Köpfe zurück – schauten ihnen lachend nach, Kinder jubelten auf, und die Pauken, Trompeten und Geigen schmetterten schrill und betäubend drein.

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